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Psychologische Beobachtungen – Paul Rée

Sentenzen sind Gedankenextrakt, den sich jeder nach seinem Geschmack verlängern kann. Eine solche Schreibweise ist zu empfehlen. Zunächst nämlich ist es nicht ganz leicht, in kurzer, prägnanter Weise eine rechte Dummheit zu sagen. Denn hinter wenigen Worten kann sie sich nicht so gut verstecken, wie hinter vielen. Außerdem macht der große Umfang der Literatur eine kurze Ausdrucksweise wünschenswert Den Wert einer Sentenz kann ihr Verfasser erst dann beurteilen, wenn er die konkreten Fälle, aus denen sie abstrahiert worden ist, vergessen hat. 4 Dass der Schriftsteller vom Einzelnen zum Allgemeinen, der Leser vom Allgemeinen zum Einzelnen übergeht, ist eine Quelle zahlreicher Missverständnisse zwischen beiden. Vauvenargues sagt: Si l’illustre auteur des „Maximes“ eût été tel qu’il a tâché de peindre tous les hommes, mériterait-il nos hommages et le culte idolâtre de ses prosélytes? Diese Frage ist absurd: denn die Verehrer Rochefoucauld’s bewundern nicht die Güte seines Herzens, sondern die Feinheit seines Kopfes. 4/5 Dass die Güte einen Menschen in dem Grade seiner uninteressierten Teilnahme am Schicksale anderer und seine praktische Vernünftigkeit darin besteht, dass er nicht augenblicklichen Neigungen folgt, sondern die Zukunft mit in Betracht zieht, dass ferner alle Menschen gütig und vernünftig sein sollen, weiß jeder durch sich selbst und braucht es nicht aus der Moralphilosophie zu erlernen. Da außerdem die Größe unserer Güte sowohl wie unserer Vernünftigkeit hauptsächlich von unserer angeborenen Natur, in zweiter Linie davon abhängt, ob wir von Jugend auf zur Ausführung gütiger und vernünftiger Handlungen oft Veranlassung hatten, hingegen die Lektüre der Philosophen nichts ausrichtet, – so kann die Philosophie (und ebenso die Kunst) nicht zu moralischen Zwecken da sein. Vielmehr dient sie zur Unterhaltung, zur intellektuellen Erbauung derer, welche für solche Gegenstände ein natürliches Interesse haben. Der bedeutendste Schriftsteller hat das kleinste Publikum. 5/6 Jeden großen Schriftsteller sehen wir auf der ersten Strecke seiner Laufbahn von Kritikern umgeben, die ihn anbellen, wie die Dorfkläffer einen Reisenden, um ihn aufzuhalten. Doch kehren die Hunde allmählich wieder in ihr Dorf und die Kritiker in den Zustand der Unberühmtheit zurück, den sie unnötigerweise auf einige Augenblicke verlassen hatten. Große Vorbilder nützen nur großen Nachfolgern. Redner und Schriftsteller überzeugen meistenteils nur die, welche schon vorher überzeugt waren. Wenn wir einen angesehenen Schriftsteller lesen, so berichtigen wir unser Urteil nach ihm. Hingegen wenn wir einen noch nicht angesehenen Schriftsteller lesen, so berichtigen wir ihn nach unserem Urteil Daher kann ein berühmter Schriftsteller leichter seinen schlechten Büchern Geltung verschaffen, als ein unberühmter seinen guten. 7 Gelehrte glänzen, wie der Mond, mit erborgtem Licht. Der Philologe kennt die Bücher gerade so genau, wie das Papier sie kennt, auf dem sie gedruckt sind. Wir freuen uns nicht immer, wenn man unser lobendes Urteil über einen großen Mann teilt Denn wir sind so eitel, dass wir allein befähigt sein wollen, ihn zu würdigen. Das Hirn Vieler ist in Gelehrsamkeit ersoffen. Der „Bücherwurm“ findet am Studieren selbst, nicht an den studierten Gegenständen Gefallen. 7/8 Der bloß Gelehrte ist eingebildeter als der philosophische Kopf. Denn der letztere findet häufig, dass Dinge, über die er seit Jahren nachgedacht hat, dem naiven, vielleicht ungebildeten Menschen besser bekannt sind, als ihm, während von Allem, was der Gelehrte weiß, kein Ungebildeter auch nur eine Ahnung hat. In den Geschichten der Philosophie steht entweder dasselbe, was in den Philosophen steht, – dann sind sie unnütz; oder es steht etwas Anderes darin, – dann sind sie schädlich.


