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Die Stellung des Menschen im Kosmos – Max Scheler

In der Vorrede zu der Schrift »Die Stellung des Menschen im Kosmos« schreibt Max Scheler im April 1928, wenige Wochen vor seinem Tod: Die Fragen: »Was ist der Mensch, was ist seine Stellung im Sein«? haben mich seit dem ersten Erwachen meines philosophischen Bewusstseins wesentlicher und zentraler beschäftigt als jede andere philosophische Frage. Die langjährigen Bemühungen, in denen ich von allen möglichen Seiten her das Problem umringte, haben sich seit dem Jahr 1922 in der Ausarbeitung eines größeren dieser Frage gewidmeten Werkes zusammengefasst, und ich hatte das zunehmende Glück, zu sehen, dass der Großteil aller Probleme der Philosophie, die ich schon behandelt, in dieser Frage mehr und mehr koinzidierten. Von vielen Seiten wurde mir der Wunsch ausgesprochen, dass mein im April 1927 in Darmstadt gelegentlich der Tagung der Schule der Weisheit gehaltener Vortrag »Die Sonderstellung des Menschen« als Sonderdruck erscheine. Diesem Wunsch wird hiermit entsprochen. Die Arbeit stellt eine kurze, sehr gedrängte Zusammenfassung meiner Anschauungen über einige Hauptpunkte der »Philosophischen Anthropologie« dar, die ich seit Jahren unter der Feder habe und die zu Anfang des Jahres 1929 erscheinen wird. In meinen an der Universität Köln zwischen 1922- 1928 gehaltenen Vorlesungen über »Die Grundlagen der Biologie«, über »Philosophische Anthropologie«, »Erkenntnistheorie« und »Metaphysik« habe ich – weit hinaus über das hier gegebene Fundament – meine Forschungsergebnisse mehrfach eingehend vorgelegt. Will der Leser die Stufen der Entwicklung meiner Ansichten über den großen Gegenstand kennen lernen, so empfehle ich ihm nacheinander zu lesen: 1. die Abhandlung »Zur Idee des Menschen« [Die Abhandlung »Zur Idee des Menschen« ist zuerst erschienen in der Zeitschrift »Summa« 1914; aufgenommen in die Gesammelten Aufsätze und Abhandlungen »Vom Umsturz der Werte« Bd. I (3. Aufl. Leipzig 1927).], ferner »Das Ressentiment im Aufbau der Moralen« [Die Abhandlung »Das Ressentiment im Aufbau der Moralen« 1913; ebenfalls aufgenommen in »Vom Umsturz der Werte«.], 2. die entsprechenden Abschnitte in meinem Werke »Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik« [»Der Formalismus in der Ethik und die materiale Werteethik« 1913/1916. (3. Aufl. Halle 1927). Zu beachten sind hier u. a. die Abschnitte über Realitätserfahrungs- und Wahrnehmungslehre S. 109 ff.; über die Ablehnung der naturalistischen Lehre vom Menschen S. 278 ff.; über die Schichtung des emotionalen Lebens S. 340 ff.


und über die Person S. 384 ff. Vgl. auch nach dem eingehenden Sachregister zur 3. Auflage die Hinweise unter den Stichworten »Mensch«, »Physisch«, »Psychisch« etc.] und über die Spezifität des menschlichen Gefühlslebens in meinem Buch »Wesen und Formen der Sympathie« [»Wesen und Formen der Sympathie« 1. Aufl. 1913 (2. bis 4. vermehrte Auflage 1923, 1927 und 1931, Bonn; 5. Aufl. Frankfurt 1947.)], 3. über das Verhältnis des Menschen zur Geschichts- und Gesellschaftslehre meinen Aufsatz »Mensch und Geschichte« [»Mensch und Geschichte« wurde zuerst 1926 in »Neue Rundschau« veröffentlicht.] und das Werk »Die Wissensformen und die Gesellschaft« [Das Werk »Die Wissensformen und die Gesellschaft« enthält die Abhandlungen »Probleme einer Soziologie des Wissens« und »Erkenntnis und Arbeit« (Leipzig 1926).]; 4. über das Verhältnis von Mensch, Wissen und Bildung vergleiche »Die Formen des Wissens und die Bildung« [»Die Formen des Wissens und die Bildung« (Bonn 1925; 3. Aufl. Frankfurt 1947). Vgl. hier vor allem die eingehenden Anmerkungen im Anhang, die nach verschiedenen Richtungen den Text ergänzen und auf die geplanten Werke »Philosophische Anthropologie« und »Metaphysik« aufschlussreiche Perspektiven eröffnen. (Dieser Aufsatz und der unter 3 erwähnte Aufsatz »Mensch und Geschichte« ist nach dem Tod des Verfassers in dem Band »Philosophische Weltanschauung« Bonn 1929 erschienen).]; 5. über Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen äußerte ich mich in dem Vortrag »Der Mensch im Weltalter des Ausgleichs«. [Der Vortrag »Der Mensch im Weltalter des Ausgleichs« (1927) ist zuerst erschienen unter dem Titel »Ausgleich als Aufgabe und Schicksal« in der Reihe »Politische Wissenschaft«, herausgegeben von der Deutschen Hochschule für Politik, Berlin 1928.

