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Rübezahl – Ludwig Bowitsch

V I. Der Schmied und der Wirt. or vielen, vielen Jahren hauste in einem, am Fuße des majestätischen Riesengebirges gelegenen Städtlein ein höchst ehrsamen fleißiger Schmied, Kurt mit Namen. Trotz aller Ehrlichkeit und Unverdrossenheit rang jedoch der gute Meister fortwährend mit Entbehrungen und Sorgen. Ein Hauptgrund der Erfolglosigkeit seines Schaffens lag in dem Umstande, dass Kurt das an sich wenig glänzende Anwesen mit einem verhältnismäßig großen Schuldenstande von seinem seligen Vater übernommen hatte und dadurch, vom Beginn seiner selbständigen Hantierung an, der Gnade eines wucherischen Darleihers, des reichen Wirtes Veit überantwortet worden war. Dieser nützte den Notstand Kurts weidlich aus und wusste sein Opfer derart umgarnt zu halten, dass es den ewig drängenden Verlegenheiten bei allemAufwand an Klugheit und Kraft nie zu entrinnen vermochte. Veit war es, von dem es abhing, ob der Eisenhändler sein Eisen abließ oder nicht; Veit war es, der über die Kunden des Schmiedes schaltete und denselben entweder zu- oder abratend zur Seite stand; Veit war es, in dessen Kassen schließlich immer der ganze Erwerb des Meisters zurückfloss, und der den sofort nach Ablieferung der Arbeit und erlangter Zahlung wieder von allein Barfond entblößten Kurt durch neue Vorschüsse an sich fesselte. Einst war es dem Schmiede gelungen, mit dem Bürgermeister einer benachbarten Stadt ein Geschäft abzuschließen. Es galt, allerlei Waffen und Rüstzeug bei sorgsamster, reellster Arbeit in kürzester Frist zu liefern. Der Gewinn, welcher sich in Aussicht stellte, war nicht unerheblich. Wenn Meister Kurt nur über etwelche bare Gulden zu verfügen in der Lage gewesen wäre! So aber mußte er zu Meister Veit wandern und um einen Vorschuss bitten. »Das verspricht in der Tat ein ganz gutes Geschäft,« hub Schankherr Veit an, »aber ich bin selbst mit meinen Geldern gegenwärtig knapp dran, kann für die gewöhnliche Vergütung mich unmöglich bereit finden lassen, Ihr müßt schon zu einer entsprechenden größeren Verzinsung Euch verpflichten, seid Ihr doch ohnehin noch im Rückstande. Seht, wisst Ihr was? Ich bin ein guter, gefälliger Mann, der gerne hilft, wo es möglich, will Euch 40 Silbertaler vorstrecken, dagegen müßt Ihr mir Euer Anwesen verpfänden, es ist so nicht mehr wert; binnen acht Wochen aber — Euere Arbeit muß ja bereits mit Ablauf des 42. Tages abgeliefert sein — binnen acht Wochen zahlt Ihr mir 50 Silbertaler zurück. Das ist doch gewiss ein ganz ehrenwerter Fürgang, den Ihr zu würdigen nicht ansteh’n werdet.« Kurt seufzte, aber das Geld war eine Arbeits- und somit auch eine Lebensbedingung. »Erkläre mich einverstanden, Herr Veit — wenn Ihr schon, wohlwollender zu handeln, Euch nicht zu entschließen vermögt.« »Ist das nicht Wohlwollen genug? Was seid Ihr, wenn ich meine Hand abziehe von Euch? Wüsste mir mehr zu verdienen, einzig und allein mein gutes Herz bestimmt mich, Euch unter die Arme zu greifen.« Der Vertrag wurde geschlossen. Kurt schritt ohne Säumen ans Geschäft. Vom ersten Sonnenstrale bis in die späte Nacht donnerte der Hammer, sprühte das Feuer in der Schmiede. Endlich war das Werk, und zwar einige Tage vor der anberaumten Frist, zu Stande gebracht. Die Zahlung jedoch erfolgte nicht sogleich und der Meister wurde unter Angabe, dass die Gelder nicht flüssig, vertröstet. Das machte dem ehrlichen Manne großen Kummer. Er kannte ja die Rücksichtslosigkeit seines Gläubigers.


Näher und näher rückte die Stunde, in welcher er bei Verfall seines Anwesens sich zur Rückerstattung des Darlehens verpflichtet hatte. Uberstieg schon der durch äußerste Anstrengung und Sorgsamkeit errungene Gewinn, nach Abschlag aller Kosten, den Veit zu vergütenden Zinsenbetrag ohnehin nur um wenige Silberstücke, so drohte nun eine außer allem Verhältnisse zum Erwerbe stehende Gefahr! Ein prachtvoller Sonntagsmorgen graute. Tiefsinnig hüllte sich Kurt in sein Festwams und griff nach dem Bergstock. »Will heut’ ein wenig in den Wald, die heiße Stirne mir vom scharfem Wind, der durch die Felsen pfeift, kühlen lassen!« »Verzag’ nur nicht, lieber Mann,« sprach die Hausfrau, »Gottvertrauen ist noch nie zu — Schanden worden, und —« »Ich mag auch von Verzweiflung nichts wissen, wenn auch schon morgen der verhängnisvolle Tag gekommen, geh’ eben deshalb in den Wald. Der die Vögel sorglos jubilieren heißt, wird auch mich wohl Trost und Stärkung finden lassen.« »Und wenn wir auch fort müßten von hier, und der hartherzige Veit —« »Nicht doch — leb’ wohl, Martha!« — Lange blickte die Meisterin schweigend ihrem fortwandernden Gatten nach, dann ging sie zum Lager ihres noch schlafenden dreijährigen Buben und bedeckte ihn mit Tränen und Küssen. Kurt wanderte weit und weiter über Felsen und Hügel, durch Täler und Schlünde. Leichter und freier schlug sein Herz. Das Rauschen des Laubes, das Singen der Vöglein, das Schwirren der Falter und Käfer zog ihn fort von all’ den ängstlichen Sorgen der Werkstatt und des Haushaltes und ließ ihn Veits unheimlich drohende Gestalt und die Gefahr der nächsten Stunden vergessen. So war er am Zauberhorne vorüber in eine wundersam gestaltete Felsschlucht gelangt, die er vordem je betreten zu haben sich nicht besinnen kannte. Tief im Grunde rollte ein rauschender Bach seine Fluten der Niederung zu, höher am Felsen fort schlängelte sich ein schmaler, nur durch Vorsicht zu überwindender Steig, während von den Zinnen des Gesteins sich vielhundertjährige Tannen gegen die Kluft senkten und den Sonnenstralen nur spärlichen Eingang verstatteten. Zugleich von Wonne und Grausen beherrscht, blickte Kurt für sich hin. Da hinkte plötzlich von den Schroffen ein alter, uralter Waidmann nieder. Bleich war sein Antlitz wie Schnee und silbern sein langer, in reichen Wellen niederfließender Bart. Tief aufseufzend, an das üppig wuchernde Schlingkraut sich klammernd, hielt er Rast. »Ihr seht sehr leidend aus, alter Forstmann,« rief der Schmied, »und die Füße scheinen Euch den Dienst versagen zu wollen.« »Mögt recht haben,« erwiederte mit hohler Stimme der Greis, »das Alter lässt sich nun einmal nicht anders an!« »Habt Ihr noch einen weiten Weg ?« »Jenseits der Alpe, die hart hinter diesem Wasser ostwärts emporsteigt, bin ich am Ziel.« »Euer Körper droht bei jedem Schritt zusammenzubrechen; wenn‘s Euch nicht misfällt, will ich mich zum Begleiter anbieten, meine Knochen sind noch allesammt rüstig und stark.« »Hab’ den bösen Schwund im Fuß, ist gar eine leidige Sache.« »Stützt Euch nur fest an mich — so — es geht schon.« »Danke bestens,« bedeutete der Waidmann, »es erfreut mich ganz absonderlich, wenn ich ans gute, gefühlvolle Menschen treffe; bist gewiss auch ein armer Teufel, denn wer selbst Not leidet, hat auch für Anderer Leid ein offenes Herz.« »Arm bin ich eben nicht, denn bis jetzt ist es mir stets gelungen, mich redlich fortzubringen, aber des Reichtums kann ich mich keinesfalls rühmen.« »Glaub’s von Herzen !« »Aber, um Gott, braucht Ihr denn kein Heilmittel, alter Mann, gegen Euer Gebreste?« »Hab’ schon Mancherlei versucht, aber hinterdrein nicht die geringste Linderung meiner Leiden erfahren.« »O, so lasst Euch meinen Rat gefallen. Kenne eine Art Farrenkraut, wächst üppig in diesen Gegenden, wills Euch weisen: dieses hier, das kocht in rotem Ungarwein zu Brei und schlagt es um den leidenden Teil; aber wohlgemerkt nur zur Neumondzeit, es hat meiner Mutter vortrefflich getan.

« »Danke, danke dir,« unterbrach mit freundlichem Lächeln der Waidmann, »wenn auch der Rat nicht gut, so ist er doch gut gemeint!« und dabei hinkte er, sich an den Schmied lehnend, der bezeichneten Alpe zu.

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