Wenn die Eitelkeit nicht existierte, würden fast alle Wissenschaften noch in den Windeln liegen. 8/9 Wer die Meisterwerke der Poesie verstanden hat, wird selten Lust verspüren, sich weitläufig über dieselben auszulassen, in dem Gefühl, dass die Schönheiten solcher Werke sich dem nicht durch Worte mitteilen lassen, der sie nicht bei der Lektüre selbst unmittelbar empfindet. Somit darf man die Dichter nur wenig verstanden haben, um eine Literaturgeschichte schreiben zu können. Wie schlecht würden manche Bücher vor unserem kritischen Urteile bestehen, wenn wir sie nicht selbst geschrieben hätten. Tatsachen, die sich mit unserem System im Widerspruch befinden, gestehen wir uns nicht zu. Wir halten nur die Kritiker für kompetent, die unsere Leistungen loben. Man bekämpft neu auftretende Wahrheiten teils aus Mitleid gegen ihre Lehrer, teils um nicht zuzugestehen, dass man so lange Unrecht hatte. 10 Der Schriftsteller ist selten mit dem Publikum zufrieden. Denn, während er die Schönheiten seines Werkes sieht und die Schwächen leise fühlt, macht das Publikum es zu seinem Erstaunen umgekehrt. Die Kenntnisse des Menschen gleichen kleinen Inseln, die einsam auf dem endlosen Meer seiner Unwissenheit umher schwimmen Es ist an und für sich nicht wahrscheinlich, dass das Lob, welches man unseren Leistungen spendet, der Wahrheit näher komme, als der Tadel. Trotzdem halten wir jenes immer für wahr und diesen für unwahr. Uns kommt nie der Gedanke, dass Jemand das nicht versteht, was er sagt, und doch sollten wir an uns selbst erfahren haben, wie oft es der Fall ist. 11 Ein Dummkopf füllt seine Reisetasche mit Wasser aus einer Schweizer Pfütze, bringt sie nach Hause und sagt: „Seht, so sieht das Wasser der Schweizer Seen aus,“ – und man glaubt ihm. Ähnlich ist es den Deutschen mit der französischen Literatur gegangen. Wenn die sogenannten Einheiten des Aristoteles für den Dramatiker schwere Fesseln sind, so muss man gestehen, dass die französischen Dramatiker sich mit großer Anmut und Geschicklichkeit in diesen schweren Fesseln zu bewegen verstehen. Wer groß in seinem Fache ist, kommt sich überhaupt groß vor: Er überlegt nicht, dass andere Fächer hoch über dem seinigen stehen. 11/12 Es ist merkwürdig, wie lebhaft sich die Menschen für ein noch ungedrucktes Gedicht von Goethe oder Schiller interessieren, auch wenn sie die gedruckten nur zum aller kleinsten Teil kennen. Jedes System wird in allen seinen Beziehungen nur vom Begründer richtig gefunden. Wenn man seine Ansichten erst einmal gewechselt hat, so entsteht, wie bei der zweiten Liebe, ein Gefühl der Unsicherheit, des Misstrauens gegen die eigene Beständigkeit. Der Umstand, dass auch jeder andere Mensch seine Meinung für richtig hält, sollte uns misstrauisch machen gegen die Richtigkeit unserer Meinung. Dumme Menschen kommen schnell zu Amt und Würden, weil kein Talent sie von ihrem Gewerbe abhält. 13 Zu erkennen, dass die Güter dieser Welt nicht glücklich machen, ist schwer, fast unmöglich, bevor man sie besitzt; dann aber erkennt es jeder. Daher können die Schriften der Moralphilosophen, welche diesen Gegenstand behandeln, keinen praktischen Zweck haben. Dem gewöhnlichen Menschen imponieren die Genies erst dann, wenn sie auch Kenntnisse in seinem eigenen Alltagsgewerbe zeigen. Mit Durchschnittsbegabung kommt man leichter durch die Welt, als mit ungewöhnlichen Talenten.

