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Kalendergeschichten – Johann Peter Hebel-3

E Ein Wort gibt das andere in reicher Herr im Schwabenland ſchickte ſeinen Sohn nach Paris, dass er ſollte Französisch lernen und ein wenig gute Sitten. Nach einem Jahr oder drüber kommt der Knecht aus des Vaters Haus auch nach Paris. Als der junge Herr den Knecht erblickte, rief er voll Staunen und Freude aus: »Ei, Hans, wo führt dich der Himmel her? Wie ſteht es zu Hause, und was gibt’s Neues?« – »Nicht viel Neues, Herr Wilhelm, als dass vor zehn Tagen Euer ſchöner Rabe krepiert ist, den Euch vor einem Jahr der Weidgesell geschenkt hat.« »O das arme Tier«, erwiderte der Herr Wilhelm. »Was hat ihm denn gefehlt?« »Drum hat er zu viel Luder gefreſſen, als unsere ſchönen Pferde verreckten, eins nach dem andern. Ich hab’s gleich geſagt.« »Wie! Meines Vaters vier ſchöne Mohrenschimmel ſind gefallen?«, fragte der Herr Wilhelm. »Wie ging das zu?« »Drum ſind ſie zu ſehr angestrengt worden mit Waſſerführen, als uns Haus und Hof verbrannte, und hat doch nichts geholfen.« »Um Gottes willen!« rief der Herr Wilhelm voll Schrecken aus. »Ist unser ſchönes Haus verbrannt? Wann das?« »Drum hat man nicht aufs Feuer achtgegeben an Ihres Herrn Vaters ſeliger Leiche, und ist bei Nacht begraben worden mit Fackeln. So ein Fünklein ist bald verzettelt!« »Unglückliche Botschaft!«, rief voll Schmerz der Herr Wilhelm aus. »Mein Vater tot? Und wie geht’s meiner Schwester?« »Drum eben hat ſich Ihr Herr Vater ſeliger zu Tod gegrämt, als Ihre Jungfer Schwester ein Kindlein gebar und hatte keinen Vater dazu. Es ist ein Büblein. Sonst gibt’s just nicht viel Neues«, ſetzte er hinzu. E Zwei Gehilfen des Hausfreunds s wird in Zukunft bisweilen von einem Adjunkt die Rede ſein, was der geneigte Leser nicht verstehen könnte, wenn es ihm nicht erklärt würde. Als nämlich der Hausfreund den Rheinländischen Kalender noch ſchrieb, er ſchreibt ihn noch, hat er den Bezirk ſeiner Hausfreundschaft dieſſeits Rheins, wie die Franzosen das Land jenseits Rheins, in zwei Provinzen geteilt, in die untere und in die obere, und hat in die untere einen Statthalter gesetzt, einen Präfekt, der aber nicht will genannt ſein, denn er ist kein Landskind. Auch nennt ihn der Hausfreund ſelber nicht leicht Statthalter, und niemand, ſondern Adjunkt, denn ſelten ist jeder auf ſeinem Posten, ſondern ſitzen beieinander un ſchreiben miteinander neue, hochdeutsche Reimen oder ſinnreiche Rätsel. »Zum Exempel, Adjunkt«, ſagt der Hausfreund: »Ratet hin, ratet her, was ist das?« Der arme Tropf Hat keinen Kopf; Das arme Weib Hat keinen Leib; Die arme Kleine Hat keine Beine. Sie ist ein langer Darm, Doch ſchlingt ſie einen Arm Bedächtig in den andern ein. Was mag das für ein Weiblein ſein? »Hausfreund«, ſagt der Adjunkt, »wenn Ihr mir einen Groschen leiht, ſo will ich Euch für dieses Rätsel ein paar Bretzeln kaufen. Den Wein, den wir dazu trinken, bezahlt Ihr. Ratet hin, ratet her, was ist aber das? Holde, die ich meine. Niedliche und Kleine, Ich liebe dich, und ohne dich Wird mir der Abend weinerlich. Auch gönnst du mir, Nachrühm‘ ich’s dir, Wohl manchen lieblichen Genuſſ; Doch bald bekommst du’s Überdruſſ Und laufst zu meiner tiefen Schmach Ein feiles Mensch den Juden nach. Und dennoch, Falsche aus und ein, Hörst du nicht auf, mir lieb zu ſein.


