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Jedermann – Hugo von Hofmannsthal

Gott der Herr Erzengel Michael Tod Teufel Jedermann Jedermanns Mutter Jedermanns guter Gesell Der Hausvogt Der Koch Ein armer Nachbar Ein Schuldknecht Des Schuldknechts Weib Buhlschaft Dicker Vetter Dünner Vetter Etliche junge Fräulein Etliche von Jedermanns Tischgesellen Büttel Knechte Spielleute Buben Mammon Werke Glaube Mönch Engel SPIELANSAGER tritt vor und sagt das Spiel an. Jetzt habet allsamt Achtung Leut Und hört was wir vorstellen heut! Ist als ein geistlich Spiel bewandt Vorladung Jedermanns ist es zubenannt. Darin Euch wird gewiesen werden, Wie unsere Tag und Werk auf Erden Vergänglich sind und hinfällig gar. Der Hergang ist recht schön und klar, Der Stoff ist kostbar von dem Spiel Dahinter aber liegt noch viel Das müßt Ihr zu Gemüt führen Und aus dem Inhalt die Lehr ausspüren. GOTT DER HERR (wird sichtbar auf seinem Thron und spricht): Fürwahr mag länger das nit ertragen, Daß alle Kreatur gegen mich Ihr Herz verhärtet böslich, Daß sie ohn einige Furcht vor mir Schmählicher hinleben als das Getier. Des geistlichen Auges sind sie erblindt In Sünd ersoffen, das ist was sie sind, Und kennen mich nit für ihren Gott, Ihr Trachten geht auf irdisch Gut allein Und was darüber, das ist ihr Spott, Und wie ich sie mir anschau zur Stund So han sie rein vergessen den Bund Den ich mit ihnen aufgericht hab Da ich am Holz mein Blut hingab. Auf daß sie sollten das Leben erlangen Bin ich am Marterholz gehangen. Hab ihnen die Dörn aus dem Fuß getan Und auf meinem Haupt sie getragen als Kron. So viel ich vermocht, hab ich vollbracht Und nun wird meiner schlecht geacht. Darum will ich in rechter Eil Gerichtstag halten über sie Und Jedermann richten nach seinem Teil. Wo bist du, Tod, mein starker Bot? Tritt vor mich hin. TOD: Allmächtiger Gott, hier sieh mich stehn, Nach deinem Befehl werd ich botengehn. GOTT: Geh du zu Jedermann und zeig in meinem Namen ihm an Er muß eine Pilgerschaft antreten Mit dieser Stund und heutigem Tag Der er sich nicht entziehen mag. Und heiß ihn mitbringen sein Rechenbuch Und daß er nicht Aufschub, noch Zögerung such. TOD: Herr, ich will die ganze Welt abrennen Und sie heimsuchen Groß und Klein, Die Gotts Gesetze nit erkennen Und unter das Vieh gefallen sein. Der sein Herz hat auf irdisch Gut geworfen, Den will ich mit einem Streich treffen, Daß seine Augen brechen Und er nit findt die Himmelspforten Es sei denn, daß Almosen und Mildtätigkeit Befreundt ihm wären und hilfsbereit. JEDERMANN (tritt aus seinem Haus hervor, ein Knecht hinter ihm.) JEDERMANN: Spring du um meinen Hausvogt schnell, Muß ihm aufgeben einen Befehl. (Der Knecht geht hinein.) Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr, Steht stattlich da, vornehm und reich, Kommt in der Stadt kein andres gleich. Hab drin köstlichen Hausrat die Meng, Viele Truhen, viele Spind, Dazu ein großes Hausgesind, Einen schönen Schatz von gutem Geld Und vor den Toren manch Stück Feld, Auch Landsitz, Meierhöf voll Vieh, Von denen ich Zins und Renten zieh, Daß ich mir wahrlich machen mag, So heut wie morgen fröhliche Tag. (Hausvogt tritt auf.) JEDERMANN: Vogt, bring einen Säckel Geldes straff, Den hab ich vergessen in Gürtel zu tun, Und merk, was ich dir noch anschaff: Für morgen wird ein Frühmahl gericht, Das muß bereit’t sein aufs allerbest Kommen Verwandte und fremde Gäst. Der Tisch muß prächtig sein bestellt, Schick her den Koch, du geh ums Geld. (Vogt geht hinein, Koch tritt sogleich auf.


