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Euphorion – Ferdinand Gregorovius

Es scheint, mein teurer Freund, daß der Mensch die reinsten Freuden oftmals nur in flüchtiger Gegenwart genießen darf, um ihren Werth in einer langen Sehnsucht doppelt zu empfinden. Das bedeutende Jahr, welches wir in Rom gemeinsam verlebten, war zu kurz für meine Bedürfnisse, und seit wir uns an jenem schmerzlichen Tage auf den Ruinen der Fortuna von Präneste Lebewol sagten, haben wir manche Trümmer beklagt. Ach! die Zelt schreitet schnell, und alles zerteilend, durch das Menschenleben, und mit ihr die Begleiterin des Glücks, die grause Notwendigkeit: clavos trabales, et cuneos manu gestans ahena; nec seversu uncus abest, liquidumque plumbum. Wo sind unsre Studien, unsre Wanderungen und Zwiegespräche auf den Hügeln und Villen Rom’s, oder in dem stillen Gartenzimmer vor den Bädern des Aemilius Paulus? — Nur in Symbolen spricht alles Vergangene. Mein teurer Perez, ich sende Dir die Muse mit einem Freundeszeichen; sie kommt Dich zu fragen, ob Du die Freundin noch kennen willst, oder ob ihre ernstere Schwester Philosophie sie ganz von Deinem Angesicht verbannt habe. Sie tritt in Dein Gemach, eine brennende Lampe von Pompeji in der Hand. Erinnerst Du Dich der Stunde, als ich Dir von dem Eindruck erzählte, den im Museum der Bronzen Neapel’s einst jener prächtige Candelaber auf mich machte, welcher im Hause des Arrius Diomedes ist ausgegraben worden? Ich trug seine Gestalt lange wie ein freundliches Lebenssymbol im Gemüt umher, und ich versuchte in wiederholter Sommermuße ein Nachbild, welches ich Dir, die Gabe der Erinnerung auswechselnd wie Freunde pflegen, nun als ein dürftigeres Denkmal unsres Zusammenlebens sende. Nichts weiter laß mich sagen, mein edler Freund: denn was dem Poeten und Philosophen allzu kunstlos erscheinen wird, darf doch der nachsichtige Freund zugleich als Andenken willkommen heißen. Und so nimm diese Votiv-Lampe freundlich auf; so oft noch in späteren Jahren (sie seien Dir lang, wirkungsreich und glücklich!) Dein Blick auf sie fällt, gedenke gern jener mühevollen, bildsamen und vom Licht der Wissenschaft hellen Tage Rom’s. Rom, im Frühling 1857. Dein treuer Freund Ferdinand Gregorovius. Erster Gesang. Oneiros. Frohes Getön scholl auf in des Arrius prangender Wohnung, Tummelnder Sclaven Gesang und Gelächter der emsigen Mädchen, Die in dem Hof, zu den Knaben gesellt, viel farbige Blumen Schön in einander verflochten, dem morgenden Tage zum Festschmuck, Was nur immer die Flur darbot und die Garten Pompeji’s, Ringsum lag es gehäuft; schon ringelten Kränze von Epheu Ueber die Säulen sich auf, und es schimmerten rosige Bänder. Flink auch rannten einher die geschäftigen Sclaven, im Schwarme Trugen sie Vasen und Krüge und gülden Geräte des Festes, Daß rings stralte das Haus und erglänzte von heiterer Schönheit, Denn sie kehrte zurück, die Ersehnte, des Arrius Tochter, Welche der Vater geführt nach Rom vom kleinen Pompeji, Daß sie die Welt dort schaue, die Sitten, und edlere Bildung Ihr vollende die Blume der Jugend. Und eilends zum Male Hatte der Vater die Freunde besandt, daß würdige Gäste. Ehrten die Wiedergekomm’ne; und wer nun heute das Haus sah, Welches sich herrlich erhob bei weitem das schönste Pompeji’s, Dem wol lachte das Herz froh auf und entgegen dem Feste. Aber es stand in dem Hofe der Sclavengebieter Peisandros, Gegen des Eingangs Säule gelehnt; laut rief er die Worte: Windet mir flink, ihr Knaben und Mädchen, die schlängelnden Blumen, Helios neigt sich zum Meer; schon mächtiger quillt um das braune Qualmende Haupt des Vesuv dort irisfarbige Stralung. Schwül ist’s heut’, und es haucht vom Golf kein atmendes Lüftchen. Eilet die Hände, die Göttliche gilt’s zu erfreuen, Ione! Eilet die Hände, die Göttliche gilt’s zu erfreuen, Ione! So wie ein Echo klang dies Wort jetzt drüben am Fenster, Wo sich über dem Hofe das luftige helle Geschoß hob. Sieh’, dort weilte bemüht in der Werkstatt schaffend ein Jüngling, Ueber dem Tisch am Fenster gebeugt; und es wob mit geschickten Händen ein Blumengewind’ auch er, wie die Knaben im Hofe, Aber ein schöneres wol, und von blinkendem Silber verflocht er’s Emsig dem spiegelnden Grund des entzückendsten Candelaber’s, Der vor ihm sich erhob, aus bräunlichem Erze das Prachtwerk. Schlank wie das hohe Gebilde der kunstvoll schaffenden Hände Ragte des Meisters Gestalt in dem Reiz holdseliger Jugend, Doch in das Kleid aus Wolle gehüllt, wie Sclaven es ziemet. Oftmals sah er hinab zum Hof, und beschaute die blauen Berge Sorrent’s dort über dem Golf, wie der rosige Abend Schon zu den Gipfeln empor sanft glühende Farben verhauchte. Und dann eilt’ er die hastende Hand und die zierlichen Hämmer, Gleich als trieb’ ihn Furcht. Doch wenige Blättergewinde Fehleten nur, denn fest schon waren die meisten gehämmert.


