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Beiträge zu einer Kritik der Sprache – Fritz Mauthner-4

Grammatik und Logik – Sprachen und Logiken – Redeteile – Ordnung – Substantiv und Adjektiv – Substantiv und Verbum – Kategorien subjektiv – Interesse und Artbegriff – Demokratie und Tyrannei in der Grammatik – Unbestimmtheit der Kategorien – Genitiv – „Ich“ das gemeinsame Objekt – Intransitive Verben – Entstehung des Transitiven – Akkusativ – Das Geschlecht – Geschlecht und Sprachgebrauch – Das dritte Geschlecht – Plural – Passivum – Gegenwart – Zeiten – Raumdimensionen – Unbestimmtheit der Zeitformen – Präsens – Zeitloses Präsens – Kategorien der Rangordnung – Ursprung der Sprache – Der Satz – Flexion – Vokativ und Imperativ – Flexionen aus Richtungsworten entstanden Grammatik und Logik Es liegt die Tatsache vor, dass einerseits das Denken sich in den Formen der Grammatik bewegt (natürlich, da Sprache Denken ist und die jeweilige Sprachform einer Menschengruppe auch ihre Denkform sein muß), dass anderseits dasselbe Denken nach dem Glauben der Logiker die logischen Formen annehmen muß, um bestehen zu können. Daher die immer gestellte und immer noch nicht beantwortete Frage: wie sich Logik und Grammatik zu einander verhalten. Die Alten konnten diese Frage so scharf noch gar nicht fassen, weil sie ihre Logik (eben die Formen ihrer Sprache) fertig hatten, bevor sie anfingen, eine bescheidene Grammatik aufzubauen. Daher das Vorrecht der Logik, welches auch darauf zurückzuführen ist, daß die Philosophie in ihrer Kindheit die abstraktesten Fragen zuerst und am liebsten aufgriff; dieses Vorrecht der Logik hat zur Folge gehabt, dass man bis auf unsere Zeit die Frage immer so stellt: Wie verhält sich die Grammatik zur Logik, etwa das Zufällige zum Absoluten? Für etwas Absolutes, für ein metaphysisches Himmelsgeschenk wurde die Logik ja von allen Aristotelikern gehalten, dieser Menschenbau, der sich von anderen Menschenbauten nicht einmal durch seine Beständigkeit unterscheidet. Gegenüber den vielfachen Versuchen, die Grammatik nun dadurch zu heben, daß man in ihr dieselben göttlichen Qualitäten wie in der Logik suchte und fand, war eine Eeaktion unvermeidlich. Gegenwärtig behauptet man nicht mehr eine Identität der (niederen) Grammatik und der (höheren) Logik; man begnügt sich damit, etwa einige vermeintlich göttliche Spuren der Logik in der Grammatik nachzuweisen. Und ein besonders kritischer Forscher wie Steinthal wollte erkennen (Abr. d. Spr. I 62), dass die Sprache unabhängig von der Logik ihre Formen in vollster Autonomie schüfe. Diese Erkenntnis mußte sich ihm aufdrängen, wenn er die Fülle der verschiedenartigen Sprachformen mit der (auch von ihm geglaubten) heiligen Einheit der Logik verglich. Sehen wir aber in der überlieferten Logik nichts als eine höchst scharfsinnige Auseinandersetzung zwischen Aristoteles, dem ordnungsliebenden Klassifikator, und seiner griechischen Gemeinsprache, so wird der Satz Steinthals etwas bescheidener also zu lauten haben: die modernen Sprachen schaffen sich ihre Formen in vollster Autonomie, (beinahe) unabhängig von den griechischen Formen. Man kann es ebenso als etwas Neues verkünden: die griechische Mythologie oder aber der Mohammedanismus habe sich unabhängig von der Theologie des heiligen Augustinus entwickelt. Nun ist es — und das ist wieder einmal ein hübsches Beispiel für die Unzulänglichkeit der Sprache und der Logik — etwas ganz Anderes, ob man behauptet, Grammatik sei mit der Logik, oder ob man sagt, Logik sei mit der Grammatik identisch. Ich meine mit diesen Worten natürlich: es sei ganz was Anderes, ob man die Grammatik zum Range der Gottheit Logik erheben wolle oder ob man die Logik zum Range der Dienstmagd Grammatik erniedrige. Die Sprache ist, wie ich nicht müde werden darf zu wiederholen, nichts als das mangelhafte Mittel der Menschen, sich in ihrer Erinnerungswelt zurechtzufinden, das Gedächtnis, das heißt ihre eigene Erfahrung und die ihrer Ahnen, auszunützen, mit aller Wahrscheinlichkeit, daß diese Erinnerungswelt der Wirklichkeitswelt ähnlich sein werde. Die Grammatik jeder Sprache ging von der Wirklichkeitswelt aus, schuf aber dann in der Erinnerungswelt selbständige Bequemlichkeiten, Omnibusse, Assoziationen, Gleise. Die Logik hatte nichts als die grammatikalische Sprache, um sich daran zu halten; aber die Logik ist doch nur ein Sammelname für die Bemühung, in der Erinnerungswelt den Lageplan der Wirklichkeitswelt nicht zu verlieren oder vielmehr ihn zu finden. Grammatik und Logik sind also nur verschiedene Seiten der gleichen Menschensprache. Grammatikalisch gut heißt die Sprache, wenn sie zumAustausch der Erinnerungswerte bequem, glatt, leicht ist; logisch gut heißt sie, wenn die Erinnerungswerte den Wirklichkeitswerten nicht zu fern sind. Es ist wie auf einem großen Bahnhof. Es ist wünschenswert, daß die Schienen im richtigen Abstand, im richtigen Profil, nicht verrostet usw., also durchaus grammatikalisch seien; es ist auch wünschenswert, dass die Schienen mit allen Weichen jedesmal den allein wirklichen Bewegungen der Eisenbahnzüge entsprechen, dass sie logisch geordnet seien. Ein Unglück kann sowohl durch Holprigkeit der Schienen wie durch falsche Weichenstellung entstehen; falsche Grammatik und falsche Logik sind gleich gefährlich. Gewöhnlich aber werden holprige Schienen nur als unangenehm empfunden, unrichtige Anordnungen erst erzeugen sicher Katastrophen.


So ist es zu erklären, dass die Sprache einen richtigen Gedanken, wenn er ungrammatikalisch ausgedrückt wird, wie z. B. „eine Kreis sind runde“, unangenehm empfindet; über einen Unsinn jedoch, wenn er sich grammatikalisch ausweisen kann, wie z. B. „der Kreis ist eckig“ (unter Umständen ein Unsinn), mit einer gewissen Ruhe hinübergleitet. Die Katastrophe kommt nachher, nicht durch die Logik, nicht durch falsche Schlüsse, sondern durch die ganze Gleisanlage, die sich in dem grammatikalisch richtig ausgedrückten logischen Unsinn eben nur verrät. * * * Sprachen und Logiken Die Linguisten haben schon gezeigt, dass unsere Grammatik nicht die aller Sprachen, daß sie vielmehr gar sehr nur die einer Minderheit ist. Es wäre eine schöne und fast unlösbare Aufgabe der Fachleute, die Logiken der anderen Sprachgruppen zu schreiben. So, wie das aber bisher versucht worden ist, scheint mir jeder Versuch ergebnislos zu sein. Jeder Versuch, die Logik der dravidischen, chinesischen usw. Sprache durch Vornahme einer Übersetzung in die Muttersprache zu gewinnen, wird zu einer ungewollten Fälschung. A. Stöhrs „Algebra der Grammatik“ will die Grundzüge einer neuen Kunstsprache bieten, ohne Rücksicht auf die Grammatiken der