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Novellen und Erzählungen – Friedrich Hebbel

Hebbel sprach einmal den Gedanken aus, daß sich wohl dramatische und lyrische, nicht aber dramatische und epische Produktion vereinigen ließe, darum wohl beschränkte sich sein Schaffen von Novellen und Erzählungen fast ganz auf seine Jugendzeit und auf verhältnismäßig wenig Versuche. Zudem hatte sich ihm eine sehr bestimmte Ansicht über die wesentlichen Eigenschaften der Gattung aufgedrängt, die ihn beim Gestalten leitete und in Gegensatz mit der Moderichtung setzte. Ziemlich früh schon muß er sich besonders aus Jean Paul, E. T. A. Hoffmann und Heinrich von Kleist die Vorstellung eines ganz bestimmten Erzählungscharakters gebildet haben. Die Reihe seiner eigenen Erzählungen beginnt mit dem Nachtgemälde „Holion“, das wohl 1830 nicht nur erschienen, sondern auch verfaßt sein dürfte. Dieser phantastische Traum, der dann ganz realistisch endet, reiht sich, wie ich zeigte (Euphorion VI S. 804) mehreren ähnlichen anonymen Versuchen des Ditmarser und Eiderstedter Boten an und gemahnt an sentimentale Aufsätze Jean Pauls (vgl. den Namen Holion); an Hoffmann scheint noch nichts zu erinnern. Der gezwungene, künstlich gesteigerte Ton einer halb rhythmischen Prosa, die gehäuften Wiederholungen, denen jede Steigerung fehlt, die verblasene Phantastik der Vorstellungen ist vielleicht durch Nachzügler der Idyllendichtung angeregt, die litterarisch nur schwer festzustellen sind, ich erwähne hauptsächlich des Namens wegen „Helions mythisch-allegorische Miniatur-Erzählungen“ von Chr. Kuffner (Sämmtliche Erzählungen, Wien 1827 II S. 235 ff.); wir kennen Hebbels Jugendlectüre nur ganz im allgemeinen und wissen besonders von jener breiten wohl auch seichten Unterhaltungs- und Zeitschriftenlitteratur gar nichts, die zu ihm gedrungen sein muß. Im „Holion“ fällt nur die ganz pessimistische Lebensauffassung ins Auge, die sich in der Schilderung des Menschenschicksals (S. 5. 11 ff.) zeigt: ein Sekunden währender Tanz das Menschenleben, aus Nichts entstehend, um Nichts kämpfend und zu Nichts kehrend das Menschengeschlecht. Man hört Klagen, wie sie Young in seinen Night Thoughts erhob und nach ihm so viele andere; es wäre wohl möglich, daß sich Young, wie L. Sterne, in Mohrs Bibliothek befunden habe. Bei Hebbel freilich sind solche Sentimentalitäten nur durch seine Lectüre hervorgerufen, der Siebzehnjährige hatte wohl noch nicht den Verlust seiner Doris erlebt und erging sich in solchen Phantasien nur, um unbewußt auch diese Seite seiner Einbildungskraft zu üben. Er steckt noch ganz in seiner weitschweifigen Epoche, die er erst nach seinem Bekanntwerden mit Uhlands Dichtung beschloß. Wenn man „Holion“ mit Hebbels zweiter Erzählung, dem „Brudermord“ aus dem Jahre 1831 vergleicht, so sieht man denselben Fortschritt, wie vom „Mirandola“ zum „Vatermord“: von zerfließender Breite zu fast beängstigender Verdichtung. Und wieder verrät uns der „Brudermord“ schon den echten Hebbel, wie wir im etwa gleichzeitig entstandenen „Vatermord“ auch bereits ein ganz Hebbelsches Motiv fanden. Der Tod Eduards, Lauras und des namenlosen Bruders rücken unmittelbar zusammen, und das Ende bleibt rätselhaft, weil kein Zeuge das Schreckliche miterlebte; wir werden schon auf die spätere Novelle „Die Kuh“ hingewiesen, wenn auch noch jene unerbittliche Consequenz fehlt, die hier so bedrückend wirkt, außerdem jene furchtbare Objektivität, die das Entsetzlichste mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit erzählt.


Der „Brudermord“ klingt in die Worte aus: „Weine, Leser, und setze hinzu: Ruhe ihrer Asche!“ Mitleid, nicht, wie in der „Kuh“ Erschütterung, soll das Resultat sein. In eine andere Welt führt uns Hebbels erster „Versuch in der Novelle“ ein. „Der Maler“ (1832), verrät ganz deutlich, daß Hebbel sich nun mit E. T. A. Hoffmann bekannt gemacht hat. Hebbel gesteht selbst am 9. Januar 1842 (Tgb. I S. 255): „Hoffmann gehört mit zu meinen Jugendbekannten und es ist recht gut, daß er mich früh berührte; ich erinnere mich sehr wohl, daß ich von ihm zuerst auf das Leben, als die einzige Quelle echter Poesie, hin gewiesen wurde.“ Nach dieser Äußerung hat also Hoffmann den Eindruck verstärkt, den schon Uhlands Poesie (vgl. Tgb. I S. 19 f.) in Hebbel hervorrief. Die Ähnlichkeiten des „Malers“ mit verschiedenen Novellen Hoffmanns lassen sich fast mit Händen greifen: wer denkt nicht bei dem wunderschönen Gesang, der um Mitternacht aus dem dunklen schauerlichen Hause der dunklen abgelegenen Straße von Frankfurt am Main erschallt, an die ganz wunderherrliche Frauenstimme, die Nachts aus dem finstern Hause aus der —straße von H— ertönt, wer nicht bei dem geheimnisvollen Maler Dietrich an den grotesken Rat Krespel aus den „Serapionsbrüdern“. Aber auch die schneidende Dissonanz zwischen dem hinreißenden Gesang, dem Hundegebell und dem häßlichen Lachen des alten Malers gemahnt an die Hauptscene einer Hoffmannschen Erzählung, der „Fermate“ mit ihrem plötzlichen Übergang vom herrlichsten Singen zu Zank, Verwünschungen, Flüchen und Schimpfreden. Das sind jedoch Kleinigkeiten, wenn man das Hauptmotiv der Hebbelschen Novelle betrachtet: der Künstler soll das Ideal, das ihm vorschwebt, wohl sehnsuchtsvoll verlangen, aber nicht im wirklichen Leben besitzen. Wie viele Novellen Hoffmanns drehen sich gerade um dieses Problem, das auch in der „Fermate“ gestreift wird, sie zeigen ihren Einfluß auf Hebbel ganz sinnfällig; man denke nur an den „Artushof“: Traugott, der beim alten wahnsinnigen Maler Berklinger als Schüler arbeitet und sich in das Bild der Felicitas verliebt, die er für verstorben hält, bis er sie einmal in dem angeblichen Sohne Berklingers erkennt; er will vor ihr niederstürzen, da stößt ihn der Alte fort und verschwindet. Die Scene, wie Raphael das verlassene Haus aufsucht, ist genau derselben Scene im „Artushof“ nachgebildet, sogar kleine Details kehren wieder: „Alle Nachforschungen, wo sie geblieben, waren vergebens“ … heißt es bei Hoffmann (I S. 210), „Alle Erkundigungen, die Raphael nach ihm anstellte, blieben vergeblich“ … bei Hebbel (S. 15), „niemand wußte etwas von ihnen. Ein leise Vermutung, die sich nur aus eine Sage gründete“ … dort, „Niemand wußte über sein Schicksal etwas zu sagen, nur ein dunkles Gerücht wanderte von Mund zu Mund“ hier. Da es mir nur aus Andeutungen ankommt, sei noch kurz „Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde“ (VII S. 369 ff.

), „Die Jesuitenkirche in G.“ (V S. 116 ff.), aber wegen einzelner Motive auch „Das öde Haus“ (V S. 175 ff.) erwähnt, aus denen Hebbel Anstoß zu seiner Erfindung erfahren haben kann. Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß Hebbel viel einfacher, weniger phantastisch und bedeutend kürzer als Hoffmann erzählt. Vielleicht gab Contessas „Meister Dietrich“ den Namen, wir wissen ja, daß Hebbel dessen Schriften kannte, er las sie 1827 (vgl. „Nibelungen“ zu V. 4139 ff. und Tgb. I S. 265); „Meister Dietrich,“ dessen Lektüre er Elise empfahl, ist auch ein Maler, der seines Weibes Tod verursacht, so daß sein Schicksal wenigstens einigermaßen bei Hebbel nachklingen könnte. Dietrichs unerwartete Genesung (III S. 171) bietet eine Parallele zu Raphaels Genesung (S. 14, 16 f.). Fast könnte man auch schon Ludwig Tiecks Einfluß erkennen, wenigstens erinnert die Scene, wie das Mädchen singt, der Hund bellt und Meister Dietrich lacht an eine Scene des „Blonden Eckbert,“ wo Bertha in der Nebenstube den geheimnißvollen Vogel sein Lied: „Waldeinsamkeit“ singen, die Alte husten und mit dem Hund sprechen hört; ja wenn Hebbel (S. 12, 32 f.) das wirksame Asyndeton braucht: „Die Stimme sang, der Hund bellte, der Meister lachte“ so glaubt man Tieck zu hören (Schriften. 1828. IV S. 155): „mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare Vogel sang“. Das ist freilich nur eine ganz unsichere Vermutung, aber ohne Zweifel bewegt sich Hebbel im Gebiete der Romantik, da er selbst Novellen zu schaffen beginnt.

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