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Die Kuckkasten – Friedrich Fouqué

Wahrscheinlich, lieben Kinder, habt Ihr schon von der wunderlichen Geschichte gehört, wie einstmalen ein Rattenfänger in die Stadt Hameln gekommen ist, und die Leute von allen Ratten frei machte, nachher aber sehr schlecht bezahlt ward, und aus Rache dafür eine ganze Menge von Kindern durch eine zauberhafte Pfeife sich in einen Berg nachlockte, so daß Niemand von der Gesellschaft wieder zum Vorschein gekommen ist. Wahrscheinlich, lieben Kinder, habt Ihr schon von der wunderlichen Geschichte gehört, wie einstmalen ein Rattenfänger in die Stadt Hameln gekommen ist, und die Leute von allen Ratten frei machte, nachher aber sehr schlecht bezahlt ward, und aus Rache dafür eine ganze Menge von Kindern durch eine zauberhafte Pfeife sich in einen Berg nachlockte, so daß Niemand von der Gesellschaft wieder zum Vorschein gekommen ist. Habt Ihr davon gehört? — Ich denke wohl. Wenn aber auch nicht, so könnt Ihr Euch aus diesen Worten genugsam abnehmen, um das zu verstehn, was ich Euch von hier an erzählen will. Der kleine Karl Grünbaum nämlich wußte die Geschichte vom hamelnschen Rattenfänger sehr gut, und hatte eine entsetzliche Angst vor dem Gedanken, ihn könne wohl auch einmal ein Rattenfänger hinter sich drein locken, in einen fremden wundersamen Berg hinein, und der thäte sich dann hinter ihnen wieder zusammen, und drinnen wohnten lauter abscheuliche kleine Kobolde und tanzten so häßlich lustige Tänze, und grinzten so fürchterlich lachend mit den bösen Angesichtern — hu! — Dann pflegte er sich in verdoppelter Liede und Innigkeit an Vater und Mutter anzuschmiegen, — er war der einzige Sohn eines wohlhabenden Krämers in einer kleinen Stadt — und ihnen feierlich zu geloben: er wolle nun und nimmermehr mit einem Hexenmeister davon laufen. Die Aeltern lachten darüber, und meinten, es werde damit nicht eben große Noth haben. Einstmalen trat das Jahrmarktfest — etwa zum dritten oder viertenenale, daß Karl sich ordentlich darauf zu besinnen wußte — in dem Städtchen wieder ein. Durch die engen Straßen drängte sich Alles lustig, wenn auch mitunter ein bischen zänkisch, hin und wieder, der Grünbaumsche Laden wimmelte von Käufern, und Karl, mit einem guten, recht blanken Zweigroschenstück und einigen Pfeffersachen wohlausgestattet, trieb sich sammt mehrern Genossen, von denen er der allerreichste war, ganz vergnüglich umher. Aus einem schönen Garten, ganz dicht am Strome gelegen, scholl eine fröhliche Musik, und weil die Pforten offen standen, tanzten die Knaben nach der lustigen Weise mitsammen hinein. Da sahen sie einen wunderlichen Mann hinter einem seltsamen Kästlein stehen; das sahe wie ein kleines Häuslein voller runder Fenster aus, mit bunten Vorhängen da und dort überkleidet. Der Mann selbst trug einen ziemlich langen bunten Rock, und rothe, weite, goldgestickte Stiefel drunter, und eine hohe, schiefstehende, mit seltsam langen Federn ausgeschmückte Mütze. Und dazu rief er in einem fort: „Heran, heran, herbei, Wer Schönes schauen will und kann! Ich bin dazu der rechte Mann, Und die Entrée so gut, als frei!“ Dieser lockenden Versprechungen ungeachtet, schien sich eben Niemand herbeimachen zu wollen, und auch Karl Grünbaum wäre wohl mit seinen Gefährten ohne weitres vorübergerannt, wenn nicht der Fremde eine kleine Drehorgel zu spielen anhub, um welche sich viele helle Silberglöcklein im besten Takte herdrehten, und die Weise der obigen Verslein recht zierlich wiederholten. „Was?“ sagte Karl nach einer Weile; „die Entree ist frei? Das nun eben gefällt mir nicht sonderlich; Vater sagt, ein tüchtiger Kerl müsse sich eben nichts schenken lassen ohne Noth.