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Am Kaminfeuer – Arthur Conan Doyle

Mein Freund, Lionel Dacre, lebte in der ›Avenue de Wagram‹ in Paris. Sein Häuschen lag, vom ›Arc de Triomphe‹ aus gesehen, auf der linken Seite. Vor dem Haus war eine kleine Rasenfläche, die von der Straße durch einen schmiedeeisernen Zaun getrennt war. Ich stelle mir vor, dass es das Haus schon gegeben hat, bevor die Straße gebaut wurde, denn die grauen Ziegel waren mit Moos bewachsen und die Mauern wirkten altersbedingt ausgebleicht und vermodert. Von vorne gesehen schien es ein kleines Haus zu sein, nur fünf Fenster gab es an der Vorderseite, aber ich erinnere mich an den großen Saal, der sich an der Rückseite anschloss. Hier verwahrte Dacre seine einmalige Sammlung von okkulter Literatur und phantastischen Kuriositäten; ein Hobby für ihn und ein Amüsement für seine Freunde. Als wohlhabender Mann von erlesenem und exzentrischem Geschmack hatte er viel Zeit und ein Vermögen in seine Sammlung einmaliger talmudischer, kabbalistischer und magischer Objekte investiert; viele davon waren sehr selten und wertvoll. Er interessierte sich für das wunderbare und auch das monströse; ich habe gehört, dass seine Experimente zur Erforschung des Unbekannten die Grenzen des Anstands und der Moral überschritten hatten. Seinen englischen Freunden gegenüber hat er nie so etwas angedeutet, für sie war er immer der Student und Forscher. Aber ein Franzose, der den gleichen Geschmack hatte, versicherte mir, dass bereits übelste Ausschweifungen und schwarze Messen in der großen, geräumigen Halle stattgefunden hatten, die die Regale mit seinen Büchern und die Schaukästen mit den Objekten enthielt. Dacre’s Auftreten ließ keinen Zweifel daran, dass sein Interesse an paranormalen Angelegenheiten intellektueller Natur war, und nicht spiritueller. Es gab keine Spur von Glaubenseifer in seinem ernsten Gesicht. In seinem großen, gewölbten Schädel, der sich über einem dünnen Haarkranz erhob, wie ein Gipfel über die Baumgrenze, wohnte ein wacher Verstand. Sein Wissen war allerdings größer als seine Weisheit und seine Fähigkeiten größer als sein Charakter. Seine kleinen, hellen Augen, die tief im Schädel lagen, strahlten Intelligenz und unverminderte Neugier aus; aber es waren die Augen eines wollüstigen Egoisten. Genug von dem Mann, denn der arme Teufel ist nun tot. Er starb just in dem Augenblick, als er endlich das Elixier des Lebens gefunden zu haben glaubte. Aber ich will nicht von seiner komplexen Persönlichkeit berichten, sondern von einem sehr seltsamen und unerwarteten Erlebnis während meines Besuchs bei ihm im Frühling 1882. Ich hatte Dacre während meiner Studien in der Assyrischen Abteilung des Britischen Museums kennengelernt. Er war seinerzeit bemüht, die mystischen und esoterischen Bedeutungen babylonischer Schrifttafeln zu entschlüsseln; das gemeinsame Interesse brachte uns zusammen. Beiläufige Bemerkungen führten zu regelmäßigen Gesprächen und diese zu einer Beziehung, die man fast Freundschaft nennen konnte. Ich hatte ihm versprochen, ihn bei meinem nächsten Besuch in Paris aufzusuchen. Als ich schließlich mein Versprechen erfüllte, wohnte ich in einem Landhaus in Fontainebleau. Da die Abendzüge sehr unzuverlässig waren, bot er mir an, die Nacht bei ihm zu verbringen. »Ich kann Ihnen nur dieses Sofa anbieten«, sagte er und zeigte auf eine breite Couch in seinem großen Saal; »aber ich denke, Sie werden es ganz bequem haben.


« Es war ein ungewöhnliches Schlafzimmer, mit hohen Regalen voll von Büchern, aber für einen Bücherwurm wie mich konnte es kein schöneres Mobiliar geben. Ich roch nichts anderes als den schwachen, feinen Geruch antiker Wälzer. Ich versicherte ihm, dass ich keine bezauberndere Kammer verlangen und mir keine angenehmere Umgebung vorstellen könne. »Die Ausstattung ist weder bequem, noch konventionell; sie ist allerdings recht kostspielig«, sagte er und ließ seinen Blick über die Regale schweifen. »Ich habe nahezu eine Viertelmillion in die Objekte, die Sie umgeben, investiert. Bücher, Waffen, Edelsteine, Gravuren, Gobelins, Bilder – Sie werden kaum etwas finden, dass nicht seine eigene Geschichte hat, und die ist in der Regel hörenswert.« Während er sprach, saß er auf einer Seite des Kamins, und ich auf der anderen. Sein Lesetisch befand sich zu seiner Rechten; eine helle Lampe beleuchtete ihn von oben mit einem sehr lebhaften, goldenen Licht. Ein halb aufgerolltes Palimpsest 1 lag in der Mitte, daneben ein Sammelsurium von Dingen. Eines davon war ein sehr großer Trichter, wie man ihn zum Füllen von Weinfässern verwendet. Er schien aus schwarzem Holz zu bestehen und hatte einen Ring aus verblasstem Messing. »Das ist ein merkwürdiges Ding«, merkte ich an. »Was hat es für eine Geschichte?« »Ah«, sagte er, »diese Frage habe ich mir selbst schon gestellt. Ich würde einiges dafür geben, um sie zu erfahren. Nehmen Sie es in die Hand und untersuchen Sie es.« Ich tat es und fand heraus, dass das, was ich für Holz gehalten hatte, in Wirklichkeit Leder war, das im Laufe der Zeit ausgetrocknete und extrem hart wurde. Der große Trichter hatte ein Fassungsvermögen von etwa einer viertel Gallone 2. Der Messingring umschloss das obere Ende und auch die Spitze war mit Metall verstärkt. »Für was halten Sie es?« fragte Dacre. »Ich könnte mir vorstellen, dass er im Mittelalter einmal einem Winzer oder Braumeister gehört hat«, antwortete ich. »In England habe ich schon lederne Trinkflaschen aus dem 17. Jahrhundert gesehen – ›Blackjack‹ nennt man sie – die die gleiche Farbe und Härte wie dieser Trichter hatten.« »Ich glaube, Ihre Datierung ist korrekt«, sagte Dacre, »und er wurde ohne Zweifel zum Befüllen eines Gefäßes mit Flüssigkeit verwendet. Wenn meine Vermutungen richtig sind, wurde er von einen etwas verschrobenen Winzer zum Füllen eines ganz bestimmten Behälters benutzt. Sehen Sie etwas Ungewöhnliches an der Spitze des Trichters?« Als ich ihn ans Licht hielt, sah ich, dass sich etwa zehn Zentimeter über der Messingspitze, noch am dünnen Hals des Trichters, eine Riefe im Leder befand, so als wenn es jemand mit einem stumpfen Messer rundherum eingekerbt hätte.

Nur an dieser Stelle fühlte sich die ansonsten sehr glatte, schwarze Oberfläche rau an.

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