| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Emil oder Über die Erziehung – Band 2 – Jean-Jacques Rousseau

Wie schnell verstreicht doch unsere Pilgerzeit in diesem Erdenleben! Das erste Viertel des Lebens ist verflossen, noch ehe man es anzuwenden versteht, und das letzte Viertel vergeht, nachdem man bereits aufgehört hat, es zu genießen. Anfangs verstehen wir noch nicht zu leben, bald sind wir es nicht mehr im Stande, und in dem Zwischenraume, welcher diese beiden nutzlosen Endpunkte von einander trennt, werden drei Viertel der Zeit, die uns noch bleibt, mit Schlaf, Arbeit, Schmerz, Zwang und Mühen aller Art hingebracht. Das Leben ist kurz, weniger in Folge der kurzen Zeitdauer, als vielmehr, weil uns von derselben fast keine zu ihrem Genusse übrig bleibt. Mag der Augenblick des Todes von dem der Geburt auch noch so fern sein, so ist und bleibt das Leben doch immer viel zu kurz, wenn dieser Zwischenraum schlecht ausgefüllt wird. Gewissermaßen werden wir zweimal geboren, das eine Mal zum Dasein, das andere Mal zum Leben; das eine Mal für die Gattung, das andere Mal für das Geschlecht. Obwol diejenigen, welche das Weib für einen unvollkommenen Menschen halten, ohne Zweifel Unrecht haben, so können sie sich doch auf die äußere Analogie berufen. Bis zu dem Alter der Mannbarkeit unterscheiden sich die Kinder beiderlei Geschlechts in keiner auffallenden Weise von einander. Dieselbe Gesichtsbildung, dieselbe Gestalt, dieselbe Hautfarbe, dieselbe Stimme, kurz Alles ist gleich. Die Mädchen sind Kinder, die Knaben sind Kinder; der nämliche Namen reicht zur Bezeichnung so ähnlicher Wesen aus. Männliche Personen, deren völlige geschlechtliche Entwickelung verhindert wurde, behalten diese übereinstimmenden Merkmale ihr ganzes Leben lang. Sie bleiben stets große Kinder, und Frauen scheinen, da sie die nämlichen Merkmale nie verlieren, in vieler Hinsicht nie etwas Anderes zu sein. Doch imAllgemeinen ist der Mann nicht dazu geschaffen, um für immer auf der Stufe der Kindheit stehen zu bleiben. In einer von der Natur vorgeschriebenen Zeit tritt er aus derselben heraus. So kurz nun dieser entscheidende Moment auch sein möge, so übt er doch auf lange Zeit einen hervorragenden Einfluß aus. Wie das Brausen des Meeres dem Sturme schon lange vorangeht, so meldet sich auch dieser unter Stürmen vor sich gehende Umschwung schon zeitig durch die immer stärker werdende Stimme der erwachenden Leidenschaften an. Eine dumpfe Gährung kündigt die Annäherung der Gefahr an. Ein fortwährender Wechsel der Gemüthsstimmung, häufige Aufwallungen, eine unaufhörliche geistige Aufgeregtheit versetzen das Kind in einen fast unlenkbaren Zustand. Es wird taub gegen die Stimme, auf die es sonst willig gelauscht hatte; es gleicht einem fieberhaft erregten Löwen. Es will seinen Führer nicht mehr kennen, will sich keiner Leitung mehr unterwerfen. Zu den moralischen Anzeichen einer sich verschlimmernden Gemüthsstimmung treten noch sichtliche Veränderungen in seiner körperlichen Beschaffenheit hinzu. Seine Physiognomie nimmt festere Züge an und es prägt sich auf ihr allmählich ein bestimmter Charakter aus. Dunkler und dichter wird der spärliche und weiche Flaum, der auf dem unteren Theile seiner Wangen hervorsproßt; seine Stimme wechselt oder es verliert dieselbe vielmehr. Es ist weder Kind noch Mann, und ist weder im Stande den Ton des Einen noch den des Anderen anzunehmen. Seine Augen, diese Organe der Seele, die bisher nichtssagend waren, erhalten Sprache und Ausdruck. Ein plötzlich aufflammendes Feuer belebt sie; ihre jetzt lebhafteren Blicke reden zwar noch die Sprache einer heiligen Unschuld, verrathen aber nicht mehr ihre anfängliche Einfalt.


