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Geschichtsphilosophie – Georg Simmel

Wenn Erkenntnistheorie überhaupt von der Thatsache ausgeht, daß das Erkennen, formal betrachtet, ein bloßes Vorstellen und sein Subjekt eine Seele ist, so wird die Theorie des historischen Erkennens weiter dadurch bestimmt, daß seine Materie das Vorstellen, Wollen und Fühlen von Persönlichkeiten, daß seine Objekte Seelen sind. Alle äußeren Vorgänge, politische und soziale, wirtschaftliche und religiöse, rechtliche und technische würden uns weder interessant noch verständlich sein, wenn sie nicht aus Seelenbewegungen hervorgingen und Seelenbewegungen hervorriefen. Soll die Geschichte nicht ein Marionettenspiel sein, so ist sie die Geschichte psychischer Vorgänge, und alle äußeren Ereignisse, die sie schildert, sind nichts als die Brücken zwischen Impulsen und Willensakten einerseits und Gefühlsreflexen andererseits, die durch jene äußeren Vorgänge ausgelöst werden. Daran ändert auch die materialistische Geschichtsauffassung nichts, die die Bewegungen der Geschichte aus den physiologischen Bedürfnissen der Menschen und ihrem geographischen Milieu ableiten will. Denn zunächst würde aller Hunger niemals die Weltgeschichte in Bewegung setzen, wenn er nicht wehthäte, und aller Kampf um die ökonomischen Güter ist ein Kampf um die Empfindungen der Behaglichkeit und des Genusses, von denen als Zwecken aller äußere Besitz seine Bedeutung entlehnt. Und die Beschaffenheit von Boden und Klima würde für den Lauf der Geschichte so gleichgültig bleiben, wie Boden und Klima des Sirius, wenn sie nicht direkt und indirekt die psychologische Verfassung der Völker beeinflußte. Gäbe es eine Psychologie als Gesetzeswissenschaft, so würde Geschichtswissenschaft in demselben Sinne angewandte Psychologie sein, wie Astronomie angewandte Mathematik ist Wenn es die Aufgabe der Philologie ist, Erkanntes zu erkennen, so bildet die Geschichtskunde nur eine Erweiterung davon, indem sie neben dem Erkannten, d. h. dem theoretisch Vorgestellten, auch das Gewollte und Gefühlte zu erkennen hat. Dieser Charakter der Innerlichkeit der historischen Vorgänge, der für alle Schilderung ihrer Äußerlichkeit den Ausgangspunkt und den Zielpunkt giebt, fordert nun eine Reihe specifischer Voraussetzungen, die die Erkenntnistheorie der Historik darzustellen hat. Hinter dem absoluten Apriori des Intellekts nämlich, von dem wir ausgingen, steht ein zweites, innerhalb des Intellekts geltendes und relatives Apriori. Wenn vielerlei Einzelvorstellungen zu einem Allgemeinbegriff zusammengefaßt werden, ein Subjekt und ein Prädikat zu einem Urteil, mehrere Urteile zu einer Maxime, so ist hier das Material von der Gestalt abtrennbar, die es so erhält, und jedes von beiden ist für sich allein vorstellbar. Wie viel oder wenig Apriorisches und Spontanes nun in diesem Material selbst schon stecken mag, in der hier in Betracht kommenden Beziehung ist es gegebener Inhalt, an dem der Intellekt eine weitere Funktion vollzieht, die nun ihrerseits jenem gegenüber a priori ist; in dem Inhalt selbst liegt sie nicht, sondern wird zu ihm hinzugebracht. Wenn es aber nach der Kantischen Schematisierung nur dreierlei Arten von Apriori giebt: das der Sinnlichkeit, das die Empfindungen, des Verstandes, das die Anschauungen, der Vernunft, das die Urteile zum Material hat – oder eigentlich nur eine einzige, da die anderen auf das Apriori des Verstandes zurückzuführen sind – so zeigt die empirische Betrachtung leicht die ungerechtfertigte Enge dieser Einteilung. Es giebt offenbar sehr viele Stufen des Apriori und sehr verschiedenartige Mischungen der hinzugebrachten Form mit dem vorgefundenen Inhalt. Und insbesondere giebt es keine Methode, die uns zu einem festgeschlossenen, gegen Grenzverrückung gesicherten System der Verbindungsfunktionen führte, mit denen wir das jeweils gegebene Erkenntnismaterial formen. Nicht scharfe, systematische Scheidungen, sondern allmählichste Übergänge bestehen zwischen den allgemeinsten, jedem Material zugänglichen und selbst über die Einzelerfahrung erhobenen Formen und den speziellen, selbst empirisch gewonnenen und als Apriori nur für gewisse Inhalte anwendbaren: also etwa zwischen dem Kausalgesetz oder der Zusammenschließung des Gleichen an verschiedenen Gegenständen zu einem Begriff einerseits und den methodischen oder sonstigen Voraussetzungen für ein besonderes Lebensgebiet, für eine besondere Wissenschaft andererseits. Alle Rechtsbildung z. B. setzt die Erwünschtheit eines bestimmten Zustandes voraus. Daß die menschlichen Verhältnisse die Erreichung eines solchen nur durch festgesetzte Normen und durch Strafbestimmungen für deren Überschreitung ermöglichen, ist ein sehr allgemeines Apriori, das eine gewisse Gestaltung, d. h. Verbindung vorgefundener Vorstellungen zur Folge hat. Allein diese Verbindungsform zur Bildung von Gesetzen ist doch nicht so allgemein, wie etwa die Kausalverbindung zwischen psychischer Motivierung und äußerlicher Handlung, die gleichfalls, für die Rechtsbildung erforderlich, zwischen den Erscheinungen gestiftet, aber nicht unmittelbar aus ihnen abgelesen werden kann. Andererseits aber ist das Apriori, das die Rechtsform überhaupt bildet, wieder ein allgemeines gegenüber den Voraussetzungen, aus denen die Rechtsfindung im einzelnen hervorgeht.


