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Das Nibelungenlied – Karl Simrock

Viel Wunderdinge melden · die Mären alter Zeit Von preiswerten Helden · von großer Kühnheit, Von Freud‘ und Festlichkeiten · von Weinen und von Klagen, Von kühner Recken Streiten · mögt ihr nun Wunder hören sagen. Es wuchs in Burgunden · solch edel Mägdelein, Daß in allen Landen · nichts Schönres mochte sein. Kriemhild war sie geheißen · und ward ein schönes Weib, Um die viel Degen mußten · verlieren Leben und Leib. Die Minnigliche lieben · brachte keinem Scham; Um die viel Recken warben · niemand war ihr gram. Schön war ohne Maßen · die edle Maid zu schaun; Der Jungfrau höf’sche Sitte · wär‘ eine Zier allen Fraun. Es pflegten sie drei Könige · edel und reich, Gunther und Gernot · die Recken ohne Gleich, Und Geiselher der junge · ein auserwählter Degen; Sie war ihre Schwester · die Fürsten hatten sie zu pflegen. Die Herren waren milde · dazu von hohem Stamm, Unmaßen kühn von Kräften · die Recken lobesam. Nach den Burgunden · war ihr Land genannt; Sie schufen starke Wunder · noch seitdem in Etzels Land. Zu Worms am Rheine wohnten · die Herrn in ihrer Kraft. Von ihren Landen diente · viel stolze Ritterschaft Mit rühmlichen Ehren · all ihres Lebens Zeit, Bis jämmerlich sie starben · durch zweier edeln Frauen Streit. Ute hieß ihre Mutter · die reiche Königin, Und Dankrat ihr Vater · der ihnen zum Gewinn Das Erbe ließ im Tode · vordem ein starker Mann, Der auch in seiner Jugend · großer Ehren viel gewann. Die drei Kön’ge waren · wie ich kund getan, Stark und hohen Mutes · ihnen waren untertan Auch die besten Recken · davon man hat gesagt, Von großer Kraft und Kühnheit · in allen Streiten unverzagt. Das war von Tronje Hagen · und der Bruder sein, Dankwart der schnelle · von Metz Herr Ortewein, Die beiden Markgrafen · Gere und Eckewart, Volker von Alzei · an allen Kräften wohlbewahrt, Rumold der Küchenmeister · ein auserwählter Degen, Sindold und Hunold · die Herren mußten pflegen Des Hofes und der Ehren · den Kön’gen untertan. Noch hatten sie viel Recken · die ich nicht alle nennen kann. Dankwart war Marschall · so war der Neffe sein Truchseß des Königs · von Metz Herr Ortewein. Sindold war Schenke · ein waidlicher Degen, Und Kämmerer Hunold · sie konnten hoher Ehren pflegen. Von des Hofes Ehre · von ihrer weiten Kraft, Von ihrer hohen Würdigkeit · und von der Ritterschaft, Wie sie die Herren übten · mit Freuden all ihr Leben, Davon weiß wahrlich niemand · euch volle Kunde zu geben. Es träumte Kriemhilden · der ehrenreichen Maid, Einen wilden Falken · zöge sie lange Zeit; Den griffen ihr zwei Aare · daß sie es mochte sehn: Ihr konnt‘ auf dieser Erde · größer Leid nicht geschehn. Sie sagt‘ ihrer Mutter · den Traum, Frau Uten; Die wüßt‘ ihn nicht zu deuten · als so der guten: »Der Falke, den du ziehest · das ist ein edler Mann: Ihn wolle Gott behüten · sonst ist es bald um ihn getan.« »Was sagt ihr mir vom Manne · vielliebe Mutter mein? Ohne Reckenminne · will ich immer sein; So schön will ich verbleiben · bis an meinen Tod, Daß ich von Mannesminne · nie gewinnen möge Not.« »Verred‘ es nicht so völlig« · die Mutter sprach da so, »Sollst du je auf Erden · von Herzen werden froh, Das geschieht von Mannesminne · du wirst ein schönes Weib, Will Gott dir noch vergönnen · eines guten Ritters Leib.« »Die Rede laßt bleiben« · sprach sie, »Herrin mein. Es hat an manchen Weiben · gelehrt der Augenschein, Wie Liebe mit Leide · am Ende gerne lohnt; Ich will sie meiden beide · so bleib‘ ich sicher verschont!« Kriemhild in ihrem Mute · hielt sich von Minne frei. So lief noch der guten · manch lieber Tag vorbei, Daß sie niemand wußte · der ihr gefiel zum Mann, Bis sie doch mit Ehren · einen kühnen Recken gewann. Das war derselbe Falke · den jener Traum ihr bot, Den ihr beschied die Mutter · Ob seinem frühen Tod Den nächsten Anverwandten · wie gab sie blut’gen Lohn! Durch dieses Einen Sterben · starb noch mancher Mutter Sohn.


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