| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Liebe – Hennie Rache

L Liebe Roman von Hennie Raché ~ Leipzig ~ G. Müller-Mann’sche Verlagsbuchhandlung [1901] 1. udwig Schmidhammer drehte die Karte, die er in der Hand hielt, hin und her. Es war die Einladung zu einer Abendgesellschaft, welche ihm Hollmanns, bei denen er viel verkehrte, gesandt hatten. Sollte er hingehen oder nicht? Es war eigentlich immer sehr gemütlich bei Hollmanns. Man hatte wenigstens die Garantie, sich nicht zu langweilen, – auch verstand es Frau Hollmann ausgezeichnet, störende und unsympathische Elemente fernzuhalten. Nun, er wollte es sich überlegen. Er legte die Karte beiseite und blieb in Gedanken versunken sitzen. Plötzlich stand er hastig auf, ergriff die Lampe, welche neben ihm auf dem Schreibtisch stand und trat durch die Portiere in das nebenanliegende Zimmer. Einen Augenblick zögerte er noch, dann schritt er auf den grossen Eckspiegel zu, der gross genug war, seine Gestalt vom Kopf bis zu den Füssen wiederzugeben. Ludwig Schmidhammer betrachtete sich prüfend. Seine Figur war tadellos: er war hoch und ebenmässig gewachsen, – Hände und Füsse waren von aristokratischer Feinheit, aber – – Er hatte den Blick von unten heraufgleiten lassen und liess ihn dann auf seinem Gesicht haften. Ja, sein Gesicht! An sich nicht unschön in der Form, wurde es total entstellt durch ein feuerrotes Muttermal, welches es fast ganz bedeckte. Die Augen, die gross, dunkel und leuchtend waren, erhielten dadurch einen eigentümlichen Blick, – die Augenbrauen waren trotz seiner schwarzen Haare rot wie das Mal, und der Mund trat nur wenig hervor, weil das Feuermal fast noch mehr leuchtete, als die roten Lippen. Der erste Eindruck, welchen man von Schmidhammer erhielt, war ein abschreckender – – unvorbereitete Leute hatten ihn das oft genug merken lassen, und er konnte ihnen deswegen nicht einmal zürnen, denn er fühlte ja selber nur zu gut, eine wie unangenehm auffallende Erscheinung er bot. Trat er in ein Restaurant oder in sonst ein öffentliches Lokal, so konnte er sicher sein, dass aller Augen sich auf ihn richteten und ihn neugierig anstarrten. Wie oft schon hatte er Ausrufe des Abscheus anhören müssen, die seinem Gesicht galten, seinem unseligen Gesicht. Hie und da traf ihn auch wohl mal ein mitleidiger Blick von irgend jemand, der vielleicht eine leise Ahnung hatte von den Seelenqualen, die den armen Ausgestossenen oft genug durchwühlen mochten. Mutlos liess Ludwig die Lampe sinken. Nein, er fand nichts, nichts in seinem Antlitz, das auch nur einen Funken Sympathie hätte erwecken können. Er ging an seinen Schreibtisch zurück und setzte sich nieder. Das Gefühl einer unendlichen Verlassenheit überkam ihn und ohne dass er es bemerkte, rollten grosse Thränen über seine Wangen. Es ist so sonderbar, dass sich im Augenblicke eines intensiven Seelenschmerzes manchmal das ganze bisherige Leben konzentriert und an unserem seelischen Auge vorüberzieht. Ludwig sah sich als Kind, als Knabe, – der einzige Sprössling von Eltern, die ihn nicht liebten. Die Mutter, eine schöne, kokette Frau, war entsetzt über den Sohn, den sie geboren hatte, was sie dem Kinde deutlich zeigte, das seine Mutter dafür hasste.