Unbedeutende Menschen, die nur schwache Seiten haben, sollten nicht die Schwächen bedeutender Menschen tadeln. 14 Wer behauptet, dass es keine angeborenen Talente gibt, hat für seine Person gewöhnlich Recht. Die Fabel vom Zaunkönig, der noch ein Stück höher flog, als der Adler, unter dessen Flügeln er so weit gekommen war, gilt besonders von manchem Schriftsteller, der noch einen Schritt weiter gegangen ist, als sein Vorgänger. Die Maxime Vauvenargues‘: Les sots ne comprennent pas les hommes d’esprit – ist auch umgekehrt richtig: Les hommes d’esprit ne comprennent pas les sots. Dass Jemand irgend ein wissenschaftliches Faktum nicht kennt, ist uns auch dann unbegreiflich, wenn wir selbst es erst vor einer halben Stunde gelernt haben. Es ist behauptet worden, dass ein Schriftsteller nicht Recht tue, wenn er das menschliche Elend schildere, – weil die Menschen hierdurch noch unglücklicher würden. Aber das ist ein Irrtum. Den Unglücklichen nämlich schmerzt es ganz besonders, dass gerade er unglücklich ist, während so viele Andere ja glücklich sind. Wenn er nun einsehen lernt, dass alle Vorzüge der Begabung, des Standes, des Besitzes ihre kompensierenden Leiden haben, dass im Grunde Niemand glücklich ist, das Unglück vielmehr einen integrierenden Bestandteil des menschlichen Lebens ausmacht, so wird diese Einsicht weit eher zur Linderung, als zur Verstärkung seines eigenen Leidens beitragen. Über die menschlichen Handlungen und ihre Motive. 19 Die Motive seines Handelns zu beobachten, ist für den praktischen Menschen unnütz, ja beängstigend und seiner Tätigkeit schädlich, aber für den theoretischen Menschen sehr nützlich. Jeder Handlung liegt ein Mosaik von Motiven zu Grunde, ohne dass wir zu erkennen vermöchten, aus wie viel Egoismus, Eitelkeit, Stolz, Furcht, Nächstenliebe etc. es zusammengesetzt ist. Der Philosoph kann nicht, wie der Chemiker, eine qualitative und quantitative Analyse zur Anwendung bringen. Außerdem decken sich die Ausdrücke Egoismus, Eitelkeit etc. keineswegs mit den Empfindungen, welche sie bezeichnen: sie sind eigentlich nur Fingerzeige. 20 Gewöhnlich glauben wir die Handlungen nach unseren Prinzipien einzurichten, wenn wir in Wahrheit die Prinzipien nach unseren Handlungen einrichten. Die Motive unserer glänzendsten Handlungen gleichen oft denjenigen Substanzen, aus welchen das weiße Papier gemacht wird. Unsere Sitten hängen von unserem Willen ab; unsere Sittlichkeit hingegen (die Güte und Schlechtigkeit unseres Herzens) hängt nicht von unserem Willen ab. Dem entsprechend können unsere Sitten durch Erfahrung und Belehrung gebessert werden, aber unsere Sittlichkeit ist konstant. Unsere Aufmerksamkeiten, die der unmittelbare Ausfluss unserer Zuneigung und Güte zu sein scheinen, sind immer das Resultat einer bis ins Einzelnste gehenden Überlegung. 21 Man gesteht seine Dummheiten, um zu zeigen, dass man klug genug ist, sie zu bemerken. Wir beklagen, durch die Welt hart und schlecht geworden zu sein, um den Glauben zu erwecken, dass wir von Hause aus gut sind. Niemand ist ganz aufrichtig gegen sich selbst, und die Meisten haben ein wahres Talent zur Unaufrichtigkeit. Es existieren nicht zwei Personen, deren Intimität durch eine rückhaltlose Offenheit nicht leiden würde.

