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Die Sprache – Fritz Mauthner

EIT ZWEITAUSEND JAHREN, SEIT Aristoteles nämlich, gibt es ziemlich geordnete Theorien über das, was in den Volksprachen so oder so die Seele heißt. Weniger geordnet, also mit geringem Widersprüchen, hat es solche Vorstellungen gegeben, seitdem Menschen füreinander reden, nachweislich seitdem Menschen füreinander schreiben. Unaufhörlich seit Aristoteles erschienen Bücher „über die Seele“, περι ψυχης, de anima. Sobald im Verlaufe der Renaissancezeit griechisches Schrifttum feierlicher genommen wurde, inbrünstiger geglaubt wurde, als die Griechen selbst es geglaubt hatten, da wurden diese Bücher über die Seele zuerst für Wissenschaften ausgegeben und Psychologien genannt, wie denn damals Astrologien, Genethlialogien und viele andere Logien aufkamen. Weiter brauchte die Menschheit noch etwa vierhundert Jahre, um deutlicher und deutlicher zu erkennen, daß sie von dem Gegenstände der psychologischen Wissenschaft ganz und gar nichts wüßte, am wenigsten seine Existenz. Unbekümmert um diesen Nebenumstand gibt es in den abendländischen Kulturländern eine sehr ausgedehnte Wissenschaft der Psychologie. Eine Psychologie ohne Psyche. Wirkliche lebendige Menschen sind die Professoren der Psychologie; wirkliche Körper sind die Lehrbücher der Psychologie; Vorgänge der Wirklichkeitswelt sind Fragen und Antworten bei den Prüfungen aus der Psychologie; wirklich ist sogar der Einfluß, den hochmögende [8] wirkliche Männer auf Fragen und Antworten bei diesen Prüfungen ausüben. Nicht wirklich ist bloß die Psyche, die Seele. Trotzdem haben kluge Männer manches Gute sagen können über Begriffe und Begriffsverbindungen, die nach alter Gewohnheit in den Lehrbüchern der Psychologie abgehandelt zu werden pflegen. Die Völkerpsychologie, die Gesellschaftslehre, die Wissenschaft vom Volksgeist oder von der Volksseele, oder wie immer man eine solche Sammlung irgendwie zusammengehörender Notizen nennen will, hat kein so ehrwürdiges Alter. Selbstverständlich hat es auch soziologische Vorstellungen gegeben, seitdem Menschen füreinander reden und schreiben. Diese ungeordneten Vorstellungen konnten es aber lange nicht zum Range einer Wissenschaft bringen. Wissenschaft ist ja, was zur Erklärung von beobachteten Tatsachen dienlich scheint. Für die beobachteten Tatsachen des individuellen Denkens, Wollens und Fühlens hatte man früh das Bedürfnis einer Erklärung. Man fragte und nannte jede provisorische Antwort psychologische Wissenschaft. Für das Denken, Wollen und Fühlen zwischen den Menschen suchte die ganze christliche Zeit noch keine eigentliche Erklärung, keine psychologische Erklärung wenigstens. Die stärkste soziale Gruppe, der Staat, war in seiner ganzen Erscheinung durch Sitte und Recht ausreichend erklärt. Das Recht war eine schöne Wissenschaft für sich, und die Sitte war so unveränderlich wie die natürliche Tatsache, daß es im Sommer warm ist und daß ein Kirschbaum Kirschen trägt. Über die soziale Gruppe des Staates hinaus gab es dann noch die Christenheit, das jeweilig gegenwärtige Reich Gottes auf Erden, und die „Menschheit“, das künftige Reich Gottes auf Erden. Diese beiden Gruppen gehörten, weil man doch [9] nichts Glaubhaftes von ihnen sagen konnte, unter den Machtbereich der theologischen Wissenschaft. Eine Einheit der Sprache (eine Einheit zwischen kirchlicher und staatlicher Anschauung) wurde einigermaßen dadurch hergestellt, daß auch das Recht im Staate, besonders aber das Recht des Staates oder das Staatsrecht, mehr theologisch als logisch ausgestaltet war. Das Bedürfnis nach einer Erklärung der Vorgänge zwischen den Menschen, nach einer Antwort auf soziale Fragen konnte sich erst regen, als die Göttlichkeit der mehr rechtlichen Einrichtungen, die Unabänderlichkeit der sittlichen, religiösen Gebräuche aufhörte, geglaubt und mit Blut und Eisen geschützt zu werden. Revolutionäre Menschen wie Hobbes, Spinoza und Rousseau, Massenbewegungen wie die englische Revolution und dann die große französische Revolution mußten vorausgehen, ehe vorurteilslos nach einer Psyche zwischen den Menschen, nach dem Volksgeist oder der Volksseele, nach einer Erklärung der geltenden Staatsrechte und der geltenden Volksitte verlangt wurde. Eigentlich erst vor etwa siebzig Jahren wurde als Antwort auf diese Fragen die neue Disziplin der Soziologie geschaffen, durch Auguste Comte.


