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Die Drehorgel – Ludwig Bowitsch

Du magst es nun wissen,« hub der Fabrikherr Gotthold Walter an, sich behäbig in einen Stuhl zurücklehnend, »Du magst es nun wissen, weßhalb ich die Badereise unternommen und aus welchem Grunde ich Dich aufgefordert, mich zu begleiten.« »Ich besorge —« »Was soll das heißen ?« — Du hast Dir keine Sorgen zu machen — noch denke und handle ich für Dich — doch auf den Zweck der Reise zu kommen — meine Gesundheitsverhältniße machten jede Kur entbehrlich und auch Zerstreuung konnte nicht dringend geboten erscheinen — die Meierbach’sche Familie trifft im Lauf der Woche ein — der jüngste Sohn ist leidend — mit dieser ehrenwerthen Familie nach langer Zeit wieder in persönlichen Verkehr zu treten, war mein Wunsch — der alte Herr hat eine etwa 18jährige Tochter, die er gern- anständig verheirathet wissen will — das Mädchen ist eine Partie für Dich Gustav, wie ich keine bessere denken kann —« »Es ist unmöglich, lieber Vater —« »Unmöglich?! — Albernes Gerede — das Mädchen ist reich — bekommt wenigstens 80,000 Gulden — Walters und Meierbachs Geschäftsinteressen sind seit Jahren eng verflochten , da kann das Herzensbündniß der Kinder nur ein segenreiches sein —« »Aber ich habe das Mädchen ja noch nie gesehen —« »Du sollst es eben sehen — deßhalb hab’ ich dich mit mir genommen —- der alte Meierbach wünscht so gut, wie ich, die Verlobung rasch ins Werk gesetzt — Klara ist überdem, wie ich aus verläßlichster Quelle erfahren, schön und gut —« »Und wenn sie ein Engel ist, diese Clara, — es geht nicht an ——« »Das sagst Du? und in diesem Ton? Ich war bis nun gewohnt, einen gehorsamen Sohn zu finden, und glaube durch die unabläßige Sorge für Dein Wohl ein heiliges Recht auf Deine Unterwerfung zu haben —« »Ich verkenne nicht die großen Opfer, welche Sie mir gebracht haben und bringen — doch — doch — in dieser Angelegenheit muß ich bitten, mir meinen eigenen Willen zu lassen —« »Willst Du mir den Plan verderben, den ich entworfen? — Willst Du eine Idee bekämpfen, deren Ausführung das Werk meines Lebens krönen soll ?« »Sie betheuerten stets mein Glück ins Auge gefaßt zu haben —« »Auch gegenwärtig ist Dein Glück der Gegenstand meines Sinnens und Trachtens — Du bekommst eine edle, eine schöne, eine reiche Frau— erhebst dadurch unser Haus zu dem blühendsten des Landes —« »Nein Vater, Claras Hand kann mich nicht beglücken.« »Ich weiß, was Du sagen willst —- ich weiß, daß bereits eine Dirne Dich in ihr Netz gezogen zu haben, sich rühmt — ich weiß um Deine Geheimniße — aber eben deßhalb dringe ich aus eine rascheste Verehlichnng mit Clara Meierbach —« »Ihr wißt es Vater — nun — und was läßt gegen Josefine sich einwenden ?« »Du frägst? — die Tochter des armen Webers soll den Sohn des reichen Fabriks – und Gutsbesitzers Walter freien? Wahnsinn das — nur gleich und gleich gesellt sich gut — Du bist romanhaft, unerfahren, wie man es mit 23 Jahren ist und darum halte ich es für meine Vaterpflicht, dir den Weg zu zeigen, den Du zu wandeln hast-« »Haben Sie nie geliebt, bester Vater?« »Ich habe dem Wunsche meines Vaters entsprechen, das Mädchen seiner Wahl zum Altare geführt und bin ein reicher, angesehener Mann geworden.