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Neuland – Sammelbuch moderner Prosadichtung – Verschiedene

Neuland „— (Neubruch, Rodeland) aus Umrodung von Wald-, Heide- oder Ackerboden gewonnenes Ackerland“. Das vorliegende Sammelbuch bezweckt: einem weiteren Leserkreis Gelegenheit zu geben, sich selbständig und aus eigener Anschauung heraus ein Urteil über das Können und Wollen, über die Kunst und die Kunstbestrebungen unserer modernen deutschen Dichtung zu bilden, und zwar der modernen Dichtung, die sich speziell als solche bezeichnet und die vor etwa fünfzehn Jahren mit den Schlagworten „Realismus“ und „Naturalismus“ gegen den herrschenden Kunstgeschmack auftrat und sich damit als neue Bewegung einleitete. Von vornherein ist hiebei zu betonen, daß sie keineswegs in diesen Momenten ihrer Anfänge stecken blieb, sondern sich zu so vielfachen Wandlungen und Durchgestaltungen weiterentwickelte und abklärte, daß von „Realismus“ oder „Naturalismus“ heute kaum mehr recht die Rede sein kann. So überstürzend schnell diese Wandlungen in den einzelnen Vertretern und in deren Dichtung sich vollzogen, so langsam freilich wirkten sie nach außen und auf weitere Kreise. Gerade das aber mag nicht zum wenigsten mit Ursache sein, daß die Vorstellungen, die man im großen Publikum mit allem, was moderne Dichtung heißt, verbindet, im allgemeinen höchst unklar und verworren sind. Sie gründen sich der Hauptsache nach auf die Urteile, zu denen die ersten Waffengänge, die weit über jedes Ziel hinausschossen, sowie die ersten eigenen Versuche, die ebenso weit hinter jedem Ziel zurückblieben, Veranlassung gaben. Die erwähnten Schlagworte, — die wie alle Schlagworte stets nur in Anführungszeichen geschrieben, gesprochen und verstanden werden sollten — tragen, indem sie hundert beliebige Ausdeutungen zulassen, ebenfalls nicht zu einer Klärung der Begriffe bei. Im Gegenteil! und zu all dem kommen dann noch die Urteile einerseits von Gewährsmännern, die von Litteratur und Kunst überhaupt nichts verstehen, und andererseits die, oft völlig berechtigten, abweisenden Äußerungen durchaus ernst zu nehmender Kritiker und Leute vom Fach, eine Menge Polizeiverbote und dergleichen — und so gipfeln diese Vorstellungen in dem Schluß: daß es um diese ganze moderne Dichtung höchst zweifelhaft und trostlos bestellt sei, daß dieselbe bisher nicht nur nichts hervorzubringen vermocht habe, das von größerer und dauernderer Bedeutung gewesen, sondern daß sie auch in ihrem Wollen durchaus verderblich und verwerflich wäre. Es ist hier nicht der Ort, die Berechtigung und Nichtberechtigung all derartiger Meinungen und Urteile abzuwägen; es wurde schon so oft versucht, und ohne Erfolg, daß jedes weitere Wort völlig nutzlos wäre. Der vorliegende Band spricht durch seinen Inhalt, wie ich hoffe, am besten für sich selbst, und klärt dadurch vielleicht mehr, als die geistreichste theoretische Abhandlung vermöchte. Daß bei der Auswahl einer Sammlung, die von vornherein und zunächst für einen so großen, vielköpfigen und vielsinnigen Leserkreis, wie der des Vereins der Bücherfreunde, berechnet war, nur sehr kritisch und mit Sorgfalt zu Werk gegangen werden durfte, liegt auf der Hand. Gewisse Stoffe schlossen sich dabei ganz von selbst aus. Man mag deshalb dem Band vielleicht vorwerfen, daß er ein allzuzahmes Bild zeichne, die Leute seien sonst viel „radikaler“ oder „reaktionärer“ — dem gegenüber aber wäre doch wohl zu bemerken, daß die ganze Bewegung selbst schon lang einen ungleich ruhigeren Charakter angenommen hat, als in der ersten Zeit ihres „Sturm und Drangs“; daß sich die Mitarbeiter alle zu einer Beteiligung in diesem Sinn mit Freuden bereit erklärten, und daß der Eigenart des Einzelnen durch die Schranken, die der Zweck des Buches bedingte (falls es überhaupt Schranken waren), nirgendwie der geringste Eintrag gethan wurde. Im Gegenteil: gerade dieses Moment dürfte ein nicht unwesentliches Verdienst des Bandes bilden, eben daß er sich ganz von selbst und ohne Zwang in solchen „Schranken“ hält, und so den ungeheuer schweren Vorwurf entkräftet, der mit ebenso viel Emphase als Gedankenlosigkeit ohne alle Scheu in die Welt geschleudert wird: die ganze moderne Richtung strebe nur Rohheit an und habe nur Freude an Niederem. Daß ein solcher Vorwurf vielen Ausschreitungen und Geschmacklosigkeiten gegenüber, wie sie von hitzköpfigen Gernegroßen im Namen und auf Rechnung der „Moderne“ zusammengesündigt wurden und werden, völlig am Platze ist, sei gerne zugestanden. Deshalb aber die ganze Bewegung, die in ihren ernst zu nehmenden Vertretern Ziele anstrebt, die nicht weniger hoch und heilig, als die Ziele und Ideale jeder andern Zeit, ohne weiteres in Acht und Bann zu thun, wäre ebenso verkehrt als ungerecht. Und wenn Einzelne von ihnen Konflikte, Dinge und Zustände zur Sprache bringen, die keineswegs besonders schön und erbaulich sein mögen, so ist daran zu erinnern, daß dies nicht bloß das gute Recht, sondern daß dies sogar die Pflicht eines Dichters ist, wenn er mehr will, als seinem Volke nur zierliche Reime vorkünsteln und Mondscheingeschichten erzählen. Und es ist weiter daran zu erinnern, daß sowohl Lessing als Goethe und Schiller in vielen ihrer Dichtungen Dinge genug zur Sprache brachten, die für ihre Zeit ebenso wenig erbaulich waren. Was insbesondere nun das vorliegende Sammelwerk anbetrifft, so hat dasselbe mit irgend einem Angriff auf irgend eine „alte Kunst“ nicht das Geringste zu thun; es soll und will nichts anderes, wie gesagt, als einem weiteren Lesekreis einmal ein eigenes Urteil über ein Stück moderner Dichtung und deren augenblickliche Entwicklungsphase ermöglichen. Der Band enthält vierzig Beiträge von dreiundzwanzig Autoren. Er wurde wesentlich stärker, als ursprünglich geplant war, und hätte leicht zum doppelten Umfang ausgestaltet werden können, wenn nicht auch hier Grenzen geboten gewesen wären. Es erschien dem Herausgeber sowohl als auch den Verlegern zweckentsprechender, lieber weniger Autoren aufzuführen und diesen größeren Raum und somit eine freiere Entfaltung ihres Schaffens zu gestatten, als deren Zahl auf ein Doppeltes zu erhöhen und so von jedem nur ein kurzes Bruchwerk bringen zu können. Je nach Aufnahme des Bandes wird ein zweiter dies auszugleichen suchen. Aus ähnlichen und andern Erwägungen heraus wurde auch die Auswahl nicht lediglich auf Originalbeiträge beschränkt, obgleich solche selbstverständlich in erster Linie in Betracht kamen. Ein guter, wenn auch schon gedruckter Beitrag erschien für die Sammlung ungleich wertvoller, als ein anderer, der vielleicht minder eigenartig gewesen und nur den Ruhm: ungedruckt zu sein für sich gehabt hätte.


