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Zeltleben in Sibirien – George Kennan

Der von der Western-Union-Telegraph-Company in den Jahren 1865 bis 1867 unternommene Versuch zwischen Amerika und Europa eine Telegraphenverbindung herzustellen, die über Alaska, die Behringstraße und Sibirien führen sollte, gehört zu den bemerkenswertesten Unternehmungen unserer Zeit. Kühn in seinem Entwurfe, wichtig in seinem Ziele, wußte er die Aufwerksamkeit der ganzen gebildeten Welt auf sich zu lenken und er galt als das bedeutenste telegraphische Unternehmen, das jemals das amerikanische Kapital in Anspruch nahm. Wie alle erfolglosen Versuche in unserer Zeit des Fortschrittes, ist auch dieser bald vergessen worden; der glänzende erfolg der atlantischen Kabellegung hat ihn aus dem Gedächtnis der Welt getilgt. Manche der Leser kennen die Grundzüge dieses Unternehmens, aber nur wenige Leute, selbst nicht alle Urheber des Projekts, wissen zu welcher Thätigkeit in Brittisch-Columbia, Alaska und Sibirien es Anlaß gab, kennen die Schwierigkeiten, die sich dabei ergaben und die Versuche, die dabei gemacht wurden, das bisher fast unbekannte Gebiet zu erforschen. Im Verlauf von zwei Jahren erkundeten die Angestellten beinahe 10000 Kilometer ununterbrochener Wildnis, die sich der Küste Amerikas entlang von der Insel Vancouver bis zur Behringstraße und in Asien von der Behringstraße bis zur Grenze Chinas hinzieht. Die Spuren ihrer verlassenen Lager sind in den wilden Gebirgsgegenden Kamtschatkas zu finden, in den großen, öden Steppen Nordostsibiriens und in den düsteren Fichtenwäldern Alaskas und Brittisch-Columbias. Sie überschritten mit Renntieren die steilen Pfade der nordasiatischen Berge; sie schifften in Booten von Tierhäuten auf den großen Strömen des Nordens dahin; sie schliefen in den rauchigen Pologs der sibirischen Tschutschken, und sie lagerten auf öden nordischen Steppen bei einer Kälte von 50 bis 60 Grad unter Null. Die Pfähle, die sie aufstellten, die Hütten, die sie erbaut haben und nun verlassen in der Wildnis stehen — das ist das einzige Erinnerungszeichen des aufgegebenen Unternehmens. Ich beabsichtige nicht eine Geschichte des russisch-amerikanischen Telegraphen zu schreiben. Der Erfolg seines Rivalens, des Atlantischen Kabels, hat seine frühere Wichtigkeit gänzlich in den Schatten gestellt, und sein eigener Mißerfolg hat ihm jedes Interesse benommen. Immerhin haben aber die Forschungen, die seinetwegen vorgenommen wurden, an und für sich einen Wert. Das Gebiet, wo sie vorgenommen wurden, ist nur wenig bekannt und wird von civilisierten Menschen gar selten besucht; nur wenige abenteuerliche Kaufleute und Pelzjäger sind in dieser beinahe ununterbrochenen Öde vorgedrungen und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dasß sich unter uns jemals viel Nachfolger finden werden. Das Land bietet dem Reisenden nichts, was ihn für die Gefahren und Mühseligkeiten seiner Forschungsfahrt entschädigen könnte. Zwei Beamte der russisch-amerikanischen Telegraphengesellschaft haben bereits Berichte über ihre Reisen in Brittisch-Columbia und Alaska veröffentlicht; und da ich glaube, daß die Mitteilungen über die Forschungen der Gesellschaft jenseits der Behringstraße nicht minder interessieren werden, habe ich in folgendem meinen zweijährigen Aufenthalt in Nordsibirien geschildert. Es macht keine Ansprüche, um für vollkommene Wissenschaft oder irgend welche außergewöhnliche That zu gelten; es beabsichtigt nur eine klare, genaue Schilderung der Bewohner eines nur wenig bekannten Landes zu geben, deren Sitten und Gebräuche darzustellen. Es ist nur die Darstellung meines Lebens in Sibirien und Kamtschatka, was ich hier biete und ich hoffe, die Neuheit des Gegenstandes wird etwaige Mängel an wissenschaftlicher Gründlichkeit oder glänzender Schreibkunst vergessen machen. 