| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Wildfell Hall III – Anne Bronte

D Dritter Theil. Erstes Kapitel. Gesellige Vorzüge. en 20. März. 1824. Die gefürchtete Zeit ist gekommen und Arthur, wie ich gefürchtet hatte, gegangen. Diesmal hat er mir gesagt, daß er nur kurze Zeit in London zu bleiben und dann nach dem Kontinente zu gehen beabsichtige, wo er dann wahrscheinlich einige Wochen bleiben werde; ich erwarte ihn aber erst nach vielen Wochen zurück: — ich weiß jetzt daß bei ihm Tage Wochen und Wochen Monate bedeuten. Ich sollte mit ihm gehen; kurz vor der zu unserer Abreise angesetzten Zeit erlaubte er mir jedoch — ja, drängte mich, mit dem Scheine bewundernswürdiger Selbstverleugnung, meinen unglücklichen Vater, der sehr krank ist — Und meinen Bruder, der sich in Folge der Krankheit und ihrer Ursache sehr unglücklich fühlt, und den ich seit dem Tage, wo unser Kind getauft wurde, und er an demselben nebst Mr. Hangrave und meiner Tante Pathenstelle vertrat, nicht gesehen hatte, zu besuchen. Da ich der Gutmüthigkeit, womit mir mein Gatte ihn zu verlassen erlaubte, kein zu großes Opfer auferlegen wollte, verweilte ich nur kurze Zeit bei meinem Vater; als ich aber nach Graßdale zurückkehrte — war er fort. Er hatte ein Billet zur Erklärung seiner eiligen Abreise zurückgelassen, worin er vorgab, daß ein plötzlich eingetretenes Ereigniß seine Anwesenheit in London nothwendig gemacht, und ihn verhindert habe, meine Rückkehr abzuwarten, er fügte hinzu, daß ich am besten thun werde, mir nicht die Mühe zu geben, ihm zu folgen, da er nur so kurze Zeit dort zu verweilen gedenke, daß es kaum der Mühe werth sein werde; und da er natürlich allein nur halb so viel zur Reise brauchen werde, als wenn ich ihn begleite, so würde eo vielleicht gut sein, wenn wir den Ausflug auf das nächste Jahr verschöben, wo wir unsere Angelegenheiten in Folge seiner gegenwärtigen Bemühungen, auf einen zufriedenstellenderen Standpunkt gebracht haben würden. War es wirklich so? — oder war das Ganze nur ein Vorwand, um ihn in den Stand zu setzen, allein seinem Vergnügen nachzugehen, ohne von meiner Gegenwart dabei beschränkt zu werden? Es ist peinlich, wenn wir die Aufrichtigkeit derjenigen, welche wir lieben, bezweifeln müssen; kann ich aber nach so vielen Beweisen der Lügenhaftigkeit und äußersten Grundsatzlosigkeit einer so unwahrscheinlichen Geschichte Glauben schenken? Ich habe nun noch die Trostquelle, daß er mir vor einiger Zeit gesagt hatte, er würde, wenn er je wieder nach London oder Paris gehe, mehr Mäßigkeit in seinen Freuden bewahren, um nicht seine Genußfähigkeit gänzlich zu vernichten, er strebe nicht danach, ein hohes Alter zu erreichen, möchte aber gern seinen Antheil am Leben haben, und vor Allem dessen Freuden bis zum letzten Augenblicke genießen — zu welchem Zwecke er es für nothwendig halte, etwas haushälterischer mit seinen Kräften umzugehen, denn er fürchte, bereits viel von seinem hübschen Aeußeren eingebüßt zu haben, und so jung er sei, habe er doch in der letzten Zeit bereits einige graue Haare unter seinen geliebten kastanienbraunen Locken entdeckt; auch argwöhne er, daß er schon etwas dicker werde, als ihm gerade wünschenswerth erscheine — dies komme aber vom guten Leben und Nichtsthun; und im Uebrigen glaube er noch eben so kräftig und gesund zu sein wie je; nur könne man nicht sagen, was eine zweite Saison voller unbegrenzter Tollheit und Teufelei, wie die letzte, zu thun im Stande sei, um ihn herabzubringen. Ja; dies hat er zu mir gesagt — ohne zu erröthen, und mit demselben schelmischen Ausdruck imAuge, welchen ich einst so sehr liebte, und dem leisen, muntern Lachen, dessen Anhören mir sonst das Herz erwärmte. Nun! derartige Rücksichten werden ohne Zweifel für ihn mehr Gewicht haben, als Alles, was ich ihm vorzustellen vermöchte. Wir werden sehen, was sie für seine Bewahrung zu thun im Stande sind, da mir doch keine bessere Hoffnung mehr für ihn bleibt. Den 30. Juli. Vor etwa drei Wochen ist er zurückgekehrt, allerdings in etwas besserer Gesundheit, dessenungeachtet aber doch in schlechterer Stimmung. Vielleicht thue ich ihm aber Unrecht, — vielleicht bin ich weniger geduldig und nachsichtlich geworden. Ich bin seiner Ungerechtigkeit, Selbstsucht und hoffnungslosen Verderbtheit müde — ich wollte, ich könnte ein milderes Wort finden, — ich bin auch kein Engel, und mein menschlicher Unwille erhebt sich gegen ihn. Mein armer Vater ist vergangene Woche gestorben; Arthur ärgerte sich über die Nachricht, weil er sah, daß ich darüber entsetzt und bekümmert war, und er fürchtete, daß dies seine Behaglichkeit stören würde. Als ich davon sprach, mir Trauerkleider zu bestellen, rief er: »O, ich hasse das Schwarz! Du wirst es jedoch, der Form wegen, wohl eine Zeitlang tragen müssen; aber ich hoffe, Helene, daß Du Dich nicht für verpflichtet halten wirst, Dein Gesicht und Wesen in Uebereinstimmung mit Deinen Trauergewändern zu bringen. Warum willst Du seufzen und ächzen, und warum soll ich meine Bequemlichkeit einbüßen, weil es einem alten Herrn in —shire, der uns beiden gänzlich fremd war, beigefallen ist, sich todt zu trinken? — Nun, da weinest Du wahrhaftig schon! Das ist doch gewiß affektiert.« Er wollte nichts davon hören, daß ich dem Leichenbegängniß beiwohnte, oder auf ein paar Tage hinging, um den armen Friedrich in seiner Einsamkeit zu trösten.


