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Spanische Novellen – Verschiedene

So seltsam fern entrückt uns das Land der schönen, verschleierten Señoritas erscheint, so fremd wir uns seiner unruhigen inneren Politik gegenüber fühlen, so wenig bekannt ist uns auch – im Gegensatz zu der geradezu vorschriftsmäßigen Kenntnis seiner Klassiker – Spaniens Literatur der Moderne. Und das ist und bleibt bedauerlich; denn möge sie auch, an dem unversiegbaren Born der klassischen Schönheit gemessen, etwas dürftig anmuten, – doch bietet auch sie genug des Typischen und Urwüchsigen, um einen Einblick in die geistige Werkstatt ihrer Vertreter zu lohnen. Eine Reihe kleinerer und größerer Beiträge berühmter und minder berühmter Namen haben wir hier versammelt, und aus jungen Knospen und reifen Blüten ein Kränzlein geflochten, das eine Gruppe volltönender Namen umschließt. Da ist, räumlich mit der umfangreichsten Erzählung vertreten, die bekannte Gräfin Emilia PardoBazan, die in der Gilde der spanischen Romanschriftsteller (beiderlei Geschlechts) einen allerersten Platz einnimmt. Sie hat außer der in diesem Bändchen enthaltenen Erzählung »Sonnenstich« die durch ihr lebhaftes Lokalkolorit und die äußerst fesselnde Schilderung spanischer Sitten und Gebräuche ein ganz besonderes Interesse erweckt, noch zahlreiche Novellen und Romane geschrieben, von denen ein großer Teil auch bereits ins Deutsche, Englische, Französische und Tschechische übersetzt wurde. Besonderes Aufsehen erregte wohl seinerzeit die Veröffentlichung der beiden Romane »Doña Milagros« (Frau Wunder) und Memorias de un solteron (Memoiren eines Junggesellen), die gleichfalls Sittenschilderungen und Provinzbilder enthalten und sich zum Teil auch mit der Frauenfrage beschäftigen. Auch diese Werke wurden in die vorgenannten Kultursprachen übertragen. Dieser interessanten Erscheinung reiht sich würdig Arturo Campion an, dessen sympathische, bunte, bewegliche Natur- und Charakterschilderungen aus den baskischen Provinzen besondere Beachtung verdienen. Campion, von Hause aus Rechtsgelehrter, trat zunächst mit philologischen Arbeiten an die Öffentlichkeit, und hat unter anderem eine Grammatik der vier euskarischen Dialekte herausgegeben, der von fachmännischer Seite hohe Anerkennung zuteil wurde. Da er in günstigen Vermögensverhältnissen lebte, konnte er sich völlig seiner Familie, der Politik und dem Studium widmen, bis plötzlich der Künstler in ihm erwachte. Sein Künstlerberuf ist aus reiner, hell auflodernder Begeisterung entstanden; er schildert das Leben der baskischen Provinzen, klagt über die Zügelung ihres wilden Freiheitssinnes, das Verblassen ihrer Traditionen, ihrer alten, klangschönen Sprache. Arturo Campions hervorragende Begabung hatte sich bereits in seinen bedeutenden Novellen gezeigt, sein Roman »Blancos y negros« (Die schwarzen und die Weißen) stellt ihn Spaniens ersten Romanschriftstellern als einen Ebenbürtigen an die Seite. Seine bunten, lebhaften und dabei doch knappen Darstellungen, sein echtes, tiefes Empfinden, seine warme Überzeugungstreue warben und werben ihm allüberall ehrliche Sympathien. Campion gehört keiner Schule an, hat sich keiner Richtung angeschlossen, sondern ist sich selber unverbrüchlich treu geblieben, und das kann, da er die Verkörperung eines gesunden, kraftvollen und poetischen Künstlers darstellt, nicht freudig genug begrüßt werden. Und außer den größeren Erzählungen dieser beiden Erstgenannten geben wir noch eine ganze Reihe kleinerer Skizzen und Novelletten, – von denen gleichfalls manche mit bekannten Namen, wie zum Beispiel José Echegaray, Juan Valera und so weiter gezeichnet sind, – die in ihrer naiven Eigenart, mit ihrer oft primitiven, ja sogar fast elementaren Ausdrucksweise und Kompositionstechnik als die typischen Merkmale für die besondere Eigenart eines jener romanischen Völker gelten können, die unter den Strahlen einer heißeren Sonne, angesichts einer üppigeren Vegetation und den auserlesensten Naturschönheiten sich frei zu halten wußten von den vielfach naturfeindlich wirkenden Einflüssen der Länder des kalten Nordens. Die beiden Berge José Echegaray (1832-1916) Es war ein Land ohne Namen und ohne bekannte geographische Lage, eines von jenen Ländern, wie sie in den Gedanken der Dichter und Träumer leben. Eine Ebene ohne Grenze, und inmitten dieser Ebene zwei hohe Berge, von denen einer den anderen bei weitem überragte. Der kleinere Berg war ein Wunder an Schönheit und Anmut; und hätten sein Inneres nicht wilde Leidenschaften durchtobt, gleich denen, die das Herz der Menschen vergiften, so hätte er sehr glücklich sein können, denn er war schön wie das Paradies. Von seinem Gipfel senkten sich eine Menge lieblicher, malerischer Abhänge, die wie grüne Flüßchen in die weite Ebene mündeten. Da waren kristallklare Bächlein, blaue Seen und schäumende Wasserfälle und Blumen und Vögel, so daß es durch das Murmeln der Quellen und den Gesang der Vögel scheinen wollte, als lachte und jubelte der ganze Berg, als seien die hochroten Blumen mit ihren glühenden Farben die Lippen, die sich dem Gesang und der Freude öffneten, und die blauen Blümelein unzählige Augen, die gen Himmel blickten. Der Berg war die lebendige Freude, verkörpert durch grüne Blätter, durch weißen Schaum, durch Duft und Farben. Wie die Freude, die in den Zweigen tanzt, die im Walde zwischen dem Schatten und dem Licht Verstecken spielt und zu den Wipfeln der Bäume und den Gipfeln der Berge aufsteigt, um die Unendlichkeit zu schauen. Sturm und Getöse ließen von Zeit zu Zeit die Blumen, das Laub und das Wasser erzittern. Der Berg hätte sehr glücklich sein können. Er war ganz von Liebe durchtränkt.


