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Lebensbilder und Novellen – Ludwig Bowitsch

M Marie. arie war ein hübsches, schlankes, vollbusiges Mädchen von achtzehn Jahren. Ihre Mutter — von einem Vater schweigt die Geschichte — war Inhaberin einer kleinen Arbeitsschule. Marie war in weiblichen Putzarbeiten erfahren und so hatten Mutter und Tochter, in der Epoche, wo wir sie kennen lernen, eben nicht Grund über Noth zu klagen. Der Drechslermeister Horn, ein achtbarer Mann von etlichen 30 Jahren, gab sich alle Mühe, Mariens Herz zu gewinnen. Aber die Huldin war eben so schnippisch als schön, und gab dem redlichen Werber nicht unzweideutig zu verstehen, daß er anderswo sein Glück suchen sollte. Horn that das Aeußerste, was seine Vermögenskräfte zuließen. Er spendete zierliche Schmucksachen. Man sandte sie zurück. Er veranstaltete zum Namensfeste eine rauschende Nachtmusik. Marie ließ sich solches einmal für allemal feierlich verbieten. Hätte Horn nicht innig geliebt, er wäre zornig geworden und im Zorne wäre seine Neigung untergegangen , so aber ward er traurig, sehr traurig. Mariens Herz war jedoch keineswegs ein kaltes. Grün, der Schreiber des Advocaten N —, hatte nach vier Besuchen einen glänzenden Sieg über das schöne Kind davon getragen. Er besaß auch alle Eigenschaften, die einem Manne die Anerkennung unserer jetzigen Damenwelt sichern. Seine Statut war groß, sein Antlitz blaß, sein Bart ansehnlich und schwarz. Er wußte sich (an Kosten Anderer) galant zu kleiden und war — grundliederlich. Nebenbei wiegte er sein Haupt mit arroganter Grazie und erklärte Jeden, der rücksichtlich seiner Geisteshoheit bescheidene Zweifel zu hegen wagte , für einen dummen, elenden Menschen. Die Mutter hielt mit der Gegenpartei. Natürlich erschien Grün der Jungfrau desto liebenswürdiger. Der Mond, der Vater von so vielen zärtlichen Sünden, goß sein wehmüthiges, schwärmerisches Licht über die Gestade der Donau, allwo das liebende Paar wanderte, und von Mahomeds höchstem Himmel träumte. Sommerabend! — Mondschein — und die einsame — einsame Heide! Die Mutter seufzte oft über das Benehmen der Tochter. Das sonst so fröhliche Mädchen senkte das Köpfchen zur Erde und fuhr wie verzückt zusammen, sobald sie den Geliebten vorüberschreiten sah. Die Mutter wurde krank. Die gewöhnlichen Einkünfte reichten nicht hin; jetzt galt es zum Ersparten greifen.


»Morgen, Marie, mußt du dir á conto unsers Sparbüchleins einige Gulden verabfolgen lassen !« Marie wurde todtenbleich. Das Sparkassenbüchlein war verschwunden. Ein Geständniß unter einem Strom von Thränen. Das Büchlein war längst von Grün in klingendes Metall verwandelt worden. »Er hat mich gequält! — Mutter, ich bin strafwürdig, — aber ich hab’s ihm nicht abschlagen können!« Unglückliche Mutter! unglückliches Kind! Marie arbeitete Tag und Nacht, um für die Siechende Arzneien aufbringen zu können. Die Mutter ward schwächer und schwächer. Mariens Wangen verloren der Röthe letzte Spur. — Zuweilen zitterte ihr ganzer Körper. Mit brechender Stimme bekannte sie ihrer Mutter, daß sie Mutter sei. Binnen vier Tagen war die Alte todt. »Mach diese überflüssigen Geräthschaften zu Geld,« sprach Grün, »was soll der Plunder, — wenn ich einen festen Posten inne habe, werd’ ich dich heirathen, aber jetzt brauch’ ich Geld!« Das Leichenbegängniß wurde auf’s Einfachste vollzogen — die Effekten erlebten ihre Veräußerung. Marie ging in den Dienst einer eben nicht rühmlich bekannten Putzmacherin und genas daselbst eines Knabens. Grün ließ sich indeß durch derlei Ereignisse seine Lebenslust nicht verleihen. Er zechte und spielte recht wacker — vermehrte nach Kräften seine Schulden, bis er endlich vom Advocaten, der sich an einem solchen Wandel nicht erbauen konnte, förmlich entlassen wurde. Seine Fassung verließ ihn nicht. — Er begab sich zu Marien, die er seit ihrer Entbindung nicht mehr besucht hatte, und die nun mit ihrem Knäblein ein enges Stäbchen bewohnte, früh und spät über weiblichen Arbeiten sitzend, um ihr und ihres Kindes Leben zu fristen. Alle Leiden waren vergessen, als sie den Geliebten schaute. — Er wußte sich mit einem Wortschwall zu entschuldigen — seine tragische Entlassung mit düstern Farben zu schildern. Sie nahm die goldenen Ohrgehånge aus den Ohren, die sie zur Firmung von einer alten Pathin erhalten, und reichte dieselben — das Letzte, was sie noch an Werth besaß — dem wüsten Gesellen. Aber solches Bagatell reichte für Grün lange nicht aus. Er kam wieder und stürmte um Geld. — Marie tröstete ihn mit dem ausständigen geringen Erlös ihrer Arbeiten. Doch — wenn sie auch darben wollte, das Kind schrie um Nahrung, — der Vollmond sah ins Zimmer trüb und schwermüthig, wie er einst auf die Heide geschaut. Ihre Gedanken rasten wild durcheinander. Mit heißen Thränen benetzte sie den Knaben, küßte ihm die unschuldigen Lippen und starrte durch’s Fenster hinaus auf die Straße.

Gräßlich! — aber um Nahrung wimmert das Kind — nach Geld hört sie im Geist schon den auf den künftigen Tag vertrösteten Geliebten schreien. Sie hüllt ihr Antlitz ins weite graue Tuch und schreitet fort aus dem Zimmer. Am Thore bleibt sie stehen! Ist ihr doch , als schaute sie die Mutter warnend vorüber wallen. Furchtbarer Kampf der Gefühle! Sie verschwand über die Straßenecke. Als der Morgen kam, stillte sie den Hunger des Kleinen und konnte auch den Geliebten bedenken. Den ganzen Tag saß sie fleißig über bestellten Chemisetten, sprach kein Wort und weinte zu Zeiten. Der Ertrag ihrer Hände reichte jedoch nimmermehr hin, den Bedarf für sich und das Kind und die ewig wiederkehrenden Forderungen Grüns zu decken. Noch so manches Mal sah man sie einsam zu Nacht hinwandeln durch bedenkliche Straßen. Ein rasches Leben, ein heißes Gemüth, vernichtete bald die letzte Anmuth Mariens. Im Hause des Grafen O— traf sie mit Horn zusammen. Beim Anblick der früh verwelkten Gestalt wollte ihm das Herz zerspringen. Marie, alles Stolzes bar, machte ihm, gerührt von seiner Theilnahme, ein erschütterndes Geständniß ihrer Sünden. Horn verhieß sie unterstützen zu wollen, — aber nur sollte sie wieder in Ehren wandeln und von Grün sich losreißen. »Das Letzte vermag ich nicht!« rief sie aus in Thränen zerfließend. Fünf Wochen darauf lag die Unglückliche im Sarg. Horn erbarmte sich des Knäbleins und behandelte es als sein eigen Kind. Grüns Existenz ist auf fünf Jahre gesichert. Er ist nämlich wegen Diebstahl verurtheilt.

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