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Ruth – Jakob Wassermann

Abgespannt und unbeweglich saß Formes, der Student in seiner Kammer und starrte mit verglasten Blicken zu Boden. Ein Leben der Eintönigkeit und der Demütigungen, wie er es führte, ein Leben des Nichtsthuns und der Jagd nach schalen Genüssen hat freilich seine Augenblicke der Zerknirschung, in denen man jene guten Vorsätze faßt, welche später zertrümmert und zerschellt sich wiederfinden, gleichwie die Fetzen eines vom Packeis zerrissenen Kahnes. Lange Zeit saß der hagere Student so, dem schmerzlichen Anschauen eines leeren Daseins hingegeben, und der Regen fiel vom Himmel und benetzte die Scheiben und klatschte auf den Pflastersteinen der Gasse mit seltsamer Geschwätzigkeit, und nebenan lärmten die Kinder und eines sang ein Lied und das andere knallte mit einer Peitsche und ein drittes blies in ein Trompetchen, so daß es schrill und durchdringend in alle Ecken des Hauses scholl. Die Bälge verbittern mir auch noch das Leben, dachte Formes und blickte finster in den grauen Himmel hinein. Wie traurig, daß die Mutter auf die Verpflegung fremder Kinder angewiesen ist. Und wie kläglich ist der Gewinn daraus! Meist waren es Bauernkinder aus den umliegenden Ortschaften, die in der Stadt die Schule besuchten und nur am Sonnabend zu ihren Eltern gingen, um den Feiertag zu Hause zuzubringen. Und als die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Formes, froh, von seinen Grübeleien abgelenkt zu sein, und betrat das Zimmer, wo die sechs Kinder wie sechs Vögelchen in heiterem und lautem Spiel umhertollten. Sie haschten einander mit Jauchzen und Händeklatschen; ihre Augen leuchteten und ihre Wangen waren frisch gerötet. Eine düster brennende Lampe stand auf dem Tisch; um die Lampe herum lagen in krausem Wirrsal Schiefertafeln und Fibeln und Griffel, und die kleinen, braunen Rechenbüchelchen von Heuner. In dem Augenblick, wo Formes den Raum betrat, wurde es mäuschenstill unter dem kleinen Völkchen. Jedes der Kinder blieb an seinem Platz wie angewurzelt stehen und jedes schaute zu Boden, so, als ob es genascht hätte und dabei ertappt worden wäre. Manche blinzelten scheu von unten herauf an dem »Mann« empor, und zwei lächelten sich sogar verstohlen zu. Mit den Händen in den Hosentaschen blieb Formes an der Thüre stehen und versuchte, kindlich unbefangen zu lächeln. Aber er fühlte selbst, wie schlecht ihm das gelang, und aus Ärger darüber, wohl auch aus Ärger, daß er sich bei Kindern mit einem Lächeln einschmeicheln wollte, klapperte er heftig mit den Schlüsseln in seiner Tasche. Und er forderte die Kleinen mit rauher Stimme auf, weiter zu spielen, und dazu nickte er jovial und zwinkerte mit den Augen. Die Kinder begannen sich wieder zu bewegen; sie gingen umher, plauderten miteinander, aber es lastete gleichsam wie ein Druck auf ihren Herzen. Kein frohes Spiel wollte sich mehr gestalten, und Formes gewahrte mit einem Zorn, der ihn selbst betroffen machte, wie sie immer stiller und scheuer wurden, wie sie sich schließlich um den Tisch gruppierten, um mit etwas trotziger und herausfordernder Geschäftigkeit ihre Schulaufgaben zu vollenden. Formes runzelte die Stirn und blies den Atem durch die gespitzten Lippen. Er fühlte sich überflüssig und beschämt und wußte durchaus nicht weshalb. Er errötete (wie lange schon war er nicht mehr errötet!), und auch hiervon wurde ihm der Grund nicht klar. Er versuchte, kindlich mit den Kindern zu reden, aber was er sagte, war nur kindisch, so daß die vier Mädchen leise darüber kicherten und sich viel verständiger dünkten als er. Da gewahrte er in einer Ecke, dicht an die bunte Gardine geschmiegt, ein Kind, das ihm gänzlich fremd war. Und er war bestürzt durch den Anblick, der sich ihm bot. Ein bleiches Gesichtchen sah in süßen Ovallinien aus einer Flut glänzend schwarzer Haare hervor. Die gelbliche Blässe dieses Antlitzes war so fremdartig, und die großen, dunkelen Augen, die wie Sterne aus der finsteren Ecke herüberleuchteten, waren von so seltner Glut erfüllt, daß Formes hinüberstarrte wie auf eine Erscheinung.


Das Kind rührte sich nicht. Es hatte die Blicke unverwandt auf den langen, hageren Menschen gerichtet, voll Furcht und zugleich voll Wildheit. Und die Nasenflügel zitterten leicht, und die kleinen schmalen Händchen klammerten sich fest an die Gardine und hinter diesem Bild voll Zauber lugte die matte Nacht herein, durchzittert und durchwogt von letzten Dämmerlichtern. Formes fragte sich beklommen, wo das Mädchen herkomme, denn er hatte es noch nicht gesehen unter den übrigen. Aber unter den Blicken des Kindes verwirrten sich seine Gedanken. Sein Herz öffnete sich plötzlich einer Bitterkeit, die ihm ganz neu war, und die ihn auf sein vergangenes Leben schauen ließ, wie auf eine einzige durchschlemmte Nacht. Eine brennende Sehnsucht nach Frieden und friedlicher Arbeit erfüllte ihn plötzlich und ein sonnenvolles Land öffnete sich plötzlich seiner Seele, und ein Haus stand davor mit weißgetünchten Mauern und grünen Fensterläden und ein Park, an dessen Wegen die Bäume wie Brautpaare standen und sich die Äste reichten. Doch dies währte kaum länger, als man braucht, es zu erzählen. Er wollte hingehen, um das Mädchen anzureden, aber siehe, seine Glieder waren wie gelähmt. Er wagte es nicht, das Kind anzureden. Darüber war er sich völlig klar, daß er zu feig war, den furchtsamen und doch unbefangenen, durchbohrenden Blicken des seltsamen Geschöpfes stand zu halten, und er ging, er flüchtete aus dem Zimmer. Draußen fragte er die Schwester nach dem Neuankömmling. »Aus der werden wir auch nicht klug,« erwiderte Cenci etwas hastig. »Das Kind spricht nicht, es lacht nicht, es spielt nicht, wenn sie alle spielen. Seine Mutter ist ein armes, armes Mädchen, das sich kümmerlich mit Nähen fristet. Kaum ein paar Pfennige kann sie für das Wurm zahlen.« Formes nahm Hut und Mantel. Erst als er die einsame Straße entlang ging, verlor sich langsam die drückende Wehmut in seinem Herzen. Aber am folgenden Tage suchte er den Anblick des Kindes zu vermeiden, wo es möglich war. Er schalt sich thöricht, er machte sich mit Heftigkeit und Erbitterung vor sich selbst lächerlich, aber er gedachte mit Schrecken an die Reihe jener nagenden Gefühle, die das erste Erblicken des blassen Mädchens in ihm hervorgerufen hatte. Einmal jedoch, spät war es am Abend, stand das Kind im Flur, eben als er sich zum Ausgehen rüstete. Es war barfüßig und mit einem dünnen, weißen, Kattunschlafröckchen angethan und schaute mit unverwandten Blicken in den Sternenhimmel, der über den Schneedächern, über den Schneefeldern, über den Gärten und über den Wäldern lag, wie eine schwarzblaue Glasglocke, die an vielen, vielen Punkten durchlöchert ist, so daß man das goldene Feuer durchblitzen sieht, welches im Himmel brennt. Da faßte Formes den Entschluß, das Kind anzureden. Er that es mit Widerwillen und mit Überwindung, aber ihm war, als könne er sich dadurch loskaufen von der fremden, eindringlichen, beängstigenden Macht, welche dies Kind auf ihn ausübte. »Wie heißt du denn?« fragte er, zu dem Mädchen tretend, und sah mit einem seltsamen Gemisch von Geringschätzung und Scham auf dessen ruhig zum Nacken strömendes Haupthaar.

»Ruth heiße ich,« erwiderte die Kleine mit einer vornehmen Biegung des Köpfchens. »Ruth« wiederholte sie scheu, als könne man ihren Namen nicht gleich aufs erste Mal verstehen. Dann sah sie ihm wieder mit jenem vollen, bangen Blick in die Augen, der ihn zwang, sich abzuwenden. Wenn nur jenes Grübeln von mir ginge, dachte Formes. Und von neuem kam das Bild: blaßwangig mit feuchten, schweren Augen, in denen der suchende Blick lag und von Verlassenheit und Freudlosigkeit redete. Es war, wie wenn Stimmen des Himmels sprächen; es war auch, wie wenn in tiefer Nacht, gleich nachdem der Sturm sich zur Ruhe gelegt hat, eine sanfte und gleichmäßige Musik aus geheimnisvollen Räumen fließt und sie wogt und schwindet, während das Herz klopft und die Lippen ein verlangendes Wort murmeln. Und wir können wähnen, daß auf unserm Haupt eine goldene Krone säße und langsam hinschmölze vor den Strahlen des Glücks und der Erwartung. Und ein fremder Stolz umgiebt die Wangen und den Mund. Und die Nacht ist so reich, und die Sterne wandeln so vorsichtig dahin, um die Sehnsucht nicht geringer werden zu lassen. Und in den Flammen des Ofens steigen feurige Paläste auf und lassen uns wünschen: so möcht’ ich wohnen. Alles dies empfand Formes und noch mehr. In der nächsten Nacht ereignete es sich, daß er durch den leisen Druck einer Kinderhand aus dem Schlafe geweckt wurde. Ruth stand an seinem Bett. Wie das Kind zu dieser tiefen Nachtstunde hereingefunden, blieb ihm verborgen. In wenigen Sekunden war all seine Schlaftrunkenheit verscheucht, und mit Schrecken und Staunen betrachtete er das Kind in dem ungewissen Dämmerlicht der halbhellen Winternacht. »Du mußt uns helfen; willst du?« flüsterte Ruth ganz leise und schauerte zusammen. »Schau, die Mutter weint oft die ganze Nacht, wenn sie glaubt, daß ich schlafe. Weißt du, warum sie weint? Nicht? Dann mußt du hingehen und mußt sie fragen.« Formes fühlte etwas zerfließen in seinem Herzen und er preßte die Lippen zusammen. »Du frierst ja, Kind,« sagte er mit rauher Stimme, nahm das Mädchen und zog es in sein Bett. »Bist du auch brav? Betest du auch?« fragte Ruth, als sie zufrieden das Köpfchen in den Kissen zurecht gelegt hatte. »Nein.« »Nein? Wirklich? Niemals betest du?« »Doch, bisweilen …« »Und warum hast du denn so einen langen Bart? Wie häßlich das ist, der kratzt ja, den mußt du dir wegthun lassen. Willst du? O, was bist du für ein schwarzer, schwarzer Mann, du!« Und sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Formes lachte.

»Gelt, du läßt deinen Bart ein wenig schneiden? Dann hab’ ich dich gern. Und versprich mir auch, daß du der Mutter helfen willst. Du weißt doch wo sie wohnt? Also paß auf: nämlich in der Bauerngasse im dritten Stock.«

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