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Gottes Hand – Luis Coloma Roldán

In dem kleinen Dorfe herrschte eine gewisse Unruhe: die Männer kamen vor der Zeit und eilig von der Arbeit nach Hause, legten die Werkzeuge ab und eilten scharenweise in die Schenke des Gevatters Mal-Alma. Auch die Frauen eilten herbei, scharten sich zusammen und gingen mit hochaufgerichtetem Kopf, wie witternde Hunde, auf der Suche nach Nachrichten von der Türe der Schenke bis zu dem verfallenen Häuschen von Juan dem Gesichtslosen. Dort war an einem in die Mauer eingelassenen Ringe ein herrliches schwarzes Füllen angebunden, mit einer Trense im Maul, einem Kappzaum mit doppeltem Zügel, einem Sattel, wie ihn die Kuhhirten brauchen, hinten aufgeschnallt, Pistolen im vorderen Halfter und einer zweiläufigen Flinte an der rechten Seite. Eine Schar von Kindern umringte das hübsche Tier, das ungeduldig die Mähne schüttelte und den Fußboden stampfte, als wollte es sich gewaltsam gegen die Fesseln auflehnen, die es seiner Freiheit beraubten. Neben diesem Füllen stand ein anderes starkes Pferd, das weniger schön, knochig und von jener Art war, wie sie in Andalusien die Viehhändler und Gutsinspektoren reiten, das das Geschirr halb ländlich, halb kriegerisch mit Geduld trug und mit seiner Unbeweglichkeit seinem widerspenstigen Nachbarn als Beispiel dienen konnte. »Lopijillo ist gekommen!« sagten die Männer halb geheimnisvoll, halb furchtsam und erwartungsvoll, und die angsterfüllten Frauen wiederholten diesen Namen und fügten wütend hinzu: »Der Teufel hole ihn! … Er sei verflucht! Gibt es denn keinen Blitz, der auf ihn herniederfährt?« In dem letzten Hause des Dorfes, von den übrigen durch ein Melonenfeld getrennt, lehnte ein dicker, untersetzter Mann mit seinem derben Rücken gegen einen alten, vor die Türe gepflanzten Feigenbaum, um dessen Stamm sich üppiger Wein rankte, mit jenem spielenden Vertrauen, mit dem ein Kind die Arme um den Hals des Großvaters schlingt. Er schlug mechanisch mit einem dünnen Steckchen auf die Gamaschen aus derber Wolle, als wollte er den Staub herausklopfen, in Wirklichkeit aber, um die schlechte Laune zu verbergen, die sich auf seinen gütigen, fast einfältigen Zügen widerzuspiegeln begann. Auf der Türschwelle stand eine Frau mit heiteren Gesichtszügen und lebhaften Augen. Sie hatte einen Männerhut unter dem Arm und strickte mit einer gewissen fieberhaften Tätigkeit, die deutlich ihre Erregung verriet. »Ich sage dir, du wirst nicht gehen, Juan Antonio!« erklärte sie gereizt. »Dieser Don Juan, zu dem der Titel »Don« so wenig paßt wie die Bischofsmütze zu dir, und dein Gevatter Mal-Alma werden dich ins Verderben bringen. Was geht dich das alles an, koche doch nicht, was du nicht zu essen brauchst.« »Was mich das angeht?« fragte Juan Antonio. »Aber sieh‘, wenn die Reihe an uns kommt, wirst du dich schon darüber freuen, da mir Don Juan die ganze Meierei versprochen hat, an die mein Anwesen grenzt. Und wie schön steht das Getreide! Jede Ähre so dick wie eine Eiche und jedes Korn wie meine Faust. Du wirst sehen, das bringt uns aus der Not, wenn das Messer uns an der Kehle sitzt.« »Unser Herr Jesus Christus beschütze uns,« rief seine Frau aus. »Denn wenn dieser Don Juan oder Don Mengue es dir versprochen haben, dann geh und mach einen Strich in das Wasser des Brunnens, damit du nicht vergißt, ihn beim Wort zu halten. Denn wenn er auf den Baum geklettert ist, wird er der Leiter einen Fußtritt geben, und hüte dich, daß er nicht aus deiner Haut die Riemen schneidet, mit denen er dich durchhaut. »So willst du seine göttliche Majestät, die da gesagt hat: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, Lügen strafen? Gott, was für ein Unsinn!« »Sieh‘ Juan, wenn wir Armen nach außen schwitzen, schwitzen die Reichen nach innen. Siehst du denn nicht, daß den meisten der Honig wie Gift schmeckt, und daß sie immer den Blick über die Achseln werfen, weil sie für ihr Hab und Gut fürchten. Und wozu gibt es denn Arme und Reiche, wenn nicht, damit sie sich gegenseitig dazu verhelfen, in den Himmel zu kommen. Die Reichen bezahlen den Eingang mit ihren Almosen, und die Armen mit ihrer Geduld, und wenn irgend ein großer Herr ein Herz von Stein hat, mag er das selbst verantworten, denn es gibt einen Gott, einen Tod, ein Gericht, eine Hölle und eine Seligkeit. Also, Juan, bei den Kreuzesnägeln Christi, geh‘ du nicht in das Haus dieses Don Juan, wo mir all meine Sünden einfallen, wo sie dir den Kopf mit Dummheiten und das Herz mit Galle füllen. Denke daran, daß du eine Taube warst, als du noch keine andern Reden hörtest als die des Herrn Pfarrei!« »Ich habe dir ja schon gesagt, daß ich zu gehen versprochen habe, Catalina; den Stier faßt man bei seinen Hörnern und den Menschen bei seinen Worten.


