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Der rasende Roland – Ariost

Wenn Homer den Zorn des Peleïden Achilleus singt, braucht er seinen Hörern nicht erst zu sagen, wer Achilleus war oder wo Ilium lag oder weshalb die schöngeschienten Achäer die Stadt des Königs Priamos belagerten. Seine Hörer wissen das alles so gut wie er selbst; sie kennen, ehe der erste Gesang anhebt, alle bedeutenden Personen der Geschichte, Nestor und Agamemnon, Paris und Helena, Ajax und Hector, und wie die Personen kennen die Hörer auch den ganzen Zusammenhang der Ereignisse, von deren Verlauf der Inhalt der Ilias nur einen kurzen Abschnitt darstellt. Der Vortheil, der hierin liegt, ist unberechenbar, wennschon Homer ihn ohne Berechnung benutzt, vielmehr als etwas sich von selbst ergebendes hingenommen haben wird. Das Epos gewinnt durch diese Behandlung des Stoffs als eines bekannten und fest überlieferten etwas von der Dignität der Geschichte; es löst sich ab von der persönlichen Willkür des Dichters, der nur als der Verkünder, nicht als Erfinder der denkwürdigen Begebenheiten erscheint. Die Erzählung, obwohl sie nur eine Episode des großen Weltlaufes giebt, öffnet stete Ausblicke in den Hintergrund dieses Weltlaufs selbst, und weil die Hörer mit letzterem vertraut sind, fühlen sie sich fortwährend auf einer Art festen Bodens mitten im Reiche der Phantasie. Ariost greift seine Sache ganz ähnlich an, ob mit Berechnung oder einem künstlerischen Instincte folgend, bleibe dahin gestellt. Gleich wenn er anfängt, werden Roland und Angelica, Rinald und das Roß Bajard, Ferragu und Sacripant, als die dem Leser ja hinlänglich bekannten Gestalten vorgeführt. Daß König Agramant den großen Heereszug nach Paris unternahm, um seines Vaters Tod zu rächen, ist eine Thatsache, deren Kunde bei jedermann vorausgesetzt werden darf. Und so geht es durch das ganze Gedicht; jede Anspielung auf frühere Begebenheiten, auf künftige Dinge, auf die Verwandtschaften, die Pferde, die Waffen der Helden wird in dem Tone vorgetragen, als ob es eigentlich überflüssig wäre, an dergleichen noch ausdrücklich zu erinnern. Manchmal geschieht dies nun allerdings mit schalkhafter Ironie, aber in den meisten Fällen setzt der Dichter ganz ernstlich die Kenntniß seiner Leser voraus, und er befand sich in der vortheilhaften Lage, dies thun zu dürfen. Sein Zeitalter besaß noch einen Schatz cyclisch zusammengehörender Sagen und Romane, der im Gedächtniß und in der Phantasie des Volks lebendig geblieben war und in welchen der Dichter hineingreifen konnte, wie Homer in den trojanischen Sagenkreis. Die einzelnen Abenteuer, welche er vortrug, mochten neu, vielleicht von ihm erfunden sein, aber die allgemeinen Verhältnisse, die vornehmsten unter den handelnden Personen, deren entscheidende Schicksale waren ebenso überliefert, wie das Costüm des verfeinerten occidentalischen Rittertums, in welchem sich diese ganze, in die Zeiten Karls des Großen verlegte Fabelwelt bewegte. Ariost ging noch einen Schritt weiter. Er nahm auch die Dichter und Romanschriftsteller seines eigenen Zeitalters, welche Stoffe aus der Karls- und Rolandssage zu selbständigen Werken versponnen hatten, beim Worte und stellte sich, als ob er ihren Erfindungen denselben Wert wie der alten Überlieferung beilege. Dies muß zu der Zeit, wo jene Werke allgemein in frischer Erinnerung waren, einen höchst ergötzlichen Eindruck gemacht haben. In erster