“ Kommt, Jungen! Wir wollen vorbeigehn und den Prahlhans stehn lassen! Aergerts uns, daß wir seine Herrlichkeiten nicht sehn, i nun, so ärgert der Rothstiefel sich hoffentlich auch, daß er mein blankes Zweigroschenstück nicht zu sehn kriegt. Denn, wahrhaftig, das hätt‘ ich ihm für uns alle bezahlt, und zwei bis drei Pfefferkuchen — von den großen allenfalls! — noch obenein!“ Der Fremde, hinter dem bunten Kuckhäuslein hervortretend, sagte in einem ausländischen, aber recht anmuthig lautenden Tone: „Komm herzte, liebe Knaben, kommt herzu! Und wenn du meine Kunststücke nicht umsonst beschauen willst, du trotzig blonder Bursch mit den großen blauen Augen, da vorn, so gieb mir dein blankes Zweigroschenstück her! Die Pfefferkuchen aber sollst du behalten.“ „Meinetwegen!“ sagte Karl Grünbaum. „Da hast du mein schönes Zweigroschenstück. Aber wir müssen alle zusammen auf einmal hineinkucken können, denn sonsten giebt es nur Zank, und am Ende wohl gar eine Prügelei.“ „O,“ lachte der Fremde, „es ist überviel Platz vorhanden, wäret Ihr auch dreimal so viel, als Ihr seyd!“ Und wirklich zog er noch ein paar Vorhänge vor dem Häuschen zurück, und es zeigten sich nun grade so viel Kucklöcher, als Jungen davor standen. „Ach du Prahlhans von Rothstiefel!“ rief Karl Grünbaum. „Wenn wir nun wirklich dreimal so viel wären, als wie sind! Jetzt reicht es ja nur eben hin!“· Weißt du, wie viel Vorhänge noch aufrollen könnten?“ entgegnete der Fremde ernsthaft. „Für jetzt, wenn ich dir rathen soll, nimm fürlieb mit dem, was vorhanden ist, und grüble weiter nicht.“ Es war dem kleinen Karl ordentlich zu Muth, als werde er gewaltsam, aber wie aus sich selbst heraus, an das Kuckloch hingezogen, und den übrigen Knaben mochte wohl nicht viel anders zu Muthe seyn, denn plötzlich blickte durch jedwedes offne Fenster des Häusleins ein neugieriges Knabenauge. Ei, was der schönen und ganz unerhörten Dinge sie dorten ansichtig wurden! Zuerst that sich eine bunte Hafengegend auf, sehr weit, sehe leuchtend, alle Häuser mit Gold gedeckt, und oben auf den Dächern lauter goldblitzende Halbmonde, und in dem Hafen sehr viele, viele Schiffe, und die Häuser im Halbkreise darum her, so daß alles zusammen wie ein einziger, in tausend Farben gewaltig leuchtender Halbmond anzuschauen war. „Das ist wohl gar die große Türkenstadt Konstantinopolis?“ sagte einer der Knaben.


„Wenigstens hat unser Schulmeister sie mir beinahe eben so herrlich beschrieben. Aber es ist mir doch lieb, daß ich nicht wirklich dorten bin, denn da hauen sie den Leuten ohne alle Barmherzigkeit die Hälse ab, mir nichts, dir nichts! So’n Grosvezier pfeift die nur auf dem Daumen, und „Adje Kopf!“ hat es geheißen. „Ach was!“ sagte Karl. „Ein Kopf ist ein Ding, das ziemlich feste sitzt. Den Hut — den hat mir wohl der Wind bisweilen fortgerissen, aber den Kopf noch in meinem ganzen Leben nicht. Nein, was das betrifft, da möcht‘ ich schon gern einmal mit Leib und Seele in der schönen Stadt Konstantinopolis seyn; wenn sie nämlich so hübsch aussieht, wie diese hier.“ „O,“ sagte der Fremde, hinter dem Häuslein hervor, „du brauchst dich ja nur auf eins von diesen schön bunten Schifflein zu setzen! das tragt dich alsbald eine Strecke flußab, und immer so weiter nach Konstantinopolis zu.“ „Für dumm mußt du mich eben nicht ansehn!“ rief Karl ärgerlich. „Wenn ich auch nicht am besten die Vokabeln in der ganzen Stadtschule zu lernen weiß, — so viel weiß ich ja doch, daß deine Schiffe nur Kuckkastenschiffe sind, und daß ein vernünftiger Junge wie ich, absolut nicht darauf fahren kann.“ „Nun, das würde noch erst auf die Probe ankommen!“ lachte Rothstiefel. „Willst du denn auf meinen Schiffen fahren? Willst du’s so recht von ganzem Herzen? Dann kannst dus, und Ihr alle könnt es mit.“ Aber die Jungen traten erbleichend von den Kuckfenstern zurück, nur Karl ausgenommen. Dem ward zwar auch so etwas wunderlich ums kleine Herz; doch wollt’ er so was weder sich noch andern eingesteht, sondern blieb dicht an demselben Glase, und rief in einem fort mit lauter, kecker Stimme: „Nun ja, ich will fahren! Ich will durchaus auf deinen blanken Schiffen fahren! Und wenn alle die andern sich fürchten, so fahr’ ich doch! Hast du’s wohl gehört, Rothstiefel? Ich fahre doch!“ Da fing es aus einmal unter Karls Füßen so wunderlich zu schwanken an; ehe ihm noch die Zeit gekommen war, recht ausdrücklich zu fragen: „nun was ist denn das für dummes Zeug? Nun wo bin ich denn eigentlich?“ kam es ihm schon vor, als ob er mitten in dem Kuckkasten stehe, und gehe seine Reise auf einem blanken Schifflein recht eilig stromab. „Das ist ja doch der wunderlichste Kuckkasten von der Welt!“ sagte Karl. „Sonst kuckt man von außen hinein bei solchen Dingen, hier steh ich mitten drinnen, und kucke hinaus. Oder nein! Ich kucke nicht hinaus! Denn die Bilder sind so dicht zusammengeschoben, daß ich weder den Garten sehn kann, noch die Stromesufer, noch den Thurm der großen Kirche. — Hei, wie das Schifflein rennt und rennt! — Rothstiefel, du mußt es nicht so gar gewaltig rasch umlaufen lassen, denn mich schwindelt schon ein Bischen. — Und dann schieben sie mir von allen Seiten immer neue Bilder vor. Aber hübsche Bilder bringen sie an. Das muß wahr seyn! — O die große Stadt dorten mit ihren herrlichen Pallästen und mit dem frischgrünenden Laubengarten daneben. — Nein, nein, die hättet Ihr nicht so überschnell von hinnen rücken sollen. — Und dann wieder die Klippen mitten im Strome, — du, Fährmann, wahre dich, wir schmeißen ja um! —nun, nun, ich weiß ja wohl, das alles macht sich nur so ganz natürlich zun Spaß, und fürchten thu ich mich eben nicht.“ — „Heida, die schönen Weinberge mit reifen Trauben! Heide, von denen möcht‘ ich mir welche pflücken!“ „Noch Belieben!“ sagte Rothstiefel, und winkte nur so ganz leise mit der Hand, und das Fahrzeug lief schnell ans Ufer, daß der kleine Karl beinah umgefallen wäre, weil er sichs nicht so schnell versah. Aber Rothstiefel hielt ihn in seinen Armen fest und trug ihn an das Ufer hinaus. „Das ist doch nun erst rechtwunderlich!“ sagte Karl.

Warum habt Ihr denn auch draußen vor dem Kuckkasten alles so fremd und seltsamlich bei-ausgeputzt? Das muß Euch viele Umstände gemacht hoben. Ist es doch wirklich, als ständen noch immer alle die Weinberge vor mir, die ich vorher dadrinnen erblickte! Und wo sind denn meine Gespielen geblieben? Es ist ja nun schon dunkel· Rothstiefel, rufe sie doch, damit wir mitsammen nach Hause gehen.“ „Dunkel? entgegnete Rothstiefel ganz verwundert. „Nun freilich! Aber du hältst das doch wohl nicht für Ernst. Das gehört ja mit zu den Kunststücken, die ich dir für dein blankes Zweigroschenstück zeige. Besinnst du dich denn nicht, daß, während du im Kuckkasten standest, es unterschiedlichemale Nacht ward und Morgen und Mittag und Abend? Aber bei alle dem ist es eigentlich noch ganz erstaunlich früh an der Zeit.“ „Ja, ja, so kommt es mir auch vor; sagte Karl auf eine etwas träumerische Weise. Aber kurios ist es doch, — Deine Kunststücke haben mich wirklich ein bischen müde gemacht, — ordentlich, als wäre ich in der That so Tag‘ und Nächte lang durchgefahren, und hätte dabei kein Auge zugethan.“ „Hm, entgegnete Rothstiefel, wenn dich schläfert, — da brauchst du ja nur deinen Platz hier in der Rebenlaube zu nehmen; oder, wenn es dir so besser behagt, in dem kleinen rothen Häuslein an der grünen Wiese, wo der große schöne Baum drüber hinschattet.