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Die kleinen Leute – Friedrich Fouqué

Der kleine Fritz — er mochte wohl noch nicht einmal vier Jahr alt seyn, und sprach keinesweges deutlich, und noch minder dachte er so klug, als verständige Leute pflegen — hatte sich im Spielen und Blumensuchen ein Bischen von der-Hütte seines Vaters entfernt. Sein Vater aber war ein Förster, und dessen Wohnung lag in der finstersten Gegend eines tiefen, von den mehrsten Menschen für gänzlich unwegsam und unbewohnbar gehaltnen Forstes. Fritzchen hätte wohl gelacht, wenn ihm Jemand dergleichen hätte vorreden wollen. Denn er wußte recht gut, daß außer seinem Vater noch Leute hier im Walde ihren ganz anständigen Wohnsitz hatten. Zwar kannte er von diesen Leuten nur einen Einzigen, aber der konnte auch für Zehne gelten, und erzählte alle Tage von mehr als Zehnen seines Gleichen, ob er gleich zufälligerweise niemals einen Einzigen bei sich zu haben pflegte. Er selbst war nicht viel größer, aber vermuthlich viel älter als Fritz, und nannte sich Puppedenzke, und ich dachte, das wäre ein ganz hübscher Name. Wenigstens dem kleinen Fritz kam er sehr niedlich und sehr verständig vor, indem Fritz gewohnt war, die Puppen seiner Schwestern auf eine ganz eigne Weise tanzen zu lassen, und ihm also Puppedenzke nicht anders erschien, als ein nahe verbrüderter Freund und Schulgefährt. Mit ihrer Schulgefährtschaft hatte es auch wirklich seine Richtigkeit. Denn meistens wenn der Förster — Waidhart war er geheißen — seinem kleinen Fritz und dessen zwei etwas ältern Schwestern, Julchen und Jettchen, Unterricht im Schreiben und Lesen gab (wozu er sich wohl alle Monat zwei bis drei Stunden abzumüssigen pflegte), kam der kleine Puppedenzke zur Thür herein, zog das grüne Käppchen sehr höflich von seinen blonen, krausen Locken, und sagte jedesmal mit einem tiefen Bücklinge: „Ich wollte ganz ergebenst gebeten haben, diesem gelehrten Unterrichte mit beiwohnen zu dürfen, indem mein Vater zwar ausnehmend reich ist, aber es doch zu solch einer vortrefflichen Anstalt in seinem Hause niemals hat bringen können.“ Das erstemal, daß er diese Anrede vorbrachte, sagte der Förster Waidhart auf eine mürrische Weise: „mach‘ Er, daß er zu Hause kommt, Patron! Er hat biet nichts zu schaffen!“ Und Julchen und Jettchen lachten den Kleinen mit seiner wunderlichen Höflichkeit ganz unmäßig aus. Da war es fast, als wolle Puppedenzke sein etwas seltsam lächelndes Gesichtchen zum Weinen verziehen. Aber Fritz trat vor die Schwestern hin, ballte die Fäustchen im recht ernsthaften Zorne, und sagte: „nicht auslachen! Puppedenzke nicht weinen! Fritz das absolut nicht leiden will.“ Und es schien ordentlich, als fürchteten sich die Schwestern vor dem drolligen Jungen. Der aber bat den Vater in seinem kleinen, stammelnden Kauderwelsch herzinnig, er möge doch den Puppedenzke mitlernen lassen, und brachte dabei vor, wie Puppedenzke ihm öfters Blumen in den Garten bringe, und andre schöne Spielsachen, und das Alles zwar immer wieder mit sich hinwegnehme, aber es seyen doch die hübschesten Dinge von der Welt. — „Geliehen ist auch geschenkt!“ sagte der ernsthafte Förster nach einigem Ueberlegen. „Mein Sohn ist Dir Dank schuldig, Puppedenzke, und Du sollst an meinem Unterrichte Theil nehmen. Siehe nun selbst zu, wie viel Du davon behalten kannst.“ Und damit ging es los: „A B ab, B A ba,“ und immer so fort, daß die Fenster dröhnten, und absonderlich schrie dabei der kleine Puppedenzke bisweilen so eifrig los, daß die Bäume im Forst sich ordentlich vor Schrecken zu schütteln anfingen. Sobald ihm aber Förster Waidhart diese Ungebür verwies, begab sich Puppedenzke an ein sittigeres Sprechen, und so besuchte er den Unterricht wohl ein halbes Jahr lang, immer mit derselben höflichen Anrede, und mit vielem Nutzen, denn nach dieser Zeit konnte er ziemlich fertig buchstabiren, so daß es ihm wohl manchmal gelang, seinen eigenen Namen ohne auffallende Fehler zusammen zu setzen. Jettchen und Julchen waren ihm derweile auch gut geworden, denn er brachte ihnen zuweilen bunte Glasstückchen mit, die ganz wunderlieblich glänzten, und niemals entzwei gingen, wie oft man sie auch an die Erde fallen ließ; ja auch dann nicht, als Julchen einmal im lustigen Uebermuth mit dem Malhammer des Vaters, von dem sonst wohl die gewaltigsten Eichen tiefe Narben empfingen, auf das blanke Flitterwerk schlug. Der kleine Fritz nun — wie ich Euch schon vorhin erzählte — war eines schönen Abends einigen fernleuchtenden Blumen und spaßhaften Schmetterlingen so lange nachgerannt, daß er sich endlich gar nicht mehr recht darauf besinnen konnte, ob die Försterwohnung vorwärts oder rückwärts liege, oder rechts-, oder links. — „Puppedenzke wird schon kommen, und mich nach Hause bringen,“ dachte er, legte sich ganz geruhig auf eine moosbedeckte Steinplatte nieder, und schlief ein. Es dauerte gar nicht lange, da war es ihm, als komme Puppedenzke durch den Wald geritten, auf einem kleinen hübschen Pferdchen, von ganz schneeweißer Farbe, das sich von andern Pferden nur darin unterschied, daß ihm ein kleines, goldhelles Waldhorn auf der Stirn hervorgewachsen war. Wenn der Wind in dessen Mündung hineinblies, lockte er ganz wunderliche, aber sehr hübsche Klänge daraus hervor; bald traurige, bald lustige, aber, wie gesagt, immer sehr hübsch. „Auch reiten! will auch reiten, Puppedenzke!“ lallte der kleine Fritz, und rieb sich die schlaftrunknen Augen.


Als aber sein Freund — wie es schien, in sehr tiefen Gedanken — weiter zog, ohne sich nach ihm umzusehn, ward Fritz betrübt und ärgerlich, und fing recht aus Herzensgrunde laut zu weinen an. Da sahe sich Puppedenzke nach ihm um, und sagte: „ach, halten Sie mir es doch ja zu Gute, verehrter Sohn meines gelehrten Wohlthäters, und mir ein unaussprechlich theurer Schulgefährt, daß ich Ihnen nicht gleich meinen schuldigen Gruß ausrichtete; aber ich habe in diesem Augenblick über so wichtige, so unendlich Vieles entscheidende Dinge nachzudenken, daß —“ „Sollst. mich mitnehmen!“ unterbrach ihn Fritz. „Will nach Hause reiten auf Deinem Waldhornpferdchen.“ „Verehrter Freund, das geht heute nicht,“ entgegnete Jener mit sichtlicher Verlegenheit. „Zudem — Ihr Herr Vater schlafen wohl ohnehin bereits, und haben dero Haus verschlossen, denn es gehe schon sehr stark auf Mitternacht.“ „Will aber mit! Will aber durchaus mit!“ rief Fritz, und stampfte ungeduldig gegen den Boden. „Ich schlag‘ es Ihnen ja so sehr, sehr ungern ab,“ betheuerte Puppedenzke, „und doch —wie kann, wie darf ich anders! Wahrhaftig, sie warten gewiß schon Alle auf mich. Leben Sie wohl, lieber junger Freund, und schlafen Sie gesund. Ich will Ihnen auch einige lebendige Nachtlämpchen besorgen!“ Dabei faßte er in’s hohe Gras, und fischte eine ganze Menge Johanniswürmchen heraus; die streute er in einem zirkelrunden Kreise rings um den Kleinen her, und sang dazu leise, leise, mit überaus anmuthiger Stimme: „Ihr Lichterchen, Ihr kleinen, Sollt hübsch zu Nacht hier scheinen; Und Fritz, hör‘ auf zu weinen. In jedem Lichtchen steckt ein Traum. Der fliegt hervor aus blankem Saum, Und sprüht Dich an mit süßem Schaum; Da siehst Du schöne Sachen, Da sollst noch im Erwachen So recht von Herzen lachen; Und morgen komm‘ ich hier heran, Und führ’ Dich heim, — ein Wort ein Mann! — Und wiedrum geht die Schule an.“ Aber Fritz rief in seinem Zorn: „Nicht mehr Schule! Sollst gar nicht mehr in die Schule kommen, wenn Du mich nicht gleich mitnehmen willst!“ Da ward Puppedenzke ganz blaß, und sagte: „O Verehrter, drohen Sie nicht so schrecklich! O, was soll daraus werden! So kommen Sie denn. Nach der Wohnung Ihres Herrn Vaters kann ich Sie jetzt nicht führen. Ich darf Ihnen nur anbieten, mich auf meiner Reise zu begleiten.“ „Will mit! Will absolut mit,“ rief Fritz in einem fort, und Puppedenzke schwang ihn vor sich auf den Sattel. Sie waren schon ein Paar hundert Schritte fortgetrabt, und das goldne Waldbhörnchen an des Rößleins Stirne klang gar fröhlich drein, daß alle Forstbewohner — als da waren Hirsche, Bären, Haasen, Wölfe und Eber — mit sehr höflichem Verneigen Platz machten; ja bisweilen kam es dem kleinen Fritz vor, als thäten uralte Bäume das Gleiche, und darüber hätte er sich doch beinah ein Bischen verwundert. Ihr habt wohl schon eher gesehn, wie vor blasenden Postillionen die Kutschen und Wagen und Reiter auswichen. Ungefähr eben so ging es auch hier zu. Da kam urplötzlich ein kleiner närrischer Kerl durch den Wald gesprungen, fast noch kleiner, als Puppedenzke, und trug eine recht gepuderte Perücke in der Hand, rufend: „Puppedenzke, Du siehst, noch ist die Krone nicht vergeben! Aber wenn Du sie haben willst, so mach‘ fort. Jenseit ringen und springen sie schon, daß es eine Lust zu sehn ist.“ Puppedenzke stach sein Waldhornpferdchen zum schnellern Laufe an; da sagte der kleine Perückenbote: „nein, wenn Du erst den ganzen Berg hinunter, und dort wieder hinauf reiten willst, und dazwischen noch über den großen Fischweiher, kommst Du auf alle Weise zu spät. Du wirst Dich nun schon durch den Fußsteig arbeiten müssen.“ — „Meinetwegen,“ sagte Puppedenzke. „Sitze Du nur mit hinten auf.

