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Novellen – Elisabeth von Heyking

Graf und Gräfin Mallone waren in Washington sehr beliebt. Der Graf war alt und kränklich und sah noch älter und kränklicher aus als er es in Wirklichkeit war. Dies bot ihm, so oft er es wünschte, den Vorwand, sich zurückzuziehen, und er gebrauchte diesen Vorwand häufig, denn er gehörte zu einer aussterbenden Schule von Diplomaten, die sich mit dem Nimbus des Geheimnisvollen zu umgeben liebten. Unnahbar zu sein und sich wie ein Regenbogen nur selten zu zeigen, galt dem Grafen als erste Tugend eines Herrschers, und da er es mit der Botschafteraufgabe, seinen Souverän persönlich zu repräsentieren, sehr ernst nahm, so hatte er sich auch stets die Kultivierung der entsprechenden Eigenschaften angelegen sein lassen. Gräfin Mallone war jung und schön und schien beides noch mehr als sie es wirklich war. Und dies traf sich glücklich in einem Lande, wo es viele junge und schöne Frauen gibt. Als die Gräfin in Washington angelangt war, hatte sie eine unbesetzte Stelle in der dortigen Gesellschaft vorgefunden, die nur darauf wartete, von ihr eingenommen zu werden. In jenen Jahren gab es nämlich in Washington eine solche Fülle von Diplomaten mit amerikanischen Frauen, daß die Washingtonianer anfingen, dieser Marquisen, Duchessas und Ladies etwas überdrüssig zu werden, die sich alle rühmen konnten, Töchter Chicagos, Detroits oder Omahas zu sein. Daß ihnen mal eine authentisch auf der »andern Seite« geborene Frau geschickt wurde, erschien als angenehme Abwechslung. Gräfin Mallone war erst seit ein paar Wochen in Amerika gelandet, als sie bei einem der unzähligen Tees, in denen die Washingtoner Welt sich wohlgefällt, im Hause eines berühmten Senators, wo alles von Marmor und Vergoldung funkelte, Mrs. Homer Dwight Mix, die Frau eines eben gewählten Abgeordneten aus dem fernsten Westen, kennen lernte, die ihr sagte: »Ich freue mich aber wirklich, Sie kennen zu lernen, Frau Botschafterin, und daß Sie nicht eine von uns sind, sondern der unverfälschte Artikel aus Ihrem eigenen Land. Als ich mich nämlich entschloß, Mr. Dwight Mix nach Washington zu begleiten, sagte ich ihm: Homer, lieb, mit all den ausländischen Diplomaten, die da herumwimmeln, wird es so fördernd für meinen Geist sein, wie ein Ausflug nach Europa – minus die Seekrankheit.« So war denn Gräfin Mallone die Europäerin Washingtons. Sie machte ein sehr großes Haus und empfing die zahlreichen freien Amerikaner, die aus allen Teilen der Union allwinterlich nach Washington strömen, mit jener unwandelbaren Liebenswürdigkeit, die so oft der Ausdruck völligster Gleichgültigkeit ist. Aus der Zeit, da sie vor ihrer Verheiratung Hofdame gewesen und von den vielen Posten an Höfen her, wohin sie ihren Mann begleitet hatte, ehe dieser zum Botschafter bei der großen Republik ernannt wurde, war eine gewisse Hofluft an ihr haften geblieben. Und merkwürdigerweise trug auch dieser Zug zu ihrer Beliebtheit in Washington bei. Sie war eben so »echt« ! Gräfin Mallone war sich bewußt, an den höchsten europäischen Modellen studiert zu haben, welche Haltung für jede Lebenslage die korrekte ist, und sie war so felsenfest davon überzeugt, stets das Richtige zu tun, daß sie diesen Glauben auch andern zu suggerieren wußte. Man hatte sie auf einem ihrer früheren Posten »die Unfehlbare« genannt. Nachdem aber Gräfin Mallone ein paar Jahre in Washington gewesen, begann sie sich unendlich zu langweilen. Sie kannte nun zur Genüge die gedrängten Feste im Weißen Hause und all die Washingtoner Empfangstage, von denen immer ein Dutzend auf einen Kalendertag entfällt; sie hatte auf all den zahllosen Bällen neu emporschießender Milliardäre getanzt, die, um nur ja nicht parvenumäßig zu erscheinen, Kotillongeschenke nicht mehr aus Gold, sondern nur noch aus Silber geben, und deren Frauen Perlenketten tragen, »um sich vor dem Zug zu schützen« . Sogar die gelegentlichen Ausflüge nach New-York, diesem Refugium der washingtonmüden Diplomaten, reizten Gräfin Mallone nicht mehr, und sie verfügte auch nicht, wie ihr Mann, über die Zerstreuung, das Ergebnis ihrer persönlichen Beobachtungen stets von neuen in diplomatischen Berichten niederlegen zu können. Es fehlte natürlich nicht an jungen Leuten, die auch nicht recht wußten, was mit allen Stunden des Daseins beginnen, und die gern bereit gewesen wären, in Gesellschaft der Gräfin das Experiment zu versuchen, ob zwei vereinte Langweilen sich vielleicht gegenseitig aufzuheben vermögen. Aber Gräfin Mallone war keine Frau der Seitenwege. Die Landstraße war zwar öde und staubig, aber an den verstohlenen Pfaden gab es zuviel Dornen, und man wußte auch nie ganz genau, wohin sie führten.