Ihr erratet’s nicht«, ſagt der Statthalter, »wenn ich’s Euch nicht expliziere. Es ist eine Adjunktsbesoldung, zum Exempel meine eigene, die ich von Euch bekomme.« Allein der Adjunkt hat ſelber wieder eine Adjunktin, nämlich ſeine Schwiegermutter, die Tochter hat er noch nicht, bekommt ſie auch nicht; und der Hausfreund hat an ihm einen ganz andern Glückszug getan, als ſein guter Freund, der Doktor, auf ſeiner Heimreise aus Spanien an der Madrider Barbiergilde. Denn als er aus der groſſen Stadt Madrid heraustritt, ſeinem Tierlein wuchsen in dem warmen Land und bei der üppigen Nahrung die Haare ſo kräftig, dass er nach Landesart zwei Barbiere mitnehmen muſſte, die auch ritten, und wenn ſie abends in die Herberge kamen, ſo rasierten ſie ſein Tierlein. Weil ſie aber ſelber keine gemeine Leute waren und die ganze Nacht Arbeit genug hatten, bis das Tierlein eingeseift und rasiert und wieder mit Lavendelöl eingerieben war, ſo nahm jeder wieder für ſein eigenes Tierlein zwei Barbiere mit, die ebenfalls ritten, und diese wieder. Als nun der Doktor oben auf dem pyrenäischen Berg zum ersten Mal umschaute und mit dem Perspektiv ſehen wollte, wo er hergekommen war, als er mit Verwunderung und Schrecken den langen Zug ſeiner Begleiter gewahr wurde, und wie noch immer neue Barbiere zum Stadttor von Madrid herausritten und inwendig wieder aufsaſſen, ſagte er bei ſich ſelbst: Was hab‘ ich denn nötig, länger zu reiten; es geht nun jetzt bergunter, – und ging früh am Tag in aller Stille zu Fuſſ nach Montlouis. Also hat der Hausfreund mit ſeinem Adjunkte auch die Adjunktin des Adjunkten gewonnen, ist aber nicht erschrocken und davon gelaufen. Wer’s noch nie erlebt hat, wie ſie allen Leuten Red‘ und Antwort gab und ſchöne Schweizerlieder vom Rigiberg ſingen und wie ſie ſich verstellen kann, bald meint man, man ſehe eine Heilige mitten aus dem gelobten Land heraus, bald die heidnische Zauberin Medea, und noch viel, wer’s nicht gesehen hat, ſtellt ſich’s nicht vor. Der freundlichen Schwiegermutter des Adjunkts ſoll dieses Büchlein zum Dank und zur Freundschaft gewidmet ſein. Z Zwei honette Kaufleute wei Besenbinder hatten nebeneinander feil in Hamburg. Als der eine ſchon fast alles verkauft hatte, der andere noch nichts, ſagte der andere zu dem einen: »Ich begreife nicht, Kamerad, wie du deine Besen ſo wohlfeil geben kannst. Ich ſtehle doch das Reis zu den meinigen auch und verdiene gleichwohl den Taglohn kaum mit dem Binden.« »Das will ich dir wohl glauben, Kamerad«, ſagte der erste; »ich ſtehle die meinigen, wenn ſie ſchon gebunden ſind.« W Zwei Kriegsgefangene in Bobruisk er viel merkwürdige Begebenheiten aus dem ruſſischen Feldzug wiſſen will, der muſſ ihn entweder ſelbst mitgemacht haben oder aber, er muſſ mit vornehmen Kriegshauptleuten bekannt ſein, die dabei waren. Der Kalendermann rühmt ſich deſſen, und wenn er mittags über den Paradeplatz geht zum Hofapotheker, grüſſen ſie ihn. Mitgemacht den Feldzug hat er nicht. Folgendes ist ein ſeltener Beweis von Edelmut und Leichtsinn und noch einmal von Edelmut. Zwei polnische Offiziere wurden als Kriegsgefangene in einem ruſſischen Dorf bis