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Weiße Nächte – Fjodor Dostojewski-2

Squire Trelawney, Doktor Livesey und die anderen Herren hatten mich aufgefordert, die ganze Geschichte von der Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende niederzuschreiben und nichts zu verschweigen als die Lage der Insel, und auch das nur, weil noch immer ungehobene Schätze dort liegen; und so greife ich jetzt, im Jahre des Heils 17., zur Feder und beginne mit der Zeit, da mein Vater Wirt imAdmiral Benbow war und sich der sonnenverbrannte alte Seemann mit der Säbelnarbe unter unserm Dach einquartierte. Ich entsinne mich seiner, als ob es gestern gewesen wäre, wie er vor unsere Tür gestapft kam, seine Seekiste in einem Schubkarren hinter sich her, ein hochgewachsener, kräftiger, schwerer, nußbrauner Mann. Der geteerte Zopf fiel ihm auf die Schultern des fleckigen blauen Rocks, die Hände verschmiert und verschrammt mit schwarzen, abgebrochenen Nägeln und die Narbe eines Säbelhiebs wie ein schmutzig fahler Strich auf der Wange. Ich erinnere mich daran, wie er sich in der Bucht umsah, vor sich hin pfiff und dann das alte Matrosenlied anstimmte, das er nachher so oft singen sollte: »Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste, Jo-ho-ho und die Pulle voll Rum!« Er sang mit hoher, zittriger Stimme, die an der Ankerwinde jeden Klang verloren zu haben schien. Dann klopfte er mit einem Knüttel, der wie eine Hebestange aussah, an die Türe, und als mein Vater heraustrat, verlangte er rauh und grob ein Glas Rum. Als es ihm gebracht wurde, ließ er jeden Tropfen mit Kennermiene über die Zunge rollen, und gleichzeitig wanderte sein Blick über die Klippen und musterte unser Wirtshausschild. »Eine nette Bucht«, sagte er schließlich. »Und eine gut gelegene Schenke! Viele Gäste, Maat?« »Nein«, sagte mein Vater, »leider sehr wenige.« »Aha«, sagte der Seemann, »genau die richtige Koje für mich. He, du da«, rief er dem Mann zu, der den Karren schob, »leg hier an und hilf mir mit der Kiste! Ich will eine Weile hierbleiben«, fuhr er fort. »Ich bin ein einfacher Mann; Rum, Speck und Eier, mehr brauch’ ich nicht, und dort die Landspitze, um die Schiffe abfahren zu sehen. Wie Ihr mich nennen sollt? Sagt Käpt’n zu mir. Aha, ich seh schon, worauf Ihr aus seid. Da!« Und er warf drei oder vier Goldstücke auf die Schwelle. »Wenn’s aufgebraucht ist, dürft Ihr mir’s sagen!« Und dabei schaute er hochmütig um sich wie ein Kommodore. Und tatsächlich, so schlecht seine Kleider waren, so grob seine Sprache, sah er doch nicht wie ein gewöhnlicher Matrose aus, sondern mehr wie ein Steuermann oder ein Schiffer, gewöhnt, daß man ihm gehorchte, oder dreinzuschlagen. Der Mann, der den Schubkarren gebracht hatte, erzählte uns, die Postkutsche habe den Seemann gestern früh vor dem »König Georg« abgesetzt, und er habe sich erkundigt, was es für Wirtshäuser hier längs der Küste gebe. Als man ihm unser Haus gerühmt und vermutlich auch gesagt hatte, daß es einsam gelegen sei, hatte er es als Aufenthaltsort gewählt; und das war alles, was wir über unseren Gast erfahren konnten. Für gewöhnlich war er ein schweigsamer Mann. Den ganzen Tag trieb er sich mit einem Messingfernrohr in der Bucht und auf den Klippen herum; den ganzen Abend saß er in einem Winkel der Gaststube, dicht am Feuer, und trank seinen steifen Grog. Wenn man zu ihm sprach, gab er meist keine Antwort; er schaute nur jäh und wild auf und schnäuzte sich, daß es wie ein Nebelhorn dröhnte. Und wir und die anderen Gäste gewöhnten uns mit der Zeit daran, ihn in Frieden zu lassen. Tag um Tag, wenn er von seinen Wanderungen heimkehrte, erkundigte er sich, ob nicht etwa ein Seemann des Wegs gekommen sei.