1. Kapitel. Der russisch-amerikanische Telegraph — Die „Olga“ segelt von San Francisco nach Kamtschatka und den Amur Die russisch-amerikanische Telegraphengesellschaft wurde im Sommer 1864 zu New-York organisiert. Seit vielen Jahren hatten hervorragende Telegraphenbeamte die Idee gehabt, Amerika mit Europa über die Behringsstraße telegraphisch zu verbinden, und schon 1857 hatte Herr Perry Collins, als er das nördliche Asien bereiste, einen dahinzielenden Vorschlag gemacht. Aber erst nachdem der Versuch, ein transatlantisches Kabel zu legen, gescheitert war, fing man an, die Möglichkeit einer Verbindung der beiden Kontinente über Land durch Asien in ernstere Erwägung zu ziehen. Der Plan des Herrn Collins, welcher schon 1863 der Telegraphengesellschaft für westlichen Verkehr zu NewYork unterbreitet wurde, schien von allen Projekten für interkontinentale Verbindung das praktischste. Eine Telegraphenlinie durch Brittisch-Columbia, Russisch-Amerika und NordostSibirien sollte sich an die russische Linie an der Amurmündung anschließen, was einen ununterbrochenen Drahtgürtel fast um die ganze Erde gebildet haben würde. Dieses Projekt bot viele unverkennbare Vorteile. Es erforderte kein langes Kabel.


Die Linie führte stets über Land, außer der kurzen Strecke in der Behringsstraße, und durch Sturm oder sonstige Vorkommnisse entstehende Schäden waren leicht auszubessern. Sie konnte auch möglicherweise längs der asiatischen Küste bis Peking ausgedehnt werden und zur Entwickelung des nutzbringenden Handels mit China beitragen. Alle diese Gründe ließen das Projekt Kapitalisten und praktischen Telegraphenbeamten verlockend erscheinen, und so wurde es im Jahre 1863 von der Telegraphengesellschaft für westlichen Verkehr definitiv angenommen. Man verhehlte sich natürlich nicht, daß, wenn es gelänge, ein transatlantisches Kabel zu legen, dies der projektierten Überlandlinie schaden, ja sogar verhängnisvoll werden könnte; da dies aber einstweilen nicht wahrscheinlich schien, beschloß die Gesellschaft in Anbetracht aller Umstände, das Risiko zu übernehmen. Mit der russischen Regierung wurde ein Vertrag abgeschlossen, welcher diese verpflichtete, ihre Telegraphenlinie durch Sibirien bis an die Amurmündung auszudehnen, und der Gesellschaft außergewöhnliche Privilegien auf russischem Gebiete einzuräumen. Von der brittischen Regierung wurden 1864 ähnliche Zugeständnisse erlangt; der amerikanische Kongreß versprach seine Unterstützung, und so trat die »Gesellschaft für Ausdehnung des westlichen Verkehrs« mit einem Kapital im Nominalwerte von 10 000 000 Dollars ins Leben. Die Aktien, welche hauptsächlich von den Aktieninhabern der ursprünglichen »Telegraphengesellschaft für westlichen Verkehr« gezeichnet wurden, waren bald vergriffen; eine sofortige Einzahlung von 5% lieferte den Fonds zur alsbaldigen Inangriffnahme des Werkes. Der Glaube an den schließlichen Erfolg des Unternehmens war so groß, daß in Zeit von zwei Monaten alle Aktien zu fünfundsiebzig Dollars das Stück bei nur fünf Dollars Anzahlung untergebracht waren. Im August 1864 wurde Oberst Bulkley, ein ehemaliger Inspektor des militärischen Telegraphenwesens, zum Oberingenieur der projektierten Linie ernannt, und im Dezember segelte er von New-York nach San Franzisco, um Erforschungskolonnen zu organisieren und auszurüsten, und mit der Verwirklichung des Projektes