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Reise zu den Neidgenossen – François Höpflinger

Sehr geehrter Genosse Professor Sie haben sich nach Unterlagen über die sogenannte Stadt der Archivare erkundigt. Bekanntlich folgte nach dem Zusammenbruch der technischen Zivilisation eine geschichtslose Zeit von Chaos und Unordnung. Das Gebiet nördlich der Alpen zerfiel in viele kleine Staaten und Gemeinschaften. In Italien waren Kirche und Partei des Südens lange Zeit damit beschäftigt, nach dem Zusammenbruch wieder eine Neue Ordnung zu errichten. Der Norden hingegen blieb weiterhin unbekannte Wildnis. Erst der Zwölfte Volkskongress beschloss, sich vermehrt um die Gebiete nördlich der Alpen zu kümmern und die notwendige Entwicklungsarbeit auf sich zu nehmen. Genosse Silvan von Bologna war der erste Parteimann, der die Alpen bezwang, um das Licht der Zivilisation in das unterentwickelte Helvetien zu bringen. Seit der heroischen Reise Silvans hat sich die Lage in Helvetien bedeutend verbessert, vor allem dank der solidarischen Entwicklungshilfe aus dem Süden. Vom raschen Wiederaufschwung zeugt der wachsende Zustrom von helvetischen Gastarbeitern nach Italien und Nordafrika. Zumeist grobe, ungehobelte Kerle, aber ganz arbeitsam, diese Schweizer. Leider werden wir auf die Dauer nicht darum herumkommen, den Zustrom an Schweizern zu bremsen, da sie nicht besonders integrationswillig sind und kaum je an den staatlichen Streikaktionen teilnehmen. In der Beilage senden wir Ihnen den offiziellen, allein wahren Bericht darüber, wie unser Parteigenosse Silvan vor rund hundert Jahren von Zürich über Basel zur Stadt der Archivare gelangte und was er dabei erlebte. Parteioffizielle Grüsse, auch im Namen unseres Heiligen Vaters, Mohammed IX. Der stellvertretende Sekretär, Lugino An einem klaren Frühlingsmorgen verliessen drei Reisende Zürich, jene helvetische Kleinstadt, die den Bankherren diente. Mit Erleichterung liessen sie die zerfallenen Mauern einer zerstrittenen Stadt hinter sich. Der Anführer der drei war Silvan, Agent und Diplomat aus Bologna, ein mittelgrosser und hagerer Mann. Sein langgedehntes Gesicht mit den hervortretenden Backenknochen wurde von langen, schwarzen Haaren umrahmt. Hellgrüne Augen kontrastierten mit der dunklen Haut und dem kurzen, pechschwarzen Schnauz. Silvan, ein getreuer Gefolgsmann der Partei des Südens und Träger des Ordens zum „Heiligen Carlo Marx“, hatte den Auftrag, die unterentwickelten Gebiete nördlich der Alpen zu erkunden. Ihm hatten sich zwei Eingeborene angeschlossen. Da war zum einen Andreas von Fanas, ein stämmiger, kraushaariger junger Mann aus dem wilden Stamm der Bündner Bergdemokraten; ein richtiger Naturbursche, wie sie nur noch in der unzivilisierten Wildnis der Schweiz aufwuchsen. Zum anderen begleitete ihn eine schlanke, junge Frau mit langen, dunkelblonden Haaren: Madeleine aus einer Esoterikergemeinschaft, die sich Silvan angeschlossen hatte, um den ewigen Meditationsübungen ihrer Familie zu entkommen. Ihr nächstes Ziel war eine kleine Stadt weiter nordwestlich: Basel. Dort hoffte Silvan mehr über die sogenannte Stadt der Archivare zu erfahren. Gerüchte waren nach Süden gelangt, dass sich im Norden, jenseits der Alpen, ein Überrest der Alten Zivilisation erhalten habe.