Dennoch sind unter den vierzig Beiträgen nur neun schon früher gedruckte. In der Inhaltsübersicht wurde bei den einzelnen Autoren deren Stammeszugehörigkeit bemerkt. Ich halte dies für um so wissens- und beachtenswerter, als noch zu keiner Zeit in unserer Litteratur sich eine solche Fülle verschiedener Stammeseigentümlichkeiten geltend machte. Ein jeder der dreiundzwanzig Autoren bringt ein Stück Heimat in seine Dichtung, sowohl in Bezug auf seine Sprache, als auch in Bezug auf seine ganze Weltanschauung; und ein intimes Verständnis der verschiedenen Beiträge ergiebt sich erst, wenn man dieselben gleichzeitig auch unter diesem Gesichtspunkt auf sich wirken läßt. Wie die einzelne heimatliche Mundart ein steter Jungbrunnen bleibt, aus dem unserer hochdeutschen Schriftsprache immer neues Leben zuquillt, so bleibt auch die engere Heimat mit ihrer Stammeseigenart der stete Nährboden, aus dem sich unser ganzer deutscher Volkscharakter zu immer neuer Kraft, zu immer reicheren Entfaltungen und zu immer vielseitigerer Einheit emporgestaltet. Momente, die bisher noch nie so hervortraten, die mit „Partikularismus“ und dergleichen nichts zu schaffen haben, die jedoch für eine spätere Literaturgeschichte zweifellos zum Ausgangspunkt ganz neuer Forschungen werden dürften. Für die Bewegung der modernen Dichtung selbst aber erhellt daraus, daß es sich dabei keineswegs nur um ein „Berliner Großstadtprodukt“ handelt, wie man wohl sagen hört, sondern daß es sich — in Kunst und Leben — ganz gleichzeitig in allen Teilen Deutschlands frühlingsfroh einem Anderen, Neuen entgegenregt.

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