Das Kind trägt schon das Gefühl in sich, daß sie zu viel sagen können, und beginnt sie niederzuschlagen und zu erröthen. Es wird gefühlvoll, bevor es sich noch bewußt wird, was es eigentlich fühlt. Es wird unruhig, ohne daß es Grund dazu hat. Alle diese Erscheinungen können sich langsam einstellen und euch noch hinreichende Zeit gewähren. Wenn aber seine Lebhaftigkeit Ungeduld verräth, wenn sein Aufbrausen einen leidenschaftlichen Charakter annimmt, wenn es in einemAugenblicke zornig auffährt und sich seiner im nächsten Augenblicke eine weiche Stimmung bemächtigt, wenn es ohne Ursache Thränen vergießt; wenn ihm in der Nähe derer, die ihm jetzt gefährlich zu werden beginnen, sein Puls schneller schlägt und sein Auge sich entstammt, wenn es zusammenschaudert, sobald sich die Hand einer Frau auf die seinige legt; wenn es in der Nähe eines weiblichen Wesens unruhig oder schüchtern wird: dann Ulysses, weiser Ulysses, sei auf deiner Hut! Die Schläuche, welche du mit so großer Sorgfalt verschlossen hieltest, sind bereits geöffnet; die Winde sind schon entfesselt; verlasse nun keinen Augenblick mehr das Steuerruder, oder Alles ist verloren. Jetzt findet diese zweite Geburt statt, von welcher ich geredet habe; jetzt wird der Mensch erst wirklich zum Leben geboren, und nichts Menschliches ist ihm mehr fremd. War unsere Sorgfalt bisher nur ein Kinderspiel gewesen, so wird sie jetzt von äußerster Wichtigkeit. Diese Epoche, in welcher für gewöhnlich die Erziehung ein Ende zu nehmen pflegt, ist gerade diejenige, in welcher die unserige erst recht ihren Anfang nehmen soll. Um diesen neuen Plan jedoch anschaulich entwickeln zu können, müssen wir uns aus einen höheren Standpunkt versetzen und einen Augenblick bei dem verweilen, was damit in Beziehung steht. Unsere Leidenschaften dienen als die Hauptwerkzeuge unserer Erhaltung; der Versuch, sie auszurotten, ist folglich ein eben so vergebliches als lächerliches Unterfangen. Das hieße die Natur meistern und an das Werk Gottes die bessernde Hand legen. Wenn Gott in der That von dem Menschen die Ertödtung der Leidenschaften, die er ihm erst selbst verliehen, verlangte, so würde er wollen und auch nicht wollen; er würde mit sich selbst in Widerspruch treten. Niemals hat er aber diesen unvernünftigen Befehl ertheilt, nichts dem Aehnliches ist dem Menschen in das Herz geschrieben. Was der Mensch nach dem Willen Gottes thun soll, läßt er ihm nicht durch einen andern Menschen sagen, er sagt es ihm selbst, er schreibt es ihm tief in das Herz hinein. Wer das Erwachen der Leidenschaften verhüten wollte, würde mir fast eben so thöricht vorkommen, wie derjenige der sie ertödten wollte; und wer die Ansicht hegen sollte, daß dies bisher meine Absicht gewesen sei, würde mich sicherlich ganz falsch verstanden haben. Würde es indeß nun wol eine richtige Folgerung sein, wenn man aus dem Umstande, daß Leidenschaften eine Mitgift der Natur sind, schließen wollte, daß alle Leidenschaften, welche wir in uns fühlen und an Anderen bemerken, deshalb auch natürlich seien? Die einzige Wahrheit liegt darin, daß ihre Quelle natürlich ist, aber tausend fremde Zuflüsse haben sie angeschwellt. Sie bilden einen mächtigen Strom, der unaufhörlich wächst, und in dem man kaum noch einige Tropfen seines ursprünglichen Wassers wiederfinden würde. Unsere natürlichen Leidenschaften sind sehr beschränkt; sie dienen als Werkzeuge unserer Freiheit und haben die Aufgabe, für unsere Erhaltung zu sorgen. Allein alle diejenigen, welche uns beherrschen und verzehren, haben ihre Quelle außer uns. Die Natur gibt sie uns nicht, sondern wir eignen sie uns zum Nachtheile derselben an. Die Quelle unserer Leidenschaften, der Anfang und die Grundursache aller übrigen, die einzige, die mit dem Menschen geboren wird und ihn nie verläßt, so lange er lebt, ist die Selbstliebe, diese primitive, angeborene, jeder anderen vorausgehende Leidenschaft, von welcher alle übrigen in gewissem Sinne nur Modificationen sind. In diesem Sinne sind freilich alle, wenn man will, natürlich. Aber der größte Theil dieser Modificationen hat fremde Ursachen, ohne welche sie sich niemals zeigen würden, und eben diese Modificationen sind so weit davon entfernt; uns zum Nutzen zu gereichen, daß sie uns vielmehr geradezu Schaden zufügen; sie verändern ihren ursprünglichen Zweck und treten mit ihrem eigenen Ursprünge in Widerstreit. Dann verläßt der Mensch die Bahn der Natur und geräth mit sich selbst in Widerspruch. Die Selbstliebe ist immer gut, immer der Ordnung gemäß.

Da Jedem ganz besonders die Pflicht der Selbsterhaltung auferlegt ist, so ist und muß es auch eines Jeden erste und wichtigste Sorge sein, unaufhörlich über dieselbe zu wachen. Wie würde er es aber wol über sich gewinnen, in dieser Weise darüber zu wachen, wenn er nicht das größte Interesse daran hätte?

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |