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Mit dem Nachtzuge – A. G.

D u mußt also allein reisen, Edgar“, sagte mein Vater, »Es ist unangenehm, aber nicht zu ändern. Ich werde jedenfalls frühzeitig am Hochzeitstage in C, sein. Sage dies Deiner Braut mit meinen herzlichen Grüßen.« Vor zwei Jahren schon war ich der Verlobte meiner geliebten Karoline geworden.Ihr Vater, Admiral Lethbridge, und der meinige hatten Beide es für nöthig befunden, uns diese lange Wartezeit aufzuerlegen, weil, wir sie meinten, junge Leute erst die Echtheit ihrer Herzensneigungen erproben müßten, Der Leser wird sich denken können, daß mir dieser Aufschub höchst unnnöthig vorkam, allein mit mehr oder weniger Geduld war die Prüfung endlich zu Ende gegangen und beide Familien waren einig, daß die Hochzeit gefeiert werden solle. Meine Schwester Klara, welche als eine der Brautjungfern gewählt war, befand sich bereits in C, bei Karolinens Angehörigen, Admiral Lethbridge wohnte dort, und natürlich sollte das fröhliche Fest in seinem Hause abgehalten werden. Es war verabredet worden, daß mein Vater und ich etwa drei Tage zuvor uns in C. einfinden und im Gasthofe absteigen sollten. Ein anscheinend zufälliges Zusammentreffen von Umständen machte es im letzten Augenblick für meinen Vater unmöglich, so frühzeitig abzureisen und dies veranlaßte die Bemerkungen, mit denen diese Erzählung beginnt. Vorerst noch ein Wort zur Erklärung meiner persönlichen Verhältnisse. Mein Vater war Wittwer und hatte nur zwei Kinder: meine Schwester Klara und mich. Sein beträchtliches Vermögen sollte einst uns Beiden allein zufallen, wobei mir, als dem einzigen Sohne der größere Theil bestimmt war. Wenige Firmen waren in der Handelswelt angesehener, als die von John Henley, und gerade der Umstand, daß seine Einsicht und kaufmännische Geschäftserfahrung in London in so großer Achtung standen, war die Ursache, daß er mich nicht, wie er beabsichtigt, begleiten konnte, Er sollte nämlich in einer merkantilischen Streitfrage sein Urtheil abgeben, resp. als Zeuge erscheinen, und war ihm von dem betreffenden Parlamentscomite die in den höflichsten Ausdrücken gehaltene Einladung zugegangen, am nächsten oder vielleicht zweitnächsten Tage bereit zu sein, seine schätzbare Meinung zu äußern. »Sehr schmeichelhaft, aber im Augenblick höchst lästig,« entgegnete ich auf meines Vaters Mittheilung. Die Sache verdroß mich um so mehr, als ich wußte, daß mein Vater, mit dem ich auf dem Fuße großer Zutraulichkeit und Freundschaft stand, sich auf die paar Tage der Rast und Fröhlichkeit sehr gefreut hätte. »Den Lethbridges und Klara wird es so leid sein,« setzte ich hinzu. »Kannst Du Dich denn gar nicht losmachen?« »Nein, Edgar,« erhielt ich zur Antwort, »einem Comite muß gehorcht werden. Laß es darum gut sein. Ich werde ganz sicher Samstag früh, noch ehe die Hochzeitstafel gedeckt ist, bei euch sein. Du gehst also mit dem Nachtzuge?« Wir schüttelten uns die Hände und schieden, Es war erst Juni, aber der Nachmittag so heiß und drückend, wie imAugust; und Jedem, der an die dumpfe, schwüle der Stadt gefesselt war, mußte sich ein unbezwingliches Verlangen nach grünen schattigen Alleen und frischer Landluft aufdrängen. Als ich über das glühende Pflaster schritt und die Sonnenstrahlen sengend meine Stirn berührten, dachte ich mit Entzücken an meine nahe Befreiung aus der Wüste von Ziegeln und Kalk. Schon am folgenden Tage sollte ich so langsam und glücklich an Karolinen‘s Seite durch die wohlbekannten Wiesepfade schlendern, wo Klee und Maßlieb sich in‘s duftende Gras flochten, und die hohen Kastanienbäume mit ihren weißen Blüthenpyramiden erquickenden Schatten verbreiteten! Morgen schon! — Aber ach, — was nützten Erwartungen, die bestimmt waren, nie verwirklicht zu werden? Es ist eine Gnade der Vorsehung, in einem Falle wie der meinige, das Morgen unseren Blicken zu verschleiern. Ich wendete mich nach Bond Street, wo eine doppelte Reihe Wagen mühsam vorwärts kam, und eine Fluth von Fußgängern hin und her wogte. Aber der gewohnte Anblick der wappengeschmückten Equipagen mit ihren unschätzbaren, silbergeschirrten Pferden und den geputzten Damen im Inneren, welche nachlässig zurückgelehnt sich zu dem modischen Rendezvous der eleganten Welt in Hydepark verbringen ließen, ging unbeachtet von mir vorüber, so sehr waren meine Gedanken mit der Zukunft beschäftigt.