Wirklichkeit, aber er ist zu gläubig für die Logik und ihre Algebra; solche Versuche sind oft nur Äußerungen unfruchtbaren Scharfsinns. Sigwart läßt sich (I. 29) die Äußerung entschlüpfen, er könne nur innerhalb der entwickelteren Sprachen eine Logik aufstellen wollen. Dieses Geständnis ist wertvoll. Die ganze Logik des Aristoteles ist nichts als eine Betrachtung der griechischen Grammatik von einem interessanten Standpunkte aus. Hätte Aristoteles Chinesisch oder Dakotaisch gesprochen, er hätte zu einer ganz anderen Logik gelangen müssen, oder doch zu einer ganz anderen Kategorienlehre. Wir Europäer nennen diejenigen Sprachen die entwickelteren, welche für die verschiedenen Kategorien der Logik besondere Redeteile besitzen, als Dingwörter, Eigenschaftswörter usw. Nun scheint es keine Frage zu sein, dass Aristoteles, der Meister aller Logiker, die Kategorien aus den Redeteilen geschöpft habe. Wenn das nicht der Schnitzer des Zirkels ist, dann gibt es keinen circulus vitiosus. Und es ist wohl zu erwägen, ob unsere entwickelteren Sprachen, welche für den Körper der Frucht, für ihre Farbe und für ihr Duften besondere Kategorien geschaffen haben, welche zwischen der Erdbeere, ihrer Eigenschaft rot und ihrer Tätigkeit duften unterscheiden, ob diese entwickelteren Sprachen nicht das Eindringen in das Innerste der Natur erschwert haben. Köpfe wie Locke und Kant waren nötig, um unser Denken aus den Schubfächern dieser Sprache zu befreien. Was da zur Erdbeere schwillt, was da rot ist und was da duftet, ist ja doch nur eins. Dazu kommt noch, dass die Naturwissenschaft auf ihrer gegenwärtigen Höhe mit den alten Kategorien der Sprache nichts mehr anzufangen weiß.

Wie plump und veraltet ist eigentlich der Unterschied zwischen Eigenschaft und Tätigkeit. Für unsere gegenwärtige Wissenschaft lösen sich alle Eigenschaften in Bewegungen, also Tätigkeiten auf. Wärme ist Bewegung oder Tätigkeit. Der hohe Ton reizt unsere Gehörkörperchen nur häufiger als der tiefe. Die rote Farbe der Erdbeere ist — immer nach der heutigen Anschauung der Wissenschaft — eine Bewegung des imaginierten Äthers, die auf unsere Netzhaut wirkt, der musikalische Ton c ist eine Bewegung der so viel „materiellern“ Luft; nur gerade das Duften, das doch durch ganz materielle Teilchen des Stoffes an unser Organ gelangt, ist von der materialistischen Physik noch nicht so genau „erklärt“ wie die Vorgänge beim Sehen und beim Hören. Wäre also unsere Sprache auf gleicher Höhe mit der Wissenschaft, so wäre alles Kategorienwerk schon längst durcheinander geworfen. Wir hätten dann freilich anstatt einer fertigen und so ererbten Gemeinsprache nur eine werdende Fachsprache, die nur ein Bruchteil der Menschen verstehen könnte. Die Sprache, deren sich auch die Wissenschaft bedient, ist aber ein Massenprodukt. Eine entwickeltere Sprache wäre die, welche seit R. Mayer, Helmholtz und Mach gelernt hätte, die alten Eigenschaftsbegriffe der Farben, des Lichts, der Wärme usw. durch Verba, und zwar durch transitive Verba auszudrücken. Solche Änderungen kann der Einzelne nicht machen. Und ich weiß ganz gut, dass es die Menschen „lächern“ würde — der Ausdruck ist in der Schweiz üblich — und sie wundern, wenn ein Gelehrter sagen wollte: der Baum „grünt“ mich, anstatt: der Baum ist grün.

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