« »Ich kann mich von Josefine nicht trennen —« »Fantasterei — einige Zeit wirds wohl brennen im Herzen — aber die Zeit hat eine mildernde Kraft und die Wirklichkeit siegt —- die Bilder des Jugendtraumes treten tiefer und tiefer in den Hintergrund und werden blässer und blässer — der Werth des Besitzes drängt dem Eigenthümer in seiner vollen Bedeutung sich auf und wiegt die letzten Regungen einer schwärmerischen Neigung in Schlummer. Der Mann gefällt sich in seinem praktischen Wirken, in seiner gesellschaftlichen Stellung und lächelt über die Romantik des Jünglings —« »Ob aber dieses Lächeln von Herzen geht? ich kann es nicht glauben, daß eine tiefe, wahre, heilige Liebe so leicht auszulöschen ist — die theuren Todten sprechen auch aus den Gräbern noch —« »Eine Zeit —- sagt’ ich ja —- wirds wohl brennen im Herzen — doch das geht vorüber — und es bleibt dabei —- du nimmst die Clara —« »Ich muß mich weigern — ein bereits gegebenes Wort —« »Das arme Mädel soll nicht ohne Anerkennung vom reichen Walter scheiden. — Für den süßen Traum, in den sie Dich gewiegt, will ich sie großmüthig belohnen — doch Deine Gattin wird sie nicht —« »Ihr brecht nicht Ihr Herz nur — Ihr brecht auch meines —« »Diese Drohung schreckt mich nicht — die Herzen brechen nicht so leicht — man vergißt sich oder erinnert sich doch nur an einander, wie man sich an einen fernen Spaziergang erinnert ——« »Ich war immer ein gehorsamer Sohn — nur in dieser Beziehung kann ich es nicht sein und ich dächte, mich selbst verachten zu müssen, wenn ich die kindliche Ergebenheit bis zur Verläugnung meiner männlichen Ehre, bis zum Wortbruch und zur Niedertracht ausdehnen würde —« »Wetterjunge« fuhr Gotthold Walter auf — »Du hattest kein Wort zu geben, von dem vorauszusehen war, daß die Erfüllung auf meinen Widerspruch stoßen müsse, Du hattest von keiner Handlung Dich fortreißen zu lassen; die nicht nur auf Deine Ehre, sondern auch auf die Ehre Deines Hauses, Deines Vaters zurückzuwirken vermögend —« »Ja diesem Falle, lieber Vater, glaubte ich mein eigner Herr zu sein — und was die Ehre —« »Trotzkopf ! — Verblendeter! — doch für jetzt belaß ich es noch bei Vorstellungen, Ermahnungen und Rathschlägen — die Schuld Deines Wortbruchs nehme ich auf mein Gewissen — Sollte aber wider Erwarten mein Wort an tauben Ohren verhallen — sollte mein Bemühen an Deinem Widerstande scheitern — dann —- Du hast meinen eisernen Willen kennen gelernt — ich kann auch böse sein — dann — stoß’ ich Dich aus meinem Hause als einen Bettler — den einzigen — undankbaren — ungerathenen Sohn — dann magst Du mit Deinem Liebchen durch die Welt schlendern, das Lied vom Elend trillern -— und dabei — glücklich — recht glücklich sein —« »Ist das Ihr letztes Wort, lieber Vater ? —« »Für jetzt — ja —- ich hoffe — daß Dir in Balde die Besinnung zurückkehrt —« »Und wollen Sie mein Glück in der That zerstören — wollen Sie mir wirklich mit unbeugsamer Härte nur die Wahl zwischen Braut und Vater offen lassen — muß der Besitz des Einen durch den Verlust des Andern bedingt sein?« »Ich hab’ gesprochen und es bleibt dabei —« »Dann gibt es freilich keine Verständigung!