den andern Morgen einquartiert. Sonst ſollen die Polen und die Ruſſen auf den bloſſen Namen hin nicht immer die besten Freunde ſein. Allein der ruſſische Edelmann, der in demselben Dorf wohnt, dachte daran in ſeinem ſchönen Schloſſ und in ſeiner warmen Stube, wie er auch einmal in ſeiner Jugend Kriegsgefangener gewesen war in fremdem Lande ohne Geld, ohne Freund, ohne Trost, und wie er in dem Hause eines edlen Menschen eine freundliche Aufnahme gefunden hatte, und wie ſolches dem Herzen wohltut. Also ſuchte er ſogleich die Gefangenen auf, nahm ſie in ſein Schloſſ, bewirtete ſie wie Brüder oder Freunde und ſuchte ſie durch Trost und teilnehmende Reden zu erheitern. Denn das ist ein ſchönes und heiliges Schuld- und Wechselrecht, das in dem Herzen aller gutgearteten Menschen aufgerichtet ist, dass, wer einmal unter fremden Leuten in der Not und Betrübnis eine Liebe oder Wohltat erfahren hat, ſieht ſie als ein empfangenes Darlehen an und zahlt ſie, wenn er daheim ist, wieder an einen andern Fremdling heim, der in gleicher Not und Betrübnis zu ihm kommt, als eine Schuldigkeit, ob er gleich keine Handschrift darüber ausgestellt hat, und das nicht einmal, ſondern zehnmal, wenn er kann, wie ein ausgestreutes Saatkorn nicht allein, ſondern ſelbzehnt oder fünfzehnt aus der Erde zurückkehrt. »Wiſſt ihr ſchon«, fragte die Gefangenen der Edelmann, »wo der Ort eures Aufenthaltes ſein wird?« Die Gefangenen ſagten, »in den kaukasischen Gebirgen.« – »Seid ihr denn auch mit etwas Reisegeld versehen auf einen ſo langen Weg?« Die Gefangenen zuckten die Achseln. Hierauf ſprach der Edelmann ihnen mit heiterer Miene zu, zu eſſen und zu trinken und wohl bei ihm zu ſchlafen, und des andern Morgens, als der Transport weiterging und ſie nun von ihrem Wohltäter Abschied nahmen, ſchenkte er ihnen fünfhundert Rubel ruſſischen Geldes auf die Reise.

Nein, er wollte nicht einmal den Namen haben, dass er es ihnen ſchenkte. »Ich will es euch leihen«, ſagte er; »wenn euch einst Gott in euere Heimat und zu den Eurigen zurückführt, ſo könnt ihr mir’s wieder ſchicken.« Die Geschichte könnte hier aus ſein. Sie wäre ſchon des Erzählens wert gewesen. Allein ſie fängt jetzt erst recht an. Der nächste Tagmarsch der Kriegsgefangenen ging nach einer altruſſischen Grenzfestung namens Bobruisk. Man muſſ ſchon ein fertiges Mundwerk haben, wenn man ſo einen ruſſischen Namen mit Leichtigkeit will auſſprechen können. Der Hausfreund kann’s. In Bobruisk aber, wo die Gefangenen bei guter Tagszeit anlangten, gingen die zwei Polen noch ein wenig herum, die Stadt zu besehen, und als ſie an ein ſchönes, groſſes Wirtshaus kamen, dachten ſie, »wollen wir nicht ein wenig hineingehen und unserm Wohltäter ſeine Gesundheit trinken?« In dem Wirtshaus aber ſaſſen viele ruſſische Herrn und Edelleute, die redeten oder tranken miteinander oder ſpielten Pharao. Pharao aber ist ein ſehr gefährliches Spiel, in welchem man viel Geld verspielen kann, also, dass man es nicht Pharao nennen ſollte, ſondern das Rote Meer, weil viele, die hineingehen, drin ertrinken, ausgenommen die Kinder Israel.

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