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Unheimliche Geschichten – Frederic Boutet

Es war in der Nacht der Sonnenwende, frisch gefallener Schnee bedeckte die Erde. Die weichen, still und unablässig in leichten Wirbeln von dem düstern Himmel herabsinkenden Flocken deckten die weite Ebene mit jungfräulichem Weiß. Die einsame, an beiden Seiten von Fichten umgrenzte Straße entlang zog ein bewaffneter Reiter auf seinem ermüdeten Pferde dahin, beide ganz überdeckt von den weißen Flocken, die wie ein schweres Gewand auf ihnen lasteten. Ganz allein und von der magischen Stille dieser Nacht umgeben, die durch den vom schneebedeckten Boden ausgehenden unbestimmten hellen Schein noch unheimlicher erschien, wurde der Reisende von einer tiefen Traurigkeit erfaßt. Er kam aus Ägypten, wo er jahrelang ein von Abenteuern und Gefahren erfülltes Leben geführt hatte. Ein Fremder, kehrte er in sein eigenes Vaterland zurück, arm, müde und krank. Das Gottvertrauen, das ihn so lange aufrecht erhalten, war allmählich aus seiner Seele entschwunden, die kaum noch von etwas anderem als von Verzweiflung und Reue erfüllt war. Das Pferd verlangsamte seine Schritte mehr und mehr; der Reiter ließ endlich die Zügel hängen; von Müdigkeit erfaßt, ließ er sich durch die langsame rhythmische Fortbewegung seines Rosses sowie durch den weißen schmeichelnden Regen, der ihn umgab und wie mit einem feinen endlosen Netze von allen Seiten umhüllte, langsam einwiegen. Der ein so seltsames bläuliches Licht ausströmende, unter den Tritten seines Pferdes leise knisternde Schnee sowie die Kälte berauschten ihn. Übermüdet, matt und entnervt gab er ohne Widerstreben einer ihn plötzlich überwältigenden Macht nach, die ihn in Schlummer wiegte, wobei er sich, jedoch ohne jedes Gefühl des Grauens, voll bewußt war, daß dieser Schlaf ihm den Tod bringen würde. Da sah er plötzlich, wie in der Ferne hoch über den Fichten sich ein strahlend helles Licht entflammte, das von einem Leuchtturme auszugehen schien. Dieser Anblick erweckte ihn aus seiner Empfindungslosigkeit. Der Instinkt des Lebens erwachte in ihm, und er gab seinem Pferde die Sporen und eilte dem jedenfalls die Nähe von Menschen verkündenden Licht entgegen, um sich ein Asyl zu erbitten. Er erreichte ein Schloß, dessen gewaltige Umrisse sich scharf von dem Nachthimmel abhoben. Ganz oben auf dem mittelsten Turme des Gebäudes befand sich ein enges Fenster, von dem der intensive Lichtschein ausging, der ihn hierher geleitet. Als er das Schloß erreicht hatte, erlosch dieses Licht plötzlich. In der mächtigen Umwallungsmauer, zu der sehr breite, bequeme Stufen führten, die das Pferd langsam heraufschritt, befand sich ein Tor von Eisen. Der Ritter zog seinen Dolch aus dem Gürtel und klopfte mit dem Knaufe desselben an die Pforte. Das Geräusch seiner wuchtigen Schläge tönte laut durch die eiskalte Luft, um sich nur langsam in der Ferne zu verlieren. Dann öffneten sich die schweren metallenen Flügel des Tores, und der Ankömmling wurde beinahe geblendet durch das die roten Mauern des steinernen Vorhofes erhellende Licht von zwanzig Fackeln, die von ebensoviel Dienern getragen wurden. Auf der Schwelle des Schlosses, vor einer Reihe von Kopf bis zu Füßen bewaffneten Knappen stand ein hoher Greis. Er trug ein vorne offnes, voneinanderfallendes, schwarzes Gewand, unter dem ein Panzer sichtbar wurde. Die durch das geöffnete Tor hereindringende kalte Nachtluft und die Schneeflocken bewegten sein weißes Haar. Als er den Ritter sah, ließ er sich ehrerbietig auf ein Knie nieder. Er sagte: »Mein Herr und Gebieter, sei mir gegrüßt.


