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Nachbarkinder – Eugen Sue

U nweit der Residenzstadt etwa eine Meile davon, sehen wir einen stattlichen Kutschwagen, der einem Reisewagen ähnlich und mit mancherlei Gepäck beladen ist, in der Allee von schönen, riesigen Pappeln daherkommen. Jetzt aber , da, wo von der Heerstraße ein Fußweg abgeht, der wohl eine halbe Stunde näher zur Stadt führt und sich durch ein freundliches Dörfchen, durch einen Buchenwald und dann durch fruchtbare Auen längst eines forellenreichen Baches hinzieht, da hielt der Wagen. Der Kutscher öffnete den Schlag, läßt die Tritte herab und hilft einer Dame heraus, und nach ihr einem Knaben, der aber, die eine Hand auf des Kutschers Schulter gestützt , in leichtem Sprunge ohne die Tritte zu berühren, aus dem Wagen in leichter Turnergewandheit sich schwingt, die Hand der Tante erfaßt, an sie sich schmiegt und mit ihr vorwärts schreitet. Die Dame scheint zwanzig und einige Jahre darüber alt zu sein, und unter dem blaßgelben Strohhute, von dem herab Bänder von gleicher Farbe, vom leisen Windzuge bewegt, flatterten, schaute ein Paar der schönsten, blauen Augen aus dem lieblichsten Gesichte hervor, mit denen die Dame nach der Residenzstadt hinschauete. Als wollte sie ungehinderter die reizende Aussicht erfassen, nahm sie den Hut ab, und es ward eine Fülle des herrlichsten nußbraunen Haares sichtbar, deren Locken geringelt an den Seiten der malerisch gerötheten Wangen herabhingen. Der Knabe, der ihr zur Seite ging, aber dabei immer ins Gesicht der Lieblichen aufsah, zählte höchstens sechs Lebensjahre und war ein bildschöner Junge, der jedem Maler oder Bildhauer hatte als Modell zu einem Glorienengel dienen können. Sein leichtes Strohhütchen vermochte kaum die üppige, ebenfalls nußbraune Haarfülle zu bergen, er war ein herrlicher, kleiner Apoll, und ans seinen großen, braunen Augen leuchtete ein Feuer, das in der Folge wohl manches Mädchenherz in Flammen setzen konnte. Man konnte etwas Schöneres nicht sehen, als diese schöne Dame und den lieblichen Knaben. Jetzt waren Beide auf einen Punkt des Fußpfades gekommen und hinter einer Zaunhecke hervorgetreten, da eröffnete sich die reizendste Aussicht auf die malerisch gelegene Königsstadt, über welche, sowie über die ganze Gegend der Mai das Füllhorn seiner Reize ausgeschüttet hatte. Man jubelte, und schlug in die Hände. »Bald sind wir ja nun da!« rief er frohlockend. »Du freust Dich wohl recht, Deinen Vater zu sehen, den Du seit vier Jahren nicht sahest?« fragte die Dame. »O! ja wohl freue ich mich, ihn wieder zu sehen, ich glaube, ich werde ihn nicht wieder erkennen, denn es sind vier Jahre her, daß meine gute, liebe Mutter starb, wovon ich aber fast gar Nichts mehr weiß, denn ich war ganz klein,« — hier bezeichnete er mit der Hand . die Höhe, die er damals könne gehabt haben — »als mich der Vater zu Dir brachte. »Wenn Du nun wieder bei Deinem Vater bist, lieber Max, da wirst Du denn auch mich nach und nach vergessen? Das würde mir wehe thun, da ich Dich so lieb gewonnen habe.« Da wandte sich der Kleine nach ihr um, streckte sich an sie heran, zog sie sich nieder, und seine Augen standen im Wasser. »Ach das ist gar nicht hübsch von Dir, daß Du so von mir denkst — da thust Du mir großes Unrecht — bitte, bitte, sprich nicht wieder so — Du bist ja meine gute, herzliebe Mutter, bei der ich so gern bleiben würde , wenn nicht mein Vater meine Rückkehr verlangt hätte.« Die schöne Frau neigte sich zu den Knaben herab, und in einem langen, innigen Kusse verstanden sich ihre Herzen. »Ich kann Dir wohl sagen, was ich Dir schon öfter sagte, daß ich selbst verlangte Deinen Vater kennen zu lernen, den ich, es ist wohl sonderbar und kaum glaublich , noch nie sah, aber von ihm weiß, daß er ein guter, lieber Mann ist, wie ich von Deiner guten Mutter, die ja meine Schwester war, und nur vier Jahre älter als ich, so oft hörte. Ich und Dein Vater sind überdies Schicksalsverwandte, denn er verlor seine Gattin , Deine liebe Mutter, als Beide erst ein Jahr mit einander verbunden waren. Mich traf fast zu gleicher Zeit dasselbe harte Geschick, denn als ich meinen theuern Adolf , also Deinen Onkel, kaum zwei Jahrelang besaß, und wir so glücklich, ach so glücklich, miteinander verbunden waren , ach da, riß ihn der unerbittliche Tod von meiner Seite, und ich stand nun als zwanzigjährige Witwe so einsam in der Welt da, konnte aber doch das kaufmännische Geschäft meines Adolf nicht augenblicklich aufgeben, weil es so weit verzweigt war, noch war es gut für mich, daß ich den alten treuen Diener Lorenz, den Du ja gekannt hast , zur Seite hatte , der das umfängliche Geschäft mit Hilfe noch einiger Diener mit gewissenhafter Treue verwaltete , dem ich nun auch , in Anerkennung seiner treuen Dienste, Alles käuflich überlassen habe, und unter ihm sehr vortheilhaften Bedingungen. So bin ich denn nun aller Geschäfte ledig und habe demnach noch Zeit, mich vielleicht noch einige Wochen in Deines Vaters Nähe aufzuhalten.« »Dann willst Du wohl wieder zurück?« fragte der Kleine ganz überrascht. »Was bleibt denn Anderes übrig , guter Max?« Max schwieg einige Sekunden, Tantchen bemerkte es wohl, daß er mit den Fingern nach den Augen fuhr; da legte sie sanft ihre Hände auf seine Schultern, und wandte ihn nach sich zu, um ihm in die Augen sehen zu können, in denen wirklich Thränen standen: »Du weinst wohl?« fragte sie weich und küßte ihn. »Soll ich denn nicht weinen , wenn ich daran denke , daß Du fortgehst, und ich nicht bei Dir bleiben soll? Aber ich weiß schon , was ich dann thue — ich gehe wieder mit Dir , wenn Du mich wieder mit Dir nimmst!« Jetzt waren sie angekommen, wo der Fußsteig in die Straße schnitt, und gleichzeitig kam auch der Wagen.


Der Wagen eilte auf dem herrlichen Wege dahin, und die Dame meinte, indem sie nach der goldenen, niedlichen Uhr sah, daß in einer halben Stunde Max werde seinen lieben Vater sehen. »Du kannst Dich Wohl freuen,« setzte sie hinzu; »denn Dich erwartet ein Vater, der sich nach Dir sehnt, aber mich — erwartet Niemand, da, ich niemand habe, der mir nahe steht, als Dich.« Die letzteren Worte sprach die Dame mit einer Stimme, welche Wehmuth verrieth, und die auch von einigen Thränen begleitet waren, die den schönen Augen, welche wohl nur zur Freude geschaffen zu sein schienen,entfielen. Da schmiegte sich der schöne Knabe an sie, und meinte. »Ach mein Vater wird sich gewiß recht freuen, Dich zu sehen und bei sich zu haben; glaube mir, er ist recht gut und meint es mit allen Menschen gut, er wird es gewiß auch recht herzlich gut mit Dir meinen, da er ja weiß, wie so gut und freundlich Du mit mir bist!« Das Rollen des Wagens zeigte, daß man auf gepflasterter Straße war, man fuhr durch die Vorstadt, jetzt kam man in eine der Hauptstraßen, bald lenkte der Kutscher, der ein geborenes Stadtkind war, in eine Seitengasse ein, lang an einer Mauer hin, die den königlichen Garten umschloß, und hielt vor einem Thore mit eisernem Gitter, durch welches man einen Theil des Gartens sehen konntet und eine Pforte des Thores war geöffnet. Hier hielt der Wagen, welcher, nachdem die Insassen ausgestiegen waren , in ein bezeichnetes Gasthaus fuhr. In Max tauchten, obgleich er seit vier Jahren diese liebe Stätte nicht gesehen hatte, einige Lichtpunkte der Erinnerung auf. »O komm Tantchen,« rief er, — »hier gehen wir durch die Rosenallee, die bald in die Blüthe treten wird: dann kommen wir links durch die Baumschule: hernach, wenn ich nicht irre, an das Treibhaus, dann wieder — o komm, gute Taute, daß wir bald den Vater finden!« Tantchen hatte Mühe, dem Wegweiser, dem aber jetzt die Ortskenntniß ausging, schnell genug zu folgen, so daß sie von den theils erblühten, theils erblühenden Herrlichkeiten Nichts näher betrachten konnte, doch sich dessen getröstete , daß es würde noch geschehen können. Jetzt standen die Fremden vor einem netten Gebäude, dessen weißes Gemäuer durch das Laub des Weingeländes und der Spalierbäume blinken und welches ein chinesisches Dach trug; eine Reihe eleganter Bänke standen im Halbkreise auf dem freien Rastplatze, den Bäume aller Art überschatteten; auf den zwei Seiten desselben plätscherten Springbrunnen aus künstlichen Felsen. Von der Mitte dieses Platzes aus sah man in lange Gänge nach drei Seiten hin welche einen wunderlieblichen Anblick darboten. Es war demnach natürlich , daß dieser Theil des Gartens auch seine Besucher hatte, welches der menschenfreundliche König gern gestattete, besonders an freundlichen Nachmittagen der schöneren Jahreszeiten. Hier bei dem artigen Hofgärtner, Herrn Joseph, erhielten die Besucher, namentlich die feinere Welt, stets einen ausgesuchten Kaffee nebst Imbiß, und je nach den Jahreszeiten auch Erd- und Stachelbeeren oder Kirschen, mit denen Herr Joseph gern aus dem Gartentheile, der ihn zu freier Disposition und beliebiger Benutzung überlassen war, aufwartete. Darum fand man denn, wie gesagt, bei günstiger Witterungszeit, immer viel schöne Welt; und eine nette Dienerschaft, bestehend an Besuchstagen in zwei grünbeschürzten Gärtnerburschen, in einem, oft auch in zwei Aufwartemädchen aufs sauberste gekleidet, war mit dem Verlangten sogleich zur Stelle , was im Innern des Hauses und der Küche von einer umsichtigen Köchin und Wirthschafterin, da ja Herr Joseph Wittwer war, besorgt wurde. Die junge Dame war ganz überrascht von diesem herrlichen Naturtempel, der jetzt, da es Vormittag war, keine Besucher hatte. Sie ließ den Kleinen voran eilen, der aber so eben aus der Gärtnerwohnung heraustrat, in welcher er seinen Vater gesucht , aber nicht gefunden hatte , und sich nun der Tante wieder anschloß, um gemeinschaftlich den Vater zu suchen.

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