) JEDERMANN: Ein köstlich Frühmahl befehl ich an Für morgen. KOCH: Ja, und soll ich dann Einen jeden Gang bereiten frisch? JEDERMANN: Daß dich das Fieber rüttel, frisch! Kein Überbleibsel auf meinen Tisch. KOCH: Es wär von gestern geblieben die Meng Zumindest für zwei kalte Gäng. JEDERMANN: Du Esels-Koch bist so vermessen, Soll ich eine Bettlermahlzeit essen? (Der Koch geht ab. Der Vogt ist herausgekommen mit einem Beutel. Jedermann nimmt den Beutel.) JEDERMANN: Acht du auf meine Mägd und Knecht, Gefallen mir allermaßen nit recht. (Der arme Nachbar wird in der Ferne sichtbar, nähert sich ängstlich. Jedermanns Geselle kommt zugleich raschen Schrittes die Straße hergegangen.) JEDERMANN (zum Hausvogt): Dafür stehst du an der obersten Stell, Daß du auf sie – da kommt mein Gesell. (Hausvogt geht ins Haus.) Hätt beinah müssen auf dich warten, Wir wollen jetzt vors Stadttor gehen Und uns dort das Grundstück ansehen, Obs tauglich ist für einen Lustgarten. GESELL: Hast Fortunati Säckel in der Hand, Dann ist die Sach schon recht bewandt. Ja, bei dir gilts: gewünscht ist schon getan, Du hasts danach, drum steht dirs an. ARMER NACHBAR: Das ist des reichen Jedermann Haus. Oh, Herr, dich bitt ich überaus Wollest dich hilfreich meiner erbarmen, Mildtätig beistehn einem Armen. GESELL (zu Jedermann): Ja, wie gesprochen, wir müssen eilen, Dürfen uns gar nit länger verweilen. ARMER NACHBAR (hebt bittend die Hände): Oh, Jedermann, erbarm dich mein. GESELL: Kennst du leicht das Gesicht? JEDERMANN: Ich? Wer solls sein? ARMER NACHBAR: Oh, Jedermann, zu dir heb ich die Hand, Hab auch einst bessre Tag gekannt. War einst dein Nachbar, Haus bei Haus, Dann hab ich müssen weichen draus. JEDERMANN (gibt ihm eine Münze aus dem Gürtel): Schon gut! ARMER NACHBAR (nimmts nicht): Das ist eine Gabe gering. JEDERMANN: Meinst du? Gottsblut! So reut mich doch das Ding. ARMER NACHBAR (weist auf den Beutel): Davon mein nachbarlich Bruderteil, So wär ich wieder gesund und heil. JEDERMANN: Davon? ARMER NACHBAR: Es ist an dem, ich knie vor dir, Nur diesen Beutel teil mit mir. JEDERMANN (lacht): Nur? GESELL: Selbig ist besessen alls! Hättst tausend Bettler auf dem Hals.

Was tausend, hunderttausend gleich! ARMER NACHBAR: Bist allermaßen mächtig reich. Teilst du den Beutel auf gleich und gleich, Dir bleiben die Truhen voll im Haus, Dir fließen Zins und Renten zu. JEDERMANN: Mann, wer heißt dich, mein Schrank und Truh, Mein Zins und Rent in Mund nehmen? GESELL: Ich tät mich allerwegen schämen. JEDERMANN: Laß! – Mann, da bist du in der Irr, Wenn du meinst, ich könnt ohnweilen Den Beutel Geld da mit dir teilen. Das Geld ist gar nit länger mein, Muß heut noch abgeliefert sein Als Kaufschilling für einen Lustgarten. Ich steh dem Verkäufer dafür im Wort, Er will aufs Geld nit länger warten. ARMER NACHBAR: Wenn dieses Geld für den Garten ist, So brauchts für dich nur einen Wink, Für einen Beutel hast du zehn, Heiß einen andern bringen flink, Den teil mit mir, bist du ein Christ. JEDERMANN: Der nächste, brächt man ihn herbei, Der Beutel, der wär auch nit frei. Mein Geld muß für mich werken und laufen Mit Tod und Teufel hart sich raufen, Weit reisen und auf Zins ausliegen, Damit ich soll, was mir zusteht, kriegen. Auch kosten mich meine Häuser gar viel, Pferd halten, Hund und Hausgesind Und was die andern Dinge sind, Die alleweil zu der Sach gehören, Lustgärten, Fischteich, Jagdgeheg, Das braucht mehr Pfleg als ein klein Kind, Muß stets daran gebessert sein, Kost’ alls viel Geld, muß noch viel Geld hinein. „Ein reicher Mann“ ist schnell gesagt, Doch unsereins ist hart geplagt Und allerwegen hergenommen, Das ist dir nicht zu Sinn kommen! Da läufts einher von weit und breit Mit Anspruch und Bedürftigkeit Tät unsereins nit der Schritte drei Von hier bis an die nächste Wand Ohn eine allzeit offne Hand. Ist alls schon recht, muß nur dafür Ein Fug und ein Gesetz auch walten Und jeglich Teil daran sich halten. Und achten gnau was ihm gebühr: Dawider hast du dich verfehlt, Wär all mein Geld und Gut gezählt Und ausgeteilt auf jeglichen Christ, Der Almosens bedürftig ist, Es käm mein Seel nit mehr auf dich Als dieser Schilling sicherlich, Drum empfang ihn unverweil, Ist dein gebührend richtig Teil. (Nachbar nimmt den Schilling und geht.) GESELL: Dem hast dus geben recht mit Fug, Ja, das weiß Gott, viel Geld macht klug. JEDERMANN: Nun wollen wir gehen, es dustert schon. (Schuldknecht kommt, von zwei Bütteln geführt, hinter ihm sein Weib und seine Kinder in Lumpen.) GESELL: Was ist das für einer Mutter Sohn, Den sie da bringen hergeführt, Die Arme kreuzweis aufgeschnürt? Mich dünkt, das geht an ein Schuldturmwerfen, Hätt sich auch mehr in acht nehmen derfen. Jetzt muß er’s bei Wasser und Brot bedenken Oder sich an einen Nagel henken. Ja, Mann, du hast halt ein Reimspiel trieben Und Schulden auf Gulden, die reimen gar gut. SCHULDKNECHT: Hat mancher sein Schuldbuch nit in der Hut Und ist drin vieles in Übel geschrieben. JEDERMANN: Auf wen geht das? SCHULDKNECHT: Auf den, der fragt allweil. JEDERMANN: Bins nit bewußt für meinen Teil, Weiß nit, für wen du mich willst nehmen. SCHULDKNECHT: In deiner Haut wollt ich mich schämen. JEDERMANN: Gibst harte Wort mir ohn Gebühr, Dir gehts nit wohl, was kann ich dafür? SCHULDKNECHT: Für harte Stöß sind sanft meine Wort.