Bis zu der Stunde, wo die Winterblumen sich in Frühlingsblumen wandeln werden, gehört die Zeit dir. Bis zu der Stunde, wo die Hoffnung zu Schnee wird, dauert dein Glück. Aber wenn sie sich umdüstert wie die Nacht, dann ist die Stunde deines Unterganges gekommen.« Er ergriff die Zügel des Pferdes und, sich umwendend, die Arme weit ausstreckend und den Kopf zurückwerfend, rief er mit laut schallender Stimme in die Hallen des Schlosses hinein: »Der Gebieter ist hier! Der Herr und Gebieter ist hier! Unser Herr ist gekommen!« Seine mächtige Stimme schien das ganze Schloß zu erfüllen. Von den Türmen und Zinnen erscholl freudiges Glockengeläute. Die in dem Vorhofe stehenden Pagen schwenkten ihre Fackeln, die Knappen rissen ihre Degen aus den Scheiden und kreuzten sie in der Luft; alle aber riefen: »Der Herr ist hier!« Sie umdrängten den jungen Mann, der vor Erstaunen sprachlos war. Er stieg von seinem Pferde ab und, von sieben fackeltragenden Pagen geleitet, führte der Greis ihn durch eine steinerne Galerie bis zu einer großen Türe von Ebenholz, die sich bei ihrem Nahen weit öffnete. Sie betraten einen ungeheuer großen Saal, der einen pomphaften feierlichen Charakter hatte. Die hohen Wände sowie die domförmige Decke waren ganz mit karmesinrotem Sammet bekleidet. Von der Kuppel herab und sich scharf von dem Hintergrunde abhebend, schimmerten in rotem Gold ziselierte Sterne und Mondsicheln, während die Wände mit den Figuren des Tierkreises und köstlich gezeichneten Arabesken dekoriert waren. All dieser Zierat war aus schwerem roten Golde ziseliert und auch die Krampen, die den in tiefen Falten bis auf das Parkett von Zedernholz niederwallenden Sammet zurückhielten, waren aus diesem Metall hergestellt. Im Hintergrunde erhob sich eine Estrade, zu der breite Treppenstufen führten und über der sich ein prächtiger Baldachin wölbte, von dem ganze Fluten köstlich golddurchstickten Purpursammets herabwallten. Rechts befand sich ein reich mit Skulpturen geschmückter riesiger Kamin, auf dessen mit vergoldeten Schlangenköpfen gezierten Feuerböcken ein gewaltiges Holzfeuer brannte, das behagliche Wärme verbreitete, und ein flackerndes Licht warf helle Reflexe auf die Sterne des Vorsaales und auf die große Weltkugel von bräunlichem Golde, die wie eine mit Nebel umgebene Sonne den Mittelpunkt derselben bildete. Mitten in dem Saale stand eine große ovale Tafel, die mit einem gestickten Tafeltuch von blendender Weiße bedeckt war. Das Licht der in schweren Silberleuchtern brennenden dicken Wachskerzen spiegelte sich in den goldenen und silbernen Trinkgefäßen und Bechern, in den feinen Schalen von Kristall und venezianischem Glas und in den reich mit den köstlichsten Leckerbissen gefüllten Schüsseln. Da gab es saftige, blutige Braten, Wildbret und fettes Geflügel, köstlich zubereitete und geschmückte Fischschüsseln, feine Saucen, mit auserlesenem gewürztem Frikassee gefüllte Pasteten. Zarte, beinahe durchsichtige Porzellangefäße waren mit parfümierten Cremes und aromatischen Konfitüren gefüllt; reizend arrangierte Fruchtkörbe voll edelsten Obstes und Blutorangen ergötzten das Auge. Dazwischen standen überall herrlich geschliffene Kristallflaschen, in denen rubin- und topasfarbene Weine leuchteten. Der herrliche Duft all dieser guten Dinge erregte den Appetit des Ankömmlings. Vor der Tafel, von Pagen und Dienern umgeben, stand eine junge Frau von wunderbarer Schönheit. Ihr üppiges schwarzes Haar, das mit Goldbändern und Perlschnüren durchflochten war, fiel in weichen welligen Scheiteln an ihrer weißen Stirn herab und war am Hinterkopf zu einem dicken Knoten zusammengebunden. An einem doppelten platten Goldkettchen, das sich aus ihrem Haar hervorstahl, hing ein durchsichtiger Smaragd, der mitten auf ihrer Stirn und über den großen Augen hing, die ebenso grün und leuchtend waren wie der Edelstein. Ein ebensolcher Stein schloß den ihre Taille umgebenden Goldgürtel. Eine Tunika von leuchtend rotem Sammet fiel in graziösen Falten über ein schweres wasserfarbenes Seidengewand, das reich mit Blumen bestickt war, die bei jeder Bewegung in wechselnden Farben schillerten. Die Taille war von derselben wasserfarbenen Seide, sie schmiegte sich eng an, war vorne offen, spitz und tief ausgeschnitten und mit einer Wolke köstlichster Spitzen garniert, die die weiße halbentblößte Brust umspielten, und denen ein verwirrender Duft entstieg, frisch wie der der Felder, und wollüstig wie die Düfte des Orients.

