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Volk auf dem Wege – Josef Ponten

I Verwandte und Bekannte. Ich finde keinen mehr. Peter Purr, Deserteur. Stiefel auf und Stiefel nieder, wer gibt mir meine Heimat wieder? Im Wolgaland Ich setzte euch ein Denkmal – den Lebenden? den Toten? Wir waren, bevor wir waren, und werden sein, wenn wir nicht mehr sind: im Volke (In „Selbstbildnis aus dem Jahre 1920“) [Kapitel 1] n dem deutschen Dorfe Bellmann auf dem hohen Wolgaufer lebte im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts der Schulmeister Christian Heinsberg, genannt Christian Michailowitsch. Sein Vater hatte Michael Heinsberg geheißen, er war auch Schulmeister gewesen in Bellmann. Ein Heinsberg war schon Schulmeister gewesen jener Auswanderer, die zur Zeit und auf Veranlassung der großen Katharina unter Führung ihres Schulzen Bellmann aus Deutschland an die Wolga gekarrt waren. Der fünfte Schulmeister der Schulmeisterreihe aus dem Geschlechte der Heinsberg war Christian Michailowitsch Heinsberg. Schulmeister Heinsberg, warum bist du so traurig in jungen Jahren? Was fehlt deinem Leben, daß du es nicht mit Freuden ergreifst? Schulmeister sein bedeutet im Dorfe doch etwas. Du bist der erste in deiner Gemeinde. Das ganze Dorf sorgt für die Notdurft deiner Nahrung, du aber darfst Bücher lesen und der Bildung leben. Du vertrittst den Schulzen in der Erntezeit und bist auch zuweilen Beauftragter der Regierung, wenn sie eines Gehilfen und Vertrauensmannes an Wahlund Aushebungstagen bedarf. Und du bist der Pfarrer in deinem Dorfe, das sich keinen eigenen Pfarrer halten kann, an den gewöhnlichen Sonntagen; du taufst und beerdigst, und nur die Trauungen sind dem Pfarrer des Kirchspiels, der in Holstein sitzt, vorbehalten, wenn er einmal die zwanzig Werst hergefahren oder hergeschlittet kommt, und die Gottesdienste an den drei hohen Kirchenfesten. Du bist nicht der Geistliche, aber der Geistige, man ehrt dich, man fragt dich um Rat in diesem und jenem, die Jugend hängt an dir, und die Alten wissen, was sie an dir haben. Warum also bist du so traurig, Christian Michailowitsch? Ja, ja, es ist schon gut, und ich will auch weiter nicht unzufrieden sein mit meinem Lose, aber man l a s s e mich doch traurig sein, wenn es mir wohltut! sprach der Schulmeister zu sich und ging durch die geschnitzte Schlupfpforte aus seinem Hofe. Aus den geschnitzten Torfahrten aller Höfe fuhren die mit Ochsen, kleinen Pferden oder hohen Kamelen bespannten Wagen der Bauern in die breite Dorfstraße ein und wandten sich schnell bergwärts zu den Feldern. Mit langem Gruß oder mit Reden hielt man sich nicht auf, denn war auch die Weizenernte vorüber, so war jetzt doch der Spätsommer da mit der Ernte der Sonnenblumen und Arbusen. Doch hieß es freundlich: „Guten Morgen, Schulmeister! Heute mußt du uns die Kinder schon lassen, denn über der Oststeppe scheint es gewitterlustig zu sein, die Sonnenblumen müssen gehauen werden, und dein Arbusenfeld ernten wir gleich mit ab. Guten Morgen, Schulmeister!“ rief man schon aus der Ferne, denn das Zugvieh war ausgeruht und zog frisch den Berg hinan. Heinsberg nickte gelassen und freundlich, rief aber dem letzten Gefährt nach: „Konrad, dein Halfter schleift!“ Worauf der Bauer vom Wagen sprang und seinem Tiere die Zügel aus den Beinen wand, was das Kamel mit dankbarem Grunzen beantwortete. Die Gefährte verschwanden in der Staubwolke zuberg. Heinsberg aber wandte sich, da er heute frei hatte, zutal und flußwärts. Einen ganzen Tag für seine Trauer! Er wollte ihn gründlich ausnutzen und sie tief genießen. Es war noch Nacht. Noch schimmerten die Sterne groß und klar, der Schwan neigte sich im Nordwesten zum Untergange; nur im Osten, über der Kirgisensteppe, wurde es ein wenig grau und hell, am Aralsee mochte bereits Tag sein. Schon brachen aus den Hoftoren, die hinter den ausgerollten Gefährten offen geblieben waren, die grauen Borstenschweine und die niedlichen Ferkel und liefen zu der Rinne inmitten der Dorfstraße, die vom Berge her Wasser bekam.