Er sagte, daß es ganz und gar unnöthig sei, und ich unbillig wäre, den Wunsch danach zu hegen. Was gehe mich mein Vater an? Ich habe ihn seit meiner frühesten Kindheit nur ein einziges Mal gesehen, und wisse wohl, daß er sich nie einen Pfifferling um mich gekümmert hätte — und auch mein Bruder sei nur um wenig besser, als ein Fremder. »Uebrigens, liebe Helene,« sagte er, indem er mich mit schmeichelnder Zärtlichkeit umarmte, »kann ich Dich auf keinen Tag entbehren.« »Was hast Du aber dann diese vielen Tage her ohne mich angefangen?« fragte ich. »O, damals habe ich mich in der Welt umhergetrieben, jetzt bin ich aber daheim; und die Heimath würde mir ohne Dich, meine Hausgottheit, unerträglich sein.« »Ja, solange ich Dir zu Deiner Bequemlichkeit nöthig bin; aber früher sagtest Du nicht so, als Du in mich drangst, Dich zu verlassen, damit Du ohne mich fortgehen konntest,« erwiederte ich. Ehe jedoch die Worte noch aus meinem Munde waren, bereute ich, dieselben gesprochen zu haben. Es schien mir eine so schwere Anklage, eine so grobe Beleidigung, wenn sie falsch, eine zu demüthigende Thatsache, wenn sie wahr war, um ihm so offen ins Gesicht geworfen zu werden. Aber ich hätte mir diese momentane Pein der Selbstvorwürfe ersparen können; die Anklage erweckte in ihm weder Scham noch Indignation, er versuchte sie weder zu leugnen, noch sich zu entschuldigen, sondern antwortete nur mit einem langen, leisen Lachen, als ob er die ganze Sache von Anfang bis zu Ende für einen gescheiten, guten Spaß ansehe. Der Mann wird es wahrhaftig noch dahin bringen, daß er mir zuwider wird! Aber wie ich mir den Kelch bereitet habe, so muß ich ihn trinken, und will es thun — bis auf die Hefen — und außer mir soll Niemand erfahren, wie bitter er mir wird! Den 20. August. — Wir haben uns wieder in unser gewöhnliches Verhältniß zu einander gefunden. Arthur ist fast ganz wieder in seine frühere Stellung und Gewohnheiten zurückgekehrt, und ich habe es als das Klügste erkannt, meine Augen gegen die Vergangenheit und Zukunft zu verschließen, wenigstens so weit es ihn betrifft, und nur für die Gegenwart zu leben; ihn zu lieben, wenn ich kann, womöglich zu lächeln, wenn er lächelt, heiter zu sein, wenn er es ist, und erfreut, wenn er sich angenehm macht; und wenn er es nicht ist, zu versuchen, ihn dazu zu machen — und wenn dies nicht geht, ihn zu ertragen, zu entschuldigen und ihm zu verzeihen, so gut ich kann, und meine schlimmen Leidenschaften zu bekämpfen, damit sie die seinen nicht noch verschlimmern; und doch, während ich seinen harmloseren Neigungen nachgebe und dieselben befriedige, Alles, was in meinen Kräften steht, zu thun, um ihn vor den schädlicheren zu bewahren. Wir werden aber nicht lange allein beisammen sein. Ich werde bald den gleichen ausgewählten Freundeskreis bewirthen müssen, welchen wir im vorletzten Herbste hier hatten, außerdem aber noch Mr. Hattersley, und aus mein besonderes Ersuchen, seine Frau und sein Kind. Ich sehne mich danach, Millizent mit ihrem kleinen Mädchen zu sehen. Das letztere ist jetzt über ein Jahr alt, und wird eine herrliche Spielgefährtin für meinen kleinen Arthur abgeben. Den 30. September. — Unsere Gäste sind jetzt seit vierzehn Tagen hier, ich habe aber bisher noch keine Muße gehabt, meine Bemerkungen über sie zu machen. Ich kann meine Abneigung gegen Lady Lowborough nicht überwinden. Sie gründet sich nicht auf bloße persönliche Gereiztheit, ich bin dem Weibe selbst abgeneigt, weil ich ihr Benehmen so gänzlich mißbillige. Ich vermeide ihre Gesellschaft stets, soviel es mir möglich ist, ohne die Gesetze der Gastfreundschaft zu verletzen; aber wenn wir miteinander sprechen, so geschieht es mit der größten Höflichkeit — ja selbst scheinbarer Herzlichkeit von ihrer Seite; — der Himmel bewahre mich aber vor solcher Herzlichkeit! Es ist, wie wenn man Dornenrosen in die Hand nimmt — sie sind schön genug für das Auge, und auch äußerlich sanft anzufühlen; aber man weiß, daß Dornen darunter sind, und fühlt dieselben von Zeit zu Zeit, und rächt die Verletzung durch Drücken, bis man ihre Fähigkeit zum Schaden — vernichtet hat — immer aber zum Nachtheile der eigenen Finger.

.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |