| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Jewgraf – unbekannt

Der jetzt regierende Kaiser von Rußland, Alexander II., hat sich bekanntlich die eben so schwierige als wichtige Aufgabe gestellt, in seinem großen Reiche die Emanzipation der Leibeigenen ins Leben zu führen oder, um andern Werten, Millionen von Sclaven in freie Menschen zu verwandeln. Ein Jeder, dem das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, kann diesem großen Unternehmen nur den besten Erfolg wünschen, da ja damit Uebelständen abgeholfen werden soll, unter denen Millionen unserer Mitmenschen seufzen. Um unsern Lesern eine deutliche Verstellung von dem Loose eines Leibeigenen zu verschaffen, theilen wir ihnen die folgende in dem Nord, also einem Organ der Tagespresse, das vorzugsweise für Rußland bestimmt ist, erzählte Geschichte eines Leibeigenen mit, die sicher auf Wahrheit beruht. Nach einer kurzen Einleitung sagt der Verfasser: Die Emanzipation der Leibeigenen in Rußland wird vielleicht das größte Ereigniß unseres Jarhunderts sein, und daher ist es von Wichtigkeit, daß Jedermann in den Brand gesetzt werde, die Tragweite desselben richtig zu würdigen. Zu diesem Zweck erlauben Sie mir, dadurch dazu beizutragen, daß ich Ihnen hier Jewgraf Mikhaelowitsch Kassarow vorstelle. Eine breite, offene Stirn; herabwallende Haare; aufgestutzter Knebelbart; schwarze, lebhafte Augen; die Haltung einer Pappel; ein stürmischer Schritt; sechs Fuß hoch und siebenundzwanzig Jahre alt. Eines Abend, als ich den Kometen betrachtetet, die Augen gen Himmel, dass Kinn nach dem Horizont gerichtet hatte, stellte sich plötzlich eine runde, behaarte Kugel zwischen mich und das Meteor; Anfangs glaubte ich an eine Verfinsterung, doch bald erkannte ich den Leib eines sehr großen Herrn, der sofort meine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag nahm. Ich betrachtete ihn vom Scheitel bis zur Sohle; er trug eine weiße Cravatte, eine weiße Weste, einen schwarzen Anzug, weiße Handschuhe und glanzlederne Stiefel. »Gehe fort von hier,« sagte ich zu ihm, »Du stehst mir im Wege.« Und der Riese, der mich mit einem Nasenstüber hätte in eine Lage versetzen können, um den Kometen mehr in der Nähe zu betrachten, trat, ohne ein Wort zu sagen, auf die Seite und überließ mir den Platz. So machte ich die Bekanntschaft mit Jewgraf Mikhaelowitsch Kassarow. Er ist jetzt mein Kammerdiener; ich habe ihn in meinen Dienst genommen, um aus ihm einen Menschen zu machen. Ich will ihn überreden, daß er eben so wie Sie und ich seinen Platz in der Sonne und vor dem Kometen hat; ich will ihn und Andre, wenn ich es vermag, davon überzeugen, daß der Stock, die Knute und das Joch als Attribute der Regierung verschwunden sind, mit einem Worte, daß der Czar über Menschen herrschen will. Jewgraf steht vor Ihnen mein Herr, ich überlasse ihm das Wort, wenn Sie Ihre Zustimmung dazu geben. — »Ich bin im Dorfe K . , im Gouvernement Nischni-Nowgorod, bei dem Pomeschtschik Moginski geboren. Mein Vater war damals ein Zimmermann, meine Mutter eine Wäscherin. Als ich neun Jahre alt war, nahm mich der Gutsherr, dem mein hübsches Gesicht nicht mißfiel, in sein Haus. Die Dienstboten bürdeten mir, unter dem Vorwand mich zum Dienst abzurichten, ihre schwersten Arbeiten auf. Vier Jahre lang richteten sie mich ab, die Stiefel zu wichsen, den Fußboden zu scheuern, besonders die Ermüdung und den Schlaf zu überwinden, meine Thränen zu verschlucken und Schläge zu empfangen, ohne zu stolpern. Mein Herr schonte mich eben so wenig, als seine Dienstboten es thaten. Ich bedaure sehr, Ihnen nicht das Porträt von Liow Alexeitsch Moginsky geben zu können.