den Anfang zu machen. Angeborene Reise- und Abenteuerlust, die noch nie Befriedigung gefunden, und der Wunsch, an einem so neuen und wichtigen Unternehmen beteiligt zu sein, veranlaßten mich, der Gesellschaft meine Dienste anzubieten. Mein Gesuch ward bewilligt, und am 13. Dezember reiste ich in Begleitung des Oberingenieurs von New-York nach San Franzisco, wohin das Hauptquartier verlegt werden sollte. Unmittelbar nach seiner Ankunft eröffnete Oberst Bulkley ein Bureau in der Montgomerystraße und schickte sich an, verschiedene Abteilungen zu einer vorläufigen Rekognoszierung des Gebietes, das die Linie durchschneiden sollte, zu organisieren. Kaum verlautete in der Stadt, daß Männer zur Erforschung der unbekannten Regionen Brittisch-Columbias, RussischAmerikas und Sibiriens gesucht würden, als das Bureau der Gesellschaft von Stellesuchenden aller Art förmlich belagert wurde. Abenteurer, die schon lange auf eine derartige Gelegenheit gewartet; verkommene Goldgräber, die durch neu zu entdeckende Goldfelder ihren zerrütteten Verhältnissen aufzuhelfen hofften; entlassene, nach neuer Aufregung dürstende Soldaten, alle drängten sich herzu, um ihre Dienste als Pioniere anzubieten. Nach geschickten und erfahrenen Ingenieuren war lebhafte Nachfrage; aber das Angebot gewöhnlicher Leute, die, was ihnen an Erfahrung mangelte, durch Begeisterung ersetzen wollten, war unbeschränkt. Monat auf Monat schlich langsam während der Auswahl von Leuten, Organisierung und Ausrüstung von Erforschungsabteilungen dahin, bis endlich im Juni 1865 die Schiffe der Gesellschaft bereit waren, in See zu stechen. Eine Abteilung sollte in Brittisch-Columbia an der Mündung des Fraser-Flusses landen, eine andere in Russisch-Amerika am Nortonsund, und eine weitere auf der asiatischen Seite der Behringsstraße an der Mündung des Anadyr. Sie hatten Befehl, unter der Führerschaft der Herren Pope, Kennicott und Macrae soweit wie möglich den Lauf der betreffenden Flüsse aufwärts ins Innere vorzudringen, in Bezug auf Klima, Bodenbeschaffenheit, Holzreichtum und Bewohner alle mögliche Auskunft zu erlangen und im allgemeinen die Richtung der projektierten Linie festzustellen. Für die beiden amerikanischen Abteilungen boten Victoria und Fort Sct. Michael eine verhältnismäßig günstige Operationsbasis, aber die sibirische Abteilung mußte auf der asiatischen Küste, in der Nähe der Behringsstraße, fast tausend Meilen von jeder bekannten Niederlassung entfernt, in öder, unfruchtbarer Gegend landen. Da sie unter nomadischen Stämmen kriegerischer Eingeborenen auf ihre eigenen Hilfsmittel angewiesen und ohne irgend welche Transportmittel außer Kähnen sein würde, schienen ihre Sicherheit und ihr Erfolg sehr fraglich. Viele Freunde des Unternehmens behaupteten sogar, es heiße die Leute gewissem Untergang preisgeben, wenn man sie in eine derartige Lage versetze; der russische Konsul in San Franzisco riet, diese Abteilung lieber in einen der russischen Häfen des ochotskischen Meeres anlaufen zu lassen, wo sie Erkundigungen über das Innere des Landes einziehen, sich Pferde- oder Hundeschlitten zu Entdeckungsreisen nach jeder Richtung hin verschaffen, und den sie überhaupt als Anhaltspunkt benutzen könnten. Dieser vernünftige Rat war sehr einleuchtend; unglücklicherweise verfügte aber der Oberingenieur über kein Schiff, auf dem er eine Abteilung ins ochotskische Meer hätte schicken können; wenn im Verlauf dieses Sommers überhaupt eine Landung auf der asiatischen Küste stattfinden sollte, konnte dies nur an der Behringsstraße geschehen.

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