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Beiträge zu einer Kritik der Sprache – Fritz Mauthner-5

Die Logik stellt, wie die Grammatik, allgemeine Regeln auf. Die Grammatik der eigenen Sprache lehrt nicht, wie man sprechen soll oder wird, sondern nur, wie man spricht oder gesprochen hat, wofür sich eben nur der Grammatiker interessiert. Die Grammatik einer fremden Sprache erfährt man ebenfalls am besten durch die Übung; immerhin kann die Grammatik einer fremden Sprache nützlich sein, wenn sie von der Grammatik der eigenen abweicht. Die Logik lehrt nun ebenso, nicht wie man denken soll oder wird, sondern nur wie man denkt oder gedacht hat, was doch nur den Logiker interessiert. Nützlich kann uns nur eine Logik der Fremden werden. Wir selbst sind bei unserer eigenen Denktätigkeit um so weiter von der Anwendung der Logik entfernt, je sachlicher wir uns an die Denkaufgabe halten. Und ich möchte behaupten, dass die berühmten Denkfehler, die Sophismen und Paralogismen, niemals von Nichtlogikern gemacht worden wären. Denn das natürliche Gehirn denkt gar nicht ungegenständlich, wendet gar keine Regeln an, sondern urteilt und schließt vielleicht sogar genau so instinktiv wie das Tier. Erst der redende Mensch dachte „logisch“. Es ist fast lustig, dass Logik vom logos stammt, der doch nicht im Anfang war. Denken und Sprechen Das Verhältnis zwischen Begriff und Wort könnte aufschlußreich werden für das Verhältnis zwischen Denken und Sprechen. Wir erklären Denken und Sprechen immer aufs neue für identisch und müssen doch auf Schritt und Tritt zugeben, dass der Sprachgebrauch immer wieder einen Unter schied mache zwischen Denken und Sprechen, dass also die Identität nur auf Grund einer besondern Definition beider Begriffe zu Recht bestehe. Reden wir doch, ohne dem Sprachgebrauch Gewalt anzutun, sowohl von einem gedankenlosen Sprechen als von einem nicht nur wortlosen Denken (was ein inneres Sprechen sein kann), sondern geradezu von einem vorsprachlichen Denken (Bd. I. 181 f.). Zunächst möchte ich in sprachlicher Beziehung bemerken, dass der Begriff Denken wirklich nicht völlig der Korrelatbegriff von Sprechen ist. Eigentlich müßten wir ein besonderes Verbum für die Anwendung der Vernunft besitzen, das etwa dem französischen raisonner entspräche. Die einstige Übersetzung dieses Wortes, „vernünfteln“ nämlich, hat wegen ihrer ungeschickten Bildung einen tadelnden Beigeschmack bekommen. Unser Begriff Denken würde dann für die Bedeutung übrig bleiben, welche auch raisonner im Sinne von Schließen besitzt, und wir könnten unsern Ausdruck „schließen“ als den sprachlichen Korrelatbegriff für Denken gebrauchen. Ich will mit diesen Bemerkungen keine neuen Vorschläge machen; ich will nur auf die Schwierigkeiten der Terminologie aufmerksam machen. Nach dem gegenwärtig üblichen Sprachgebrauche verwirren sich nämlich die Korrelatbegriffe mit ihrer Komplikation. Wir gehen einerseits vom Begriff zum Urteil, zum Schlüsse und zum Denken über, anderseits vom Worte zum Satze, zum Schlüsse und zur Sprache. Auf den beiden untern Stufen ist die Beziehung der beiden Korrelatbegriffe noch einigermaßen deutlich, auf der dritten Stufe fehlt die sprachliche Unterscheidung, auf der vierten Stufe herrscht vollkommene Wirrnis. Darum muß es nützlich sein, auf einige Beziehungen zwischen Begriff und Wort hinzuweisen.


Begriffe und Bilder Ich schicke voraus, was an späteren Stellen weiter ausgeführt wird, dass diese Stufen: Begriff, Urteil und Schluß der herkömmlichen Logik nachbenannt sind und mit der psychologischen Entstehung dessen, was wir so nennen, gar nichts zu tun haben, dass dem Begriffe fast immer ein Urteil, dem Urteile fast immer ein Schluß vorausgeht und dass aus diesem Verhältnisse übrigens die Wertlosigkeit der Logik deutlich wird. Ich schicke voraus, dass unsere sogenannten Vorstellungen, welche wir durch Begriffe oder Worte auszudrücken glauben, erst durch unsere Bemühung, Begriffen oder Worten ein Objekt unterzuschieben, in unser Bewußtsein hinein kommen. Fast alle diese Vorstellungen sind bei normaler Geistestätigkeit freilich Erinnerungen, aber nicht irgendwie wahrnehmbare, wenn auch noch so abgeblaßte Erinnerungsbilder, sondern einzig und allein Tätigkeiten unseres Gedächtnisses (vgl. auch Bd. I. S. 454). Wäre dem nicht so, wäre die Erinnerung nur ein Erinnerungsbild, welches durch Wort oder Begriff hervorgerufen wird, so hätte die Sprache gar keine solche Bedeutung für den Menschen, so könnte das Tier ohne Sprache ebenso gut denken wie der Mensch. Denn es läge gar kein Hindernis vor, dass z. B. die Geruchsempfindungen dem Hunde ebenso Vorstellungen brächten wie die Worte dem Menschen und dass der Hund so allmählich dazu käme, sich mit Hilfe seines Geruches zur Wissenschaft zu erheben wie der Mensch mit Hilfe der Lautsprache. Dagegen jedoch sträubt sich unsere Überzeugung vom inneren Leben oder von der Psychologie des Hundes. Wir können es uns nicht anders vorstellen, als dass beim Hunde die gegenwärtigen Gerüche bloß Ideenassoziationen knüpfen und dass bei der flüchtigen und mangelhaften — ich möchte sagen — Artikulation der Geruchsempfindungen auch die Ideenassoziationen der Artikulation, der weiteren Brauchbarkeit entbehren. Hört der Mensch ein ihm wohlbekanntes Wort, so steigt nur in Ausnahmsfällen ein Bild vor ihm auf, was dann fast pathologisch als Sinnestäuschung aufgefaßt werden kann; in normalen Verhältnissen wird nur eine Kette oder ein Gewebe, ein Netz oder noch richtiger eine kleine Welt, ein Mikrokosmos von Ideenassoziationen angeregt, fast ohne Beteiligung der Sinnesorgane, fast ganz ohne Bewußtsein, und zu diesem Mikrokosmos (der nicht eindimensional wie eine Kette, der nicht zweidimensional wie ein Gewebe oder ein Netz, sondern dreidimensional oder, in Hinsicht auf die Zeit, vierdimensional wie eine Welt ist) gehören auch unzählige Ergebnisse von Schlüssen und Urteilen. die also dem Gebrauche des Begriffes vorausgehen, wie sie einst der Entstehung des Begriffes vorausgegangen sind.

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