In allen Bäumen saßen versteckte Nester. Auf allen Blüten tummelten sich Schmetterlinge, und sogar in den Kelchen der Blumen baute sich die Liebe ein Heim. Das Leben pulsierte überall, und während das Wasser leicht und schäumend dahinfloß, durchrieselte der Saft die Stämme der Bäume wie der Strom des Lebens. Weder auf den Felsen, noch in dem Boden, noch in den Pflanzen, noch in den Flüssen, noch in der ganzen Luft war auch nur ein Stäubchen, das nicht köstliche Wärme atmete. Der Berg hätte also wahrlich sehr glücklich sein müssen und schien es auch zu sein. Keine Klage, kein Schmerzensseufzer, und keine von jenen Pflanzen, deren Schatten tötet. Aber das alles war nur Schein. Im Innern dieses Berges glühte ein Feuer, versteckt, verräterisch, zerstörend, ein Feuer ohne Flamme, ein Feuer ohne Licht: das Feuer des Neides. Der kleine Berg war neidisch auf den großen, und während er äußerlich glücklich und lachend erschien durch das Rauschen seiner Wasser und das Zwitschern seiner Vögel, verzehrte er sich innerlich vor Neid. Und warum war er neidisch auf den größeren Berg? Nur weil der höher war als er! Er war nicht schöner, er war nicht fröhlicher, er war nicht glücklicher, aber er war höher. Er hatte dunkle Wälder, so dunkel, daß sie Furcht einflößten. Er hatte breite Flüsse, so breit, daß sie zuweilen aus ihren Ufern traten und alles zerstörten. Von Zeit zu Zeit umkreisten Adler seinen Gipfel. Aber dafür beherbergte er auch viel weniger Singvögel und Schmetterlinge, als der kleine Berg, und auf dem Rasen seiner Abhänge und zwischen dem Laub seiner Wälder schlichen gefährliche Reptilien umher. Aber das alles konnte man von weitem, vom kleinen Berge aus nicht sehen. Von dort aus sah man nur, daß er höher war und daß Adler über seinen Gipfeln Kreise zogen, die sich wie herrlich leuchtende Bogen vom Himmel abhoben. So wenigstens erschienen sie den Augen des Neides. Und die blauen und roten Blumen des kleinen Berges wurden gelb. Und mit jedem Tage wuchs der Neid des kleinen Berges. Seine unterirdischen Feuer flossen über und drangen bis zum Mittelpunkt der Erde und baten den Genius der Vulkane, er möge dem Berge helfen, daß er größer werde. Und der Genius half ihm und trieb ihn in die Höhe. So wurde der kleine Berg größer und größer, aber noch immer war er nicht zufrieden. Mit seiner Größe wuchs sein Neid mit jedem Tage. Denn wenn die Gipfel des Berges vor ihm noch längst in Gold getaucht, war er selbst schon in tiefe Nacht gehüllt. Stets deckte der Schatten des großen Berges den kleinen, und das war für diesen eine unerträgliche Demütigung.

Und er wollte wachsen, und er wuchs und wuchs und wurde endlich noch höher als der große Berg. Aber was für Mühen und was für Schmerzen kostete es ihn, so hoch zu werden! Wie wurden seine Abhänge zerklüftet, seine Täler aus den Fugen gerissen, seine Wälder zerstückelt, seine Flüßchen in stürzende Bäche verwandelt! Jetzt floß das Wasser nicht mehr sanft dahin, sondern brauste so jäh zu Tal, daß der Gipfel des Berges bald ganz dürr und trocken war. Seine Blumen, die der Neid schon gelb gefärbt, welkten völlig dahin; die Schmetterlinge entflohen. Die Nester fielen aus den Bäumen; die Vögel flogen fort und mit ihnen die Lieder. Kein fröhliches Gezwitscher mehr, nur noch das heisere Krächzen der Raubvögel. Der Berg wurde immer größer, aber auch immer schroffer, und je höher er in den Äther hineinragte, desto jäher floh das Leben in die Abgründe, die die Riesenspalten der verdorrten Klüfte bildeten. Von weitem sah er viel gewaltiger aus; dafür aber in der Nähe betrachtet unendlich traurig; statt der Täler wilde Bäche, statt der lieblichen Hügel jähe Abhänge.

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