« rief Gustav und stürzte fort. »Wahnwitziger,« grollte Walter dem Enteilenden nach — doch — die Ueberlegung wird wieder zur Obmacht gelangen. Nur durch Ernst können Eltern in solchen Fällen den Kindern imponiren und es ist mein Ernst! —« Trotz aller Sophismen jedoch, die er auszuführen beflissen war, fand der Aufgeregte die alte, ruhige Verfassung des Gemüthes nicht. »Daß doch die Kinder ihrem eigenen Glück und dem Glücke ihrer Eltern zuwiderhandeln —« flüsterte er für sich hin. Spät, obschon von der Reise nicht wenig ermüdet, entschloß er sich zu Bette zu gehen. »Wo er nur hingeeilt? — in einer fremden Stadt — zu welchem Gerede das Anlaß geben kann —- Ich will schlafen —- schlafen —« Da begann es zu stöhnen und zu pfeifen und die melancholischen Akkorde einer Drehorgel winselten durch die Abendstille. »Ein abscheuliches Lied — ein förmlicher Todtengesang — das braucht‘ ich noch —« Eine Pause erfolgte und von neuem hub die Orgel zu klagen an. Die zweite Weise war fast noch ergreifender, als die erste und die Lücken im Spielwerk selbst trugen nicht wenig bei, das Unheimliche noch unheimlicher zu machen. Dem zweiten Orgelstücke folgte ein drittes. Es röchelte wie der letzte Seufzer eines Sterbenden. Nach dem dritten Liede hub wieder das erste an. »Das ist zum Rasendwerden!« rief Walter und griff nach der Glocke. Der Besitzer des Hotels erschien.<(p> »Sie bekümmern sich wahrscheinlich um Ihren Sohn —« »Nein —« »Ich dachte — der wandert am Strome auf und nieder — einer meiner Leute hat ihn gesehen — wahrscheinlich ergötzt er sich an der herrlichen Mondnacht —« »Nein — nein—« unterbrach Walter, von Fieberfrost durchschüttelt — »ich wollte nur von wegen dieser höllischen Drehorgel, die sich unter meinen Fenstern vernehmen läßt ——« »Ah — hat der Alte wieder erfahren, daß Gäste angekommen — ein wunderlicher Kauz —- findet immer zur Badesaison sich ein —- schon seit langen Jahren — orgelt ewig seine alten, ausgesung’nen Weisen — Ist ein wenig nicht bei Trost — thut aber keiner Seele was zu Leide —« »Ist das nicht Leides genug — diese wimmernden ächzenden Töne —« »Will ihn abschaffen —« »Thut das — doch er ist arm —- müßt ihn nicht hart anfahren — wer weiß, was für ein Unglück! — Sagt ihm — er soll heraufkommen, will ihm — was schenken !« Der Wirth entfernte sich. »Weiß nicht, was mich plötzlich so weich macht!« sprach Walter in sich hinein — — »Er genießt den Abend am Strome — lächerliche Besorgniße — wird schon wieder kommen —« »Melde mich zu Gnaden,« stotterte eine kreischende Greisenstimme. »Gut — gut — ja so da nehmt —- aber Ihr spielt verzweifelte Melodien —« »Todtenlieder, Euer Gnaden —- prachtvolle Todtenlieder — das erste und zweite sangen sie in Ottendorf und fingen’s vielleicht noch das dritte hab’ ich aus Reißstadt —« »Gut —- gut — nehmt —« »O Ihr seid gar ein freundlicher Herr — will’s Euch nochmal heraborgeln — im Zimmer bleibt der Klang mehr beisammen — oh, es sind ergreifende Todtenlieder —« »Ich verlange sie nicht mehr!« — »Nein — nein —- glaubt mir’s — je öfter Ihr sie hört, diese Akkorde, desto tiefer nisten sie im Herzen ein — desto mehr Bedürfniß werden sie — spiele sie beinahe 30 Jahre und kann nicht satt werden —- horcht nur, wie das heraufhohlt aus den tiefsten Schachten der Seele —« »Es ist genug —« »Lieber Herr — Ihr habt mich so reich beschenkt —- — da wär’ es undankbar, wenn ich so rasch fortgehen wollte — Ihr sollt es gründlich kennen lernen, dieses Meisterwerk — ist meines Bruders Schöpfung, der war Orgelbauer — rastet auch längst im Kühlen — doch die Angabe ist von mir ausgegangen. — Ihr seid wohl immer glücklich gewesen — da begreift Ihr nicht, welch’ ein Trost in der Verzweiflung liegt — und Verzweiflung liegt in diesen Tönen — und wäre sie auch ursprünglich nicht darin gelegen —- ich habe sie hinein gelegt -« Sprachs und orgelte nach Leibeskräften.

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