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Sätze aus der höheren Welt- und Menschenkunde – Francois de la Rochefoucauld

Die berühmte und berüchtigte kleine Schrift des Herzogs de La Rochefoucauld: Pensées, Maximes et Reflexions morales – hat seit ihrer ersten Erscheinung in Frankreich mehr wiederholte Ausgaben erlebt, als bey uns das gesuchteste Kompendium der Moral, und wird noch jetzt, wie bey uns Buchstabierbücher für Kinder, in Paris alljährlich in mancherley Format für Männer aufgelegt. Aber sie ist auch in der That ein unentbehrliches Handbuch für jeden, der mit der so genannten großen Welt leben, oder sich, ohne die Gefahr, sie erfahrungsmäßig kennen zu lernen, von ihren Grundsätzen und ihrer Handlungsweise unterrichten will. Niemand hat besser gewußt, was der Mensch werth ist, als ihr Verfasser, niemand hat es wahrer, treffender, kürzer und gedankenreicher gesagt. Unter uns ist bloß das Original, und auch dieses nur in höhern Ständen und unter Menschenforschern, Philosophen und Moralisten bekannt. Wenn wir keine gute Uebersetzung davon haben, so kömmt es daher, daß es schwer ist, eine gute zu Stande zu bringen; und schwer ist dies, weil unsre Sprache eine Menge Wörter theils gar nicht, theils mit anderm Werthe und andrer Bestimmung besitzt, als deren wir bedürften, um einen Schriftsteller dieser Art Wort für Wort pünktlich treffend und erschöpfend zu übersetzen. Nehmen wir die französischen Wörter goût, habile, sentiment, délicatesse, lumière, raison, esprit, profession, bonté, mine, intérêt, humeur, passion, vertu, opinion, mal, crime, défaut, gloire, sévérité, finesse und andre, und geben wir dafür unsre scharf bestimmten: Geschmack, geschickt, Gefühl, Zartheit, Licht, Vernunft, Geist u.s.w. und sehen wir zu, ob wir bey der ganzen philosophischen Schärfe dieser Wörter nicht Unsinn gesagt haben werden, und desto größern, gerade weil die jedesmalige Bedeutung des französischen Ausdrucks so schwankend ist. Der Herausgeber macht auf diesen Punkt bloß zu Gunsten seiner Uebersetzung aufmerksam. Leser und Kunstrichter, die bey derselben Wort gegen Wort halten wollten, würden ihn bedauern, daß er so wenig Französisch verstehe, und, zum Beyspiel, habile durch ausgelernt, fein, weltklug; interêt durch Plan, Genuß, Eigennutz, und goût durch Neigung, Hang, Laune u.s.w. übersetzt habe. Was Triumph unserer Sprache, hauptsächlich ihres Reichthums und ihrer Bestimmtheit wäre, könnte man ihr sonst wohl als Armuth und dem Uebersetzer als Unwissenheit oder Nachlässigkeit anrechnen. Aber er übersetzte nicht sowohl seinen Autor, er dachte vielmehr bloß mit ihm, und sagte diese Gedanken deutsch so, wie sie vielleicht jener deutsch gesagt haben würde. So wäre die Probe, auf die man die Richtigkeit seiner Uebersetzung stellen müßte, die: daß man zusähe, ob man gerade das dabey dächte und fühlte, was man beym Original denkt und fühlt, ohne die französischen und deutschen Worte gegen einander aufzureihen. Ein Schriftsteller, wie dieser, ist, seines Dafürhaltens, auf keine andre Art zu übersetzen, und es kann oft Pflicht seyn, seinen Worten recht untreu zu werden, um seinen Gedanken recht treu zu bleiben: denn diese werden doch wohl zur Hauptsache bey Werken, an denen man, wie bey diesem, nicht einmal den Titel pünktlich übersetzen kann. Sollten aber dennoch, dies alles eingeräumt und gebilligt, aufmerksame Leser und Kunstrichter bey manchen Stellen der Uebersetzung stutzen: so bittet ihr Verfasser, ihm billigerweise zuzutrauen, daß er länger, als sie es nöthig haben, darüber gebrütet, überlegter, als sie vielleicht auf den ersten Blick glauben, niedergeschrieben, und gewissenhafter, als wohl andre Uebersetzer, seine Achtung für das Original und seine Ehrfurcht für seine eigene Sprache mit einander zu vereinigen gestrebt habe. Weimar den 26. Decbr. 1789 S. Vorbemerkung an den Leser (zur ersten Auflage von 1793) Dies ist ein Bild des menschlichen Herzens, welches ich dem Publikum unter dem Titel »Sätze aus der höhern Welt- und Menschenkunde« vorlege. Es wird nicht allen gefallen, denn man wird es allzu nahe an der Wahrheit und allzu fern jeglicher Schmeicheley finden. Es scheint, daß der Verfasser dieses Werk nie veröffentlichen wollte, und es wohl noch in seinem Schrank verschlossen ruhte, wäre nicht eine schlechte Abschrift in Umlauf gebracht worden, die sogar bis Holland gelangte.


