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Waldroeschen 3 – Karl May

Ich bin noch jung, doch fürcht‘ ich nicht Des Lebens mächt’ge Wogen. Es glänzt ein goldig helles Licht An meines Himmels Bogen. Das Leben gleicht dem Meere, dessen ruhelose Wogen sich ewig neu gebären. Millionen und Abermillionen wechselvolle Gestalten tauchen aus den Fluthen auf, um für die Dauer eines kurzen Lebensaugenblickes auf der Oberfläche zu erscheinen und dann wieder zu verschwinden – für immer? Wer weiß es! Am Gestade steht der Beobachter und richtet tausend Fragen an das Schicksal; aber kein Wort tönt an sein Ohr. Das Geschick spricht und antwortet nicht mit Worten, sondern in Thaten; die Entwickelung schreitet unaufhaltsam weiter und der Sterbliche sieht sich verurtheilt, in fast machtloser Geduld die Geburt der ersehnten Ereignisse abzuwarten. Keine Stunde, keine Minute, kein Augenblick läßt sich verfrühen und keine That bringt eher Früchte, als es von den ewigen Gesetzen vorgeschrieben wurde. Oft steht der Mensch vor einer scheinbar folgenschweren Begebenheit, aber Tage und Jahre verrinnen, und es scheint, als ob die vorhandenen Ursachen ihre Triebkraft verloren hätten. Es ist, als ob das Vergangene wirkungslos sei, als ob die geheimen Federn des Lebensmechanismus ihre Spannung verloren hätten. Kein Laut ist zu hören, keine That, kein Erfolg zu sehen und der schwache Mensch möchte fast an der Gerechtigkeit der Vorsehung zweifeln. Aber die Gerechtigkeit geht rücksichtslos ihren gewaltigen und unerforschten Weg, und gerade dann, wenn man es am wenigsten denkt, greift sie mit zermalmender Faust in die Ereignisse ein und man erkennt mit staunender Bewunderung, daß tief am Grunde des Meeres sich Fäden gesponnen haben, die nun an die Oberfläche treten, um sich zum Knoten zu schürzen, welchen zu lösen nun in die Macht des Menschen gegeben ist. So war es auch mit den Schicksalen, deren Fäden in Schloß Rheinswalden zusammenliefen. Es vergingen Monate und Jahre, ohne daß man von den theuren Personen, welche hinaus in die weite Welt gegangen waren, etwas hörte. Sie waren und blieben verschollen. Man mußte schließlich annehmen, daß sie zu Grunde gegangen seien, und dies brachte eine tiefe, aufrichtige Trauer über den Kreis der Bewohner von Rheinswalden. Als alle, auch die eingehendsten Nachforschungen vergeblich blieben, sah man sich gezwungen, sich in das Unvermeidliche zu fügen. Der Schmerz war groß und konnte nur durch die wie ein Balsam wirkende Zeit gemildert werden. Es breitete sich über die Gesichter der Zug einer stillen Entsagung; man klagte nicht mehr, aber man bewahrte den Verschollenen ein tief in der Seele lebendes Angedenken und hütete sich wohl, zu gestehen, daß die Hoffnung doch noch nicht ganz und gar verschwunden sei. So vergingen sechszehn volle, lange Jahre, bevor die Reihe der Begebenheiten, welche jetzt abgeschlossen gewesen schien, endlich eine Fortsetzung nahm. – In einem der feinsten Etablissements Berlins, welches nicht weit vom Thiergarten gelegen war und ausschließlich von Offizieren und außerdem höchstens nur von hochgestellten Civilbeamten frequentirt wurde, saßen eines Morgens eine Anzahl junger Leute beisammen, welche, nach ihren Uniformen zu schließen, den verschiedensten Truppengattungen angehörten. Sie hatten sich zu einem jener feinen Frühstücke zusammengefunden, bei denen das Couvert oft einige hundert Mark zu stehen kommt, und schienen von dem genossenen Weine bereits in eine sehr aufgeheiterte Stimmung versetzt zu sein. Dieses Frühstück war die Folge einer Wette. Lieutenant von Ravenow, welcher bei den Gardehusaren stand, besaß ein ungeheures Vermögen, war als der hübscheste und flotteste Offizier bekannt und erfreute sich einer solchen Beliebtheit bei den Damen, daß er sich rühmte, niemals einen Korb bekommen zu haben. Nun hatte sich vor einiger Zeit ein russischer Knäs (Fürst) in Berlin niedergelassen, dessen Tochter eine seltene Schönheit war und deshalb von der jungen Herrenwelt vielfach umworben wurde. Sie schien diese Bewerbungen gar nicht zu bemerken und wies jede Annäherung so stolz und nachdrücklich zurück, daß sie allgemein für eine erklärte Männerfeindin gehalten wurde. Auch Lieutenant von Golzen, der bei den Kürassieren von der Garde stand, hatte sich eine öffentliche und darum höchst fatale Zurückweisung geholt und war in Folge dessen von seinen Kameraden ausgelacht worden.


