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Cherubinischer Wandersmann – Angelus Silesius

1. Was fein ist, das besteht Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein, Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemüte sein. 2. Die ewige Ruhestätt Es mag ein andrer sich um sein Begräbnis kränken Und seinen Madensack mit stolzem Bau bedenken, Ich sorge nicht dafür: mein Grab, mein Fels und Schrein, In dem ich ewig ruh, solls Herze Jesu sein. 3. Gott kann allein vergnügen Weg, weg, ihr Seraphim, ihr könnt mich nicht erquicken, Weg, weg, ihr Heiligen und was an euch tut blicken. Ich will nun eurer nicht, ich werfe mich allein Ins ungeschaffne Meer der bloßen Gottheit ein. 4. Man muß ganz göttlich sein Herr, es genügt mir nicht, daß ich dir englisch diene Und in Vollkommenheit der Götter vor dir grüne. Es ist mir viel zu schlecht und meinem Geist zu klein; Wer dir recht dienen will, muß mehr als göttlich sein. 5. Man weiß nicht, was man ist Ich weiß nicht, was ich bin; ich bin nicht, was ich weiß; Ein Ding und nit ein Ding, ein Stüpfchen und ein Kreis. 6. Du mußt, was Gott ist, sein Soll ich mein letztes End und ersten Anfang finden, So muß ich mich in Gott und Gott in mir ergründen Und werden das, was er: ich muß ein Schein im Schein, Ich muß ein Wort im Wort, 1 ein Gott in Gotte sein. 7. Man muß noch über Gott Wo ist mein Aufenthalt? Wo ich und du nicht stehen. Wo ist mein letztes End, in welches ich soll gehen? Da, wo man keines findt. Wo soll ich denn nun hin? Ich muß noch über Gott in eine Wüste ziehn. 2 8. Gott lebt nicht ohne mich Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben; Werd ich zunicht, er muß von Not den Geist aufgeben. 3 9. Ich habs von Gott und Gott von mir Daß Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen, Hat er sowohl von mir als ich von ihm empfangen. 10. Ich bin wie Gott und Gott wie ich Ich bin so groß wie Gott, er ist als ich so klein; Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein. 11.


Gott ist in mir und ich in ihm Gott ist in mir das Feur und ich in ihm der Schein; Sind wir einander nicht ganz inniglich gemein? 12. Man muß sich überschwenken Mensch, wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit, So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit. 13. Der Mensch ist Ewigkeit Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse. 14. Ein Christ so reich als Gott Ich bin so reich als Gott, es kann kein Stäublein sein, Das ich (Mensch, glaube mir) mit ihm nicht hab gemein. 15. Die Über-Gottheit Was man von Gott gesagt, das gnüget mir noch nicht, Die Über-Gottheit ist mein Leben und mein Licht. 16. Die Liebe zwingt Gott Wo Gott mich über Gott nicht sollte wollen bringen, So will ich ihn dazu mit bloßer Liebe zwingen. 4 17. Ein Christ ist Gottes Sohn Ich auch bin Gottes Sohn, ich sitz an seiner Hand: Sein Geist, sein Fleisch und Blut ist ihm an mir bekannt. 18. Ich tue es Gott gleich Gott liebt mich über sich; lieb ich ihn über mich, So geb ich ihm so viel, als er mir gibt aus sich. 19. Das selige Stillschweigen Wie selig ist der Mensch, der weder will noch weiß, Der Gott, versteh mich recht, nicht gibet Lob noch Preis. 5 20. Die Seligkeit steht bei dir Mensch, deine Seligkeit kannst du dir selber nehmen, So du dich nur dazu willst schicken und bequemen. 21. Gott läßt sich, wie man will Gott gibet niemand nichts, er stehet allen frei, Daß er, wo du nur ihn so willst, ganz deine sei. 22. Die Gelassenheit So viel du Gott geläßt, so viel mag er dir werden; Nicht minder und nicht mehr hilft er dir aus Beschwerden. 23. Die geistliche Maria Ich muß Maria sein und Gott aus mir gebären, Soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren. 24.