Reihe unter den so treuherzig behandelten Autoren steht Bojardo, der nicht bloß im Allgemeinen als Ariost’s unmittelbarer Vorläufer zu bezeichnen ist, sondern ohne Zweifel den Ruhm in Anspruch nehmen kann, daß ohne ihn der »Rasende Roland« nie entstanden sein würde. Der »Rasende Roland« ist, stofflich betrachtet, geradezu die Fortsetzung des »Verliebten Roland«, wie künstlerisch betrachtet, der »Verliebte Roland« die Vorstufe der im »Rasenden Roland« erreichten Höhe ist. Nicht allein kommen die Personen des Ariost, d. h. diejenigen welche eine irgend erhebliche Rolle spielen, sämmtlich beim Bojardo vor, (dagegen könnte man einwenden, daß auch Bojardo viele derselben älteren Quellen entlehnte,) sondern sie haben auch die von Bojardo ihnen zugeschriebenen Schicksale erlebt und sie tragen die Physiognomie, die Bojardo ihnen gegeben hat, mit dem Unterschiede freilich, der zwischen der anmutigen Unbeholfenheit des früheren und der sicheren Grazie des späteren Poeten besteht. Bojardo hatte sein Gedicht am Hofe des Herzogs Hercules I. von Este zu Ferrara vorgelesen, als Ariost ein kleines Kind war. Ein Menschenalter nach Bojardo’s Tode (1481), im zweiten Jahrzehnt des sechzehnten Jahrhunderts hatte der Hof des Herzogs Alfons I. von Este das Vergnügen, den »Rasenden Roland« kennen zu lernen. (Die älteste Ausgabe ist vom Jahre 1517) Man darf glauben, daß damals das Werk Bojardo’s in Ferrara in hohem Ansehen stand und viel gelesen wurde.


Heutzutage wird es, zumal deutschen Lesern gegenüber, nützlich sein, die Erinnerung an den »Verliebten Roland« etwas aufzufrischen, wenn auch nur so viel, um die hauptsächlichen Fäden zu zeigen, die Ariost aus seines Vorgängers buntem Vorrate in sein Gewebe hinübergeleitet hat. Bojardo wollte von drei gefährlichen Angriffen des Heidentums auf das Reich Karls des Großen erzählen. Der große König oder Kaiser von Katai (China) Galafron hat einen Anschlag ersonnen, um sämmtliche Paladine und Helden des fränkischen Hofs in seine Gewalt zu bringen. Seine Tochter Angelica ist das schönste Mädchen unter der Sonne: wie sie mit ihrer Leibwache von Riesen in Paris bei einem großen Turniere erscheint, sind alsbald alle Ritter von Liebe entflammt, Christen und Saracenen, und alle drängen sich herzu, die Probe zu bestehen, von der sie ihre Gunst abhängig macht. Wer sie besitzen will, der muß im Lanzenrennen ihren Bruder Argalia besiegen, wer besiegt wird, bleibt ihr Gefangener. Argalia ist ein Ritter von großer Tapferkeit, was aber mehr ist, Galafron hat ihm einen undurchdringlichen Harnisch, eine unfehlbar siegende Lanze mit goldener Spitze und das Roß Rabican, das schnellste aller irdischen Geschöpfe, mitgegeben. Trotzdem scheitert der Plan. Denn unter den ersten Kämpfern, die vor der goldenen Lanze den Sattel räumen, befindet sich der spanische Saracen Ferragu, dessen trotziges Ungestüm alle Berechnung zu Schanden macht. Gegen das Abkommen setzt er den Kampf mit dem Schwerte fort, und es gelingt ihm, der unverwundbar und von riesiger Stärke ist, den Argalia trotz des gefeiten Harnisches zu tödten. Sterbend bittet Argalia den Sieger ihn mit seiner Rüstung im nahen Flusse zu versenken, damit es nie ruchbar werde, daß er im Besitze solcher Waffen sich habe überwinden lassen. Ferragu verheißt es ihm; nur den Helm will er auf vier Tage borgen, um im Feindeslande unerkannt umherstreifen zu können. (Gleich im ersten Gesange des R. R. knüpft Ariost an diese Scene an.) Ferragu, Roland und Rinald, Haimons Sohn, ziehen nun im Lande umher, die mittlerweil entflohene Angelica zu suchen. Angelica hat sich nach dem Ardennerwalde geflüchtet, wo Rinald zuerst ihr begegnet, nachdem zuvor an beiden ein seltsamer Zauber mächtig geworden ist. Im Ardennerwalde fließen zwei Quellen, deren eine Haß, die andere Liebe erzeugt; von jener hat Rinald, von dieser Angelica getrunken. Die Folge ist, daß sie, von dem entzauberten Ritter verschmäht, voll Grimm und Verzweiflung von den ihr dienstbaren Dämonen sich nach Katai zurücktragen läßt, Rinald wieder nach Paris reitet, wo er findet, daß der Kaiser um so dringender sein bedarf, als Roland, nur der Liebe folgend, die schöne Prinzeß im fernen Morgenlande aufzusuchen beschließt. Ferragu aber wird von Flordespin, der Tochter seines Königs Marsil, schleunig nach Spanien zurückgerufen, welches diesmal zugleich mit Frankreich von einer furchtbaren Gefahr bedroht wird. Gradasso, der König von Sericane, der bereits zweiundsiebzig Reiche unterworfen hat, kann sich nicht zufrieden geben, weil das beste Pferd und das beste Schwert der Erde ihm nicht gehören. Das Roß Bajard besitzt Rinald; Roland hat das Schwert Durindane; um diese beiden Schätze zu gewinnen beschließt er das Abendland zu unterwerfen. Mit zahllosen Völkern, Reisigen und Elephanten zieht er durch Afrika nach Spanien, besiegt König Marsil, nimmt Ferragu und alle spanischen Ritter gefangen, und fällt dann mit den Spaniern, die seine Vasallen werden, in Frankreich ein. Umsonst stellt Kaiser Karl ihm seine Streitmacht unter Rinalds Oberbefehl entgegen; Rinald wird (durch einen sogleich zu erwähnenden Zauberspuk) dem Christenheere entführt; die Franken werden geschlagen, der Kaiser und seine Paladine geraten in Gefangenschaft, und Gradasso rückt vor Paris. Hier eröffnet er dem gefangenen Kaiser, daß er ihm die Freiheit und das Reich zurückgeben werde, wenn jener ihm Bajard und Durindane ausliefere. Durindane ist mit Roland in Asien, aber Bajard, von Rinald zurückgelassen, befindet sich in Paris, und seufzend giebt Karl den Befehl, das edle Thier ins Lager zu führen.

Da erscheint unerwartet ein Retter. Einer von den Paladinen ist, weil Karl vor dem Kampf ihn wegen Insubordination mit Haft bestraft hatte, der Gefangenschaft in Gradasso’s Lager entgangen; das ist Astolf, der junge Sohn des Königs Otto von England, schön, beherzt, wenn auch ein wenig ruhmredig, in keiner Weise aber dem gewaltigen Streiter Gradasso, dem stärksten Ritter Asiens, gewachsen. Gleichwohl will er Bajards Auslieferung ohne eine letzte Waffenprobe nicht zugeben. Er fordert Gradasso zum Zweikampf mit der Bedingung, daß der Sericaner, falls er unterliege, seine Gefangenen freigeben und mit seinem Heere abziehen solle. Ohne es zu wissen, hat Astolf die Waffe, die ihm den Sieg verbürgt, in der Hand. Als Argalia fiel, blieb die goldene Zauberlanze herrenlos im Lager zurück, wo Astolf sich unter den gefangenen Besiegten befand. Er eignete sich die schöne Waffe an, und in ihrem Besitze hebt er Gradasso aus dem Sattel. Der König von Sericane kehrt hierauf in die Heimat zurück, sich jedoch vorbehaltend, durch persönlichen Kampf mit Roland und mit Rinald ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Astolf reitet auf Bajard von dannen, um Roland aufzusuchen und mit ihm Abenteuer zu bestehen.

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