Er ist auch aufgenommen in dem Band »Philosophische Weltanschauung« (Bonn 1929).] Ich darf mit einiger Befriedigung feststellen, dass die Probleme einer Philosophischen Anthropologie heute geradezu in den Mittelpunkt aller philosophischen Problematik getreten sind und dass auch weit hinaus über die philosophischen Fachkreise Biologen, Mediziner, Psychologen und Soziologen an einem neuen Bild vom Wesensaufbau des Menschen arbeiten. Aber dessen ungeachtet hat die Selbstproblematik des Menschen in der Gegenwart ein Maximum in aller uns bekannten Geschichte erreicht. In dem Augenblick, da der Mensch sich eingestanden hat, dass er weniger als je ein strenges Wissen habe von dem, was er sei, und ihn keine Möglichkeit der Antwort auf diese Frage mehr schreckt, scheint auch der neue Mut der Wahrhaftigkeit in ihn eingekehrt zu sein, diese Wesensfrage ohne die bisher übliche ganz-, halb- oder viertelsbewusste Bindung an eine theologische, philosophische und naturwissenschaftliche Tradition in neuer Weise aufzuwerfen und – gleichzeitig auf der Grundlage der gewaltigen Schätze des Einzelwissens, welche die verschiedenen Wissenschaften vom Menschen erarbeitet haben – eine neue Form seines Selbstbewusstseins und seiner Selbstanschauung zu entwickeln. 1. Problematik der Idee des Menschen Fragt man einen gebildeten Europäer, was er sich bei dem Wort »Mensch« denke, so beginnen fast immer drei unter sich ganz unvereinbare Ideenkreise in seinem Kopf miteinander in Spannung zu treten. Es ist einmal der Gedankenkreis der jüdisch-christlichen Tradition von Adam und Eva, von Schöpfung, Paradies und Fall. Es ist zweitens der griechisch-antike Gedankenkreis, in dem sich zum ersten Mal in der Welt das Selbstbewusstsein des Menschen zu einem Begriff seiner Sonderstellung erhob in der These, der Mensch sei Mensch durch Besitz der »Vernunft«, logos, phronesis, ratio, mens – logos bedeutet hier sowohl Rede wie Fähigkeit, das »Was« aller Dinge zu erfassen –; eng verbindet sich mit dieser Anschauung die Lehre, es liege eine übermenschliche Vernunft auch dem ganzen All zugrunde, an der der Mensch, und von allen Wesen er allein, teilhabe. Der dritte Gedankenkreis ist der auch längst traditional gewordene Gedankenkreis der modernen Naturwissenschaft und der genetischen Psychologie, es sei der Mensch ein sehr spätes Endergebnis der Entwicklung des Erdplaneten, ein Wesen, das sich von seinen Vorformen in der Tierwelt nur in dem Komplikationsgrad der Mischungen von Energien und Fähigkeiten unterscheide, die an sich bereits in der untermenschlichen Natur vorkommen. Diesen drei Ideenkreisen fehlt jede Einheit untereinander. So besitzen wir denn eine naturwissenschaftliche, eine philosophische und eine theologische Anthropologie, die sich nicht umeinander kümmern – eine einheitliche Idee vom Menschen aber besitzen wir nicht. Die immer wachsende Vielheit der Spezialwissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, verdecken, so wertvoll sie sein mögen, überdies weit mehr das Wesen des Menschen, als dass sie es erleuchten. Bedenkt man ferner, dass die genannten drei Ideenkreise der Tradition heute weithin erschüttert sind, völlig erschüttert ganz besonders die darwinistische Lösung des Problems vom Ursprung des Menschen, so kann man sagen, dass zu keiner Zeit der Geschichte der Mensch sich so problematisch geworden ist wie in der Gegenwart. Ich habe es darum unternommen, auf breitester Grundlage einen neuen Versuch einer Philosophischen Anthropologie zu geben. Im folgenden seien nur einige Punkte, die das Wesen des Menschen im Verhältnis zu Pflanze und Tier, ferner die metaphysische Sonderstellung des Menschen betreffen, erörtert und ein kleiner Teil der Resultate angedeutet, zu denen ich gekommen bin.

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