| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Beiträge zu einer Kritik der Sprache – Fritz Mauthner-3

In dem Vorworte zur ersten Auflage des zweiten, des sprachwissenschaftlichen Teiles der Sprachkritik habe ich mich etwas lebhaft gegen die zünftlerische Behandlung des ersten Bandes gewandt; ich möchte jenen Zornausbruch nicht wieder abdrucken. Ich bin in den abgelaufenen zehn Jahren älter und heiterer geworden, ich habe die zweite Auflage herausgeben dürfen und habe es erlebt, dass die philosophischen und philologischen Fachmänner mein Buch gern benützen. Sehr viele Fachmänner haben die sprachkritischen Ideen meines Werkes an Kindes Statt angenommen; und wenn einige von ihnen bei dieser Adoptierung den Entschluß gefaßt haben, den Vater dieser Ideen nicht zu kennen, so ist das schlimmer für sie als für mich. Es ist eine der feinsten Freuden, zu beobachten, wie die eigenen Gedanken in fremden und wissenschaftlich guten Köpfen weiterarbeiten. Ernstlich. Es ist für den geistigen Arbeiter eine reine Freude, die Anregungen, die auszugestalten über seine Kraft ging, von anderen fleißigen Arbeitern durchgeführt und verbessert zu sehen. Hätte ich in die neue Auflage aufnehmen können und sollen, was ich aus der wissenschaftlichen Literatur der letzten zehn Jahre etwa hinzugelernt habe, so hätte der Band leicht seinen doppelten Umfang angenommen; ich habe mich darum mit einer Feilung der Darstellung, der Heranziehung zwingenderer oder gesicherterer Beispiele und endlich mit einigen Zusätzen begnügt, die hoffentlich den Wert meines Buches nicht vermindern werden. Eine Häufung von Beispielen und Zusätzen hätte die suggestive Kraft der Kapitel über die Bedeutung der Metapher und über die Geschichte der menschlichen Vernunft vielleicht verstärkt; aber was mir zumeist am Herzen liegt, die Beziehung dieser Untersuchungen zu den erkenntnistheoretischen Hauptfragen, wäre durch philologische Überfülle kaum klarer geworden. Einen Hauptpunkt meiner sprachwissenschaftlichen Lehre, die sich der orthodoxen gegenüberstellt, die Lehre von der Wichtigkeit der Entlehnungen und Lehnübersetzungen für die Sprachgeschichte, habe ich ausführlich in der Einleitung zu meinem „Wörterbuch der Philosophie“ dargestellt. Meersburg a. Bodensee, Februar 1912. F. M. I. Was ist Sprachwissenschaft? Wer eine Sprachwissenschaft zu geben verspricht, der vermeint wohl immer, alle Tatsachen innerhalb seines Gebietes gesammelt und geordnet zu haben und demnach die Gesetze der Sprache zu kennen; wer nur kritisieren will, der verspricht nur genau zu beobachten. So kann der Reisende im fremden Land die Sitten des Volkes beschreiben, ohne die Gesetze des fremden Landes zu kennen; kannte er sie, so wäre er nicht viel besser daran, denn die Sitten wären durch die Gesetze nicht erklärt. Eher umgekehrt. Ich will aber dem deutschen Gebrauche nicht ausweichen, der an die Spitze einer Untersuchung gern eine Darstellung der Hauptbegriffe stellt, ihren Inhalt und Umfang, und für jede Spezialwissenschaft einen abgeschlossenen Kreis beansprucht — und wäre das Kämmerchen auch n u r ideal durch einen Kreidestrich, einen Federstrich, ein Wort abgegrenzt. Was ist Sprachwissenschaft? Und welche Stelle im System der Wissenschaften nimmt die Sprachwissenschaft ein? Sprachgeschichte Da habe ich zunächst zu erwidern, dass ich nicht einsehen kann, was in aller Welt Sprachwissenschaft sein sollte, wenn sie nicht Sprachgeschichte wäre. Die Sprachwissenschaft will die sprachlichen Erscheinungen erklären, das heißt möglichst genau beschreiben. Erkläre einer aber einmal einen Gebrauch anders als durch die Geschichte des Gebrauchs. Diese Art von Erklärung ist die notwendige Ergänzung jeder Beschreibung; wie bei jedem Stücke einer Naturaliensammlung hinzugefügt werden sollte, wo es herkommt. Der gegenwärtige Gebrauch der Wortformen und Ableitungssilben, die gegenwärtige Bedeutung der Worte und Bildungsformen, die gegenwärtige Syntax, alle Erscheinungen der Sprache sind nur mit Hilfe ihrer Geschichte genau zu beschreiben. Und wenn die Sprachwissenschaft sonach wesentlich Sprachgeschichte sein muß, so kann sie anderseits nicht mehr als das sein, weil all ihr Wissen mit der Erklärung des gegenwärtigen Zustandes erschöpft wäre. Hätte die Sprachwissenschaft wirklich, wie allgemein behauptet wird, Sprachgesetze entdeckt, so wären es eben auch nur Gesetze der Sprachgeschichte, sogenannte historische Gesetze.