Wer da hat, dem wird gegeben, weil er wiedergeben kann. Wer seine Freunde in Schutz nimmt, verteidigt gewöhnlich nur seine Ehre, ihr Freund zu sein. 22 Unsere Handlungen richten sich nach der Meinung der Welt. Demnach tun wir auch bei Dingen, die ausschließlich uns selbst betreffen, nicht sowohl das, was uns gut scheint, wie das, was anderen gut scheint. Ob wir die Menschen im Allgemeinen für gut oder schlecht halten, hängt von unserer Philosophie ab. Aber im Verkehr des Lebens halten wir sie immer wieder für gut, wenn wir selbst gut sind, und für schlecht, wenn wir selbst schlecht sind. Der Zweck heiligt die Mittel stets dann, wenn das Wohl Vieler nur durch das Leid einzelner erreicht werden kann. Hierauf beruht auch das Recht und die Notwendigkeit der Strafe. „Er kennt die Menschen nicht“ d. h. er hält sie für gut. 23 Unglücksfälle Anderer, durch deren Mitteilung wir in Erstaunen setzen wollen, sind uns immer nicht groß genug, weshalb wir denn stets noch einige Verbrannte oder Zerquetschte oder Ertrunkene oder Vergiftete aus eigenen Mitteln hinzufügen. Durch unsere Wohltaten wollen wir überraschen und in Erstaunen setzen. Daher geben wir lieber denjenigen, welche uns nicht gebeten haben, und wenn wir derselben Person etwas geben, so geschieht es, eben aus diesem Grunde, das zweite und dritte Mal sehr viel weniger gern, als zuerst. Will man öfter von einem Menschen Wohltaten empfangen, so muss man also jedes Mal die größte Überraschung und eine grenzenlose Dankbarkeit an den Tag legen. Denn hierdurch reizt man den Geber fortzufahren, weil er dieselbe Stimmung immer wieder voraussetzt. 24 Der Wohltäter stellt sich vor, wie der Empfänger, von ihm entzückt, ausruft: „Welch himmlisch guter Mensch,“ ja er vergießt Tränen über die Größe seiner eigenen Güte. Durch Vertraulichkeit bezweckt man weder die Einholung von Ratschlägen, noch die Erleichterung von Sorgen: Man will von einander entzückt sein. „Wir sehen uns wohl vor meiner Abreise noch,“ sagt man, wenn man bestimmt weiß, dass man sich nicht mehr sieht. Das geschieht zuweilen, um sich den Abschiedsschmerz, gewöhnlich um sich das Affektieren des Abschiedsschmerzes zu ersparen. Jeder tadelt die Schmeichler, aber Niemand kann sie entbehren. Durch Lehren ändert man unser Betragen, nicht unseren Charakter. 25 Wer moralisch besser geworden zu sein glaubt, gesteht seine Schlechtigkeit sich gewöhnlich nur weniger zu, als früher. Wer auf seinem einmal gefassten Entschluss stets mit Hartnäckigkeit beharrt, tut es weniger aus Charakterstärke, als weil er gesagt hat, dass er stets beharre. Mancher glaubt nicht neidisch zu sein, weil er keine Veranlassung hat, Neid zu empfinden.

Unser Neid ist stets größer, als das Glück des Beneideten.

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