Eine Anna oder Alexandra im weißen Kopftuch und roten Rocke kam aus einem der hölzernen Höfe und stellte den tönernen Krug unter den Mund des Laufbrunnens. Muntere Morgengrüße warfen sie dem Schulmeister zu, denn er war noch jung, aber sein Gegengruß war nur gedämpft und sozusagen von zweiter Ordnung. Und er stand jetzt auch schon am Ufer. Sehr hoch war der Bord, das Dorf trat bis hart an die scharfe Kante heran auf der einen Straßenseite mit einem grauen Holzhause, auf der andern mit dem Gottesacker, dessen hölzerner Zaun, noch im Verbande aber umgelegt und fußlos, bereits über dem Borde schwebte, an dem das Frühjahrswasser der Wolga heuer gefressen hatte. Sehr hoch war der Bord und steil, dem Frühlicht entgegengekehrt traten schon seine weißen Wände mit den Rillen und Schluchten darin in den Tag. Ganz klein erschienen tief unten die schwarzen Boote und Schuten des Dorfes, die hinter dem Gerölldamm vor der Strömung geschützt lagen. Die Wolga zog schweigend und still vorbei, ohne den geringsten Wellenschlag. Man hörte in der Nacht zwischen dem letzten Licht der Sterne und dem ersten des Tages nichts. Großartig war das! Die Wolga schien ein gewaltiger See. Man sah auch keine Bewegung, man wußte sie nur. Noch leuchteten die im Strome verankerten Richtlichter der Schiffahrt herauf wie schwimmende Sterne, weiß und rote Sterne, rote an der hübenen Bergseite, weiße gegen die drübene Wiesenseite. Vom nackten, sanft geneigten Flutgelände, das sich unten stumpf an die Bordsteile anwinkelte, drangen die Rufe von Hütejungen herauf. Weit entfernt waren die Hirten, doch klangen die Laute in der Frühe ganz nahe. Die Jungens hatten dort unten mit ihren ausgewachsenen Schweinen die Nacht verbracht, die Feuer ihrer Lager erloschen allmählich im steigenden Taglicht mit den Lichtern im Strome. Die Schweine waren schon bei der Morgenatzung, sie wateten nur huftief im Uferschlamm und frühstückten die in der Nacht angeschwemmten toten Fische. Christian Heinsberg stand still und steil auf dem äußersten Borde. Ihn fröstelte vor Morgenkühle und Herzweh. Da sank der erste Sonnenschein an ihm nieder, er fühlte sich von oben nach unten warm – und auch ein wenig glücklich werden, und als die vom Lichte überfallenen Augen sich an dieses gewöhnt hatten, begrüßte er die über der unendlichen Oststeppe eben heraufgetretene gold-rötliche Sonne. Nun bekam auch das Wiesenufer Licht, und er sah mit unwillkürlicher Lust wieder das tausendmal Gesehene: Die Wolga floß vor Bellmann in zwei Armen, ein Sandwerder lag in der Mitte, der Flutstreif war hellweiß und so rein wie ein Laken. Etwas höher auf dem Werder stand der Flutbusch, grün und grau, Weiden und Pappeln – Stroh, dürres Gezweig und Lappen in deren Geäste – und Christian dachte: Es wäre an der Zeit, Holz zu schlagen für den Winter. Aber nein, heute nicht! Heute war Frei-Tag, und alle Frei-Tage gehörten seit einiger Zeit seiner wollüstigen Sehnsucht. Wonach? Er wußte es nicht. Er hatte ein junges Weib und zwei frische Kinder, er hatte ein Amt das ihn nährte, einen Beruf der ihn beschäftigte – aber erfüllt war er nicht. Doch, er wußte es! Und er lächelte über die Torheit seines Wissens: er hatte Sehnsucht – – Ach, man darf es kaum sagen, es war ganz töricht, ganz töricht! Wie sollte er je zum Ziele dieser Sehnsucht kommen? Das war ja so weit bis dahin, so weit, breite Länder lagen dazwischen, und er war ein armer Schulmeister. Drüben lag die Steppe und Turkestan und Sibirien, und dann kam China, wo zu eben dieser Morgenstunde der Mittag schon überschritten war … Nein, es lag h i n t e r ihm, und gar nicht so weit, noch war es Nacht da, und man würde dort wohl noch den Schwan am Himmel sehen; aber die nun höher steigende und gelb und strahlend gewordene Sonne würde sich auch dort schon angekündigt haben, die Morgenröte würde bereits am Himmel stehen, und die Menschen würden eben erwachen.

Es lag hinter seinem Rücken, er wagte nicht sich umzusehen, als stünde Frau Torheit mit tollen Locken hinter ihm und würde gleich loslachen. Er schaute nach Osten, aber sein Herz, sein Herz brannte und schwoll nach Westen hin: er hatte Sehnsucht – nach Deutschland … Nach Deutschland! Jawohl, nach Deutschland! Nach Deutschland hatte er Sehnsucht! Es war so. Es war nicht anders. Aber was für eine irrsinnige Sehnsucht war denn das? War er je in Deutschland gewesen? War sein Vater in Deutschland gewesen? Michael Heinsberg, Michael Christianowitsch Heinsberg? Niemand war in Deutschland gewesen, niemand von seinen Verwandten, niemand aus dem Dorfe, aus dem Kirchspiel und aus den ganzen Kolonien. Der alte Vorvater Christian Heinsberg war daher gekommen, niemand wußte woher. Aus Deutschland waren die Kolonisten gekommen, fertig. Sie waren Bauern gewesen und hatten keine Stammbücher geführt. Wie sollten sie Stammbücher führen, sie hatten genug zu tun mit Führen des Pflugbaums und hatten die Wüste an der Wolga beackert. Sie konnten nicht lesen und schreiben, sie hatten geackert und sich genährt und Kinder gezeugt und waren gestorben. Und die Kinder hatten geackert, sich genährt, Kinder gezeugt und waren gestorben. Und ihre Gräber am Steilhang fraß die Wolga beim Frühlingswasser, ab und zu fiel ein Knochen den Hang hinunter, und die Wolga führte ihn fort in die Kaspis. Warum solche Torheit? Man war hier, man lebte hier, man starb hier, und alles war gut: wenn man nur an den Acker dachte, und ob der Weizen im Sommer reifen und nicht in unzeitiger Dürre vertrocknen würde und ob die Sonnenblumen Öl liefern und die Arbusen gedeihen würden. Auch er, Christian, hatte bisher vergnügt und bescheiden gelebt, die Kinder des Dorfes lesen und schreiben gelehrt, wie er es von seinem Vater, dem Schulmeister, gelernt hatte. Und alle waren zufrieden mit ihm, wie sie es mit Vater und Großvater gewesen waren. Auch die Regierung war zufrieden, denn daß wenigstens die Deutschen unter den Russen lesen und schreiben konnten, damit war sie zufrieden. Namentlich, da die Deutschen ihre Schullehrer selbst bezahlten, da sie denn durchaus den Wunsch hatten, lesen und schreiben zu können.

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