Die Verwirrung der Begriffe „Geschichte“, „Beschreibung“ und „Wissenschaft“ läßt sich öfter beobachten und verrät eine gewisse Unsicherheit bei den Gelehrten. Heute neigt der gelehrte Sprachgebrauch dazu, unter dem Worte Naturwissenschaft die Gesamtheit aller Naturgeschichte zusammenzufassen, von den Hypothesen über die Weltentstehung, die auf der Astronomie oder der Himmelsbeschreibung beruhen, bis zur Erzählung der durch schriftliche Denkmäler verbürgten Abenteuer der Menschen, welche wirklich allzu unbescheiden Weltgeschichte heißt. Vor wenigen Jahrzehnten noch hieß Naturbeschreibung die Armseligkeit, welche man den kleinsten Schuljungen aus der Naturwissenschaft darbot. Sprachvermögen Über die Stellung der Sprachgeschichte ist damit noch nichts entschieden. Es werden die Wissenschaften gern nach den sogenannten Kräften eingeteilt, welche den Erscheinungen des betreffenden Gebietes — ich möchte fast sagen: präsidieren. Danach gibt es eine Mechanik, eine Biologie, eine Soziologie usw. Die Kraft, welche die Veränderungen in einer Menschensprache veranlaßt, ist oft gesucht, aber noch nicht entdeckt worden. Sie ist möglicherweise in Beziehung mit dem berühmten Sprachvermögen. Was ließe sich nicht alles über Kraft und Vermögen zusammenschwatzen! Es ist für die in der Sprachgeschichte tätige Kraft noch nicht einmal etwas von den Gleichmäßigkeiten aufgefunden worden, die man in anderen Wissenschaften ihre Gesetze nennt. Man achte auf diese Hilflosigkeit der Sprachgesetzforscher, die gerne Sprachgesetzgeber sein möchten, jedesmal dann, wenn der Sprachgebrauch noch schwankt, also eine Änderung der Sprache vor unseren Augen und unter unserem Zeugnis vor sich gehen soll. Da überlegen die Forscher zunächst, ob ein Bedürfnis für das neue Wort vorliegt? Ein Narr wartet auf ihre Antwort; denn nicht ihre Entscheidung urteilt über die Bedürfnisfrage, sondern erst, nachdem das neue Wort gesiegt hat oder unterlegen ist, werden sie sich klar darüber, ob sie von einem Bedürfnis reden dürfen oder nicht. Da überlegen die Forscher weiter, ob die Neubildung mit dem Sprachgesetze vereinbar sei? Wieder wartet nur ein Narr auf Antwort; denn die Sprachgesetze, sind das Sekundäre, und die Neubildung kümmert sich nicht im geringsten darum, ob durch den kleinsten ihrer Buchstaben der ganze Bau der bisher geltenden Sprachgesetze einen Stoß bekommt öder nicht. Wie die Hebammen um die kreißende Frau, so sitzen die Forscher in solchen Zeiten um die schwangere Sprache herum; sie nähren sich gut und plappern dafür über die Gesetze und die Kraft, die Knaben oder Mädel schafft; ob es aber ein Mädel oder ein Knabe geworden ist, das erfahren sie erst nachher. Es ist demnach nichts mit der Kraft (Energie), welche den Erscheinungen der Sprache zugrunde liegen soll. Nach ihr kann die Sprachgeschichte nicht in das System der Wissenschaft eingestellt werden. Wir müssen uns also an die Erscheinungen selbst halten. Da müssen wir doch auf den ersten Blick sehen, ob die Erscheinungen der Sprache zur Natur oder zum Geist gehören. Ich möchte gern gegen den Leser und gegen mich großmütig sein und alle diese Begriffe als wohlbekannt voraussetzen; aber ich kann wirklich von einer leisen Berührung aller dieser abstrakten Dinge nicht absehen. Die Materialisten leugnen den Geist, die Spiritualisten leugnen die Natur; und beide haben recht mit dem, was sie sich etwa bei diesen Worten denken. Es sind langlebige Worte, in welche seit Jahrhunderten jedes Geschlecht gewisse Unklarheiten seiner Weltanschauung hineinwirft. Doch selbst wenn wir definieren könnten, was Natur sei und was Geist, was Naturwissenschaft und was Geisteswissenschaft, was nützte es uns im Einzelfalle? Wollte ich einmal den eben auf das Papier fließenden Punkt über dem i des Wortes Papier ganz genau beschreiben, ganz genau, so weit meine Kenntnis überhaupt reicht, so müßte ich alle Naturgeschichte, von der Astronomie bis zu meinem heutigen Frühstück, alle Geisteswissenschaften, insonderheit die Menschengeschichte, und nicht minder alle Philosophie, soweit ich sie kenne, zusammensuchen und käme damit zu einer leidlichen Beschreibung des Punktes auf dem i. Denn alle Wirkung ist unendlich in Zeit und Raum. Selbstverständlich wäre der gesamte bisherige Weltlauf ebenso die einzig genaue Erklärung für das kleine Häufchen, welches eben neben mir die Fliege an der Fensterscheibe absetzt. Und wenn ich nicht jedes Geschehnis der Welt so eingehend erklären müßte, so könnte ich doch, oder so könnte doch eine Gesellschaft von Gelehrten alles jemals von Menschen Gewußte und auf uns Gekommene vollständig und systematisch an den Tintenpunkt über dem i oder an das Pünktchen Fliegendreck knüpfen. Ich gestehe gern, dass dieses System bei großen pädagogischen Vorzügen doch manche Mängel besäße.

Aber ernsthaft festgehalten wissen möchte ich, dass jede systematische Ordnung menschlichen Wissens, jedes System der Wissenschaften eine Frage der Bequemlichkeit ist. In unseren Lehrbüchern können wir nur deshalb die strenge Abgrenzung der Wissenschaften durchführen, weil wir jedesmal von der Wirklichkeit absehen, weil wir immer schematisieren. In der weiten Welt der unzählbaren Wirklichkeiten gibt es nicht 3 und nicht 4, wie in unseren Rechenaufgaben; es gibt immer nur drei Kirschen und vier Stachelbeeren. Es gibt keine Kristallformen ohne ihr Material. Es gibt kein Licht ohne seinen Körper, von dem es strahlt. Es gibt keine formale Logik ohne Inhalt. Es gibt kein Denken ohne Sprache.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |