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Die Mittagsgöttin – Wilhelm Bölsche

Im Sommer 1891 hat meine Spreewald- und Spiritisten-Dichtung von der „Mittagsgöttin“ ihre Wallfahrt in diese staubige Welt angetreten. Die ganz grundschlechten Bücher, so lehrt mich Erfahrung, gehen entweder augenblicklich glänzend — oder überhaupt niemals. Mein Werk hat ein Schicksal gehabt, das mich an die mikroskopischen Rädertierchen erinnert. Ein Sonnentag weckt sie in einer Dachrinne zu fröhlichem Leben. Aber die gleiche heiße Sonne trocknet auch die Dachrinne aus, und die Rädertierchen verwehen mit dem Staube. Aber sie ertragen das in einem eingekapselten Zustande, fliegen über die Lande und erwachen eines Tages, nach Jahren, wieder am rechten Fleck, — in einer besseren Rinne. So ist mein Buch auch zehn Jahre lang ganz vertrocknet und verloren gewesen; dann aber ist es Wiedergekommen und lebt. Ich meine also, daß es zu jenen ganz schlechten doch nicht gehören kann. In der Dichtung steckte, als sie geschrieben wurde, viel Persönliches. Die Bekenntnisform war vielfach mehr als eine künstlerische Maske. Ich selbst stand vor meinem dreißigsten Geburtstag, wie der Held des Romans, als ich ihn erfand. Ich selbst fühlte nach manchem Lebensjahr des Grübelns und Philosophierens den Zauber einer Mittagsstunde mit der glutheißen Sonne im Zenit über mir. Lange und ernst hatte ich mich mit dem Spiritismus herumgeschlagen; ich hatte mit der berüchtigten Frau Töpfer experimentiert und durfte mich theoretisch wohl als Sachkenner der ganzen spiritistischen Literatur betrachten. Zwangsweise lebte ich damals in den Stimmungen der Großstadt und suchte mich wie jeder brave Poet, der ißt, was er hat, mit ihnen dichterisch auseinander zu setzen. Aber auch mich ergriff in den Tagen eines Frühlings- und eines Herbstaufenthaltes doppelt darum der Landschaftszauber des lieben Spreewaldes mit seiner geheimnisvollen Stille, mit seinem romantischen Rest eines Urwaldes und Urvolkes, mit seinen leuchtenden Farben der wasserdurchtränkten Scholle und seinen Naturgespenstern. Seitdem ist viel Zeit verrauscht. Und doch fühle auch ich mich heute im Innersten noch als das alte Rädertierchen. An meiner Stellung zur Hauptsache, zum Spiritismus, hat sich bis auf diese Stunde so gut wie gar nichts geändert. Noch heute achte ich die Lauterkeit des Strebens in ihm, noch heute begreife ich und ehre ich die Motive; und noch heute mißachte ich alle bisher von ihm vorgebrachten „Tatsachen“ und vermisse ihre Beweiskraft, so weit meine eigene Kraft und Weisheit darüber reicht. Aber noch heute sage ich auch, daß eine Dichtung, die einen einzelnen Fall konstruiert, wohl einen Stimmungsausdruck, aber keine sachliche Widerlegung bedeutet, weder nach der einen noch nach der anderen Seite. Mein eigenes Denken über die großen Rätselfragen des Menschen, des Lebens, der Natur hat sich um ein gutes Stück vertieft in diesen Jahren, ohne daß ich den Spiritismus selber dazu nötig gehabt hätte. Wahrscheinlich, wenn ich das Werk heute noch einmal zu schreiben hätte, würde ich seinem Schluß einen freieren Augenaufschlag geben. Aber eine Dichtung ist ein Organismus, an dem man nicht nachträglich Glieder abschneiden und ansetzen soll. Ich finde auch nach wie vor, daß wenigstens die dichterische Komposition in sich, so wie sie einmal angelegt war, vollkommen geschlossen ist, mit diesem herben Schluß voll Negation und Resignation. Als die „Mittagsgöttin“ erschien, rauschte bei uns in Deutschland gerade die Hochflut des Naturalismus.


Um der Umständlichkeit seiner Lokalschilderungen willen und vielleicht auch wegen gewisser kritischer Neigungen des Verfassers ist das Buch gelegentlich zu den naturalistischen gerechnet worden, ja ich habe wohlgemeinte Kritiken gelesen, in denen es als extremes Beispiel eines doktrinär langweiligen Naturalismus heruntergemacht wurde. Dem kann ich nun heute nur mit einem friedlichen, aber sehr sicheren Lächeln meine eigenste Meinung entgegenstellen: daß ich diese Spreewälder Gespenstergeschichte für eine durch und durch romantische Dichtung halte. Romantisch nicht im Pseudo-Sinne wüster Darauflosfabelei. Sondern in der ernsteren Deutung, die das Wort bei allen echten Geistern immer gehabt hat. Ich meine so, daß Seelenschichten berührt werden, die real da sind, einstweilen aber doch nur von der Kunst recht ergriffen werden können, während die realistische Sachforschung auf ihrem heutigen Wege noch nicht dazu kann. In dieser Fassung ist allerdings (was die Worte versöhnt) Romantik selbst schließlich nur wieder ein allerfeinster Naturalismus. Für meinen Fall verstehe ich auch das aber nicht etwa so, daß es nun gerade die Realität spiritistischer Phänomene decken sollte. Die Helden dieser wunderlichen Geschichte, scheint mir heute, suchen mit einem ungeheuren Aufwand ein Geheimnisvolles hinter den Dingen. Aber sie erfahren dabei etwas von dem Los des alten Bibelhelden, der auf der Suche nach Eselinnen eine Königskrone fand. Sie stoßen auf die viel wunderbareren, viel geheimnisreicheren Imponderabilien in den Dingen, — auf die Wunder sinkender, steigender, sich entwickelnder Menschenseelen, auf die unergründlich tiefen Geheimnisse, die in jedem Schicksal eines Menschen überhaupt liegen. Nicht was dort, in der künstlich beschworenen Gespensterwelt, erreicht oder, der künstlerischen Schlußlösung entsprechend, nicht erreicht wird, ist das Entscheidende in diesem echten und brauchbaren romantischen Sinne, sondern einzig und allein dieser Feldzug, den die Geschichte vollführt in solche schlichten Seelenprobleme selbst hinein, die immer wieder jenes größte aller Wunder enthalten. Der Philister mag sagen: wir bleiben also trotz allen Aufwandes, der vertan, in der banalen Alltäglichkeit. Darum ist er aber eben der Philister, weil er das Allermerkwürdigste, das ewig neu Rätselschwangere mit einem solchen Wort abgetan glaubt. Es ist das Wort, das ihn abtut, aber nicht die Dinge. So etwa würde das der Hauptheld meiner Geschichte nach einer Reihe von Jahren in psychologischer Konsequenz wohl auch ausdrücken. Da er’s nicht kann, macht es der Autor für ihn, wobei freilich vieles sonst noch zu sagende unter den Tisch fallen mich für ein andermal. Denn wie das alles nun sei: — ich selber habe das Buch damals abgeschlossen mit der Hoffnung, ich würde noch einmal in einem anderen Dichterwerke fortsetzen, was hier angesponnen war, — nicht diese Geschichte selbst, aber den Ideenfaden, der ihre Arabesken fest durchschlingt. Diese Hoffnung ist inzwischen gereift. Wenn der Staub in der Dachrinne Auferstehung feiert, werden nicht bloß die alten Rädertierchen wieder lebendig, sondern es geht auch ein lustiges Geschlecht von neuen aus. Ein zweites Werk soll das Märchen von der „Mittagsgöttin“ ideell wirklich zu Ende erzählen. Friedrichshagen, am Müggelsee bei Berlin Wilhelm Bölsche

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