Der fleißigste Lacher war von Ravenow gewesen, und um sich zu rächen, hatte von Golzen ihm angeboten, um ein solennes Frühstück zu wetten, daß auch er sich einen Korb holen werde. Ravenow hatte die Wette sofort angenommen und – gewonnen, denn er ging seit einigen Tagen in Gesellschaft der Russin aus, und es war erwiesen, daß sie ihm ihre Zuneigung widmete. Heute nun hatte Golzen die Wette zu bezahlen und die Kameraden sorgten in ausgelassener Weise dafür, daß zu dem Schaden auch der Spott nicht fehlte. »Ja, Golzen, es geht Dir gerade wie mir!« schnarrte ein langer, spindeldürrer Hauptmann, der die Schützenuniform trug. »Uns Beiden bleibt Hymens Gunst versagt; aus welchem Grunde, das mag der Teufel wissen!« »Pah!« lachte der Angeredete. »Bei Dir ist es sehr leicht erklärlich, daß Du kein Glück bei den Damen hast. Wer Dich heirathet, hätte drei Meilen Knochensammlung glücklich zu machen, und das ist eine Arbeit, welche man wohl einem Präparateur, nicht aber einer Dame zumuthen darf. Was aber mich betrifft, so fühle ich meinen Stolz nicht im mindesten verwundet. Ich habe zwar meine Wette verloren, doch nicht um eines Korbes willen, sondern weil Ravenow keinen erhalten hat. Ich bin überzeugt, daß er auch seine Meisterin finden wird, die ihn zur Retirade zwingt.« »Ich?« fragte Ravenow. »Wo denkst Du hin! Ich bin bereit, eine jede Wette einzugehen, daß ich überall siege.« »Oho!« klang es im Kreise. »Ja!« wiederholte er. »Eine jede Wette und ein jedes Mädchen. Auf Ehre!« Er schlug sich mit der Hand an die Stelle, an welcher der Griff seines abgelegten Degens zu finden gewesen sein würde, und blickte sich auffordernd im Kreise um. Seine gerötheten Wangen bewiesen, daß er dem Weine nicht langsam zugesprochen hatte, und so mochte es kommen, daß er seine Erfahrungen höher anschlug, als er durfte. Golzen erhob warnend den Finger und sagte: »Nimm Dich in Acht, Alter, sonst nehme ich Dich beim Worte.« »Thue es!« rief Ravenow. »Nimmst Du mich nicht beim Worte, so erkläre ich, daß Du Dich scheust, ein zweites Frühstück zu bezahlen.« In den Augen Golzen’s blitzte es auf. Er fuhr empor und fragte: »Jede Wette gehst Du mit ein?« »Jede!« lautete die schnelle, übermüthige Antwort. »Jedes Mädchen?« »Jedes! Punktum!« »Nun wohl! Ich setze meinen Fuchs gegen Deinen Araber »Donnerwetter!« rief da Ravenow. »Das ist verteufelt ungleich, aber ich darf nicht zurück. Angenommen also! Welches Mädchen?« Ein cynisches Lächeln breitete sich um die Lippen Golzen’s; er antwortete: »Ein Mädchen von der Straße; Diejenige, welche ich Dir unter den jetzt vorübergehenden bezeichne.

