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Homunculus – Robert Hamerling

Bravo! sagte der Homunkel, Als er fertig, und hernieder Von der riesigen Retorte Sprang er auf den Tisch des wackern Hoch- und tiefgelehrten Doktors Und Magisters, welcher eben Nach unsäglichem Bemühen Mit den Mitteln der Chemie nur Aus den ersten Elementen Dargestellt und hergestellt ihn, Zum Triumph der Wissenschaft. »Bravo, Doktorchen!« so rief er Noch ein zweites mal, indem er Fröstelnd in ein Wämschen schlüpfte, Welches schon für ihn bereit lag; Und mit gnäd’ger Miene klopft’ er Auf die Achsel dem Erzeuger. »So im Ganzen und vom reinen Chemisch-physiolog’schen Standpunkt Aus betrachtet, ist, mein Lieber, Was du schufst, ein respektables, Lobenswürdiges Stück Arbeit. Im Detail, da wäre freilich Mancherlei davon zu sagen.« Also fortfuhr der Homunkel, Ließ dann einige gelehrte, Schätzenswerthe Winke fallen, Sprach von Albumin sehr Vieles, Von Fibrin, von Globulin auch, Keratin, Mucin und Andrem, Und von regelrechter Mischung, Und belehrte seinen Schöpfer Und Erzeuger gründlich, wie er’s Hätte besser machen können. Musterte hierauf des Doktors Hochgethürmten Bücherschragen, Nahm ein Buch herab und streckte Lesend sich in einen Lehnstuhl. Mit Respekt still von der Seite Sah der Doktor sein Geschöpf an, Welches übrigens frappant ihm Aehnelte: dieselben klugen, Schlaffen, übernächt’gen Züge, Nur daß, runzlig, der Homunkel Aelter aussah als sein Vater, Anderseits jedoch ein Kind noch, Oder, wenn man will, ein Zwerg war. Allgemach begann zu kritteln Und zu nörgeln an dem Buche, Welches er in Händen hatte, Der Homunkel. Int’ressant war Dies dem Doktor, er notirte Die Bemerkung in’s Notizbuch: »Erste literar’sche Regung Eines Menschleins – Rezensiren.« Mittlerweil’ kam so in Eifer Der Homunkel und erging in Glossen sich, so voll von Witz, so Scharf, so beißend, so gepfeffert, Daß ein Niesedrang den Doktor Ueberfiel, der nicht zu stillen, So daß dieser sich zurückzieh’n Einen Augenblick und einsam Lassen wollte den Erboß’ten, Als der Kleine die Scharteke Warf’ bei Seit’ und, mit den Beinchen Wie gelangweilt schlenkernd, gähnend, Zu sich winkte den Erzeuger. »Hör’ doch, Väterchen!« begann er. »Was beliebt?« frug Jener. »Sag’ mir,« Fuhr der Kleine fort, »wie kam dir Denn so eigentlich der Einfall Mich, just mich zu fabriziren? Warum hast du denn nicht lieber Dich auf Alchemie geworfen? Leute giebt es ja genug schon! Besser hätte deine Mühen Dir gelohnt ein goldner Klumpen. (Apropos, wie steht das Agio?) Gold, mein Lieber, das rentirt sich; Alles andere ist Chimäre. Bist ein Idealist, ein Schwärmer! Mußt nun kleiden mich, ernähren! Durst und Hunger schon verspür’ ich!« Braten ließ vom nächsten Garkoch Und die beste Flasche Weines Bringen unverweilt der Doktor, Und die edle Gottesgabe Stellt’ er hin vor den Homunkel. Der begann herumzustochern Am Gebrat’nen, und zu nippen An des Weines duft’ger Labe, Aber baß den Mund verziehend, Grimassirend wie vor Leibschmerz, Sich das Bäuchlein reibend, krümmte Auf dem Stuhle sich das Männchen. Ach, abscheulich fand den Trank er Und das Essen unverdaulich, Bat ein Dütchen Gummi, Schwefel, Coffeïn, dazu ein Gläschen Reinen Alkohols sich aus. Als er dran gelabt sich leidlich, Kam zurück er auf die Frage: »Wie verfielst du drauf, mein Lieber Mich, just mich zu produziren?« »Lieber, herrlicher Erzeugter!« Gab zur Antwort der Gefragte; »Ganz natürliches Ergebniß Fortgeschritt’ner Wissenschaften Bist du! Wissen, Freund, ist Können! Dich zu machen, an der Zeit war’s, Wie es niemals noch gewesen, Und wir thaten’s, weil wir’s konnten, Weil wir wußten, weil wir glaubten, Daß wir’s könnten. Und so wardst du! In der Luft schon gleichsam lagst du! Zeitgemäß und folgerichtig Kamst du, wie im März das Veilchen, Kamst du, wie im Mai der Käfer, Wie der Storch, der Wandervogel!« »Danke für die Ehre!« sagte Der Homunkel; »aber höre, Was so eigentlich – wie sag’ ich? – Das Gemeingefühl – Bewußtsein Dazusein – das Leben anlangt, Das du mir geschenkt, so weiß ich Wirklich nicht, ob ichs dir danke. Fühle mich – hol’ mich der Geier – Nicht recht wohl in dieser meiner Haut, so fein sie auch gesponnen, Und es plagt mich Langeweile!« – »Teufel!« rief entsetzt der Doktor, »Glaube gar, du bist blasirt schon!« »Glaub’ es auch!« versetzte gähnend Der Homunkel. Allgemach dann Hub’ er an, in weinerlichem Tone über dieses, jenes Körperungemach zu klagen, Und wenn theilnamvoll der Doktor Näher ihn befragte, rief er Aechzend nur: »Ach meine Nerven! Meine Nerven!« – Wenn der Doktor Seinen Puls befühlte, fand er Selben fieb’risch galoppirend, Und im nächsten Augenblicke Wieder schleichend gleich dem Schrittgang Eines eigensinn’gen Kleppers. Ueber Wallungen, dann wieder Ueber Blutarmuth auch seufzte Der Homunkel; dem Erzeuger Warf er vor, zu wenig Eisen Sei gekommen in die Mischung Seiner ersten Elemente. »Elend ist auch die Verdauung,« Rief er dann, »und Neuralgien Zwacken hier und zwacken dort mich. Packe mir den Koffer schleunigst, Augenblicklich muß in’s Bad ich!« Eingebildet nennt der Doktor Seine Leiden, ihn beschwicht’gend. Der Homunkel drauf: »Die Sache Ist, mein Lieber, daß ein bischen Arg du im Detail gestümpert; Und das muß ich jetzo büßen!« Aergerlich den Doktor machten Diese Reden und er sagte: »Nimmst du ganz dein erstes Bravo Schon zurück als Uebereilung In so wachsend übler Laune? Undankbar und unbescheiden Bist du, Junge! Mir verdankst du Diese Haut und diese Knochen, Dies Gewebe, dies Geblüte, Diesen Odem, diese Sinne, Diese Denkkraft; mir verdankst du’s, Wenn auf diesem Erdenrund du Deine siebzig, achtzig Jährchen Völlig wie geborne Menschen Leibst und lebst und liebst und leidest!« »Achtzig Jährchen? wär nicht übel!« Gab zurück ihm der Erzeugte.


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