Sein Vater, der wenigstens Mitleid mit dem unglücklichen Knaben hatte, erfüllte jeden seiner Wünsche, – beschäftigte sich aber selbst fast gar nicht mit ihm. Einsam, ganz einsam wuchs der kleine Ludwig auf. In die Schule ging er nicht, denn die Kinder, die ihn zufällig sahen, verspotteten ihn und machten sich über ihn lustig. Das ertrug er nicht, denn sein gerechtes kleines Kinderherz begriff es nicht, wie man ihn wegen seines Gesichtes, das er ja auch, gleich allen andern Dingen, wie seine Gouvernante ihn gelehrt, von Gott hatte, verspotten und schmähen konnte. Und sein Herz lechzte so nach Liebe! Es brach fast vor Sehnsucht, wenn er in seinen Büchern von Kindern las, welche gütige Eltern hatten, die sie liebten und sie lehrten. Ihn liebte niemand. »Er ist von Gott gezeichnet,« sagte die alte Kinderfrau abergläubisch, und wenn sie auch ihre Pflichten gewissenhaft an ihrem Pflegling erfüllte, so brachte sie ihm doch keineswegs Liebe entgegen. Aber sie wurde sehr gut bezahlt, und das bewog sie wahrscheinlich, trotz ihres Abscheus vor dem »Kainszeichen« dem Kleinen wenigstens gute körperliche Pflege angedeihen zu lassen. Die Gouvernanten und später die Hauslehrer bemitleideten den Knaben wohl, aber Liebe – Liebe erfuhr er nicht von ihnen. Alle waren zwar freundlich und höflich mit ihm, – aber Ludwig war ein kluges Kind und wusste wohl, warum, – weil die Leute sehr gut bezahlt wurden. Dadurch aber wurde der erste Keim von Misstrauen in das Herz des Kindes gelegt, – er wurde misstrauisch und scheu gegen jeden, der ihm ein wenig freundlich entgegen kam. Er glaubte nicht mehr an die selbstlose Freundlichkeit. Wie ein Blitz zuckte es plötzlich in Ludwig empor: er hatte noch nie, noch nie in seinem Leben einen Kuss erhalten, einen wirklichen Liebeskuss. Und jetzt war er fünfunddreissig Jahre alt. Seine Mutter hatte ihn nie geküsst und sein Vater noch weniger. Und später – – – Ludwig wühlte die Hände in sein dichtes Haar und stöhnte verzweifelt auf. Er lechzte auch jetzt noch nach Liebe! Er hatte eine glühend sinnliche Natur, die ihm wie ein Fluch des Himmels erschien, denn noch nie war seine Sinnlichkeit wahrhaft befriedigt worden, immer hatte er sich nach dem Genusse traurig und verlassen gefühlt. Alle seine Bekannten hatten doch hie und da ein Mädchen gefunden, mit dem sie ein Liebesverhältnis anknüpften, wenn sie auch beiderseitig wussten, dass diese Liebe nur vorübergehend sei. Aber er – – Mit der brennenden Sehnsucht im Herzen nach einem Geschöpf, das sich ihm einmal, auch nur einmal aus Liebe hingeben würde, suchte er, suchte, und fand nichts … Und seine Begierde nach einer erwiderten Umarmung war so gross. War es nicht ein lächerlicher Gedanke, 35 Jahre alt sein und nicht wissen, wie man aus Liebe küsst? Er war reich, er war unabhängig, – wie gern hätte er alles dahingegeben, für ein wenig Liebe! Aber er hatte die Hoffnung auf Liebe aufgegeben. Als er 15 Jahre jünger war, hatte er mit jugendlichem Idealismus nach historischen und alltäglichen Beispielen gesucht, die seinem Schicksal ähnelten. Und in der That, es gab hässliche und verwachsene Männer, die von schönen Frauen geliebt und angebetet wurden. Freilich fand er trotz eifrigen Suchens kein einziges Beispiel, in dem ein Mann mit einem Feuermal im Gesicht Liebe gefunden hätte. Damals erneute er immer wieder sein Hoffen, besuchte unzählige Gesellschaften, lernte hunderte von jungen Mädchen kennen, aber keine einzige verliebte sich in ihn. Und doch zeichnete er sich durch Geist und Talente aus.

Sein Wissen war hervorragend, weit über das gewöhnliche Mittelmass, – er war ein Meister auf der Violine und konnte, wenn er wollte, ein höchst angenehmer Gesellschafter sein. Das alles wurde anerkannt und geschätzt, aber man liebte ihn nicht dafür. Warum hatte er nur nicht längst seinem traurigen, nutzlosen Dasein ein Ende gemacht? War es die Gewohnheit des Lebens, die ihn mit feinen, aber zähen Fäden kettete? War es eine ganz, ganz heimliche Hoffnung, die sich noch irgendwo tief in einem Winkel seines Herzens verborgen hielt? – – – Er scheute die Antwort. Man hatte ihm nahe gelegt, seinen Reichtum und seine Kräfte, da er ja voraussichtlich doch immer Junggeselle bleiben würde, in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Aber er pfiff auf die Allgemeinheit. Ihm däuchte es tausendmal begehrenswerter und befriedigender, ein einziges Wesen, das er liebte und das ihn liebte, glücklich zu machen, als eine undankbare Menge durch philanthropische Thaten zu beglücken. Was kam dabei für den einzelnen heraus? Nichts! Nein, einer einzigen Person notwendig, unentbehrlich sein, ihr ganzes Glück ausmachen – das war es, was er erträumte und heiss ersehnte … Die dunklen Augen des Sinnenden nahmen einen unendlich träumerischen, weichen Ausdruck an, sein Körper erstarrte unter diesem Traum von Glück und Liebe, und seine Seele schien weit, weit fort. – – – Nebenan schlug es Mitternacht, – Ludwig fuhr empor. Noch halb geistesabwesend strich er sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er die Träume, die immer wieder von ihm Besitz ergriffen, verscheuchen. Müden Schrittes suchte er sein Schlafzimmer auf.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |