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Komödianten- und Spitzbubengeschichten – Paul Ernst

Als ich Ihnen die folgenden Geschichten in der Handschrift gab, sagten Sie mir: »Diese Sammlung ist wie ein Strauß blühender Rosen, die Sie gepflückt, und nun den Komödianten überreichen. Da wir ja Gott sei Dank auch zu den Komödianten gehören, so sagen wir Ihnen herzlichen Dank.« Es hat wohl kaum jemals eine Verfassung der menschlichen Gesellschaft gegeben, welche den Künstlern so feindselig gestimmt war, wie es die heutige bürgerliche Verfassung ist. Das Bürgertum hat uns viel Leid zugefügt; das schlimmste, das es uns angetan hat, war aber, daß es die Mauern niedergerissen hat, die uns von ihm trennten. Nach der Legende war Homer ein Bettler, ja, er war ein blinder Bettler; denn ein Mann, welcher die ganze Welt im Bild in seinem Innern trug, durfte wohl seine Augen geschlossen halten für die gleichgültige und törichte äußere Welt, die ihn ja nur gestört hätte. Ein Dichter muß ja arm sein, wenn er nicht durch Zufall in Reichtum geboren ist: denn wer immer nur daran denkt, den Menschen zu schenken, der kann freilich nicht bürgerlich für sich selber sorgen, für sein Durchkommen und seine Zukunft. Frühere Zeiten haben diesen Zustand geehrt, indem sie jede Art von Künstlern so leben ließen, wie sie ihrer Natur nach leben müssen: diejenigen, bei denen das Handwerkliche bedeutend ist, wie Maler und Bildhauer, als Handwerker, und diejenigen, bei denen das Handwerkliche weiter zurücktritt, wie die Dichter, Musiker und Schauspieler, als Zigeuner. Jede Künstlerschaft ist mit Leid erkauft, denn das Höchste ist ja wohl nicht umsonst zu haben. Auch das Zigeunerleben ist wahrhaftig nicht leicht; nur starke und heitere Gemüter können es ertragen, nur Menschen, welchen die unbürgerliche Gabe verliehen ist, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Aber das Zigeunerleben ist das einzig mögliche gesellschaftliche Leben für den Künstler: wird es ihm unmöglich gemacht, dann ist er dazu verdammt, Einsiedler zu sein. Die bürgerliche Gesellschaft, im Bewußtsein ihrer Vortrefflichkeit, hat uns alle in ihren Schoß aufgenommen; nur bei einem Stand unter uns ist ihr das noch nicht ganz geglückt: bei den Schauspielern. Zwar löst sie auch ihn heute zusehends auf, und wenn die Bemühungen auf die soziale Hebung des Standes weiter so fortgehen, wie sie angefangen, dann wird es auch bei ihm bald so sein, daß eine junge Dame aus guter Familie nicht deklassiert ist, wenn sie Schauspielerin wird. Aber noch ist unter den Schauspielern die alte Ordnung nicht ganz gestört, noch bilden sie eine geschlossene Gesellschaft, welche den Bürger durch Höflichkeit und Liebenswürdigkeit draußen zu halten versteht. Als ich zum ersten Male unter Schauspieler kam, und aus der Vereinsamung des Dichters in der bürgerlichen Gesellschaft in die Wärme, welche nur durch die Gesellschaft Gleichgestimmter möglich ist; die Heiterkeit, die Härte gegen uns selber, die Leichtigkeit im Nehmen des Äußerlichen, die Lügenlosigkeit, die Ironie, die Nüchternheit – Hölderlin nennt sie heilig – das Spiel, und die ganze Geistesverfassung, welche ich bis dahin nur am einzelnen Künstler kannte, nun als gesellschaftlichen Geist vorfand; da war mir, wie einem Kind, das immer in der Fremde gelebt hat, das sah, wie andere Kinder Eltern, Verwandte, Freunde, Volksgenossen hatten, und das für sich immer allein war, von allen nur verwundert, oft bedauernd, oft freundlich, aber doch immer fremd angesehen wurde; und das nun plötzlich sich in seinem Heimatslande sieht. Ihnen, liebe Freunde, danke ich viel von diesem Heimatsgefühl: deshalb möchte ich diesen Strauß, den ich in Dankbarkeit meinen theatralischen Freunden gepflückt habe, Ihnen widmen. Ich habe die Novellen in einer Zeit spielen lassen, wo der Schauspieler noch ganz Schauspieler war, wo er also noch nicht den Unterschied zwischen Bühne und Leben zu machen brauchte. Die Figuren waren typisch und kamen in jedem Drama wieder vor; der Schauspieler spielte also sein ganzes Leben lang nur eine Rolle, und so konnte es dahinkommen, daß er bald sich selber spielte und seine Rolle lebte. Man kann sich vorstellen, daß es damals noch keinen »denkenden Schauspieler« gab. Es herrschte damals noch Stilgefühl, das heißt, man wußte, daß Kunst nichts mit den Bewertungen der Wirklichkeit zu tun hat. Zwei Möglichkeiten gibt es für das Drama. Die eine ist die Idealität des Seelendramas, bei welchem die Wirklichkeit nur die Symbole für die Bewegungen der Seele hergibt; die antike Tragödie mit ihrem komischen Gegenstück, der aristophanischen Komödie ist die Form dieses Seelendramas; es lebt nur immer sehr kurze Zeit, wenn in den Seelen der Menschen große religiöse Bewegungen geschehen. Die andere dieser Möglichkeiten ist das, was die mittlere und neuere Komödie und der Mimus wollten: die Wirklichkeit unter die Herrschaft des Geistes bringen, indem man die Leidenschaften komisch nimmt, denn die Leidenschaften sind ja die heftigsten Bejaherinnen der Wirklichkeit. Schon im griechischen Lustspiel wurden die großen Charaktertypen geschaffen, welche bis zum Ende des eigentlichen Theaters lebendig gewesen sind. Lelio ist der Liebhaber; er heißt auch Flavio oder Oratio, Cinthio, Ottavio oder Leander. Isabelle ist die Liebhaberin; sie kann auch Fiorinette, Aurelie, Flammte, Silvie oder Camille heißen.


Die beiden lieben sich heiß; aber nie gibt es zwischen ihnen die Tragödie von Romeo und Julia. Das ist unmöglich, denn nicht nur ihr eigener Charakter schließt das aus, auch die Väter und Oheime, die Pantalons, Dottores, Cassander, Tartaglia, Notare, Apotheker haben nicht die Gemütsart der Montechi und Capuletti, und die Helden sind der Kapitän Spavento oder Spezzafer, welche desgleichen das Blutvergießen nicht lieben. Aber treue Diener und Dienerinnen stehen den Herrschaften zur Seite und übertreffen sie an Geist: Arlechino, Pulcinella, Mezzetin, Colombine, Betta, Coraline und Violette. Dieses Personal gibt die Helden zu den nachfolgenden Novellen; es kommen nur noch der Direktor hinzu und der Dichter, und außerhalb des Theaters der Mäzen Samuel und die mehr oder weniger platonischen Liebhaber, wie der Schornsteinfeger. – Diese Einleitung wurde vor dem Krieg geschrieben. Manche Leute glauben, daß seitdem eine Revolution gekommen ist. Aber ich glaube das nicht, Sie, meine Freunde, wohl auch nicht. Bloß die Zahl der Beamten hat sich vermehrt, sie stieg von sieben vom Hundert der Bevölkerung auf fünfzehn und wird auf zwanzig steigen, wenn erst die neuen Steuern in Kraft sind. Nein, die bürgerliche Gesellschaft ist lebendiger als je, sie findet in der deutschen Republik ihren schönsten Ausdruck. Paul Ernst

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