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Der Aufbruch – Ernst Stadler

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort, Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort: Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe, Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe, Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge, Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge, Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt, Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt, Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht, Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht, Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich, Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich! Tage I. Klangen Frauenschritte hinter Häuserbogen, Folgtest du durch Gassen hingezogen Feilen Blicken und geschminkten Wangen nach, Hörtest in den Lüften Engelschöre musizieren, Spürtest Glück, dich zu zerstören, zu verlieren, Branntest dunkel nach Erniedrigung und Schmach. Bis du dich an Eklem vollgetrunken, Vor dem ausgebrannten Körper hingesunken, Dein Gesicht dem eingeschrumpften Schoß verwühlt – Fühltest, wie aus Schmach dir Glück geschähe, Und des Gottes tausendfache Nähe Dich in Himmelsreinheit höbe, niegefühlt. II. O Gelöbnis der Sünde! All’ ihr auferlegten Pilgerfahrten in entehrte Betten! Stationen der Erniedrigung und der Begierde an verdammten Stätten! Obdach beschmutzter Kammern, Herd in der Stube, wo die Speisereste verderben, Und die qualmende Öllampe, und über der wackligen Kommode der Spiegel in Scherben! Ihr zertretnen Leiber! du Lächeln, krampfhaft in gemalte Lippen eingeschnitten! Armes, ungepflegtes Haar! ihr Worte, denen Leben längst entglitten – Seid ihr wieder um mich, hör’ ich euch meinen Namen nennen? Fühl’ ich aus Scham und Angst wieder den einen Drang nur mich zerbrennen: Sicherheit der Frommen, Würde der Gerechten anzuspeien, Trübem, Ungewissem, schon Verlornem mich zu schenken, mich zu weihen, Selig singend Schmach und Dumpfheit der Geschlagenen zu fühlen, Mich ins Mark des Lebens wie in Gruben Erde einzuwühlen. III. Ich stammle irre Beichte über deinem Schoß: Madonna, mach’ mich meiner Qualen los. Du, deren Weh die Liebe nie verließ, In deren Leib man sieben Schwerter stieß, Die lächelnd man zur Marterbank gezerrt – O sieh, noch bin ich ganz nicht aufgesperrt, Noch fühl’ ich, wie mir Haß zur Kehle steigt, Und vielem bin ich fern und ungeneigt. O laß die Härte, die mich engt, zergehn, Nur Tor mich sein, durch das die Bilder gehn, Nur Spiegel, der die tausend Dinge trägt, Allseiend, wie dein Atemzug sich über Welten regt. IV. Dann brenn’ ich nächtelang, mich zu kasteien, Und spüre Stock und Geißel über meinen Leib geschwenkt. Ich will mich ganz von meinem Selbst befreien, Bis ich an alle Welt mich ausgeschenkt. Ich will den Körper so mit Schmerzen nähren, Bis Weltenleid mich sternengleich umkreist – In Blut und Marter aufgepeitschter Schwären Erfüllt sich Liebe und erlöst sich Geist. Gegen Morgen Tag will herauf. Nacht wehrt nicht mehr dem Licht. O Morgenwinde, die den Geist in ungestüme Meere treiben! Schon brechen Vorstadtbahnen fauchend in den Garten Der Frühe. Bald sind Straßen, Brücken wieder von Gewühl und Lärm versperrt – O jetzt ins Stille flüchten! Eng im Zug der Weiber, der sich übern Treppengang zur Messe zerrt, In Kirchenwinkel knien! O, alles von sich tun, und nur in Demut auf das Wunder der Verheißung warten! O Nacht der Kathedralen! Inbrunst eingelernter Kinderworte! Gestammel unverstandner Litanein, indes die Seelen in die Sanftmut alter Heiligenbilder schauen . O Engelsgruß der Gnade . ungenannt im Chor der Gläubigen stehn und harren, daß die Pforte Aufspringe, und ein Schein uns kröne wie vom Haar von unsrer lieben Frauen. Metamorphosen Erst war grenzenloser Durst, ausholend Glück, schamvolles Sichbeschauen, Abends in der Jungenstube, wenn die Lampe ausgieng, Zärtlichkeiten überschwänglich hingeströmt an traumerschaffne Frauen, Verzückte Worte ins Leere gesprochen und im Blut der irre Brand – Bis man sich eines Nachts in einem schalen Zimmer wiederfand, Stöhnend, dumpf, und seine Sehnsucht über einen trüben, eingesunknen Körper leerte, Sich auf die Zähne biß und wußte: dieses sei das Leben, dem man sich bekehrte. Ein ganzer blondverklärter Knabenhimmel stand in Flammen – Damals stürzte Göttliches zusammen . Aber Seele hüllte gütig enge Kammer, welken Leib und Scham und Ekel ein, Und niemals wieder war Liebe so sanft, demütig und rein, So voller Musik wie da .


Dann sind Jahre hingegangen und haben ihren Zoll gezahlt. Aus ihrem Fluß manch’ eine Liebesstunde wie eine Mondwelle aufstrahlt. Aber Wunder wich zurück, wie schöne hohe Kirchen Sommers vor der Dämmerung in die Schatten weichen. Eine Goldspur wehte übern Abendhimmel hin: nichts konnte sie erreichen. Seele blieb verlassen, Sehnsucht kam mit leeren Armen heim, so oft ich sie hinausgeschickt, Wenn ich im Dunkel nach Erfüllung rang, in Hauch und Haar geliebter Frau’n verstrickt. Denn immer griffen meine Hände nach dem fernen bunten Ding, Das einmal über meinem Knabenhimmel hieng. Und immer rief mein Kiel nach Sturm – doch jeder Sturm hat mich ans Land geschwemmt, Sterne brachen, und die Flut zerfiel, in Schlick und Sand verschlämmt . Daran mußt’ ich heute denken, und es fiel mir ein, Daß alles das umsonst, und daß es anders müsse sein, Und daß vielleicht die Liebe nichts als schweigen, Mit einer Frau am Meeresufer stehn und durch die Dünen horchen, wie von fern die Wasser steigen.

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