« Ein lautes Gelächter erscholl im Kreise und einer der Anwesenden meinte: »Bravo! Golzen will seinen Fuchs opfern, damit Ravenow sich den großen Ruhm erwirbt, irgend eine Nähmamsell oder eine zweifelhafte Ladennymphe erobert zu haben. Das ist göttlich!« »Halt, ich lege mein Veto ein!« meinte Ravenow. »Ich habe zwar gesagt, jedes Mädchen, aber man wird mir wenigstens die Beschränkung erlauben, daß es keine Dirne zu sein braucht; das ist man meiner Ehre schuldig. Muß es partout eine von den Passantinnen sein, so dinge ich mir aus, daß nur unter Denen gewählt werde, welche vorüber fahren, nicht aber gehen.« »Angenommen!« stimmte Golzen bei. »Ich mache Dir sogar die Concession, daß ich nicht einmal die Inhaberin einer Droschke bezeichnen werde.« »Ich danke Dir,« nickte Ravenow befriedigt. »Wie viel Zeit giebst Du mir zur Eroberung der Feste?« »Fünf Tage von heute an.« »Einverstanden! Mag also der Tanz beginnen; Zeit habe ich!« Er erhob sich von seinem Platze und schnallte sich den Degen um. Man bemerkte es kaum, daß die Geister des Weines in ihm rumorten, und wer ihn so dastehen sah mit dem pfiffig selbstbewußten Ausdrucke seines hübschen Gesichtes, der zweifelte nicht, daß es ihm nicht allzu schwer sein werde, seine Vorzüge zur Geltung zu bringen. Die Herren Offiziere, und zumal von der Garde, sind leider von der Damenwelt zu sehr verwöhnt, als daß sie sich für überwindlich halten sollten. Von diesem Augenblicke an herrschte eine allgemeine Spannung in dem Zimmer. Die Herren standen an den Fenstern und beobachteten die Insassen der vorüberfahrenden Wagen. Welche der Damen, die hier vorüberrollten, würde Golzen wählen? Eine solche Wette war noch nie dagewesen. »Interessant! Famos! Unglaublich! Außerordentlich! Verwegen! Grandios! Pyramidal!« Das waren die einzelnen Ausrufe, mit denen man der Spannung Luft zu machen suchte, bis ein kleiner Füsilierlieutenant ein anderes Wort ausstieß: »Ah, herrlich! Eine wirkliche Schönheit!« rief er, indem er näher an das Fenster trat. »Wer? Wo?« ertönte die Frage. »Dort an der Ecke, die Equipage mit den beiden Trakehnern,« antwortete er. »Ah, bei Gott, Du hast Recht!« rief ein Zweiter. »Wer mag das sein?« Die bezeichnete Equipage kam im Schritte herangerollt. Im Fond des Wagens saß neben einer ernsten, ältlichen Dame ein junges Mädchen von einer soeben erst erblühten Schönheit, welche fast unbeschreiblich zu nennen war. Ihr himmlisches Gesichtchen war von der zarten Röthe der Jugend überhaucht, ihr dickes, federndes Haar fiel in zwei starken, langen Zöpfen auf den Sitz herab und wand sich von da wie eine weiche, liebkosende Schlange über den weichen Schooß hinüber und wieder herüber, ihre Züge waren so rein, so kindlich, so ahnungslos, und doch lag in ihren tiefen, dunklen Augen ein Licht, welches jedem annähernden Schritte versengend entgegendrohte. So viel man von der Gestalt sehen konnte, hatte sie den Schritt vom Kinde zur Jungfrau soeben erst gethan, aber diese trotz ihrer Zartheit so kräftigen Formen mußten zur Entfaltung einer königlichen Schönheit geeignet sein. Wenn diese Jungfrau sich vom Sitze erhob, so mußte sie sich ganz sicher in einer imponirenden Höhe präsentiren. »Herrlich! Unvergleichlich! Wer ist sie! Unbekannt! Eine Venus! Nein, eine Diana! Vielmehr eine Minerva!« So rief es rund im Kreise. Golzen, der Gardekürassier, drehte sich um, zeigte auf die Equipage und sagte: »Ravenow, diese hier!« »Ah, einverstanden, ganz und gar einverstanden!« rief dieser in einem beinahe jubelnden Tone.

Er zupfte sich die Uniform zurecht, warf einen Blick in den Spiegel und nahm den Degen unter den Arm. Dann eilte er hinaus.

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