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Pioniere des Westens – Francis Bret Harte

»Der Oberst scheint heute ein bißchen aus dem Häuschen,« sagte der Schenkwirt, als er die Whiskyflasche wieder an ihren Platz stellte und nachdenklich hinter der sich entfernenden Gestalt Oberst Starbottles herblickte. »Ich hab‘ nichts gemerkt,« sagte einer der Anwesenden, »er war den Tag über höflich genug gegen mich.« »Oh, er ist immer höflich genug gegen Fremde und Weibsleute, selbst wenn er so ist; ’s sind nur seine alten Kumpane, oder die es sein könnten, gegen die er bissig wird. Na, was das angeht, nachdem er mit seinem alten Partner, Richter Pratt, in einem dieser Anfälle Streit gehabt hatte, sah ich ihn in der nächsten Minute einen Umweg von einer Straßenlänge machen, um einem ganz Fremden den Weg zu zeigen; und was die Weibsleute betrifft! – na, ich glaube, wenn er grade ’nen Mann aufs Korn genommen hätt‘, und ein Frauenzimmer sprach‘ ihn an, so würde er seinen Angriff sein lassen und seinen Hut vor ihr ziehen. Nein – danach können Sie nicht gehen!« Und vielleicht hatte der Schenkwirt mit seiner reicheren Erfahrung recht. Er hätte auch hinzusetzen können, daß der Oberst in seiner äußerlichen Haltung und im Blick seinen inneren Unwillen nicht verriet. Doch zweifellos hatte er einen seiner »Anfälle«, bei denen er unter einem bissigen Cynismus litt, der ihn ebenso empfindlich gegen Beleidigungen wie gefährlich für den Beleidiger machte. Glücklicherweise erreichte er an diesem Morgen sein Privatbureau ohne ein ernsthaftes Rencontre. Hier öffnete er sein Pult, ordnete seine Papiere und machte sich sofort mit verbissenem Eifer ans Werk. Er war indes noch nicht lange bei der Arbeit gewesen, als die Tür aufging und Herr Pyecroft erschien, ein Anwalt der Firma, die des Obersten geschäftliche Angelegenheiten führte. »Ich sehe, Sie sind zeitig an der Arbeit, Oberst,« sagte Herr Pyecroft vergnügt. »Sie sehen, mein Herr,« sagte der Oberst, indem er ihn mit bedächtiger Langsamkeit verbesserte, die nichts Gutes ahnen ließ, »Sie sehen einen Gentleman aus dem Süden – hol’s der Kuckuck! – der fünfunddreißig Jahre auf seinem Posten gestanden, gezwungen, sich wie ein verdammter Nigger mit den schmutzigen Händeln eines Haufens psalmensingender Yankeekrämer zu befassen, anstatt sich – äh – den Angelegenheiten der – äh – Gesetzgebung zu widmen!« »Aber Sie werden recht hübsche Gebühren herausschlagen – he Oberst?« fuhr Pyecroft lachend fort. »Gebühren, mein Herr! Ein paar lumpige Kröten! Kaum genug, mit der einen Hand eine Ehrenschuld abzutragen und mit der andern eine Wirtshauszeche für die Unterhaltung einiger – äh – befreundeten Damen zu begleichen!« Diese Anspielung auf seine Verluste im Poker sowohl als auf ein Austernessen zu Ehren der beiden Hauptdarstellerinnen der »Nordsterntruppe«, die damals in der Stadt auftrat, überzeugte Herrn Pyecroft, daß der Oberst eine seiner »Launen« hatte, und er lenkte ab. »Das erinnert mich an einen kleinen Scherz, der sich vorige Woche in Sacramento zutrug. Sie entsinnen sich Dick Stannards, der vor einem Jahr gestorben ist – eines Freundes von Ihnen?« »Ich soll noch erfahren,« unterbrach ihn der Oberst mit der nämlichen unheimlichen Entschlossenheit, »welches Recht er – oder irgendwer – hatte, eine solche Beziehung zu mir zu behaupten. Verstehe ich recht, mein Herr, daß er sich – äh – dessen öffentlich gerühmt hat?« »Weiß nicht!« hob Pyecroft hastig wieder an; »aber es hat nichts damit zu tun, denn wenn er kein Freund von Ihnen war, so erhöht das nur den Scherz. Gut also, seine Witwe hat ihn nicht lange überlebt, sondern ist vor einigen Tagen in den Staaten verstorben, indem sie das Vermögen in Sacramento – etwa dreitausend Dollar Wert – ihrem Töchterchen hinterließ, das in Santa Clara auf der Schule ist. Die Frage der Vormundschaft kam zur Sprache, und es scheint, daß die Witwe, die Sie nur durch Ihren Gatten kannte, einige Zeit vor ihrem Tode Ihren Namen in diesem Zusammenhang erwähnt hatte! Hi! Hi!« »Was!« sagte Oberst Starbottle, indem er auffuhr. »Halten Sie!« sagte Pyecroft heiter. »Das ist noch nicht alles. Weder die Testamentsvollstrecker, noch der Nachlaßrichter hatten seit Adams Zeiten etwas von Ihnen gehört, und die Anwaltschaft von Sacramento, die einen guten Spaß witterte, duckte sich und schwieg still. Dann sagte der alte Esel von einem Richter, da Sie ein Jurist, ein Mann in reiferen Jahren und ein Freund der Familie zu sein schienen, seien Sie hervorragend geeignet und sollten Mitteilung erhalten – Sie kennen seinen hochtrabenden Stil. Niemand sagt ein Wort. So wird also das Nächste, wovon Sie hören, ein Brief von jenem Testamentsvollstrecker sein, der Sie ersucht, nach diesem Schäfchen zu sehen. Ha! Ha! Die Jungens sagten, sie könnten sich lebhaft vorstellen, wie Sie mit einem zehnjährigen Mädchen an der Hand dahertrabten, Senorita Dolores oder Fräulein Bellamont als Zuschauerin! Oder wie Sie eines Abends von einer Partie Poker zu dem Kinde weggerufen würden und sängen: Wächter, lieb Wächter, komm‘ jetzt mit mir heim, die Uhr in dem Kirchturm, die schlägt Glocker ein‘! Und denken Sie sich den närrischen alten Richter, der Sie nicht kennt! Ha! ha!« Das Studium der Gesichtszüge des Obersten während dieser Rede würde selbst einen besseren Physiognomiker als Herrn Pyecroft verblüfft haben.


Sein erster erstaunter Blick wich der Purpurrote der Verwirrung, der ein einziges kurzes silenartiges Kichern folgte, das sich jedoch rasch wieder in eherne Entrüstung verwandelte und, als Pyecrofts Lachen andauerte, in bleiche Kälte auslief, in der einzig und allein seine dunkeln Augen auszudrücken schienen, was von seiner vorherigen hochgradigen Erregung übrig geblieben war. Aber was noch eigentümlicher war, trotz seiner erzwungenen Ruhe schien ihn etwas von seiner gewohnten altmodischen Feierlichkeit und rednerischen Erhabenheit anzukommen, als er seine Hand auf seine geschwellte Brust legte und Pyecroft gegenübertrat.

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