Tief an einer Kette von Goldperlen herabhängend, schimmerte ein dritter großer Smaragd auf ihrer Brust. Die weiten roten Sammetärmel ihrer Tunika wurden auf den Schultern von Diamantagraffen gerafft und fielen, die Arme freilassend, tief herab; durchsichtige weiße Seidenpuffen umhüllten die Arme bis zum Ellenbogen und endeten in einer Flut von Spitzen, die bis über die zierlichen, mit köstlichen Armbändern gezierten Handgelenke wogten, und aus der die schönen, mit Ringen geschmückten Hände wie Blumen aus ihren Kelchen auftauchten. Der Greis stand mitten in dem Saale und rief mit lauter Stimme: »Der Gebieter ist gekommen! Unser Herr und Meister ist hier!« Die junge Frau trat ihm einen Schritt entgegen und sagte mit lieblichem, ihre weißen Zähne enthüllenden Lächeln: »Sei mir willkommen, mein lieber Herr und Gebieter! Du bist lange, sehr lange von mir ferngeblieben.« Der Ritter sagte kein Wort, denn er erkannte sie, die er doch niemals gesehen, und er glaubte sich von einem höllischen Spuk genarrt. »Soll ich glauben, daß du mich vergessen hättest, oder gar, daß eine andere mich aus deinem Herzen verdrängt haben könnte? Aber nein, nein, ich weiß es doch, daß das unmöglich ist«, fügte sie mit einer neckischen Bewegung des Kopfes hinzu, die die Seele des jungen Mannes völlig gefangen nahm. Der süße Schmeichelton ihrer Stimme und der Blick ihrer Augen wirkten wie ein stark narkotisches Mittel, das ihn sein Erstaunen und seine Furcht vergessen machte. Er legte seine Hand in die der Schloßherrin und ließ sich von ihr führen. In einem angrenzenden, mit hellem Stoff und ebensolchen Möbeln ausgestatteten Raume wurde er von Dienern erwartet, die ihm seine Rüstung abnahmen, ihn badeten, mit wohlriechendem Wasser wuschen, sein Haar ordneten und endlich mit einem köstlichen schwarzen Seidengewand bekleideten, das reich mit Purpur-, Goldund Silberstickereien geschmückt war. »Sieh, lieber Herr«, sagte die junge Frau, die seiner gewartet hatte, »ich selbst habe die Muster dieses Gewandes gewählt und es für dich gestickt – ach, es sind große und geheimnisvolle Muster! Sehr geheimnisvoll – und doch – nicht so geheimnisvoll wie meine Seele. Gefällt dir dieses Gewand nicht?« »Doch«, sagte er, der sich nun ganz in seine seltsame Lage gefunden hatte und sich über nichts mehr wunderte, »es gefällt mir sehr gut. Aber hat diese mühsame Arbeit deine Augen nicht ermüdet?« »Meine Augen ermüden nicht«, sagte sie, ihm zulächelnd und unter den langen Wimpern her einen strahlenden Blick auf ihn werfend. Dann führte sie ihn zu Tische, und er setzte sich. Ein Knappe schleppte auf weit ausgebreiteten Armen eine große goldene Schüssel herbei, auf der ein gebratener Pfau lag, der kunstreich mit seinem eigenen Gefieder aufgeputzt war. Das Mahl war sehr üppig und der Ritter vergaß alles, was ihn an die Vergangenheit hätte erinnern können, bei dem berauschenden Aroma des alten herrlichen Weines, dem Genuß des saftigen Fleisches und der die Sinneslust anregenden unbekannten Getränke, deren seltsam köstlicher Duft sein Gehirn umnebelte. Nach dem Mahle wurde das Paar über eine Treppe geführt, die durch auf hohen bronzenen Leuchtern brennende Fackeln erhellt war. Nachdem sie eine Reihe ernst und feierlich ausgestatteter Zimmer durchschritten hatten, erreichten sie endlich ein fensterloses Gemach, das nur matt durch mit grünen Schleiern verhangene Lampen erhellt war.

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