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Marduk – Paul Scheerbart

Lautlos war die Nacht. – Und alle Sterne des Himmels funkelten hoch über der großen Stadt Ninive. Auf dem Marktplatz standen viele Bogenschützen und blickten zum Himmel empor und sahen nach einem Stern, der heller funkelte als die andern – sie sahen zum Stern Marduk hin mit hochgezogenen Augenbrauen. Und der Eunuch Zirukin sprach leise zu den Bogenschützen, die ihn umstanden: »Ihr könnt mir’s glauben: der große Planet dort oben steht in der günstigsten Stellung im Sternbilde der Widder. Große Dinge bereiten sich vor. Ihr werdet Glück haben, wenn ihr nach Babylon kommt. Ihr werdet siegreich sein und viel erobern. Das sagen alle Priester in den Tempeln. Ich hab’s gehört mit meinen Ohren.« Und mit starren Augen zog der Eunuch Zirukin geheimnisvolle Kreise mit dem rechten Zeigefinger durch die Luft. »Ihr werdet«, fuhr er fort, »unserm großen König Sargon dem Zweiten Sieg bringen. Geht mit Marduk. Reitet mit Marduk, dem Herrn der Götter, durch die dunkle Nacht.« »Sieg!« murmelten die Bogenschützen. Und »Sieg!« riefen dann alle siebenmal. Und auch die Fernerstehenden riefen »Sieg!« – es klang dumpf. Auch die Krieger, die die Pferde hielten, riefen »Sieg«! – und dabei starrten alle den großen Planeten Marduk an. Dann hörte man vom Westtore her wildes Rossegetrappel. Andere Reiter kamen mit Fackeln. In ihrer Mitte der Oberfeldherr Nadinaplu. Die Bogenschützen sprangen auf ihre Pferde und ritten dem Oberfeldherrn Nadinaplu entgegen. Danach sprengten alle zusammen – an die dreitausend Man – durchs Osttor von Ninive hinaus in die Sternennacht. Babylon Währenddem saß in Babylon der Oberpriester Nabuseto auf der obersten Dachterrasse des Marduktempels. Und neben ihm saß der König von Babylon, der große Mardukbaliddin. Der König rollte mit den Augen nach rechts und nach links, daß das Weiße neben demAugapfel im dunklen Gesicht hell aufleuchtete.


Mit der Rechten kraulte sich der König im schwarzen, feingekräuselten Vollbart. Tiefe Falten waren zwischen den buschigen Augenbrauen. »Ich bin Marduk«, sagte er düster, »der große Gott Babylons. Und ich kämpfe schon neun Jahre gegen diesen Mann aus Ninive. Das Gold wird mir knapp. Die Babylonier sind schlaff und helfen mir nicht, trotzdem ich’s schon durch meinen Namen so deutlich gesagt habe, daß ich der Gott Marduk bin.« »Du hast es«, erwiderte Nabuseto, »eben zu deutlich gesagt. Das wirkt nicht. Du hast unsre Gegner unterschätzt. Wir waren gleich dagegen. Der Mann aus Ninive hat genauer auf die Worte seiner Priester geachtet und war nicht so deutlich; er nannte sich Sargon – Sargon der Zweite! Und jeder denkt dabei an den großen König Sargon von Agade. Der lebte vor zwei Jahrtausenden und war selbstverständlich auch Gott Marduk. Aber beachte: es ist das nicht so deutlich gesagt, daß sich Sargon der Zweite auch in erster Linie für den Gott Marduk hält. Man empfindet diese Zurückhaltung wohltuend. Und – er hat viel Gold und kann alle seine Leute reich beschenken. Laß deine Priester für dich sorgen, traue ihnen mehr zu. Wir sind hier im Tempel des Marduk, und ich bin der Oberpriester des Tempels. Vergiß nicht, den großen Gott, dessen Ebenbild du bist, anzubeten. Dort oben am Himmel steht sein Stern.« Da warfen sich die beiden auf den Fliesenboden und berührten siebenmal mit der Stirn die Fliesen und beteten lange zu Marduk, dem großen Herrn der Götter. Die Sargonsburg Zwei Meilen nordöstlich von Ninive, am Fuße des Gebirges Musri, lag die große Sargonsburg, in der der König Sargon residierte. Mächtige Wälle umgaben die Burg. Und hinter den Wällen ragten viele Tempel hoch empor. Und viele Paläste lagen neben den Tempeln. Und viele glasierte Ziegel glänzten von den Tempeln und Palästen in den Farben der fünf Planeten – im Goldtone der Sonne und im Silbertone des Mondes.

Auf einem Hügel in der Mitte des weiten Burghofes stand das kolossale Standbild des Isdubar – viereinhalb Meter hoch – in der Linken hielt er einen zappelnden Löwen – wie eine Mutter ein ungezogenes Kind hält – in der Rechten hielt er ein großes Schwert. Sein Bart war fein gekräuselt – wie’s Sitte ist in Ninive und Babylon. Der ganze Burghof war mit glasierten Ziegeln belegt. Und die waren bunt wie Teppiche. Auf den Dachterrassen standen viele Hofbeamte, Eunuchen und Priester. Unten ging’s treppauf und treppab. Und viele Krieger mit Harnisch und Helm gingen da umher. Auch Rosse wurden herumgeführt. Und Haremsdamen wurden in Sänften schnell von den Sklaven vorübergetragen – treppauf und treppab. Von der Dachterrasse des königlichen Palastes aus konnte man den Tigris in der Ferne sehen. Und von der Dachterrasse des Assurtempels aus konnte man das Wasser des großen Zab sehen, der ein Nebenfluß des Tigris ist. Vom Tempel des Nebo aus sah man nur die umliegenden Baulichkeiten. Vom Tempel des Marduk aus sah man nur den großen Himmel mit den ewigen Sternen. Das Frühstück Kurz vor Sonnenaufgang lag der König Sargon der Zweite in dem größten seiner Paläste auf einem breiten Diwan und ließ sich die schwarzen Bart- und Haupthaare kräuseln. Der Eunuch Zirukin tat das eigenhändig mit Eifer und Sorgfalt; fünf Sklaven machten ihm die Brennscheren heiß, rieben die Pomaden in kupfernen Tiegeln und schärften die großen Scheren auf kleinen Schleifsteinen. Der König lag in einem großen Sommerhause, das sich auf einer Dachterrasse befand. Nur nach Osten war das Haus offen. Aber diese offene Seite war von einem dichten Fadennetz überspannt, so daß Fliegen und Bienen nicht hinein konnten. Diese schwärmten über einem kleinen Rosengarten, der vor dem Sommerhause einen wundervollen Duft zum Himmel ausströmte. Und der König blickte ins weite Land gen Osten. Alles war still. Zirukin gab seinen Sklaven nur durch Fingerzeichen die Befehle. Und im Hintergrunde des Gemachs rösteten die Küchensklaven frisches Lammfleisch. Ein kleines Stück wurde auf eine kleine Goldschale gelegt und dem König an langer Stange feierlich dargereicht. Der König spießte das Fleisch mit einem Knochendolch auf und führte es vorsichtig pustend zum Munde, während Zirukin die Stirnlocke kräuselte.

Am Griff des Knochendolches saßen fünf Türkise – in verschiedener Größe und ausgezackt – die Planeten darstellend. Die Sonne ging auf. Die Rosen dufteten. Die Bienen summten. Und ein Sklave brachte eine Tontafel mit Keilschrift. Es war ein Bericht des Oberfeldherrn Nadinaplu, der in Babylonien die Dörfer in Schrecken setzte und die Umgegend von Babylon ausplünderte. Drei Zentner reines Gold sandte der Oberfeldherr in die Sargonsburg. Der König sagte leise: »Ein größeres Stück Lammfleisch.«

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