Du mußt nichts sein, nichts wollen Mensch, wo du noch was bist, was weißt, was liebst und hast, So bist du, glaube mir, nicht ledig deiner Last. 25. Gott ergreift man nicht Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier: 6 Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir. 26. Der geheime Tod Tod ist ein selig Ding: je kräftiger er ist, Je herrlicher daraus das Leben wird erkiest. 27. Das Sterben macht Leben Indem der weise Mann zu tausendmalen stirbet, Er durch die Wahrheit selbst um tausend Leben wirbet. 28. Der allerseligste Tod Kein Tod ist seliger als in dem Herren sterben Und um das ewge Gut mit Leib und Seel verderben. 7 29. Der ewige Tod Der Tod, aus welchem nicht ein neues Leben blühet, Der ists, den meine Seel aus allen Töden fliehet. 30. Es ist kein Tod Ich glaube keinen Tod; sterb ich gleich alle Stunden, So hab ich jedesmal ein besser Leben funden. 31. Das immerwährende Sterben Ich sterb und lebe Gott: will ich ihm ewig leben, So muß ich ewig auch für ihn den Geist aufgeben. 8 32. Gott stirbt und lebt in uns Ich sterb und leb auch nicht: 9 Gott selber stirbt in mir, Und was ich leben soll, lebt er auch für und für. 10 33. Nichts lebt ohne Sterben Gott selber, wenn er dir will leben, muß ersterben; Wie, denkst du, ohne Tod sein Leben zu ererben? 34. Der Tod vergöttet dich Wenn du gestorben bist und Gott dein Leben worden, So trittst du erst recht ein der hohen Götter Orden. 35. Der Tod ists beste Ding Ich sage, weil allein der Tod mich machet frei, Daß er das beste Ding aus allen Dingen sei. 36. Kein Tod ist ohne ein Leben Ich sag, es stirbet nichts; nur daß ein ander Leben, Auch selbst das peinliche, wird durch den Tod gegeben. 37.

Die Unruh kommt von dir Nichts ist, das dich bewegt, du selber bist das Rad, Das aus sich selbsten lauft und keine Ruhe hat. 38. Gleichschätzung macht Ruh Wenn du die Dinge nimmst ohn allen Unterscheid, So bleibst du still und gleich in Lieb und auch in Leid. 39. Die unvollkommne Gelassenheit Wer in der Hölle nicht kann ohne Hölle leben, Der hat sich noch nicht ganz dem Höchsten übergeben. 40. Gott ist das, was er will Gott ist ein Wunderding: er ist das, was er will, Und will das, was er ist, ohn alle Maß und Ziel. 41. Gott weiß sich selbst kein Ende Gott ist unendlich hoch. Mensch, glaube das behende; Er selbst findt ewiglich nicht seiner Gottheit Ende. 42. Wie gründet sich Gott? Gott gründt sich ohne Grund und mißt sich ohne Maß; Bist du ein Geist mit ihm, Mensch, so verstehst du das. 43. Man liebt auch ohne Erkennen Ich lieb ein einzig Ding und weiß nicht, was es ist; Und weil ich es nicht weiß, drum hab ich es erkiest. 44. Das Etwas muß man lassen Mensch, so du etwas liebst, so liebst du nichts fürwahr. Gott ist nicht dies und das, drum laß das Etwas gar. 45. Das vermögende Unvermögen Wer nichts begehrt, nichts hat, nichts weiß, nichts liebt, nichts will, Der hat, der weiß, begehrt und liebt noch immer viel. 46. Das selige Unding Ich bin ein seligs Ding, mag ich ein Unding sein, Das allem, was da ist, nicht kund wird noch gemein. 47. Die Zeit ist Ewigkeit Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, So du nur selber nicht machst einen Unterscheid. 48. Gottes Tempel und Altar Gott opfert sich ihm selbst: ich bin in jedem Nu Sein Tempel, sein Altar, sein Betstuhl, so ich ruh! 49.

Die Ruh ists höchste Gut Ruh ist das höchste Gut: und wäre Gott nicht Ruh, Ich schlöße vor ihm selbst mein Augen beide zu. 50. Der Thron Gottes Fragst du, mein Christ, wo Gott gesetzt hat seinen Thron? Da, wo er dich in dir gebieret, seinen Sohn. 51. Die Gleichheit Gottes Wer unbeweglich bleibt in Freud, in Leid, in Pein, Der kann nunmehr nicht weit von Gottes Gleichheit sein. 52. Das geistliche Senfkorn Ein Senfkorn ist mein Geist; durchscheint ihn seine Sonne, So wächst er Gotte gleich mit freudenreicher Wonne. 53. Die Tugend sitzt in Ruh Mensch, wo du Tugend wirkst mit Arbeit und mit Müh, So hast du sie noch nicht, du kriegest noch um sie. 54. Die wesentliche Tugend Ich selbst muß Tugend sein und keinen Zufall wissen, Wo Tugenden aus mir in Wahrheit sollen fließen. 55. Der Brunnquell ist in uns Du darfst zu Gott nicht schrein, der Brunnquell ist in dir; Stopfst du den Ausgang nicht, er fließet für und für. 56. Das Mißtraun schmäht Gott So du aus Mißvertraun zu deinem Gotte flehest Und ihn nicht sorgen läßt, schau, daß du ihn nicht schmähest.

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