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Kalendergeschichten – Johann Peter Hebel-2

E Ein Wort gibt das andere in reicher Herr im Schwabenland schickte seinen Sohn nach Paris, dass er sollte Französisch lernen und ein wenig gute Sitten. Nach einem Jahr oder drüber kommt der Knecht aus des Vaters Haus auch nach Paris. Als der junge Herr den Knecht erblickte, rief er voll Staunen und Freude aus: »Ei, Hans, wo führt dich der Himmel her? Wie steht es zu Hause, und was gibt’s Neues?« – »Nicht viel Neues, Herr Wilhelm, als dass vor zehn Tagen Euer schöner Rabe krepiert ist, den Euch vor einem Jahr der Weidgesell geschenkt hat.« »O das arme Tier«, erwiderte der Herr Wilhelm. »Was hat ihm denn gefehlt?« »Drum hat er zu viel Luder gefressen, als unsere schönen Pferde verreckten, eins nach dem andern. Ich hab’s gleich gesagt.« »Wie! Meines Vaters vier schöne Mohrenschimmel sind gefallen?«, fragte der Herr Wilhelm. »Wie ging das zu?« »Drum sind sie zu sehr angestrengt worden mit Wasserführen, als uns Haus und Hof verbrannte, und hat doch nichts geholfen.« »Um Gottes willen!« rief der Herr Wilhelm voll Schrecken aus. »Ist unser schönes Haus verbrannt? Wann das?« »Drum hat man nicht aufs Feuer achtgegeben an Ihres Herrn Vaters seliger Leiche, und ist bei Nacht begraben worden mit Fackeln. So ein Fünklein ist bald verzettelt!« »Unglückliche Botschaft!«, rief voll Schmerz der Herr Wilhelm aus. »Mein Vater tot? Und wie geht’s meiner Schwester?« »Drum eben hat sich Ihr Herr Vater seliger zu Tod gegrämt, als Ihre Jungfer Schwester ein Kindlein gebar und hatte keinen Vater dazu. Es ist ein Büblein. Sonst gibt’s just nicht viel Neues«, setzte er hinzu. E Zwei Gehilfen des Hausfreunds s wird in Zukunft bisweilen von einem Adjunkt die Rede sein, was der geneigte Leser nicht verstehen könnte, wenn es ihm nicht erklärt würde. Als nämlich der Hausfreund den Rheinländischen Kalender noch schrieb, er schreibt ihn noch, hat er den Bezirk seiner Hausfreundschaft diesseits Rheins, wie die Franzosen das Land jenseits Rheins, in zwei Provinzen geteilt, in die untere und in die obere, und hat in die untere einen Statthalter gesetzt, einen Präfekt, der aber nicht will genannt sein, denn er ist kein Landskind. Auch nennt ihn der Hausfreund selber nicht leicht Statthalter, und niemand, sondern Adjunkt, denn selten ist jeder auf seinem Posten, sondern sitzen beieinander un schreiben miteinander neue, hochdeutsche Reimen oder sinnreiche Rätsel. »Zum Exempel, Adjunkt«, sagt der Hausfreund: »Ratet hin, ratet her, was ist das?« Der arme Tropf Hat keinen Kopf; Das arme Weib Hat keinen Leib; Die arme Kleine Hat keine Beine. Sie ist ein langer Darm, Doch schlingt sie einen Arm Bedächtig in den andern ein. Was mag das für ein Weiblein sein? »Hausfreund«, sagt der Adjunkt, »wenn Ihr mir einen Groschen leiht, so will ich Euch für dieses Rätsel ein paar Bretzeln kaufen. Den Wein, den wir dazu trinken, bezahlt Ihr. Ratet hin, ratet her, was ist aber das? Holde, die ich meine. Niedliche und Kleine, Ich liebe dich, und ohne dich Wird mir der Abend weinerlich. Auch gönnst du mir, Nachrühm‘ ich’s dir, Wohl manchen lieblichen Genuss; Doch bald bekommst du’s Überdruss Und laufst zu meiner tiefen Schmach Ein feiles Mensch den Juden nach. Und dennoch, Falsche aus und ein, Hörst du nicht auf, mir lieb zu sein.


Ihr erratet’s nicht«, sagt der Statthalter, »wenn ich’s Euch nicht expliziere. Es ist eine Adjunktsbesoldung, zum Exempel meine eigene, die ich von Euch bekomme.« Allein der Adjunkt hat selber wieder eine Adjunktin, nämlich seine Schwiegermutter, die Tochter hat er noch nicht, bekommt sie auch nicht; und der Hausfreund hat an ihm einen ganz andern Glückszug getan, als sein guter Freund, der Doktor, auf seiner Heimreise aus Spanien an der Madrider Barbiergilde. Denn als er aus der grossen Stadt Madrid heraustritt, seinem Tierlein wuchsen in dem warmen Land und bei der üppigen Nahrung die Haare so kräftig, dass er nach Landesart zwei Barbiere mitnehmen musste, die auch ritten, und wenn sie abends in die Herberge kamen, so rasierten sie sein Tierlein. Weil sie aber selber keine gemeine Leute waren und die ganze Nacht Arbeit genug hatten, bis das Tierlein eingeseift und rasiert und wieder mit Lavendelöl eingerieben war, so nahm jeder wieder für sein eigenes Tierlein zwei Barbiere mit, die ebenfalls ritten, und diese wieder. Als nun der Doktor oben auf dem pyrenäischen Berg zum ersten Mal umschaute und mit dem Perspektiv sehen wollte, wo er hergekommen war, als er mit Verwunderung und Schrecken den langen Zug seiner Begleiter gewahr wurde, und wie noch immer neue Barbiere zum Stadttor von Madrid herausritten und inwendig wieder aufsassen, sagte er bei sich selbst: Was hab‘ ich denn nötig, länger zu reiten; es geht nun jetzt bergunter, – und ging früh am Tag in aller Stille zu Fuss nach Montlouis. Also hat der Hausfreund mit seinem Adjunkte auch die Adjunktin des Adjunkten gewonnen, ist aber nicht erschrocken und davon gelaufen. Wer’s noch nie erlebt hat, wie sie allen Leuten Red‘ und Antwort gab und schöne Schweizerlieder vom Rigiberg singen und wie sie sich verstellen kann, bald meint man, man sehe eine Heilige mitten aus dem gelobten Land heraus, bald die heidnische Zauberin Medea, und noch viel, wer’s nicht gesehen hat, stellt sich’s nicht vor. Der freundlichen Schwiegermutter des Adjunkts soll dieses Büchlein zum Dank und zur Freundschaft gewidmet sein. Z Zwei honette Kaufleute wei Besenbinder hatten nebeneinander feil in Hamburg. Als der eine schon fast alles verkauft hatte, der andere noch nichts, sagte der andere zu dem einen: »Ich begreife nicht, Kamerad, wie du deine Besen so wohlfeil geben kannst. Ich stehle doch das Reis zu den meinigen auch und verdiene gleichwohl den Taglohn kaum mit dem Binden.« »Das will ich dir wohl glauben, Kamerad«, sagte der erste; »ich stehle die meinigen, wenn sie schon gebunden sind.« W Zwei Kriegsgefangene in Bobruisk er viel merkwürdige Begebenheiten aus dem russischen Feldzug wissen will, der muss ihn entweder selbst mitgemacht haben oder aber, er muss mit vornehmen Kriegshauptleuten bekannt sein, die dabei waren. Der Kalendermann rühmt sich dessen, und wenn er mittags über den Paradeplatz geht zum Hofapotheker, grüssen sie ihn. Mitgemacht den Feldzug hat er nicht. Folgendes ist ein seltener Beweis von Edelmut und Leichtsinn und noch einmal von Edelmut. Zwei polnische Offiziere wurden als Kriegsgefangene in einem russischen Dorf bis den andern Morgen einquartiert. Sonst sollen die Polen und die Russen auf den blossen Namen hin nicht immer die besten Freunde sein. Allein der russische Edelmann, der in demselben Dorf wohnt, dachte daran in seinem schönen Schloss und in seiner warmen Stube, wie er auch einmal in seiner Jugend Kriegsgefangener gewesen war in fremdem Lande ohne Geld, ohne Freund, ohne Trost, und wie er in dem Hause eines edlen Menschen eine freundliche Aufnahme gefunden hatte, und wie solches dem Herzen wohltut. Also suchte er sogleich die Gefangenen auf, nahm sie in sein Schloss, bewirtete sie wie Brüder oder Freunde und suchte sie durch Trost und teilnehmende Reden zu erheitern. Denn das ist ein schönes und heiliges Schuld- und Wechselrecht, das in dem Herzen aller gutgearteten Menschen aufgerichtet ist, dass, wer einmal unter fremden Leuten in der Not und Betrübnis eine Liebe oder Wohltat erfahren hat, sieht sie als ein empfangenes Darlehen an und zahlt sie, wenn er daheim ist, wieder an einen andern Fremdling heim, der in gleicher Not und Betrübnis zu ihm kommt, als eine Schuldigkeit, ob er gleich keine Handschrift darüber ausgestellt hat, und das nicht einmal, sondern zehnmal, wenn er kann, wie ein ausgestreutes Saatkorn nicht allein, sondern selbzehnt oder fünfzehnt aus der Erde zurückkehrt. »Wisst ihr schon«, fragte die Gefangenen der Edelmann, »wo der Ort eures Aufenthaltes sein wird?« Die Gefangenen sagten, »in den kaukasischen Gebirgen.« – »Seid ihr denn auch mit etwas Reisegeld versehen auf einen so langen Weg?« Die Gefangenen zuckten die Achseln. Hierauf sprach der Edelmann ihnen mit heiterer Miene zu, zu essen und zu trinken und wohl bei ihm zu schlafen, und des andern Morgens, als der Transport weiterging und sie nun von ihrem Wohltäter Abschied nahmen, schenkte er ihnen fünfhundert Rubel russischen Geldes auf die Reise.

Nein, er wollte nicht einmal den Namen haben, dass er es ihnen schenkte. »Ich will es euch leihen«, sagte er; »wenn euch einst Gott in euere Heimat und zu den Eurigen zurückführt, so könnt ihr mir’s wieder schicken.«

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