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Philosophische Erzählungen – Theodor Herzl

Solon war in der Kraft seiner Jahre und seines Geistes, als er sich entschloß, Athen zu verlassen. Auf den Kyrben standen seine Gesetze, aber den Bürgern waren sie noch allzu neu. Täglich kamen Männer aus allen Kreisen und betrachteten mit Staunen oder Unwillen die Axones des Solon. Sein Freund Hipponikos redete ihn darauf an: »Du siehst, wie Deine Gesetze allen Steuerklassen mißfallen.« »Weil sie neu sind, Hipponikos. Meine Gesetze sind noch nicht gut, aber auch noch nicht schlecht. Junge Gesetze gleichen in Manchem dem Weine. Sie müssen reifen, nachdem sie fertig geworden sind.« »Mein Solon, Du hast es Keinem recht gemacht. Ich wundere mich nicht, daß die Pentakosiomedimnen, die Ritter und auch die Zeugiten wider Dich sind, denn Du bist ein Freund der vierten Klasse, zu der Du selbst nicht gehörst. Aber auch die Theten murren in ihrem Innern, und wenn sie Dich nicht so blind verehrten, weil ihnen Deine Seisachtheia das Schuldenzahlen erleichtert hat, sie würden wohl gegen Dich aufstehen.« »Gesetze, Hipponikos, können nicht allen Leuten behagen. Der ist ein Thor, ein Träumer, wenn nicht ein Schurke, der durch Gesetze irgendwen zufriedenstellen will. Das Gesetz kann nur auf der Unzufriedenheit Aller beruhen.« »Ein Tyrann könnte nicht anders denken.« »Nur würde er es nicht sagen, mein guter Hipponikos. Der geheime Sinn meiner Gesetze war es, eine erträgliche Unzufriedenheit Aller herzustellen. Dieser Zustand ist nun erreicht. Ich habe noch die eine Sorge, wie ich ihn auf die Dauer erhalte. Denn das vermag nur ich allein.« »Du willst also König werden, Solon?« »Nicht doch! Wie wenig verstehst Du mich, und bist mein Freund! Ich wäre zwar fähig, Attika auch dieses Opfer zu bringen und in der Akropolis den Sitz meines hohen Ahnherrn Kodros einzunehmen. Welcher von den Eupatriden wollte mir es wehren? Doch wozu sollte ich das Abenteuer Kylons wiederholen? Denn bald wäre ich ein Kylon, meine Ordnung sähe aus, als hätte ich sie zu meinem Vortheil ersonnen, und es würden Demagogen die Unzufriedenheit ausbeuten, die der geheime Reichthum meiner Gesetze ist. Schon ängstigt mich meine eigene Macht, weil sie eine Gefahr für mein Gesetz bedeutet. Sieh’, es kommen alle Tage Männer von der Küste oder aus den Bergen zu mir und fragen mich, ob sich meine Verfügungen nicht irgendwie erleichtern ließen. Ich als der erste Archon, der Allgewaltige, könne doch thun und lassen, was ich wollte.


Aber soll ich, wie Penelopeia, Nachts auftrennen, was ich bei Tage gewoben? Dann gibt es wieder Andere, namentlich unter den kleinen Handwerkern, die möchten den Grund einzelner Bestimmungen erfahren. Aber es wäre vergebene Mühe, dürfte wohl auch Schaden, wollte ich den Einzelnen erklären, was nur vom Staate aus gesehen verständlich wird. Es gibt Härten in meinem Gesetze, und manchmal jammern mich die Menschen, denen ich weh thun muß. Könnte ich mein Archonten-Amt niederlegen, mir wäre besser zu Muthe. Aber sie würden mich in jeder Noth wieder rufen, weil ich in Attika der Einzige bin, dem Alle vertrauen. Dann käme ein Tag, an dem ich aus Mitleid oder um mir die Volksgunst zu erhalten, ein Loch in meine Tafeln schlüge. Ich bin ein Mensch, Hipponikos, und mißtraue meiner Schwäche.« »Das ist freilich eine böse Lage«, sagte Hipponikos nachdenklich. »Und was gedenkst Du nun zu thun? Ich sehe einen Entschluß in Deinen Augen.« »Ich dachte ans Sterben. Es wäre groß, wie Kodros Opfer, wenn ich den Giftbecher leerte. Niemand hätte dann die Kraft, meine Tafeln zu ändern. Aber Athen wird mich noch brauchen. Lykurgos und Miltiades, des Kypselos Sohn, und Megakles und mein Verwandter Peisistratos würden das Land nach meinem Tode muthmaßlich in Fetzen reißen. Den Peisistratos, der sich auf die mißgestimmten Diakrier stützt, halte ich für den gefährlichsten, weil er der Liebenswertheste ist. Darum will ich es so einrichten, daß ich dem Volke nicht völlig verloren gehe, wenn ich mich ihm auch entziehe. Ich will eine lange Reise unternehmen. Ich lasse mir von den Bürgern Urlaub geben. Bis ich wieder komme, werden meine Gesetze ihnen in Fleisch und Blut übergegangen sein. In meiner Abwesenheit wird Niemand mein Werk zu ändern wagen aus Furcht vor meiner rächenden Heimkehr. Der ferne Solon ist schrecklicher, als der, den sie täglich sehen können. So schütze ich meine Tafeln vor Parteien und Tyrannen, und vor mir selbst.« So that Solon. Es war sein Gedanke, zehn Jahre dem Vaterlande fern zu bleiben. Den Bürgern machte er begreiflich, daß er nach erfüllter Archontenpflicht nun auch seiner eigenen Geschäfte eingedenk sein müsse.