Stellen Sie sich ein großes Faß vor, das solid aus zwei dicken, kurzen Pfosten ruht und über das sich eine Kalbslunge erhebt. Die Pomeschtschiks der umliegenden Dörfer versammelten sich oft bei Liow Alexeitsch: ich fand ihn stets häßlicher als alle Uebrigen, und obgleich ich in Rußland viel gereist bin, so habe ich nirgends einen Menschen gefunden, der ihm ähnlich gewesen ist. Er war, wie Sie sich leicht denken können, unverheirathet; da aber seine Autorität noch viel größer war als« seine Herrlichkeit, so gab es bei uns nicht leicht ein Mädchen oder eine Frau, die sich nicht gezwungen gesehen hätte, sich seine Liebkosungen gefallen zu lassen. Ich habe ihn nie anders gescheit als schlafend, trinkend, Karten spielend oder seine Leute prügelnd. Ein alter Kalender bildete seine ganze Bibliothek. Er hielt den Dampf fortwährend für eine Fabel und er wurde vor Zorn ganz roth und glaubte, man wolle sich über ihn lustig machen, wenn man mit ihm von Eisenbahnen und elektrischen Telegraphen sprach. Jedes Jahr machte er eine Reise nach Nischni-Nowgorod; das war für ihn die Hauptstadt der Welt, er wars nie weiter gekommen. Als ich elf Jahre alt war, bat sich eines Tages mein Vater Gehör bei ihm aus. Nachdem er vor ihm niedergekniet war, den Fußboden mit seiner Stirn berührt und ihm die Hände geküßt hatte, sagte er zu ihm: »Gnädiger Herr, mein Sohn ist groß, klug und einsichtsvoll. Gott sei dafür gedankt! Ich bitte Sie, lassen Sie ihn lesen und schreiben lehren.« »Welchen Sohn?« »Nun, meinen Sohn, der so glücklich gewesen ist, in Ihrem Hause in Dienst zu treten.« »Wer denn? Jewgraf? Du bist ein Narr und der Junge taugt zu gar nichts, er ist einfältig. Kannst Du denn lesen? Befindest Du Dich deshalb weniger wohl? Bist Du als Zimmermann weniger geschickt? Wozu nützt das Lesen und Schreiben? Lese ich? Geh‘ fort, alter Dummkopf.« Mein guter, alter Vater würde sehr verlegen gewesen sein, wenn er aus die Frage: Wozu nützt das Lesen und Schreibens hätte antworten sollen. Er zog sich ganz beschämt über den von ihm gethanen Schritt und mit der Ueberzeugung zurück, daß er ein alter Dummkopf sei. Kurze Zeit nachher machte Aphanasitsch, ein Pomeschtschik aus der Nachbarschaft, meinem Herrn einen Besuch. »Liow Alexeitsch,« sagte er nach dem Abendessen zu ihm, »dieser Junge gefällt mir sehr; Sie müssen ihn mir überlassen! ich gebe Ihnen zum Tausche dafür ein zehnjähriges Mädchen, welche die Heerden ganz ausgezeichnet hütet, die Kühe zu melken und die Schafe zu scheeren versteht.« »Gott Lob und Dank! ich habe, was ich in der Art bedarf, Simson Aphanasitsch,« antwortete mein Herr. »Uberdies werde ich nie einen Mann gegen eine Frau vertauschen.« »Wollen Sie Geld, Liow Alexeitsch?« »Gott bewahre! Ich betrachte meine Bauern als Menschen und verkaufe sie nicht.« »Dann wollen wir nicht weiter davon sprechen, Liow Alexeitsch; ich hätte indessen gewünscht, daß der Junge mir gehörte.« »Ich schlage ihn Ihnen nicht ab, Simeon Aphanasitsch; wissen Sie was, schicken Sie mir morgen zwei Paar junge an zwei mit Heu beladene Wagen gespannte Ochsen, und ich will Ihnen dafür Jewgraf senden.« Der lange Zeit verhandelte Kauf wurde angenommen, schriftlich aufgesetzt und unterzeichnet. Ich lief zu meinen Eltern. Wir weinten die ganze Nacht. Am folgenden Tage verließ ich sie um sie nie wieder zu sehen. Unterwegs begegneten mir die zwei Paar jungen Ochsen mit den beiden Fuder Heu, und ich fühlte mich ganz stolz, ganz allein so viel werth zu sein.

»Mein neuer Herr, der viel verständiger aussah als Liow Alexeitsch, obgleich er sehr lang, sehr dürr und ganz gelb war, war ein thätiger, unermüdlicher Mann, der seinen Bauern immer auf den Felsen faß, er vertheilte die Arbeit, die Nahrungsmittel, die Ruhe und die Strafen selbst. Er besaß nur 175 Seelen, wußte aber aus denselben so viel Nutzen zu ziehen, daß seine Einkünfte sehr bedeutend waren. Er rauchte Cigarren, trank französische Weine und empfing Journale. Ich hatte bei diesem Tausche gewonnen. Gleich nach seiner Ankunft schickte Simeon Aphanasitsch mich, ohne Zeit zu verlieren, fünfzig Werste weit von seinem Landgute zu einem Diakonus, den er dafür bezahlte, daß er mich lesen und schreiben lehrte. Mit dem bewährten Auge eines Taxators hatte er auf mich versprechende Hoffnungen gesetzt. Dieser Diakonus erinnerte mich an meinen ersten Herrn, denn eben so wie dieser liebte er es, zu trinken, Karte zu spielen, seine Leute, seine eigene Frau einbegriffen, zu prügeln u.s.w. Meine Fortschritte waren nicht rasch; nach Verlauf eines Jahres las ich ein wenig, schrieb aber noch nicht; dagegen konnte ich Branntwein trinken, Karten halten und eine Pfeife rauchen. Von meinen guten Anlagen ergriffen, versicherte der Diakonus meinem Herrn, er habe in mir eine ganz besondere Anlage für die Kirche entdeckt und entwickelt. Simeon Aphanasitsch rief mich sogleich zurück und befahl mir, als Chorknabe in der kleinen Kapelle, die zu seinem Landgute gehörte, zu fungiren. »Chorknabe!« rief ich, »aber, Simeon Aphanasitsch, ich weiß nicht, was man singen muß. »Du wirst es lernen.«

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |