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Novellen in Versen – Paul Heyse

Es giebt ein Buch, vor Zeiten vielbewundert, Bei Niedrigen und Hohen wohlgelitten, Ein welterfahrner Tröster, dessen hundert Geschichtlein sanft in Ohr und Herzen glitten, In unserm höchst anständigen Jahrhundert Verpönt indeß ob allzufreier Sitten, Ein Lustwald voll der schönsten Abenteuer, Nur, wie die Sage geht, nicht ganz geheuer. Doch Stellen giebt’s in dem verrufnen Hain, Die selbst der lieben Jugend ungefährlich. Von Belladonnen sind die Wiesen rein, Der Weg für guten Wandel unbeschwerlich; Kein schnöder Faun grins’t unverschämt darein, Der strengen Mütter Aufsicht wird entbehrlich, Und lose Vögel plaudern von Geschichten, Zwar auch verliebt, doch zügellos mit nichten. Solch ein Geschichtlein – wenn ihr lauschen wollt – Gelüstet mich, daß ich im Reim erzähle. O wären meine Verse helles Gold Zu würd’ger Fassung diesem Lichtjuwele! Nie ward der Schönheit Huldigung gezollt Andächtiger von einer Dichterseele, Nie hat Boccaz sich höhern Flugs erhoben – Doch still! Ich will erzählen – ihr mögt loben! Der Ort ist Cypern, jenes Sonnen-Eiland, Um das ein Sagenmeer melodisch brandet; Die Heimath Fortunats, wo kläglich weiland Der beiden Söhne Lebensschiff gestrandet; Auch edle Ritter, glühend für den Heiland, Sind öfter hier, als nöthig war, gelandet. Wer kennt nicht Cyperkatzen, Cyperweine Und Venus Cypria mit ihrem Haine! »Zeit: die poetische!« wie Hebbel sagt, Und schwerlich meint er die maschinenreiche, Die sich als überklug und alt verklagt, Macht sie auch noch die jüngsten dummen Streiche. Indeß, so leidlich sie mir sonst behagt, Zuweilen lohnt sich’s, daß man ihr entweiche Zu Menschen in verschollne Zeitenfernen, Die noch das Leben nicht aus Büchern lernen. Auf Cypern also und vor grauen Jahren Gab’s einen Kaufmann, reich an Geld und Gut, Dem stets bewahrt vor Stürmen und Corsaren Manch wackres Schiff sich schaukelt’ auf der Flut. Und doch die liebsten seiner Güter waren Ihm seine Söhne, frisch an Seel’ und Blut. Ergötzt uns ja zumeist von allen Gaben Was wir nächst Gott uns selbst zu danken haben. Nur Einer war zu seinem Gram geboren, Der Schönste zwar, und doch sein steter Kummer. Jedwede Mühe schien an ihm verloren, Den trägen Geist zu rütteln aus dem Schlummer. Er ging umher, wie mit verschlossnen Ohren, Verschlossnem Mund ein Tauber und ein Stummer, Und mußt’ er einem ja ein Wörtlein gönnen, Hätt’ ihn ein Kind an Witz beschämen können. Er hieß Galeso. Doch bei allen Leuten War’s Brauch, daß sie ihn nur Cimone hießen. Dies dunkle Wort weiß ich euch nicht zu deuten, Da ich des Cyprischen mich nie beflissen. So was wie »Tölpel« wird es wohl bedeuten; Boccaccio sagt es auch, der muß es wissen. Genug, mit diesem Namen rief man ihn, Der ihm durchaus nicht ehrenrührig schien. Der Vater selbst ergab sich in sein Loos, Von vieren einen dummen Sohn zu haben. Am Ende ward er wirklich auch zu groß, Zu hoffen auf noch unentdeckte Gaben. Er sprach ihn also von dem Lehrer los,. Der Frucht erzielt an seinen andern Knaben, Und dessen Kunst im Schreiben, Rechnen, Lesen Nur bei dem Jüngsten gar umsonst gewesen. Denn allzu rasch hat Eines angeschlagen: Der Kinderzucht ultima ratio So gut in jenen, wie in unsern Tagen. Cimone, zwar in allen Künsten roh, Begriff die eine schnell, die Kunst zu schlagen, Und übte sie an seinem Lehrer so, Daß dieser wackre, vielerfahrne Mann Im Schüler bald den Meister sich gewann. Was war zu thun? Man mußt’ ihn laufen lassen, Ein Füllen, dem der Zaum nicht anzuheften.


Die Brüder gingen längst auf fernen Straßen Der Bildung nach, den Weibern, den Geschäften. Cimone blieb daheim und schlug gelassen Die Tage, Wochen, Jahre todt nach Kräften. Doch sonst unschädlich that er Niemand weh, Und haßte nichts, als nur das Abece.

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