Pilger sprachen von einer geheimnisvollen Stadt, in der die verlorengegangenen Geheimnisse der Technik gewahrt würden; eine Stadt, in der das Rezept der taghellen Nächte und der grausauren Luft heilig gehalten werde: eine Stadt, in der man stählerne Vögel und eisernen Lungen baue; eine Stadt, die die Kunst des Fernsehens und des Ferntötens verstände. Wahrheit oder Legende? Silvan war skeptisch. Seiner Meinung nach handelte es sich um das blödsinnige Gerücht einiger Nostalgiker, die verschwundenen Zeiten nachtrauerten. Aber Befehl war Befehl, und er hatte den geheimen Auftrag, dem Gerücht nachzugehen, die Stadt der Archivare – falls es sie gab – aufzusuchen und der Partei genauen Bericht zu erstatten. Es wäre auf jeden Fall gefährlich, Überreste des Alten Wissens unkontrolliert überleben zu lassen. Deshalb also wanderten unsere drei Reisenden in nordwestlicher Richtung über ein weites, überwachsenes Ruinenfeld, aus dem ziellos rostige Stahlträger ragten. Eine ehemalige Industrieanlage der Alten, erkannte Silvan mit geübtem Auge. Sehr wahrscheinlich der Hauptsitz früherer Autokraten, die sich am Benzinduft berauscht hatten. Das Gehen war mühsam. Immer wieder mussten sie ölig glänzende Tümpel umgehen, in denen sich sechsbeinige Frösche tummelten. Glücklicherweise erblickte Madeleine in der Ferne eine Strasse, auf der sich langsam einige Planwagen bewegten. Sie schritten auf die Strasse zu und wurden von einer Gruppe Bauern begrüsst, die Waren nach Zürich schleppten: Eier, Brot und bunte Kampfhähne. Einige Männer mit kahlgeschorenen Schädeln kreuzten ihren Weg. Sie waren in lange, hellgrüne Gewänder eingehüllt. Die Männer begrüssten die drei Reisenden mit eingeübtem Lächeln. Sie übergaben Silvan schweigend ein Traktat, das die nahe Ankunft des Gottesatoms prophezeite. Wortlos wanderten die Männer weiter, um eine Frau auf einem von zwei Maultieren gezogenen Fuhrwagen mit ihrem Traktat zu beglücken. Diese winkte ab. Ihre zwei Kinder lachten die grünen Propheten aus. Mit den Fingern strichen sie über deren blanke Köpfe. Die Kahlköpfe liessen sich nicht beirren. Still lächelnd schritten sie weiter, in Richtung einer auf Erlösung wartenden Bankenstadt. Die Frau auf dem Fuhrwagen lud Silvan und seine zwei Begleiter ein, aufzusteigen, sehr zum Unwillen der beiden Maultiere, die gekränkt ihre Zähne fletschten. Silvan setzte sich neben die Frau auf die Steuerbank. Die Frau, eine Person mit energischen Kinn, dicken, roten Backen und kunstvollen Zahnlücken, grinste ihm freundlich zu.

Andreas und Madeleine setzten sich hinten zu einem Mädchen mit langen Zöpfen und einem kleinen Knaben. Beide Kinder begannen Madeleine und Andreas zu belagern und ihnen die Taschen auszuräumen. Als sich Andreas zur Wehr setzte, begann der kleine Bursche lauthals zu brüllen. Die beiden Maultiere nahmen dies zum Anlass, um zu streiken. Sie blieben stockstill stehen und liessen sich auch durch Peitschenhiebe nicht bewegen. Die Frau wusste Rat. „Fridolin“, rief sie nach hinten, „wenn du mit Brüllen aufhörst, erzähl ich dir das schöne Märchen von Alice im Wunderland.“ Fridolin beendete sein Brüllen schlagartig. Auch die Maultiere horchten auf und setzten sich erwartungsvoll wieder in Trab. Eines Tages“, erzählte die Frau, „als Alice auf der Suche nach Kaninchenlöchern war, kam sie an ein grosses, goldenes Tor. Das Tor wurde von einem gelangweilten Zöllner bewacht. Wohin führt der Weg? wollte Alice wissen. In die Schweiz, das sauberste und feinste Land der ganzen Welt, brummte der Zöllner unwirsch. Was willst du in der Schweiz: Arbeit oder ein Konto? Da Alice Arbeit nicht mochte und Konto ein so lustiges Wort mit zwei O war, rief sie rasch: Ich will ein Konto! Da hast du aber Glück, erwiderte der Zöllner schon freundlicher. Gastarbeiter lassen wir nicht mehr rein. Was ist ein Gastarbeiter? Wagte Alice zu fragen. Ein Gastarbeiter ist ein Mann, der sich so fein und gediegen zu benehmen hat wie ein Gast und der so hart und lange arbeiten muss wie ein Arbeiter. Und will er, irgendwann, nach vielen Jahren, Schweizer werden, muss er sich noch feiner benehmen und noch härter arbeiten. Alice dankte dem Zöllner und rannte durch das goldene Tor in das Wunderland. Schon nach wenigen Schritten kam sie an eine grosse, offene Halle, in der graugekleidete Arbeiter an einer übermannsgrossen Maschine werkten. Wir bauen die Maschine, um sie in ein fernes Land zu verkaufen, erklärte einer der Arbeiter, als sich Alice neugierig in die Halle schlich. Im fernen Land stellt die Maschine massenweise Schuhe her, die dort niemand bezahlen kann und die hier niemand importieren will. Alice war beeindruckt. Alle waren fleissig. In der ganzen Halle wurden Maschinenteile geschoben, geschliffen und montiert.

Nur einer stand herum und war untätig. Was macht der dort mit dem dicken Bauch? fragte Alice vorwitzig. Das ist unser Arbeitgeber! riefen die Arbeiter im Chor. Er nimmt die Arbeit, die wir ihm geben, und unternimmt alles, damit wir alles unternehmen, dass er nicht arbeiten muss. Alice war höchst erstaunt. Sie getraute sich jedoch nicht, weiter zu fragen, da die Arbeiter hochbeschäftigt waren. Glücklicherweise erblickte sie einen zweiten Mann, der einfach in der Halle stand und nichts tat. Sie ging auf ihn zu. Bist du auch ein Arbeitgeber? wollte Alice wissen.

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