Und weil der unglückliche Begründer und seine tapfersten Nachfolger sogleich (im Gegensatze zu der ewig theoretischen Individualpsychologie) praktische Konsequenzen aus ihrer Wissenschaft ziehen wollten, die Menschheit beglücken wollten, durch die Lehren aus Revolutionen neue Revolutionen hervorrufen wollten, darum merkten sie sehr lange nicht, daß ihre neue Disziplin eine psychologische Wissenschaft war, ein Pendant zur uralten Individualpsychologie. Derjenige Teil ihrer neuen Disziplin war wenigstens psychologisch, der sich mit der nun so wichtig gewordenen Volksseele befaßte. Denn auch das [10] Volk wie der Einzelmensch bestand natürlich aus so etwas wie Leib und Seele. Mit dem Volksleibe hatte sich eine andere Wissenschaft zu beschäftigen, die Nationalökonomie. Nur daß die Zeit skeptisch geworden war, in der Psychologie, in der Individualpsychologie sogar, an dem Seelenbegriff zu zweifeln begonnen hatte, um so weniger also wußte, was sie in der Völkerpsychologie mit der Volksseele anfangen sollte. In der Individualpsychologie hatte man zwar oft über eine Definition der Seele gestritten, aber erst nach zweitausendjährigem Streit um den Begriff setzte der Zweifel an der Sache ein, der Zweifel an der Existenz der Seele. Die Psychologie ohne Psyche ist das vorläufige letzte Wort nach so langer Entwicklung. Die Völkerpsychologie aber begann eigentlich gleich mit dieser Selbstverspottung. Sie war gleich von Anfang an eine Völkerpsychologie ohne Völkerpsyche. Comte und sein stärkerer Nachfolger Marx sahen in der Zukunft einen idealen Sozialismus verwirklicht, sie glaubten an Gesetze, die notwendig in eine solche Zukunft führen mußten; aber es waren nicht einmal die armen psychologischen Gesetze, die ja von immer kürzerer Dauer zu werden pflegen, es waren historische Gesetze. Der Weltgeist war, da es ein soziales „Sensorium“ nicht gab, für diese historischen Gesetze zugleich Gesetzgeber und Objekt. Der Weltgeist mußte diese Gesetze sich selbst geben; und gehorchte ihnen, oder auch nicht. Die Probe auf die Wissenschaftlichkeit dieser Gesetze, die Voraussage bestimmter Ereignisse nach Raum und Zeit, ist in Ermangelung eines „Sensoriums zwischen den Menschen“ noch weniger gemacht worden als in der Individualpsychologie. Aber die Zufallsgeschichte der Menschen wurde unter dem Namen Weltgeschichte eine Gesetzeswissenschaft. [11] Als dann Steinthal und der Direktor des neuen Unternehmens, Lazarus, die Soziologie in ihre beiden Teile spalteten, den Volksleib der rasch gewachsenen Nationalökonomie überließen und die Volksseele allein in ihrem neuen Unternehmen, der Völkerpsychologie, zu behandeln versprachen, da wußte der scharfsinnige Steinthal und der geistreiche Lazarus von der ersten Stunde an, daß sie das Objekt ihrer Wissenschaft nicht kannten, daß sie eine Volksseele, einen Volksgeist im Wachen und im Traume nie gesehen hatten. Schlimmer noch. Wenn man die Seele der Individualpsychologie nicht kannte, wenn gott- und seelenlose Menschen sogar die Existenz dieser Seele zu leugnen wagten, so hatten die Forscher doch ganz gewiß im menschlichen Gehirn das Sensorium der Seele vor Augen, das Sensorium der unbekannten Seele oder doch das Organ der Erscheinungen, Leistungen oder Illusionen, welche auch der Seelenleugner seelisch zu nennen gezwungen war. Nach der Tyrannei des Sprachgebrauchs. Wie Leute von einem „jovialen“ alten Herrn reden, die an Jupiter (jovialis von Jovis) nicht glauben. In der Völkerpsychologie nun gab es nicht nur höchst wahrscheinlich das Objekt der Wissenschaft nicht, die Volkspsyche nicht, keine Wahrnehmungen und keine Assoziationen der Volkspsyche; es gab vor allem ganz offenbar nicht: ein Sensorium der Volkspsyche. Man hätte denn, wie Newton einmal mit gläubigem Herzen den Raum zum Sensorium Gottes erhoben hatte, das Sensorium der Volksseele in den Raum zwischen den Menschen versetzen müssen. Wie die Physik den Äther zwischen die Atome schiebt. Oder wie der sog. Okkultismus die von ihm behaupteten actiones in distans erklären möchte. [12] Zu voller Klarheit über den Begriff der Volksseele wurde Steinthal erst durch seine Polemik mit Wundt gezwungen.

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