« »Aber wenn das Wort so ist, daß es dir selbst den Strick um den Hals dreht! Wenn dieses Wort …« Das übrige erstarb auf Catalinas Lippen, als sie an der Ecke des Hauses ein breiten, plattes Gesicht, dem eines Jagdhundes ähnlich, erscheinen sah, beschattet von buschigem, halb ergrautem Haar, das seine schmale Stirn bedeckte. Der Herangekommene richtete seine schielenden Augen auf die Gruppe, die die Männer und Frauen bildeten, und sagte mit schriller, scharfer Stimme wie die Trompete einer verstimmten Orgel: »Gevatter! Laßt uns gehen, es ist Zeit.« Catalina stellte sich mit einem Sprung vor ihren Gatten und sagte entschlossen: »Dieser kommt mir heute nicht fort, Gevatter Mal-Alma: und nun könnt Ihr wieder gehen, woher Ihr gekommen seid.« Mal-Alma machte zwei Schritte vorwärts, kreuzte die Arme auf den Rücken und sagte ganz ruhig: »Donnerwetter, wie rasch Eure Zunge geht, Gevatterin.« Und indem er auf Juan Antonio zutrat, der unentschlossen seine Gerte in der Hand hielt, setzte er mit der Sicherheit des Schützen hinzu, der den schwachen Punkt zu treffen weiß: »Ihr werdet Euch doch nicht von einer Frau einschüchtern lassen, Gevatter! Seid Ihr aber feig!« »Ich?« rief Antonio stolz aus, der es wie alle schwachen Menschen nicht vertragen konnte, wenn man auf ihre Schwäche anspielt; und indem er Catalina seinen Bolero aus der Hand riß, den diese zurückzuhalten suchte, wandte er sich, ohne ein Wort zu sprechen, dem Dorfe zu. Der arglistige Mal-Alma folgte ihm auf den Fersen und sagte mit Nachdruck zu der guten Frau: »Wenn Ihr fürchtet, daß Euer Mann verloren geht, kann ich Euch ja eine Empfangsbestätigung ausstellen, Gevatterin.« »Ich wünschte nur, daß Ihr Euch nicht mehr hier sehen ließet mit Eurem verräterischen Judasgesicht.« erklärte Catalina wütend. Mal-Alma lächelte sarkastisch und entfernte sich singend: Vierhundert Weiber, Sechshundert Papageien Machen ein Spektakel Wie tausend Teufel. Dieser Refrain brachte Catalina vollends in Harnisch, so daß sie die Türe so heftig zuschlug, daß sich die Katze erschreckt auf das Dach flüchtete, und die Hühner gackernd auseinanderliefen. Der Hahn redete sie auf lateinisch mit einem langegzogenen proptera quoooor an, und indem er zwei Schritte vorwärts machte, blieb er stehen, das eine Bein hochgezogen und mit vorgestrecktem Halse, verrenktem Kopf und glänzenden Augen und sagte: »Caveant consules.«

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