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Führende Denker – Jonas Cohn

Nicht in die Geschichte der Philosophie, sondern durch Geschichte in die Philosophie selbst will dieses Buch einleiten. Diese Absicht bestimmte die Auswahl nicht nur der Denker, sondern auch dessen, was von jedem Denker gegeben wurde. Überall habe ich mich bemüht, das für die Philosophie dauernd Bedeutende herauszuarbeiten. An Darstellungen, die auch die Nebenzüge und Gegenströmungen im Geist der großen Denker wiedergeben, fehlt es nicht. Wo der Leser zwischen solchen Darstellungen und der meinigen Widersprüche zu bemerken glaubt, bitte ich ihn, an jene besondere Absicht meiner Vorträge zu denken. Hervorgegangen ist diese Absicht aus der festen Überzeugung, dass die Philosophie im Laufe ihrer Entwicklung mehr als eine Summe geistreicher Einfälle hervorgebracht hat. Gerade wenn man auf die Hauptzüge der Entwicklung allein sieht, erkennt man, dass auch in der wichtigsten aller Wissenschaften Wahrheiten von grundlegender und ewiger Bedeutung gefunden worden sind, Wahrheiten, wohl geeignet, als Stütze des Lebens zu dienen. Die folgenden Vorträge wurden im Dezember 1906 in Freiburg i. Br. vor Hörern jedes Standes und Geschlechts gehalten. Der Eifer, mit dem zahlreiche Teilnehmer, vielfach nach anstrengender Tagesarbeit, meinen Ausführungen folgten, zeigte mir, wie weit das Bedürfnis nach Philosophie verbreitet ist. Auch die gedruckten Vorträge möchten weitesten Kreisen dienen. Deshalb habe ich absichtlich den Ton der mündlichen Rede im Wesentlichen festgehalten. Nur die Wiederholungen des Vortrags, die der Leser durch Zurückschlagen ersetzen kann, wurden gekürzt und dafür einige Abschnitte eingefügt, die etwas tiefer in die behandelten Fragen hineinführen, bei einmaligem Hören aber unverständlich geblieben wären. Zu weiterer Selbstbelehrung wird die Vergleichung meiner Darstellung mit anderen neueren Einleitungen in die Philosophie beitragen. Es handelt sich ja nicht darum, auf Eines Worte zu schwören, sondern durch eigene Prüfung seine feste Überzeugung zu gewinnen. Absichtlich nenne ich unter diesen einführenden Büchern kein einzelnes; sie sind leicht zu finden, auch diese Sammlung enthält mehrere hierhergehörige Bände. Als Werke, in denen die gleichen Grundüberzeugungen wie hier vertreten werden, und die geeignet scheinen, zu gründlicherer Einsicht zu führen, möchte ich nur: Windelband, ›Präludien‹, und Hensel, ›Hauptprobleme der Ethik‹, anführen. Vor allem aber rate ich, einige Hauptwerke der großen hier behandelten Philosophen selbst zu lesen, die meist in der philosophischen Bibliothek (Felix Meiner, Leipzig), zum Teil auch in Reclams Universal-Bibliothek erschienen sind. Als leichter verständliche Schriften kommen vor allem in Betracht: – Zu Vortrag I: Xenophon: Erinnerungen an Sokrates. Platon: Verteidigung des Sokrates, Kriton, Laches. – Zu Vortrag II: Platon: Protagoras, Gorgias, Phädon, Gastmahl. – Zu Vortrag III: Descartes: Abhandlung über die Methode. Betrachtungen über die Metaphysik. – Zu Vortrag IV: Spinoza: Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes.