So bewirkt z. B. der Grundsatz, daß dem Kläger der Beweis obliegt, oder die verschiedene Geltung des Gewohnheitsrechts eine Formung der Thatsachen zum Zweck der Erkenntnis, was Rechtens sei – eine Formung, die in dem thatsächlichen Material selbst nicht liegt, sondern erst seine Deutung an ihm vollzieht. Kant hat mit vollem Recht seinen kritischen Scharfsinn gegen die Empiristen aufgeboten, welche ihre Forschungen auf das bloße Aufnehmen von sinnlichen Eindrücken, auf das Registrieren unmittelbar beweislicher Thatsächlichkeiten beschränken wollten; er hat gezeigt, daß sie, ohne es selbst zu merken, fortwährend von unbewiesenen metaphysischen Grundsätzen Gebrauch machen und vermittelst solcher erst denjenigen Zusammenhang zwischen den sinnlichen Gegebenheiten stiften, der diese zu einer verständlichen Erfahrung macht. Allein der Einfluß und die Notwendigkeit der unbewußten und unbewiesenen Voraussetzungen erstreckt sich sehr viel weiter, als die Kantischen Untersuchungen zeigen. Die Praxis wie die Theorie machen in jedem Augenblick von Verbindungsformen für das empirische Material, von jenem eigentümlichen plastischen Vermögen des Geistes Gebrauch, das jeden gegebenen Inhalt durch die Art, ihn anzuordnen, zu stimmen und zu betonen, in die mannigfaltigsten definitiven Gestalten gießen kann. Diese Verbindungen, die, in Satzform ausgesprochen, als apriorische Voraussetzungen erscheinen, bleiben in dem Maße unbewußt, in dem sich überhaupt das Bewußtsein mehr auf das Gegebene, relativ Äußerliche, als auf seine eigne innerliche Funktion richtet. Unermeßlich viele Denkinhalte gehen durch den Geist, ehe er überhaupt ein Bewußtsein darüber hat, daß er denkt; die Gegenstände der Außenwelt beobachtet er lange vor den Vorgängen in ihm selbst, und je innerlicher, man möchte sagen, je psychischer der Vorgang ist, desto später gewinnt er das auf ihn selbst zurückgewandte Bewußtsein für sich, das vielmehr an seinen äußeren Erregungen haftet; und an diesen um so mehr haftet, als sie durch die Buntheit ihres Wechsels und die Schärfe ihrer Gegensätze die Unterschiedsempfindlichkeit der Seele fortwährend reizen, während die formalen Funktionen dieser selbst von beschränkterer Zahl sind, den mannigfaltigsten Inhalten sich in immer gleicher Weise darbieten und durch ihre Existenz von jeher wie durch ihre endemische Allgemeinheit jene Gewöhnung an sich erzeugen, die das Bewußtsein darüber wie über ein absolut Selbstverständliches weggleiten läßt. Auch hier gilt die tiefe Beobachtung von Aristoteles, daß dasjenige, was in der rationalen Ordnung der Dinge das erste ist – die Erkenntnisfunktion des Geistes – für unsere Beachtung und Beobachtung das letzte ist. Wieweit sich aber diese unbewußte Herrschaft der Verbindungsformen über das Thatsachenmaterial ausdehnt, das hat Kant wegen seiner scharfen Trennung des Apriori von allem Empirischen nicht in vollem Umfange erkannt. Indem wir heute die Erfahrung sich viel höher hinauf erstrecken lassen, als er es that, erstreckt sich uns das Apriori viel tiefer hinunter. Im Verkehr der Menschen untereinander muß jeder in jedem Augenblick das Vorhandensein geistiger Vorgänge an Anderen voraussetzen, die er unmittelbar nicht konstatieren kann, ohne die aber die Handlungen dieser Anderen als eine sinn- und zusammenhangslose Zusammenwürflung sprunghafter Impulse erscheinen müßten; wir ergänzen sie hinzu, wie wir den blinden Fleck ergänzen, der unser Gesichtsbild unterbricht, ohne daß wir wegen der Selbstverständlichkeit der Ergänzung die Unterbrechung merkten. Wie wir das Innere nur nach Analogie des Äußeren verstehen, was die Sprache schon andeutet, wenn sie alle seelischen Vorgänge nur durch Worte bezeichnet, die aus der Welt der äußeren Anschauung genommen sind – so verstehen wir andererseits das Äußere der Menschen nur nach untergelegten Innerlichkeiten. Ebendeshalb ergänzen wir aber auch das Äußere so, wie der einmal angenommene innerliche Zusammenhang es verlangt, bezw. so, daß es überhaupt einen innerlichen Zusammenhang ergiebt.

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