Zuerst glaubten wir, er stelle diese Frage, weil es ihm an gleichgesinnter Gesellschaft fehlte; aber mit der Zeit merkten wir, daß er im Gegenteil gar keinen Wert darauf legte. Sobald ein Seemann im »Admiral Benbow« einkehrte, wie das hin und wieder geschah, wenn einer längs der Küste nach Bristol wollte, musterte er ihn durch den Vorhang an der Türe, bevor er sich sehen ließ. Und solange ein Seemann im Gastzimmer war, verhielt sich unser Käpt’n mäuschenstill. Für mich gab es in dieser Frage am Ende kein Geheimnis mehr, denn in gewissem Sinn hatte ich einen Anteil an seinen Befürchtungen. Eines Tages hatte er mich beiseite genommen und mir für jeden Monatsersten ein silbernes Vierpennystück versprochen, wenn ich die Augen nach einem »seebefahrenen Mann mit einem Bein« offenhalten und ihm auf der Stelle melden wollte, sobald sich solch ein Mann sehen ließ. Wenn der Erste da war, und ich um mein Geld zu ihm kam, schnaubte er oft nur wütend und sah mich an, als müßte ich in den Boden versinken; aber bevor die Woche um war, hatte er es sich überlegt, gab mir mein Vierpennystück und wiederholte seinen Befehl, nach einem »seebefahrenen Mann mit einem Bein« auszulugen. Ich brauche euch wohl kaum zu sagen, wie diese rätselhafte Persönlichkeit durch meine Träume spukte. Wenn in stürmischen Nächten der Wind das Haus erzittern ließ und die Brandung in der Bucht und an den Klippen brüllte, dann sah ich ihn in tausend Gestalten und mit tausend teuflischen Mienen. Bald war das Bein am Knie abgeschnitten, bald an der Hüfte, bald war er ein gräuliches Ungeheuer, das immer nur ein einziges Bein gehabt hatte, und das in der Mitte des Körpers. Ihn hinter mir springen und laufen, mich über Hecken und Gräben verfolgen zu sehen, war der schlimmste von meinen Alpträumen. Und alles in allem habe ich mit diesen gräulichen Phantasien sein monatliches Silberstück teuer genug bezahlt. Doch obgleich die Vorstellung des »seebefahrenen Mannes mit dem Holzbein« mich marterte, hatte ich andererseits vor dem Käpt’n selber weniger Angst als alle anderen, die ihn kannten. An manchem Abend trank er erheblich mehr Grog, als sein Kopf vertrug, und dann saß er da und sang seine alten, wilden, gottlosen Matrosenlieder, ohne auf irgendwen Rücksicht zu nehmen; manchmal ließ er Grog für die ganze Runde bringen und zwang die zitternden Gäste, seine Geschichten anzuhören oder zu seinen Liedern den Chor zu singen. Wie oft hörte ich das Haus erbeben, wenn er sein »Jo-ho-ho und die Pulle voll Rum« grölte; und alle Nachbarn stimmten ein, als ob es ums Leben ginge, solche Angst hatten sie vor ihm, und jeder wollte lauter singen als der andere, um ihn nicht wütend zu machen. Denn in solchen Stimmungen war er der unverträglichste Gesellschafter, den man sich nur vorstellen konnte. Er schlug mit der Hand auf den Tisch, gebot Schweigen, konnte über eine Frage in höllische Wut geraten, manchmal aber auch, weil kein Mensch eine Frage stellte und er sich darüber aufregte, daß man ihm nicht aufmerksam genug zuhörte. Aber keiner durfte das Wirtshaus verlassen, bevor er selber sich nicht schläfrig getrunken hatte und ins Bett torkelte. Seine Geschichten waren es, die die ängstlichen Gäste am meisten in Schrecken versetzte. Schreckliche Erzählungen vom Erhängen und Ertränken und von Stürmen, von den Pirateninseln Tortugas und von wilden Geschehnissen und Gegenden an der südamerikanischen Küste zwischen dem Orinoco und Panama. Nach seinen eigenen Worten mußte er der verruchtesten Bande angehört haben, die der liebe Gott je auf dem Meer geduldet hatte; und die Sprache, in der er diese Geschichte vorbrachte, erschreckte unser einfaches Landvolk fast ebensosehr wie die Verbrechen, die er schilderte. Mein Vater sagte immer, unser Wirtshaus werde zugrunde gerichtet, denn die Leute würden bald nicht mehr kommen, um sich von ihm tyrannisieren zu lassen und nachher mit einer Gänsehaut zu Bett zu gehen, aber ich glaubte, daß seine Anwesenheit für uns recht nützlich war. Wenn er seine Geschichten erzählte, hatten die andern Gäste wohl Angst, aber im Rückblick fanden sie Gefallen daran; in dem ruhigen Landleben war so eine Aufregung nicht zu verachten, und einige unter den jüngeren Leuten taten sogar, als bewunderten sie ihn, nannten ihn einen »echten Seebären« und eine »richtige Teerjacke« und so ähnlich und erklärten, solchen Leuten sei zu verdanken, daß England so eine gefürchtete Seemacht geworden wäre. In einer Beziehung allerdings konnte er uns leicht zugrunde richten, denn er blieb Woche um Woche und schließlich Monat um Monat, so daß alles Geld längst aufgebraucht war, und doch brachte es mein Vater nicht übers Herz, auf weiteren Zahlungen zu bestehen. Wenn er diesen Punkt auch nur erwähnte, so schnaubte der Käpt’n so heftig durch die Nase, daß man meinen konnte, er stoße ein Gebrüll aus, und blitzte meinen armen Vater derart an, daß der Gute schleunigst das Zimmer verließ. Ich habe gesehen, wie er nach solch einer Abfuhr die Hände rang, und ich bin überzeugt, daß der Ärger und die Angst, darin er leben mußte, zu seinem frühen, kläglichen Tod wesentlich beigetragen haben.

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