In wenigen Stunden sollte ich von der lärmenden Hauptstadt fern sein; noch wenige Tage, und Karoline Lethbridge und Edgar Henley, ein so glückliches, vom Schicksal begünstigtes, junges Paar, als nur je auf Erden sich zusammenfand, würde sich zur ferneren Lebensreise liebend verbunden haben, Ich hatte auch nicht viel Zeit übrig. Ich mußte ein paar Besuche machen und mich dann zu einem frühen Diner in meinen Club begeben, wo einige meiner besten Freunde, junge ledige Leute, noch »einen letzten Blick auf mich werfen wollten,« wir sie sagten. Meine sonstigen Vorbereitungen zur Abreise waren so gut wie beendigt. Mein Gepäck stand bereit und es war abgemacht worden, daß meines Vaters alter Diener, welcher der pünktlichste und zuverlässigste aller Menschen war, meine Effekten an den Bahnhof verbringen sollte, damit ich mich nicht im letzten Augenblick um Koffer und Nachtsäcke zu kümmern brauchte. Meine Rückkehr nach London stand reicht so bald bevor. wir wollten die ersten Monate unseren Ehestandes in Deutschland und der Schweiz verleben und vielleicht sogar einige Zeit unseren Aufenthalt in Italien nehmen. Mein erster Gang galt den wohlbekannten Hof-Juwelieren Miles und Hendersson, bei denen ich einen Schmuck aus Perlen und Rubinen, den mein Vater als Geschenk für seine Schwiegertochter bestimmt hatte, abholen sollte. Er hatte sich sehr gefreut, das kostbare Geschmeide persönlich den Händen der Braut übergeben zu können, da er jedoch seine Ankunft in C, verschieben mußte, so hatte er freundlich aber fest darauf bestanden, daß ich die Juwelen mitnehmen und sie Karoline in seinem Namen darbringen sollte. Obgleich ich nichts Nähers über das Hochzeitsgeschenk wußte, so war ich doch gewiß, daß es äußerst reich und kostbar, nicht weniger als geschmackvoll sein würde, da ich meinen Vaters Freigebigkeit oft genug kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hatte. Als ich die Thür des Juwelierladens öffnete, ging ein Mann so dicht an mir vorbei, daß er meinen Ellbogen streifte und dann, den Kopf wendend, mir einen Augenblick in‘s Gesicht sah. Sein eigenes Gesicht war ein ausfallendes, oder würde dies wenigstens in jeder anderen Stadt als London gewesen sein, wo Eingeborene aller Länder sich zusammenfinden und einander kaum beachtend, sich von dem großen, gärenden Strome fortreißen lassen, der die Straßen der Riesenstadt füllt. Der Mann, sichtlich ein Ausländer. war etwa vierzig Jahre alt und trug einen schwarzen, abgeschabten, aber sauber gebürsteten Anzug. Er hatte einen buschigen, rothbraunen Backenbart und seine Augen bargen sich hinter einer Brille. So weit stimmte sein Aeußeres mit dem einer Legion Professoren, Doktoren und Philosophen überein, von welchen es, nebst verbannten Freiheitsmännern und sonstigen Schrecken der Kontinentspolizei, in verschiedenen Theilen Londons wimmelt. Aber ich konnte mich nicht eines Gefühls des Widerwillens enthalten, als ich das breite, platte, weiße Gesicht gewahrte, dessen Züge den tatarischen Thypus zeigten, dessen scharfe, tigerartige Zähne zwischen den dünnen Lippen hervorsahen und dessen kleine, länglich geschlitzte Augen wie die einer wilden Katze hinter den Brillengläsern hervorblitzten. Im Allgemeinen machte er mir den Eindruck eines in menschlicher Kleidung aufrechtgehenden reißenden Thieres. Zum Ueberfluß war das Gesicht von Pockennarben entstellt. Wie gesagt, ich schauderte förmlich beimAnblick dieser abstoßenden Erscheinung, die mich an eine der Hyänen der zoologischen Gärten erinnerte, zusammen, doch im nächsten Augenblick lachte ich über den gehabten Schrecken. »Der arme Mann kann nichts dafür, daß er so häßlich ist,« dachte ich bei mir, als ich einem der Ladendiener durch das schimmernde Magazin in seines Herrn Arbeitszimmer folgte, »er ist wahrscheinlich ein Russe, dessen politische Ansichten dem Czaren und dem Polizeipräfekten nicht gefielen. Allerdings keine geeignete Person, um mit der Handhabung der Guillotine betraut zu werden, sollte seine Partei je die Oberhand gewinnen. So weit war ich mit weinen Gedanken gekommen, als Mr. Miles, kahlköpfig und rothwangig, mir höflich entgegentrat, und mich den Russen und Alles sonst sofort vergessen machte.

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