JEDERMANN: Wer stößt dich? SCHULDKNECHT: Du, an einen harten Ort. JEDERMANN: Ich kenn dich auch vom Ansehen nit. SCHULDKNECHT: Ist doch dein Fuß, der auf mich tritt. JEDERMANN: Das wär mir seltsam, daß ich so tät Und nichts davon in Wissen hätt. SCHULDKNECHT: Dein Nam steht auf einem Schuldschein, Der bringt mich in diesen Kerker hinein. JEDERMANN: Bei meinem Patron, was geht’s mich an? SCHULDKNECHT: Bist doch der selbige Jedermann, In dessen Namen und Antrag Beschehn ist wider mich die Klag! Daß ich in einen Turm werd bracht Geschieht allein durch deine Vollmacht. JEDERMANN (tritt hinter sich): Ich wasch in Unschuld meine Händ Als einer, der diese Sach nit kennt. SCHULDKNECHT: Deine Helfers-Helfer und Werkzeug halt, Die tun mir Leibes- und Lebensgewalt. Der Hintermann bist du von der Sach, Das bring dir zeitlich und ewig Schmach. In Grund und Boden sollst dich schämen. JEDERMANN: Wer hieß dich Geld auf Zinsen nehmen? Nun hast du den gerechten Lohn. Mein Geld weiß nit von dir noch mir Und kennt kein Ansehen der Person. Verstrichne Zeit, verfallner Tag, Gegen die bring deine Klag. SCHULDKNECHT: Er höhnt und spottet meiner Not! Da seht ihr einen reichen Mann. Sein Herz weiß nichts von Gotts Gebot, Hat tausend Schuldbrief in seinem Schrein Und läßt uns Arme in Not und Pein. SCHULDKNECHTS WEIB: Kannst du dich nit erbarmen hier, Zerreißen ein verflucht Papier, Anstatt daß meinen Kindern da Der Vater wird in Turm geschmissen, Von dem dir nie kein Leid geschah! Hast du kein Ehr und kein Gewissen, Trägst du mit Ruh der Waisen Fluch Und denkst nit an dein eigen Schuldbuch, Das du mußt vor den Richter bringen, Wenns kommt zu den vier letzten Dingen? JEDERMANN: Weib, du sprichst was du schlecht verstehst, Es ist aus Bosheit nit gewest Man hat sich voll und recht bedacht, Eh man die scharfe Klag einbracht. Geld ist wie eine andere War Das sind Verträg und Rechte klar. GESELL: Wär schimpflich um die Welt bestellt Wenns anders herging in der Welt. SCHULDKNECHTS WEIB: Geld ist ein Pfennig, den eins leiht Dem Nächsten um Gottes Barmherzigkeit. SCHULDKNECHT: Geld ist nicht so wie andre War Ist ein verflucht und zaubrisch Wesen, Wer seine Hand ausreckt darnach Nimmt an der Seele Schaden und Schmach, Davon er nimmer wird genesen. Des Satans Fangnetz in der Welt Hat keinen andern Nam als Geld. JEDERMANN: Du lästerst als ein rechter Narr, Weiß nicht wozu ich hier verharr, Gibst vor, du achtest das Geld gering Und war dir schier ein göttlich Ding! Nun möchtest ihm sein Ansehen rauben, Bist wie der Fuchs mit sauern Trauben. Doch wer so hinterm Rücken schmäht, Der findt keinen Glauben für seine Red.

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