“ „In der Laube will ich schlafen, sagte der schon halbträumende Karl — in der Laube! — Im Häuschen, da möcht‘ es mir so fremd sein, wenn ich andre Leute sähe, als meine Aeltern, und mir es am Ende vorkäme, als wäre das alles wirklicher Ernst.“ Rothstiefel machte derweil dem Kinde mit großer Sorgfalt ein schönes Lager aus Weinblättern, duftendem Heu und bunten Blüthen zurecht, und steckte ihm dazwischen recht auserlesene Beeren in sein Mündchen. „Du magst wohl im Grunde recht gut seyn, Rothstiefel! lallte der Knabe. “Das sind ja prächtige Weintrauben, — und die, welche die grüne Ilse uns bisweilen ins Haus bringt, schmecken dagegen wie Essig. — Aber, Rothstiefel, daß du mich auch noch vor dem Abendbrodte weckst! — Hörst du wohl? — Mutter will heut Eierkuchen backen — schönen Speckeierkuchen mit gebrühtem Sallat, — alles gar schön, — so recht“ — Und der Kleine versank heiterlächelnd in einen tiefen Schlaf. Mitten inne ward es ihm wohl bisweilen als rühre eine leise, schmeichelnde Hand seine Wangen an, und wenn er dann aufblickte, saß ein andres Kind, wie ein kleines, weißes Lichtlein, neben seinem Lager. Aber Karl murrte unzufrieden: „I so laß einen doch schlafen! Rothstiefel wird mich schon wecken, wenn es Zeit zum Nachhausegehn ist.“ — Da war es endlich, als weiche der kleine Gefährte mit ängstlicher Scheue von dannen. Ein heller Strahl blitzte in des schlafenden Kindes Auge, eine liebliche Musik von Glöcklein, Hörnern und Silberbecken schallte darein. Karl richtete sich fröhlich staunend empor. Alles das, merkte er wohl, kam aus dem Kuckkasten, welchen ihm Rothstiefel ganz dicht vor das Lager gerückt hatte. „O Rothstiefel, rief er aus, was du auch immer für ganz unaussprechlich hübsche Sachen zu zeigen hast!“ — Und mit anmuthiger Gier hingen die Knabenaugen wieder an den Gläsern fest. Da gab es nun einmal des Herrlichen und Blanken recht viel zu sehn! Die Stadt von vorigesmal war wiederum aufgestellt, aber sie hatte sich um ein gutes Theil näher gerückt, und man konnte deutlich wahrnehmen, wie schön gerüstete Schaaren zu Roß und zu Fuße daraus in das blühende Feld hinauszogen. Und eben mit den goldnen Hörnern, silbernen Becken und Glöcklein, die sie bei sich führten, erhuben sie jenen anmuthigen Schall, und dazu flatterten große schwarze Roßschweife über den Geschwadern und wieherten die Rosse, und blitzten die blanken Waffen, — es war wirklich eine ganz ausnehmende Herrlichkeit! — Und als nun vollends ein junger, blanker Reitersmann auf einem schönen Apfelschimmel, im goldnen Schuppenküraß blank und hell, voraussprengte vor den Geschwadern, — da erst ging dem kleinen Karl das ganze Herz in Freuden auf, und er klopfte in die Händchen und rief: „Ach wenn doch auch ich nur ein einzigesmal auf solch einem Apfelschimmel reiten könnte!“ Und es war beinahe, als habe der Apfelschimmel im Kuckkasten das Rufen und Händeklatschen des Knaben gehört. Denn er ward ordentlich ganz scheu davor, sprang und stieg und bockte, und fing überhaupt so gar viel tollen Zeuges an, daß der blanke Reiter, zu seiner eignen größten Verwunderung, schien es, auf einmal bügel- und sattel- und pferdelos auf dem grünen Rasen da saß. Hell mußte der kleine Karl auflachen, aber gleich darauf ward er ziemlich ärgerlich.

„Wer heißt ihn denn, rief er aus, sich auf ein so herrliches Pferd setzen, wenn er es nicht reiten kann? Das ist, mit Erlaubniß zu sagen, ein recht dummer Kuckkastenspaß, und fängt’s mich beinah um mein blankes Zweigroschenstück zu reuen an.“

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