Aber es stand vollendet die Leuchte, ein himmlisches Kunstwerk. Sieh’, auf Klauen des Leu’n, wie erglänzte die funkelnde Basis, Mächtig und glatt; drin konnte sich wol abspiegeln ein Mädchen. Sieh’, um den zahnigen Rand, wie so fein doch rankte des Weinstocks Silbergezweige, wie hob sich daneben der flammende Altar Sauber und schön, doch ihm genüber das reizendste Bildwerk. Denn dort tanzte geschmeidig mit munteren Gliedern ein Panter Kühnlich und stolz, weil über dem Rücken der seligste Reiter Rebenumkränzt ihm saß, Dionysos mit stralendem Trinkhorn. Also schmückten den Grund schön diese Figurengebilde. Jetzo der Basis entstieg voll Kraft der gewaltige Erzschaft, Anmutreich mit dem Knauf und den Armen und schwebenden Lampen, Der bis über die Brust dem erhabensten Manne hinanstieg. Aber es war ein Pilaster korinthischen Stil’s, und die Maske Ziert’ an dem Knauf ihn vorn, doch hinten ein mächtiges Stierhaupt. Und man sah es erstaunt, wie über dem Knaufe die Arme Schön sich bogen, die vier ausgreifenden Träger der Lampen. So war lieblich zu sehn ihr Spiel und die ringelnde Blattform, Prachtvoll, glänzend und kraus, wie die Blätter der Blume Akanthos. Aber von jeglichem Arm hing schwebend an schimmernden Ketten Nieder ein Lämpchen, und köstlich von goldfarb stralendem Erze Funkelten sie, wie am schattigen Aste die roten Orangen. Kunstvoll prangte ein jedes, verschieden an sinniger Bildung, Denn gleich über dem ersten erhob sich ein ehern Gebilde, Sanft mit der blinkenden Fackel: Oneiros war es, der Traumgott, So wie ein Falter zu sehn in der dämmernden Bläue des Abends. Ganz war anders das zweite; da saßen, ein himmlischer Anblick, Plaudernd und küssend zumal zween junge verliebte Figürlein, Amor und Psyche gepaart. Wie im Wald sanft schnäbelnde Tauben Kos’ten sie schön, und die Reizende hob in der Rechten die Fackel, Doch mit den Armen umschlang sie der Gott, und er küßte sie herzlich. Ferner die dritte der Lampen, sie war ganz anders gebildet. Siehe, die Flügel gesenkt auf wölbendem Deckel wie ernsthaft Saß, und wie klug mit den Augen, ein Vogel: der Pallas Athene Nächtliche Eule; sie hielt in den Krallen die größeste Fackel Still vorschauend und ernst, und erweckte den sinnenden Ernst auch. Rührung aber erregte die letzte der Lampen, und Wehmut. Thanatos stand auf ihr, und er löschte die Fackel in Nacht aus; Doch ihm schwebte zur Seite die freundliche Hore Eirene, Schleierumwallt, in der Hand die gebogene zögernde Palme. Also war in das Erz kunstprangend die Leuchte gewoben, Aber es hämmerte noch an dem Rankengeringel der Meister. Hob er das Haupt bisweilen, das niedergesenkte, und warf er Tief zum Nacken das finstere Haar, dann sah er beseligt An sein Werk, und er seufzte zugleich die verlorenen Worte: Morgen! o bringe das Heil mir, Orion, du himmlische Leuchte! Aber die Stirn ward trüb’, und es quoll ins dunkele Aug’ ihm Flimmernd, wie webender Schmerz und wie still aufwallende Sehnsucht.

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