Denn er mochte keinen Vortheil für sich vom Staate haben. Er war ein Kaufmann und wollte nichts Anderes sein. Solons Abschied betrübte die Athener sehr, und die allgemeine Unzufriedenheit wandelte sich in Dankbarkeit und Rührung, da der Gesetzgeber von dannen zog. Solon segelte wohl über das weinfarbene Meer. Mit liebendem Blick sah er zurück nach der Küste Attikas, die in einem Sonnenstaube verblaßte, verdämmerte und entschwand. Seine Brust hob sich in Seufzern, und die Augen waren ihm ganz voll von Thränen. Da ward ihm die Dichtung zu einem guten Trost, und dieweil das Schiff an den rosig überhauchten Kykladen vorüberglitt, vorbei an Andros, Tenos, Naxos, vorbei auch später an Rhodos, hinaus ins karpathische Meer – sang sich Solon in glücklichen Hexameterndie Schmerzen von der Seele weg. Wie in den Tagen seiner Jugend war er nur noch ein Kaufmann und Poet. In Aegypten nahm er zuerst längeren Aufenthalt. Hier waren Psenophis von Heliopolis und Sonchis von Sais die Gesellen seiner nachdenklichen Stunden. Diesen klugen und gelehrten Priestern verdankte er die erste Kunde von der Insel Atlantis, die in wundervollen Tagen jenseits der Säulen des Herakles schimmerte und von der Oberfläche des Meeres verschwunden ist, weil sie so herrlich war. Nachdem er sich mit der Weisheit der Aegypter vollgesogen hatte, wie ein Schwamm, fuhr Solon weiter. Auf Cypern war er der willkommene Gast eines Herrschers, dem er die königliche Gastfreundschaft solonisch vergalt. Er rieth und half dem Könige, dessen Stadt Aepeia auf einer ungünstigen Anhöhe lag, die ganze Stadt hinunter in eine prächtige Ebene zu legen. Denn der Blick Solons war immer ins Große und auf das Wohl der Menschen gerichtet. Der König gab der neuen Stadt zu Ehren des edlen Atheners den Namen Soli. Von da reiste Solon nach Sardes, zu Kroisos,sein Gast in Sardes. Diesem aufgeklärten Poeten verrieth Kroisos in traulicher Stunde sein Erstaunen über Solons Kälte. »Wundere Dich nicht, o König«, rief Aesop; »so sind die Weisen. Das Vorübergehende berührt sie nicht. Sie spielen immerfort mit dem Gedanken der Ewigkeit, wie Kätzchen mit einem Knäuel Wolle.« Solon hielt sich zu Sardes lange auf, und Kroisos empfand von Tag zu Tage mehr Achtung für den Athener, der so unbeugsamen und dabei milden Sinnes war. Er gewöhnte sich, Solon allen wichtigeren Sachen des Staates um Rath zu fragen. So lagen sie einst beim Symposion, der König, der attische Politiker und der Fabeldichter, die Häupter mit Rosen bekränzt. Kroisos hatte schweigsamer als sonst seine Trinkschale geleert.

Tanz und Flötenspiel vermochten nicht, seine Stirne zu entwölken, indessen die beiden Anderen in halkyonische Träume versanken. Des Königs Laune fiel endlich dem Aesop auf. »Ich will euch den Grund sagen, meine Freunde«, sprach der König, und er winkte den Sklaven, daß sie sich entfernten. Dann fuhr er fort: »Heute ist die schwerste Aufgabe meiner Regierung an mich herangekommen, plötzlich wie das Schicksal. Nie habe ich in meinem Gemüthe die Götter so heiß angefleht, sie mögen mir den Weg zeigen.« »Was ist es, Kroisos?« sagte Solon ruhig.

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