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Gedichte (1894) – Ricarda Huch

Fern in stattlich hohen Räumen, Die ich nimmer wieder schau, Sitzt am Fenster unter Träumen Einsam eine alte Frau. Sieht die welken Blätter fliegen Sturmbewegt an sich vorbei Und am Wegesrande liegen, Raschelnd klagen ihren Mai. Eines Blattes mag sie denken, Das, einst ihrem Herzen lieb, Schon im Lenz mit vielem Kränken Losgelöst ins Weite trieb. Schicksal. Niemals nenn’ ich deinen Namen, Theuren Namen meiner Liebe. Zu des Lebens Festgetriebe Wir zwei späte Gäste kamen, Ist kein Platz mehr frei? Du gehst hier, und ich geh’ dorten, Nimmer gehen wir zusammen; Unsre Herzen schlagen Flammen, Aber sagen’s nicht in Worten, Brechen fast entzwei. Schliefen gern auf einem Kissen, Säßen gern auf einem Pfühle; Doch getrennt stehn unsre Stühle, Und uns schmeckt kein einz’ger Bissen Von des Lebens Mahl. Siehst du still nach mir hinüber, Kann mich ferner keine laben Von den zugetheilten Gaben; Dich in Schmerzen hätt’ ich lieber — Keinem ward die Wahl. Verlassen. Daß wir uns einmal nicht mehr lieben könnten, Begriffen wir’s, als des Geschick’s Erbarmen Zuerst vereinigte uns lang Getrennten? So reich, wie wähnten je wir zu verarmen! Nun rollt die letzte Perle in den Sand, Sie gleitet, schlüpft — wie du aus meinen Armen. Aus jenem Abgrund, den wir Hand in Hand Betraten, der uns Aufenthalt gewährte, Dein glücklich leichter Fuß den Aufstieg fand. Dir heilt die Wunde, die uns zwei verheerte, Dem frohen Tag entgegen schreitest du, Und tiefer sinkt dein einsamer Gefährte. Er hört dem Schall der flücht’gen Schritte zu, Die, nah erst, eilig, eilig dann verklingen — Dann kommt die lange, immergleiche Ruh’. Er muß der Vögel denken, wie sie singen, Und an die Bäche, Berge, grünen Hag, Und an die Blumen, die das Haupt umschlingen, Das theure, das an seinem Herzen lag, Und das ihm fern jetzt wie das Weltenende, Und fern ihm wie des Lichtes goldner Tag — Er bricht in Thränen aus und ringt die Hände. Aus dem Spanischen. Welch große Stärke, Mutter, Die beiden Arme haben, Die Arme von Alexis, Dem jungen Knaben! Denn als aus öden Wegen Ich gestern bin gegangen, Da kam er mir entgegen, Hat mich umfangen. Gern rächt’ ich ohn’ Erbarmen, Daß solches mir geschehen; Und ach! in seinen Armen Möcht’ ich vergehen! An eine Freundin. Mich dünkt es lange Jahre her, Seit du und ich selbander Zur Schule gingen ränzelschwer, Ein lustiges Gewander! Zwei blonde Zöpfe hingen dir Bis in die feine Taille, Ein Kreuzlein trugest du als Zier Von schwärzlicher Emaille. Wie dir’s so gut ergangen noch, Das nimmt mich billig Wunder; Die Glücklichen sind meistens doch Viel dummer und gesunder. O Schicksal, grimmige Gewalt, Sei ihr auch ferner gnädig; Mich aber mach des Leibes bald, Noch mehr der Seele ledig! Verloren. Seit ich der Unschuld weißes Kleid Zerriß und von mir warf, Ich dein und unsrer Kinderzeit Nicht mehr denken darf. Nie mehr in Freude oder Schmerz An meinem Hals du hängst, Und deine kleine Hand, mein Herz, Fiel aus meiner längst. Ach laß, wenn ich gestorben bin, Die Thränen, die du weinst, Mir übers Antlitz fließen hin, Weißt du, wie voreinst.

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