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Faustus – Ludwig Bechstein

Es rauscht ein Quell im alten Eichenhaine Am Riesengrab empor, das frühe Zeiten Bedeckt mit einem kalten Leichensteine. Und Geister seht Ihr um den Hügel schreiten, Die Wache halten, treulich und beständig, Und übers Grab die dunkeln Flügel breiten. Denn der da drunten schläft, ist noch lebendig, Und sendet Seufzer mit dem Quellenrauschen Herauf, und sein Verlangen ist unbündig. Das Dunkle will er mit dem Hellen tauschen; Auf seine Klagen hat man oft geschen, Dass Sänger dort an heilgen Stellen lauschen. Die wollen gern den Wunderhort erspähen, Von dem der Quell singt in gebrochnen Lauten, Und seiner Tiefen Zauberwort verstehen. Und wenn sie lockten mit verwognen Lauten, Hat sie der Sturm der Zeit erfasst, der mächtge, Und weggewehet mit zerbrochnen Lauten. Doch Einer sah die Nacht, die mitternächtge, Erhellt, und ist zur Tiefe ganz gedrungen, Und sang uns, was er dort geschaut, das Prächtge. Er hat des Ruhmes hehren Kranz errungen, Und zu dem einen hundert andre Zweige, Die lorbeergrün sein Haupt mit Glanz umschlungen. Und wagt noch Einer, dass er niedersteige Zum Grab des Riesen und zum Sagenborne, Und dort ein Menschenantlitz wieder zeige? Ernst ist, die drunten wohnt, und streng die Norne; Wird sie dem Kühnen schenken auch Erhörung, Und Gaben aus dem Zauberwunderhorne? Droht nicht der Lyra Sturmeshauch Zerstörung? – Es sei gewagt, der Grabstein sei gehoben! Die Geister bannt, nach altem Brauch, Beschwörung. Tritt aus der Gruft, Gewaltger, gluthumwoben, Der trotzig über alle Schranken strebte, Wo minder Starken aller Muth zerstoben! Der sich aus Mitternacht Gedanken webte; Dann, ein Prometheus, felsenangekettet, Ach, zwischen Höh’n und Tiefen schwankend schwebte! Der sich zur argen Buhle: Wahn gebettet! Du Armer, den ein Gott sah ringend sinken Und hat Dich nicht aus irrer Bahn gerettet?! Oft sah ich Dich im Traume dringend winken; In frühen Jugendjahren schon, verblühten, Wollt’ aus dem Sagenborn ich singend trinken. Denn mich umfing der Zauberten der Mythen, Und königlich sah ich den Magus thronen, Und Flammen sah ich, die den Thron umsprühten. Da sucht’ ich in den Schattenregionen Des Hains Vergangenheit der Sage Quelle, Und bei der Vorzeit Geistern durft’ ich wohnen. Mir ward die dunkle Quellenklage helle, Und in die Zauberkreise trat ich wagend; So ward vollbracht, was ich zu Tage stelle: Halb stolz, dass ich’s gethan, und halb verzagend. Des Sängers Lieder sind sein eignes Leben, Sind Pulse seines Herzens, freudig schlagend. Was mir das Herz durchglüht, ist Euch gegeben; Nicht Andrer Sang, wie hoch sich dieser schwinge, Gab Flügel der Begeistrung meinem Streben. Ob Ihr das hoch nun achtet, ob geringe, Mit Unvergleichlichem nur die Vergleichung Des Liedes wollet meiden, das ich singe. Denn strebt’ ich treu nach meines Ziels Erreichung, Zu schildern: welch Macht ausübt das Böse, Und wie sich straft vom Lichtpfad die Entweichung: So zeigt dem Volk nicht schmähend meine Blösse, Nennt mir als Muster nicht den grössten Meister, Legt nicht an mich den Maasstab seiner Grösse. Für Alle rauscht der Zauberhain der Geister, Und Allen quillt der Wunderborn der Sage, Draus einer zaghaft schöpft, ein andrer dreister. Treu fördre jeder seinen Schatz zu Tage! Allseitig nimmt der Lichtstrahl seine Richtung, Küsst Blüthen hier, erklärt dort Sarkophage; Und ewig flammt das Morgenroth der Dichtung. Weihe. 1. Zu Leipzig in Auerbachs Keller sass einer still und trank, Und in der Vorzeit Tage sein sinnender Blick versank. Zu Leipzig in Auerbachs Keller ist traun, ein rechter Ort, Der alten Sagen zu denken, der Wunder verklungnem Wort. Er sass im kleinen Gewölbe, war drin der einzige Gast; Ihm fiel kein leeres Geplauder, ja, keine Seele zur Last. Bald sah er in den Römer, voll ächten Burgunder klar; Bald auf uralte Bilder, gedunkelt und wunderbar.


Dort stehn dreihundert Jahre zwei Bogen, gerundet stolz; Von Meisterhand gemalet sind Bilder auf das Holz, Und wenn Du sie recht lange mit stillem Geist beschaut, Spricht wohl lebendges Leben aus den zwei Bildern laut. Dort sitzt der wackre Doktor, umher die Schüler sein; Erst las er ein Kollegium wohl über den edlen Wein. Dann nahm er seine Hefte, warf jedes an die Wand, Und alle Studenten nahmen die vollen Römer zur Hand. Dann klang’s aus ihrem Munde: In dulci jubilo Vivamus! Evoe Bacche! Cantamus in gaudio! Vivas o domine Fauste! Professor clarissime! Sis semper felix et faustus, praeceptor carissime! So sangen die lustgen Studenten, hell klang der Pokale Rand; Es waren auch fahrende Spielleut’ im Keller, aus Böhmenland. Die rührten gar wacker die Saiten, dass es den Keller durchdrang; Man hörte sie fröhlich begleiten den schallenden hallenden Sang. – Und auf dem zweiten der Bilder da fährt der kühne Patron, Der zaubermächtige Faustus auf einem Fass davon. Auf einem Fass voll Weines; wie seltsam klingt doch das? Ein schwarzes Hündlein, ein kleines, zieht Faustum sammt dem Fass. – Je mehr Du die Bilder betrachtet, je herrlicher scheinen sie Dir, In farbenprangender Schöne des Auerbachkellers Zier. Zuletzt gar werden lebendig die alten Gesichter dort, Die stehn und staunen ohn’ Ende, die singen in einem fort. Da kommt Dir mancher Gedanke, dass noch eir mächtger Faust, Ein redekundger Professor in Auerbachs Keller haust, Der stets zur guten Stunde geheime Weisheit erschleusst, Und dass im Schoos der Fässer ein aureus rivus fleusst. – Sei Goldbach mir gepriesen, Du Schlüssel zum Geisterreich, Der Pforten des Lichtes aufthut, dem Salomons-Schlüssel gleich. Du bringst auf goldner Welle, was grave Vorzeit sah, In magischholder Helle dem Seher wieder nah!

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