So war sie zwar stets umschwärmt von einer Anzahl meist sehr jugendlicher Bewunderer, denen ihre Sicherheit imponierte und ihre Eleganz schmeichelte, aber die leichte Abwehr solcher nicht sehr ernst gemeinten Angriffe war ein längst gewohnter und keine besonderen Sensationen mehr erweckender Bestandteil ihres Lebens geworden. Am meisten Befriedigung gewährte es ihr noch, wenn sie sich einbilden konnte, in das Schicksal des einen oder andern dieser Jünglinge leitend eingegriffen zu haben. Aber solche Gelegenheiten waren selten, und mittlerweile langweilte sie sich. Da sie aber viel zu korrekt war, um sich einer niedergeschlagenen Stimmung lange hinzugeben, schaute sie sich um, womit des Lebens Leere zu füllen, und kam auf den Gedanken, daß es etwas Schönes ums Familienleben sei. Sie entsann sich, außer der Zeit, daß sie eine Schwester und Nichte besaß, deren sie sich sonst nur zu Weihnachten und Geburtstagen zu erinnern pflegte, und sie kam zur Überzeugung, daß es für die verwitwete Schwester zerstreuend und für die kaum erwachsene Nichte bildend sein würde, einige Zeit bei ihr in Washington zu verbringen. Denn wenn die Gräfin etwas von andren wollte, fand sie gewöhnlich, daß es für die andren besonders wünschenswert sei. Sie beschloß, die geplante Einladung mit ihrem Mann zu besprechen, und als sie sich einen Augenblick vor dem Diner trafen, geschah dies, indem sie ihm sagte: »Frank, ich fühle, daß ich etwas für Isa und Baby tun muß. Ich werde sie für den Rest des Winters einladen.« So ward denn eine briefliche Aufforderung an die Gräfin Clam Cräven nach Dusterhusen in Hinterpommern gesandt. Es hieß darin: »Ihr müßt mit einem der ganz großen Frachtdampfer fahren; ich kenne sie zwar nicht aus Erfahrung, aber man sagt, daß sie jetzt im Winter bei Sturm viel ruhiger im Wasser liegen als die Schnelldampfer, und da ich einen der Direktoren gut kenne, kann ich euch Plätze zu halben Preisen verschaffen. Die paar Tage länger auf dem Meer werden euch ja sicher zuträglich sein. Seereisen werden jetzt mehr und mehr als Gesundheitskur verordnet.« Allerhand guter Rat folgte, besonders über die große Frage der mitzunehmenden Toiletten, was nach Gräfin Mallones Bewertung die wichtigste Seite jedes Lebensereignisses war. »Bringt nur eure besten Sachen,« schrieb sie, »und denkt nicht etwa, daß man Kleider hier noch tragen kann, die drüben nicht mehr recht gehen – für Amerika ist das Beste nur eben gut genug.« Einige Wochen später, als die Strahlen einer blassen Wintersonne mühsam durch Rauch und Nebel drangen, dampfte ein Riesenfrachtschiff in den Hafen von New-York. Trotz seiner modernsten Struktur erschien es wie ein Fahrzeug aus Märchenland, denn es war über und über bereift und mit Eiszapfen ganz besetzt; Masten und Taue glitzerten schneeweiß, als seien sie aus Glas geblasen und aus Zuckerfäden gesponnen. Nur wenig Passagiere entstiegen dem Schiff. Zwei Damen waren unter ihnen, und am nächsten Tage las man in den Morgenblättern unter der dick gedruckten Überschrift: »Wichtiger Zuwachs der fremden Gesellschaft in Washington, Ankunft von Gästen in einer der beliebtesten Botschaften, Schöne Mutter einer schönen Tochter« – daß die Gräfin Clam Cräven mit ihrer Tochter zu Besuch, bei ihrer Schwester, der Gräfin Mallone, eingetroffen sei.

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