Das Rößlein ist stark und willig, und trägt uns gern alle Drei.“ — Der kleine Perückenkerl schwang sich auf des Pferdchens Rücken, und lachte so herzlich dabei, daß Puppedenzke, den er mit beiden Armen umfaßte, ganz und gar von dem Perückenpuder beworfen ward, und aussah wie ein Müller. Zugleich scharrte das weiße Roß sehr ämsig den Boden, und der that sich auf, und alle vier kleine Gestalten — nämlich Fritz, Puppedenzke, der kleine Perückenkerl und das Waldhornpferdchen — sanken recht bequem in den Erdenschooß hinunter. Darüber wunderte sich Fritzchen abermals ein Bischen, doch nicht allzuseh-, denn die Töne des goldnen Hörnleins klangen recht lustiglich und hell dazu. Fast noch hübscher war es, daß kleine Leute rechts und links am Wege saßen, und allerhand Spielwerk zurecht machten; anfangs aus glatten Steinen, weiterhin aus blankem Stahl, endlich gar aus Silber und Gold; zuletzt kamen welche vor, die leiteten beim Glanze rothheller Steinchen ein Bächlein nach dem andern durch goldne Pfeifen, und so wurden kleine Wasserorgeln daraus; die tönten noch viel anmuthiger als des weißen Rösseleins Horn, und übertönten es nach und nach ganz. Da sprachen Puppedenzke und der kleine Perückenkerl heimlich mitsammen. Dann hielten sie den Schimmel an, streichelten Fritzchen die Wangen und Schläfe sehr freundlich, und wanden ihm bei der Gelegenheit ein seidenweiches Tuch um die Augen, davor er auch nicht das mindeste sehn konnte. „Blindekuh spielen?“ sagte Fritzchen. „Müßt auch hübsch rufen: brennt, brennt! wenn Fritz wo anlaufen will, an hübsche Spielsächelchen oder helle Musikdinger. Wär‘ ja Schade sonst drum. Nicht wahr?“ — Aber plötzlich hub er etwas ängstlich zu schreien an: „Puppedenzke, Unart! Stellst mich ja auf’n Kopf!“Da nahm ihm Puppedenzke die Binde von den Augen, sprechend: „zürnen Sie nicht, verehrtester Schulgenoß, das ist nur ein Mittelchen wider den Schwindel. Sehn Sie, mein junger, gelehrter Freund, nun bekommen wir sehr guten Weg.“ — Der kleine Perückenkerl aber lachte, und sang: „Ei Puppedenzke, närr’sches Ding, Was renkst Du so die Worte?“ Puppedenzke sang zurück: „Nur nicht mit Spott so überflink! Komm‘ erst wie ich, Du dummes Ding, Von hoher Schulen Pforte; Dann pfiffst Du nicht nach Finkenart, Dann sprächst Du hoch- und tiefgelahrt: „A B, A B, B A.“ Und das heißt: „Ab“ und: „Ba!“ Davor ward der kleine Perückenkerl ganz scheu und still, und machte ein so tief ehrerbietiges Compliment, daß er beinah vom Pferdchen herunter gefallen wäre. Das Pferdchen aber schritt während dieser Unterhaltung rüstig nach aufwärts, in ganz entgegengesetzter Richtung, als vorhin. Anfangs klangen noch viele Wasserorgeln, dann wurden sie still, oder tönten nur fernher aus der Tiefe herauf; doch sprudelten sie in reichen Springbrunnen Goldsand aus ihren Pfeifen neben den Reisenden her, immer nach oberwärts, so daß sich Fritz ganze Händchen voll davon fing, um es gleich darauf lustig wieder fortzustreuen, indeß der kleine Perückenkerl sich viel Mühe gab, behutsam den Goldstaub von der Perücke fortzublasen, damit das weiße Pudermehl hübsch obenauf bleibe. Jetzt stand der Schimmel, und klopfte mit dem Waldhörnlein — man konnte nun dessen lustige Musik deutlich wieder vernehmen — tönend an ein finstres Thor, das über dem Haupte der Reisenden wie eine verschlossene Fallthüre lag, und draus etwas wie Fasern und Spinnengeweb um Fritzchens Angesicht spielte. Er faßte darnach, aber Puppedenzke sagte bittend: „Lassen wir das, mein Hochverehrter. Es sind die Wurzeln von kleinen schöner Blumen, welche bei diesen Versuchen nicht sonderlich an Wachsthum und Farbe gewinnen möchten.“ — „Nichts zu Leide thun den kleinen, schönen Blumen;“ lächelte der freundliche Knabe, und verhielt sich still. Wieder klopfte das Waldhornrößlein an die Pforte, und ein blondlockiges Knabenangesicht guckte durch eine aufgethane Luke, und zwischen ihm und Puppedenzke erhob sich folgendes Gespräch: „Wie viel sind Eurer vor der Thüre?“

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