– Zu Vortrag V: Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. – Zu Vortrag VI: Fichte: Die Bestimmung des Menschen. Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten. Der geschlossene Handelsstaat. Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters. Reden an die deutsche Nation. Absicht des Buches Der Absicht dieser Vorträge gemäß habe ich nirgends die Forscher zitiert, denen ich Tatsachen oder Anregungen verdanke. Der Sachkundige bemerkt ohnedies, welchen neueren Philosophen, Geschichtschreibern und Biographen ich mehr oder minder folge. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass eine allgemeinverständliche Einführung nicht den Anspruch erhebt, neue Ergebnisse mitzuteilen. Überhaupt bitte ich alle, die gleich mir ihr Leben der Arbeit an philosophischen Problemen gewidmet haben, zu bedenken, dass dies Buch nicht für sie geschrieben wurde, wiewohl sie allein seine zuständigen Richter sind. Jede neue Auflage habe ich genau durchgesehen, die vierte besonders auch auf die Verständlichkeit und Einsichtigkeit des Gedankenfortschritts hin. Das Büchlein ist hier und da im philosophischen Unterricht unserer höheren Schulen gebraucht worden; ich habe Winke eines Lehrers dankbar benutzt und bitte herzlich, mir weitere Erfahrungen mitzuteilen. Den Plan des Ganzen glaubte ich beibehalten zu sollen, insbesondere konnte ich mich nicht entschließen, ihn durch die – von manchen Beurteilern gewünschte – Aufnahme anderer Philosophen zu sprengen. »Führende Denker« – darunter verstehe ich hier solche, die geeignet sind, zur Philosophie hinzuführen. Die großen Systematiker aber, ein Aristoteles, Leibniz, Hegel setzen zu ihrem Verständnis schon geschultes philosophisches Denken und überdies, da sie das ganze Wissen ihrer Zeit verarbeiten, zahlreiche sachliche und geschichtliche Kenntnisse voraus. Gerade weil ich diese umfassenden Geister verehre, widerstrebt es meinem Gefühl, ihnen durch eine abgekürzte Darstellung Unrecht zu tun. Anders steht es mit Denkern, deren Größe mehr in der Fragestellung und in der Entdeckung einiger großen Grundgedanken besteht. Diese allein scheinen mir auch geeignet zu sein, das Verständnis für Philosophie zu wecken. Erster Vortrag. Sokrates. Es ist schwierig, vor unbekannten Hörern von Philosophie zu reden. Da nämlich Philosophie den ganzen Menschen ergreifen will, muss ein philosophischer Vortrag mehr als jeder andere mit der inneren, tätigen Anteilnahme des Hörers rechnen. Alle Philosophie sucht Antwort zu geben auf die Frage nach der Bestimmung des Menschen. So mannigfaltig die Gegenstände sind, mit denen sie sich beschäftigt, sie wählt diese Gegenstände nur, weil sie von ihnen Auskunft erhofft über das wichtigste aller Probleme: Was soll ich in dieser rätselhaften Welt? Nur bei Hörern, die von dieser Frage irgendwie schon beunruhigt worden sind, kann ein philosophischer Vortrag hoffen, Verständnis zu finden.

Ich nehme an, dass Sie alle in irgendeiner Weise diese Unruhe empfunden haben, dass also ein Bedürfnis nach Philosophie bei Ihnen besteht. Ein solches Bedürfnis muss ich voraussetzen, weiter aber will ich nichts voraussetzen. Ich werde mich bemühen, Ihnen zu größerer Klarheit über das zu verhelfen, was Sie suchen, und Ihnen die Wege zeigen, auf denen jenes Bedürfnis so viel echte Befriedigung wie irgend möglich findet. Als geeignetes Mittel zu diesem Zweck erscheint mir, Ihnen die Hauptgedanken der Philosophie in innigster Verbindung mit dem Leben der großen Denker vorzuführen. Denn diese Gedanken sind aus dem inneren Erleben bedeutender Persönlichkeiten hervorgegangen; die Kenntnis dieser Persönlichkeiten ist zwar nicht der kürzeste und wissenschaftlichste, wohl aber der gangbarste und angenehmste Weg, um Verständnis für ihre Gedanken zu gewinnen. Nicht neue Ergebnisse der Wissenschaft, sondern alte Weisheit will ich Ihnen vortragen. Sollte einer oder der andere dadurch sich enttäuscht fühlen, so müsste ich mit einer Anekdote antworten. Ein leutseliger König besuchte einst eine Sternwarte und fragte den leitenden Astronomen: »Was gibt’s Neues am Himmel?« Der schlagfertige Gelehrte antwortete mit der Gegenfrage: »Kennen Majestät schon das Alte?« Alte Weisheit also will ich versuchen, Ihnen so vorzuführen, dass sie neu erscheint – neu im Sinn von neu erlebt. Ich will mich bemühen, Ihnen die scheinbar entlegenen und lebensfremden Gedanken aus der Seele führender Denker heraus in ihrer inneren, lebendigen Bedeutung nahezubringen. Unter den großen Philosophen habe ich sechs Männer gewählt, die zugleich die drei fruchtbarsten Zeitalter in der Geschichte des philosophischen Denkens vertreten und die sich paarweise zueinander wie Lehrer und Schüler verhalten: Sokrates und Platon, Descartes und Spinoza, Kant und Fichte. Jedem von ihnen soll ein Vortrag gewidmet sein. Warum ich gerade diese Männer auswählte, kann sich nur durch den Fortgang meiner Betrachtungen rechtfertigen.

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