Dieser Umstand hat einen seiner Freunde veranlaßt, mir eine andere zur Verfügung zu stellen, die, wie er sagt, dem Original entspricht. Doch so sorgfältig sie auch sein möge, so wird sie wohl der Kritik gewisser Personen nicht entrinnen, die nicht wünschen, daß man auf den Grund ihres Herzens sieht, die glauben, andere daran hindern zu dürfen, sie kennenzulernen, weil sie sich selbst nicht kennen wollen. Die Maximen enthalten jene Wahrheiten, die unser Stolz gernleugnet, so ist es fast unmöglich, daß sie nicht Kritik auf sich ziehen. Diese Kritiker verweise ich hier auf einen Brief, den man mir hat zukommen lassen, und der wohl nach Erscheinen des Manuskripts verfaßt wurde, zu einer Zeit, als jeder eine Meinung dazu äußern wollte. Er scheint mir geeignet, den wichtigsten Einwänden gegen die Sentenzen entgegenzutreten und die Empfindungen des Verfassers zu belegen. Er beweist, daß diese Maximen nichts anderes sind als ein Abriß einer Moral, die der unserer ehrwürdigen Kirchenväter entspricht, und daß der Verfasser durchausglauben durfte, nicht fehlgehen zu können, wenn er so erlauchten Vorbildern nacheifere und er deshalb so vom Menschen spricht, wie es jene getan haben. Doch wenn die Verehrung, die den Kirchenvätern gebührt, nicht ausreicht, um die Kritiker verstummen zu lassen, wenn diese sich nicht scheuen, die Meinung der großen Männer zu verdammen, indem sie dieses Buch angreifen, so bitte ich dennoch den Leser, es ihnen nicht gleichzutun, seinen Verstand nicht der ersten Regung seines Herzens folgen zu lassen, zu befehlen, wenn es möglich wäre, die Selbstliebe nicht in sein Urteil einfließen zu lassen. Denn wenn er diese anhört, kann er kaum die Maximen schätzen. Sie prangern die Selbstliebe als Ursache der Unvernunft an, die Selbstliebe muß also den Geist vor den Maximen warnen. Man achte deshalb darauf, daß dieses Warnen nicht die Maximen rechtfertige, und erkenne, daß nichts mehr den Wahrheitsgehalt der Maximen belegt als die Vehemenz und die Schlauheit, derer man sich bedient, um sie zu widerlegen. In der Tat wäre es schwierig, einem vernünftigen Menschen weiszumachen, daß man diese aus einem anderen Grunde als Eigennutz, Stolz oder Selbstliebe ablehnt. Kurzum, der Leser sollte davon ausgehen, daß keine der Maximen auf ihn zutrifft, daß er die einzige Ausnahme ist, daß sie nur auf alle anderen zutreffen. So wird er der erste sein, der ihnen zustimmt, er wird sie als der menschlichen Natur gegenüber nachsichtig loben. Dies waren meine Gedanken zu der Schrift im allgemeinen, was deren Methode anlangt, so wäre es wohl wünschenswert gewesen, jeder Maxime einen Titel zu geben, der sich auf deren Gegenstand bezöge, und sie besser zu ordnen. Doch hätte ich dies nicht tun können, ohne die Anordnung der mir zur Verfügung stehenden Abschrift vollkommen zu verändern. Da es jedoch mehrere Maximen zu unterschiedlichen Themen gibt, hat man mir geraten, lieber ein Verzeichnis anzulegen, an das man sich wenden kann, um diejenigen zu finden, die vom selben Gegenstand handeln.

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